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Analyse , : Palästina in der arabischen Welt

Ein Spagat zwischen Solidarität und Realpolitik

Wichtige Fakten

Autorin
Katja Hermann,

Details

Der Trainer der ägyptischen Mannschaft Hossam Hassan feiert mit der Palästina-Fahne auf dem Platz. Dallas, 3.7.2026: Ägypten steht nach einem Sieg gegen Australien erstmals im Fußball-WM-Achtelfinale.
Dallas, 3.7.2026: Ägypten steht nach einem Sieg gegen Australien erstmals im Fußball-WM-Achtelfinale. Der Trainer der ägyptischen Mannschaft Hossam Hassan feiert mit der Palästina-Fahne auf dem Platz. picture alliance / REUTERS | Hannah McKay

Die Bilder gingen um die Welt: Der ägyptische Fußballtrainer Hossam Hassan hisste nach dem gewonnenen Spiel gegen Australien während der Fußball-WM 2026 die palästinensische Flagge und widmete den Einzug ins Achtelfinale ausdrücklich dem palästinensischen Volk. Im arabischen Raum war die Begeisterung groß, Palästina schien für kurze Zeit der Mittelpunkt der (Fußball-) Welt und die vielbeschworene arabische Solidarität für einen Moment zum Greifen nah. Der Trainer traf einen Nerv, als er seine geschütztere mediale Öffentlichkeit für etwas nutzte, was auf den Straßen der Region kaum noch möglich ist: offen Solidarität mit Palästina zu zeigen. Die nahöstlichen Staaten haben längst andere Prioritäten gesetzt. Sie vertreten die Unterstützung Palästina zwar verbal und humanitär, achten realpolitisch aber penibel darauf, vor allem US-amerikanischen und israelischen Interessen Folge zu leisten, statt die jahrzehntelange Unterdrückung der Palästinenser*innen zu beenden. Öffentlich Solidarität auszudrücken etwa durch Demonstrationen für ein Ende des Krieges in Gaza sind vielerorts verboten. Selbst Beiträge in den sozialen Medien können in Ländern wie Ägypten zu Verhaftungen führen.

Palästina als emotionales Bindeglied 

Dabei gilt Palästina bis heute in der gesamten Region als eine Art emotionales Bindeglied und als ein Kernelement arabischer Identität. Die Bezugnahme auf die palästinensische Sache genießt hohe Priorität. Alle arabischen Staaten haben Palästina formell als Staat anerkannt, formulieren in unterschiedlicher Schärfe Kritik an Israel und fordern regelmäßig ein Ende der israelischen Besatzung Palästinas. Auch die Bedeutung der Heiligen Stätten in Jerusalem, dem drittwichtigsten Ort des Islam, verstärkt den Stellenwert in der Region. Der rhetorisch starke Palästina-Bezug wird allerdings von realpolitischen Interessen konterkariert, gerade heute, da sich die Region geopolitisch neu aufstellt.  

Wie ein Blick in die Region zeigt, ist der Spagat zwischen Palästina-Solidarität und Interessenspolitik vor allem durch die Wirtschafts- und Militärbeziehungen der verschiedenen arabischen Staaten mit den USA und Israel begründet. 

Besonders Ägypten und Jordanien als direkte Anrainerstaaten erhalten im Gegenzug für die langjährigen Friedensverträge mit Israel (1979 beziehungsweise 1994 geschlossen) und ihre „moderate Haltung“ in der Region von den USA Wirtschafts- und Militärhilfe in Milliardenhöhe. Darüber hinaus gibt es pragmatische Koordinationen mit Jordanien, die den USA und auch Israel die Nutzung von Luftraum und Militärbasen beispielsweise für die Raketenabwehr ermöglichen. 

Saudi-Arabien ist wesentlich unabhängiger als Jordanien und Ägypten und verfolgt seine eigene Machtpolitik; die Monarchie schließt eine Annäherung an Israel unter den Bedingungen der Besatzung Palästinas weiter aus. Katar verfolgt gegenüber Palästina einen etwas anderen Ansatz, der politische und humanitäre Unterstützung mit einer pragmatischen, auf Vermittlung ausgerichteten Außenpolitik kombiniert.

Jordanien kämpft um den Machterhalt

Jordanien ist aufgrund seiner Geschichte und Demographie das am stärksten mit Palästina verbundene Land. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sind Palästinenser*innen bzw. hat palästinensische Wurzeln; als Geflüchtete der Kriege in den Jahren 1948 und 1967 erhielten viele von ihnen die jordanische Staatsbürgerschaft und konnten sich – im Vergleich zu anderen Ländern in der Region – gut integrieren. Für die Palästinenser*innen im besetzten Westjordanland ist Jordanien die einzige Möglichkeit, das Land zu verlassen und ins Ausland zu reisen. Auch Jordaniens Rolle als offizielle Hüterin der Heiligen Stätten in Jerusalem ist eine wichtige Verbindung. Alles, was politisch in Palästina passiert, hat direkte Auswirkungen auf Jordanien. 

Die ungelöste Palästina-Frage gilt dabei als Sicherheitsproblem – nicht nur auf der anderen Seite des Jordan-Flusses, sondern auch im eigenen Land. Das Trauma des sogenannten Schwarzen Septembers im Jahr 1970, als es in Amman und Irbid zu einer militärischen Eskalation zwischen palästinensischen Milizen und jordanischer Armee kam, sitzt bis heute tief. Damals sah sich die PLO gezwungen, Jordanien in Richtung Libanon zu verlassen. Jordanien achtet seither penibel darauf, die palästinensische Frage politisch im Gleichgewicht zu halten und eine Zunahme palästinensischen Einflusses zu vermeiden. 

Die Einwanderung von noch mehr Palästinenser*innen gilt als rote Linie und wird entsprechend streng kontrolliert. Das erklärt auch, warum Jordanien mit massiver Ablehnung auf frühere Trumpsche Pläne reagiert hatte, die den Transfer der Menschen aus Gaza nach Jordanien vorsahen. Sicherlich, Jordanien will sich nicht an der ethnischen Säuberung Palästinas beteiligen und lehnt die Pläne deshalb ab, aber hintergründig geht es aber auch um historisches Trauma und den eigenen Machterhalt. Gleichwohl engagiert sich Jordanien stark für Palästinenser*innen vor allem auf dem diplomatischen Parket und durch humanitäre Hilfe. So organisierte das Königreich im Gaza-Krieg eine Luftbrücke und leistet medizinische Unterstützung, indem es etwa Hunderte kranke und verletzte Kinder aus Gaza mit ihren Familienmitgliedern zur medizinischen Behandlung nach Jordanien bringt. 

Ägyptens unartiger Nachbar

Auch Ägypten versucht den Spagat zwischen verbaler Solidarität und humanitärer Unterstützung einerseits und realpolitischen Interessen andererseits. Auch hier gilt Palästina als Sicherheitsrisiko oder, so heißt es unter der Hand, als unartiger Nachbar. Ägyptens rote Linie ist die Einwanderung von Palästinenser*innen und insbesondere die Infiltration von Hamas und anderen islamistischen Akteuren. Auch Ägypten kontrolliert nicht nur die Grenzübergänge streng, viele Jahre hielt es die Grenze weitgehend geschlossen und beteiligte sich damit zusammen mit Israel an der Abriegelung des Gazastreifens. 

Dabei ist für Palästinenser*innen die ist Ausreise über den Grenzübergang Rafah die einzige Möglichkeit, den Gazastreifen zu verlassen. Die Bewohner*innen Gazas sind damit komplett abhängig von Ägypten. Seit der Übernahme der Grenze durch Israel im Gaza-Krieg ist ein Grenzübertritt dort kaum mehr möglich. Erst seit der Waffenruhe im Herbst 2025 kommt es zu einer schrittweisen Wiedereröffnung. Seit Beginn des Krieges sind rund 130.000 Palästinenser*innen nach Ägypten geflüchtet. Ägypten erlaubt ihren Aufenthalt, bietet allerdings keine Rechtstitel, Schutz und Versorgungsleistungen an. 

Das Land nutzt seine guten Verbindungen zu den Regierungen in Tel Aviv und Ramallah sowie in die arabische Welt, um sich als Vermittlerin zu etablieren. So hat es zusammen mit Katar und Türkei die Waffenruhen im Gaza-Krieg verhandelt und arbeitet derzeit an der Entwaffnung von Hamas. Letzteres bedient sehr die eigenen Interessen, da die Beziehungen zwischen Ägypten unter General El-Sisi und Hamas äußerst angespannt sind. Indessen organisiert Ägypten einen großen Teil der internationalen Hilfslieferungen für Gaza und hat den Wiederaufbauplan für den Gazastreifen federführend entwickelt.

Saudi-Arabien fährt doppelgleisig

Auch Saudi-Arabien fährt mit Blick auf Palästina doppelgleisig, allerdings weniger sichtbar. Ökonomisch unabhängig geht es darum, die eigene Vormachtstellung in der Region zu behaupten. Als die USA im Nachgang des Iran-Kriegs versuchten, Druck auf Saudi-Arabien auszuüben, ein bilaterales Verteidigungs- und Nuklearabkommen unter der Voraussetzung seiner Annäherung an Israel abzuschließen, lehnte das Königreich ab. Im Unterschied zu anderen Ländern in der Region schließt es eine Normalisierung mit Israel ohne einen klaren Fahrplan für die Errichtung eines palästinensischen Staates aus. Es unterhält keine diplomatischen Beziehungen zu Israel und hält offiziell streng Abstand. 

Doch hinter den Kulissen gibt es auch hier indirekte Zusammenarbeit, so investiert Saudi-Arabien in israelische Cybersicherheit und Tech-Startups, koordiniert seine Sicherheitspolitik mit Israel und gewährt Überflugrechte. Israel und Saudi-Arabien verbindet dabei die Gegnerschaft zu Iran und seinen Proxys in der Region. Doch Saudi-Arabien geht seinen eigenen Weg: Die jüngste Gründung des Mekka-Paktes mit der Türkei und der Atommacht Pakistan ist ein Statement. 

Saudi-Arabien engagiert sich finanziell sehr stark für Palästina. Seine Wirtschaftshilfe an die palästinensische Regierung in Ramallah beträgt jährlich mehrere 10 Millionen US Dollar. Damit bewahrt sie die Regierung in der Westbank vor dem drohenden Finanzkollaps. Über das staatliche King Salman Humanitarian Aid and Relief Center gehen weitere Millionen US Dollar als humanitäre Hilfe nach Gaza und an die UNWRA. Unterstützungszahlungen Saudi-Arabiens für Gaza sind aber an Bedingungen geknüpft: Gezahlt wird erst, wenn Israel aus Gaza abzieht, außerdem wird eine Finanzierung von Hamas und anderen islamistisch-militanten Gruppen als Proxys von Iran kategorisch ausgeschlossen. Saudi-Arabien engagiert sich gemeinsam mit Frankreich stark für eine Zwei-Staaten-Lösung, was Pragmatismus und den Versuch einer politischen Rolle im Konflikt zu spielen zeigt.  

Katar protegiert die Hamas

Im Gegensatz zu Ägypten und Jordanien steht Katar in Bezug auf Palästina unter keinem direkten geografischen oder demografischen Druck. Und anders als Saudi-Arabien, das sich Palästina aus der Position einer großen Regionalmacht heraus nähert, die eigene geopolitischen Ambitionen verfolgt, versucht Katar, seinen Einfluss vor allem durch Diplomatie, Vermittlung und die Fähigkeit, Kontakte zu gegnerischen Akteuren aufrechtzuerhalten, zu maximieren. Es hat seine Beziehungen zu den USA, Hamas und indirekt auch zu Israel genutzt, um sich als wichtiger Vermittler zu positionieren, insbesondere bei Waffenstillstands- und Geiselverhandlungen im Gazastreifen. 

Katar verfügt über enge Verbindungen zu Hamas, die es im großen Stil politisch und finanziell unterstützt. So hat die politische Spitze der Hamas seit 2012 ihre Basis in Doha, wo auch der Fernsehsender Al Jazeera zu Hause ist. Der Sender gilt, insbesondere in seinem arabischsprachigem Programm, als Hamas-freundlich. Mit Al Jazeera verfügt Katar über einen massiven Einfluss in der Region; als einer der wenigen im Gazastreifen verbliebenen Fernsehsender mit internationalem Wirkungskreis vermittelt Al Jazeera die palästinensischen Perspektiven auf Gaza und den Krieg, was ihm neben einer riesigen Anhängerschaft auch viel Kritik einbringt. 

Katar unterstützt ausdrücklich die Gründung eines palästinensischen Staates auf der Grundlage der Grenzen von 1967 mit Ostjerusalem als Hauptstadt. Gleichzeitig leistet Katar umfangreiche finanzielle humanitäre Hilfe für Palästina. Seit dem Gaza-Krieg hat es zudem Hunderte verwundeter und kranker Palästinenser*innen zusammen mit ihren Familienangehörigen nach Doha evakuiert, wo viele von ihnen medizinisch versorgt, rehabilitiert und langfristig betreut werden. 

Große Solidarität mit Palästina zeigte sich besonders deutlich während der Fußballweltmeisterschaft 2022, als Katar eine ungewöhnlich offene Plattform für Bekundungen der Unterstützung für Palästina bot, wobei palästinensische Flaggen, Symbole und pro-palästinensische Botschaften während des gesamten Turniers in Stadien und öffentlichen Räumen eine große Rolle spielten. 

Doch Katars Politik zeigt auch klare Realpolitik, anstatt Israel oder den USA direkt entgegenzutreten, nutzt das Land seine Fähigkeit, Beziehungen zu gegensätzlichen Akteuren zu pflegen, um seinen diplomatischen Einfluss zu stärken. Palästina ist daher für Katar sowohl ein wichtiges Thema der arabischen Solidarität als auch ein zentraler Schauplatz seiner umfassenderen, auf Vermittlung ausgerichteten Außen- und Machtpolitik.

Gesellschaftliche Palästina-Solidarität 

Unabhängig von der Interessenspolitik ihrer Regierungen wird die Solidarität mit Palästina in den Gesellschaften der gesamten Region weiter hochgehalten. Auf der arabischen Straße werden Palästinenser*innen als Freiheitskämpfer*innen, Held*innen und Märtyrer*innen gefeiert. Trauer und Wut über die vielen Opfer von Krieg, Besatzung und alltäglicher Gewalt sind groß. Überall auf den Märkten und in den Geschäften werden palästinensische Flaggen und sogenannte Palästina-Tücher zum Verkauf angeboten, und Melonen als Symbole palästinensischer Solidarität sind zu einem beliebten Accessoire geworden. Das Internet ist voll von Geschichten, Filmen, Statements und Bildern zu Palästina. Was auf der Straße zu gefährlich ist, findet im Netz statt, doch auch hier bleibt die Angst vor Repression: in den letzten drei Jahren haben die Verhaftungen aufgrund einer Aussage oder eines Likes in den sozialen Medien zugenommen. 

Die Menschen in Saudi-Arabien haben eine besondere Art, ihre Solidarität zu zeigen und Repressionen zu vermeiden, sie nutzen ihre Kaufkraft. Immer mehr US-amerikanische und westliche Marken, die mit Israel kooperieren, verlieren ihre Kund*innen, stattdessen boomen eigene Läden. So wurden die amerikanische und kanadische Kaffee-Ketten Starbucks und Tim Hortons von den saudischen Marken Barns Coffee und Half Million abgelöst, während der Fast Food Sektor statt von McDonalds, KFC und Pizza Hut nun von Albaik und Kudu dominiert wird; ähnliche Entwicklungen sind auch in Jordanien zu beobachten. 

Die Regierungen in Westasien verstehen, wie sehr die Palästina-Frage ihre Gesellschaften mobilisieren und wie schnell diese auch dazu führen kann, dass ihre eigene Macht in Frage gestellt wird. Denn längst ist die Melone zu einem Symbol für den politischen Kampf gegen Unterdrückung weltweit geworden. So hat der Auftritt des ägyptischen Fußballtrainers zu viel Ärger geführt. Im ägyptischen Fernsehen hagelte es Kritik, im israelischen Fernsehen gab es Morddrohungen. Palästinenser*innen reagieren auf all das mit Schulterzucken, besagt doch ein geflügeltes Wort, dass neben Imperialismus und Zionismus auch die arabischen Regime die Hauptfeinde Palästinas sind.  

 
Dieser Text erschien zuerst in „nd.aktuell“ im Rahmen einer Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

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