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Kolumne , : Der Taubenliebhaber

Kriege zerstören nicht nur, sie rauben auch alles, was lebenswert ist. Von Ali Abu Yassin

Wichtige Fakten

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Ein palästinensisches Kind, das an der Islamischen Universität in Gaza Zuflucht gefunden hat, verbringt Zeit mit Tauben
Ein Junge, der an der Islamischen Universität in Gaza Zuflucht gefunden hat, verbringt Zeit mit Tauben. Gaza-Stadt, 22.4.2025, IMAGO / Anadolu Agency

Seitdem der Mensch die Sesshaftigkeit kennt, bestehen Häuser nicht nur aus Stein, sondern auch aus den Seelen, die sie bewohnen, und den Erinnerungen, die sie erfüllen. Die kleinen Details, die der Mensch mit dem Ort verbindet und die anderen unerheblich erscheinen mögen, stellen für den Erinnernden ein ganzes Leben dar. Denn jeder Mensch hat seine eigene Welt, in die er sich vor dem Lärm des Lebens zurückzieht, eine Welt, in der er sich selbst findet und die ihm dabei hilft, das Leben zu ertragen und sein Gleichgewicht wiederzufinden, wenn er vom Leben bedrückt ist. Diese Welt kann vielleicht ein Buch sein, ein Baum oder eine kleine Werkstatt, ein Stück Land oder sogar ein Vogel, der am Himmel fliegt. Am Ende ist sie jedoch immer ein Teil seiner Identität, sodass der Mensch, würde er diese Welt aufgeben, einen Teil seiner Seele aufgäbe.

Kriege begnügen sich nicht damit, Häuser zu zerstören und Menschen zu töten. Sie gehen weit darüber hinaus und vernichten diese intimen Welten, die der Mensch mit viel Geduld und Liebe über lange Jahre hinweg erschaffen hat. Kriege stehlen nicht nur Besitz, sie rauben dem Menschen auch seine täglichen Gewohnheiten, seine Liebhabereien und Träume sowie die Beziehungen zwischen ihm und allem, was ihm das Leben lebenswert macht. Und in Gaza, wo das Leben selbst einen täglichen Überlebenskampf bedeutet, ist nicht allein der Mensch Opfer des Krieges; dieses Schicksal teilen alle Geschöpfe, und jede persönliche Geschichte spiegelt die Geschichte eines ganzen Landes wider. 

Unter diesen Geschichten sticht die meines Freundes Abu Mohammad hervor, eines Mannes, für den die Taubenzucht nicht nur eine Liebhaberei gewesen war. Er hatte in den Tauben eine kleine Heimat gefunden, in die er sich bis zum letzten Augenblick flüchtete.

Eines Tages rief mich Abu Mohammad ganz gegen seine Gewohnheit an; in seiner Stimme schwangen eine Anspannung und eine Wut mit, wie ich es bei ihm noch nie erlebt hatte. Die Anspannung übertrug sich sogleich auf mich. „Was ist passiert?“, fragte ich. „Ich erzähle es dir, wenn ich zu dir komme“, sagte er, „ich muss unbedingt mit dir reden. Passt es dir jetzt?“ „Du bist immer willkommen, mein Freund, denn mein Haus ist dein Haus.“ „Ich bin gleich da, bin ganz in der Nähe.“

Ein paar Minuten später stand er vor dem Haus. „Abu Fadi!“, rief er, und ich ging hinaus, um ihn willkommen zu heißen. Ihm lief der Schweiß von der Stirn, er bekam kaum Luft und stützte sich auf seinen Stock, der ihm im Krieg zu seinem ständigen Begleiter geworden war. Er war achtundsiebzig Jahre alt, vor dem Krieg hatte er gewirkt wie nicht einmal sechzig.

Er setzte sich, wischte sich den Schweiß ab und begann wütend zu erzählen. Er berichtete von seinem Leben, das er hasste, seit sein ältester Sohn im Krieg gestorben war und ihm drei Enkelkinder hinterlassen hatte, und seit sein fünfstöckiges Haus zerstört worden war.

Für mich war ein ganz normales Gespräch, denn das Klagen über Kinder und Enkel und über die Umstände bedeutete nichts Neues; alle beschweren sich ständig über alles, denn der Krieg hat nichts gelassen, wo und wie es war; sogar die Menschen haben ihr Schlechtestes nach außen gekehrt.

Der Grund, warum ich über meinen Freund Abu Mohammad schreibe, waren weder sein Anruf noch seine Jammerei oder meine regelmäßigen Treffen mit ihm, sondern seine außergewöhnliche Geschichte. Diese möchte ich euch erzählen.

Mein Freund war seit seiner Kindheit und bis zu dem Tag, an dem sein Haus zerstört wurde, einer der bekanntesten Taubenzüchter im Gazastreifen. Tauben waren für ihn nicht einfach Vögel zur Zierde, sondern nahmen den größten Teil seines Lebens ein, sogar größer als seine Frau und seine Kinder.

Auf seinem Zweihundertfünfzig-Quadratmeter-Dach stand auf etwa hundertfünfzig Quadratmetern ein Taubenhaus. Ich nenne es bewusst Haus, denn es war mehr als ein Nest oder ein Schlag, weil die Plätze für die Taubenpaare so grandios geometrisch aufgeteilt waren, dass jedes Taubenpaar seinen eigenen Ort und seine eigene Fläche hatte.

Und selbstverständlich besaß er die besten, prächtigsten und seltensten Tauben. Das Taubendach gehörte indessen nicht Abu Mohammad allein, sondern kam einem Wallfahrtsort und einem Museum für alle Taubenzüchter im Gazastreifen gleich.

Da ich früher dieses Hobby gleichfalls pflegte, saß ich manchmal stundenlang bei ihm, und wir schwatzten über die verschiedenen Taubenarten und -gattungen und ihre Probleme und tauschten Arten, um Zuchtlinien zu kreuzen und neue Gattungen zu züchten.

Die Tauben waren Abu Mohammads Leben, seine Existenz, seine Kraft, von ihnen leitete er sein Dasein und seine Wesensart ab. Und wie könnte es auch anders sein? Schließlich besuchten ihn doch zahlreiche angesehene Persönlichkeiten der Gesellschaft, um mit ihm zusammenzusitzen und über Tauben und Gott und die Welt zu plaudern. Er hieß sie stets willkommen und jubelte vor Freude, wenn er auf einen neuen Liebhaber stieß. Dann erklärte er ihm, als Taubenzuchtexperte, alles über die Vorzüge von Tauben, über ihre Schönheit und ihre Arten und wie man am besten mit der Taubenzucht beginnen solle. Kaffee und Tee standen vierundzwanzig Stunden am Tag bereit, und oft gab es sogar ein prächtiges Abendessen für die Gäste, deren Anzahl durchaus fünfzehn Personen überschreiten konnte.

Sein Haus war, wie es hieß, ein Haus der Großzügigkeit eines sanften, wohlhabenden Mannes. Ich beobachtete, wie er, einem kleinen Kind ähnlich, mit seinen Freunden sprach und dabei vor Glück und Freude höher schwebte als seine Tauben.

Bemerkenswert war, dass die Tauben ihn kannten und aufsuchten; oft setzten sie sich auf seine Hände oder Füße oder auf seine Schultern, als würde er ganz eins mit seinen Vögeln sein. „Sind die Tauben zu Menschen geworden oder gehört Abu Mohammad mittlerweile zu Gattung der Tauben?“, fragte ich mich verblüfft.

Voller Tatendrang pflegte er die Nestlinge aus ihren Tongefäßen zu nehmen und sie mit den Blicken eines Experten zu untersuchen. Dann setzte er sie zurück unter die Flügel der Mütter und hielt die Eier ins Sonnenlicht, um zu prüfen, ob das Blut von Nachwuchs zu erkennen war. Dafür brauchte es natürlich den Blick eines echten Kenners.

So war es um meinen Freund und seinen Taubenschlag bestellt, der erfüllt war von der Liebe und der Treue, die diesen Vögeln eigen sind.

Man sagt, dass positive Energie von einem Menschen auf einen anderen übergehen könne, und offenbar kann sie sogar von Vögeln auf Menschen übergehen. Das Dach mit dem Taubenschlag war der lebende Beweis für Freundschaft, Nachbarschaft und Liebe, die viele Menschen in allen Gesellschaften der Welt entbehren.

Als wir in den Süden des Gazastreifens flohen, blieb mein Freund Abu Mohammad zu Hause bei seinen Tauben. Er konnte und wollte sie nicht allein lassen. Er dachte noch nicht einmal darüber nach – gleichsam, als wollte er sagen: „Wir sterben zusammen oder wir leben zusammen.“

Vom Dach seines Hauses blickte er auf die Dschalaa-Straße, über die eine Flut von Menschen vor dem Tod Richtung Süden floh, mit Mikrobussen, Pferde- und Eselskarren oder irgendeinem anderen Transportmittel. Innerhalb weniger Tage flüchtete etwa eine Million Menschen nach Süden, während Abu Mohammad weiter diese Straße beobachtete, die eine der belebtesten Straßen gewesen und wo das Getöse von Autos und Passanten nicht eine Sekunde abgeebbt war, als auch ich noch dort auf jenem Dach gesessen hatte. 

Nachdem die Straße über Nacht zu einem totenstillen Friedhof wurde, blieben nur noch Abu Mohammad und seine Vögel.

Womit mein Freund allerdings am meisten zu kämpfen hatte, war nicht die Frage des Bleibens, sondern die Hungersnot, unter der alle in Gaza litten; niemand fand mehr etwas zu essen, weder Mensch noch Tier, und Abu Mohammad hatte kein Futter mehr für seine Tauben.

Irgendwann spitzte sich der Konflikt zwischen ihm und den Tauben so weit zu, dass er darüber nachzudenken begann, die Tauben zu essen. Der Hungerinstinkt ist schließlich der stärkste Instinkt des Menschen. Insbesondere nachdem er ein paar Tage lang nichts als Malven gegessen hatte, ließen ihn diese Gedanken nicht mehr los.

Eines Tages, als er mit seiner Familie zusammenhockte, sah er, wie seine Enkel sich vor Hunger wanden. Diesen Anblick konnte er nicht mehr ertragen. Seine Augen füllten sich mit Tränen, denn es schien, als würden sie ihn anbetteln, ein paar Taubenpärchen für sie zu schlachten.

Er eilte aufs Dach, öffnete den Taubenschlag und nahm einen kleinen Vogel heraus. Da setzte sich dessen Mutter auf Abu Mohammads Schulter und pickte ihn ins Ohr. Man hätte meinen können, sie würde ihn anflehen, ihr Kleines in Ruhe zu lassen, gleichsam als wüsste sie um den Hunger, unter dem seine ganze Familie litt.

Im nächsten Augenblick sprang ihm der Partner der Taube auf die andere Schulter und pickte ihn ebenfalls ins Ohr.

Mein Freund schaute die beiden an, als habe er die Botschaft verstanden, und in einem Augenblick der Schwäche, wie er sie nie zuvor verspürt hatte, sagte er zu sich selbst: „Wenn es das Schicksal von uns Menschen ist, nichts zu essen zu finden und von der Besatzungsmacht belagert zu werden, dann soll das nicht auch euer Schicksal sein!“

Daraufhin öffnete er alle Türchen des Taubenschlags und ließ die Tauben fortfliegen und ihr eigenes Schicksal wählen. Er setzte sich auf seinen Stuhl, auf dem er stets in Gegenwart seiner Freunde gesessen hatte, und kehrte in Gedanken zu den Abenden mit ihnen zurück, zu ihrem Lachen und ihrer Wut und zu den seltenen Streitigkeiten über einen Vogel, und wie er sie, wenn sie sich zu später Stunde anschickten zu gehen, aufgefordert hatte, die Nacht bei ihm zu verbringen.

An jenem Tag alterte mein Freund Abu Mohammad um Jahrzehnte.

Schon bald darauf erhielt die Familie die Aufforderung, das Haus zu verlassen, weil es bombardiert werden würde. Und es wurde bombardiert und vollständig zerstört, mit allem, was darin war; auch die paar Taubenpärchen, die sich geweigert hatten, ihr Nest zu verlassen.

Die Tauben aber, denen mein Freund die Freiheit geschenkt hatte, warten noch immer darauf, dass das Haus wieder aufgebaut wird, um nach Hause zurückkehren zu können, zu meinem Freund, und auf seinen Schultern zu sitzen und die schönsten Augenblicke in Gesellschaft seiner Freunde zu verbringen.

Jetzt lebt mein Freund Abu Mohammad in einem Zelt, das für ein menschenwürdiges Leben ungeeignet ist, und blickt von Zeit zu Zeit durch das Zeltfenster in den Himmel hinauf, um hier oder dort eine Taube auszumachen. Doch er sieht nur die Flugzeuge der Besatzungsmacht, während das Brummen der Drohne den Ort umhüllt.
 

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

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