Nachricht | International / Transnational - Amerika «Kaffee de Lux»

Ein Projekt der Rosa-Luxemburg-Stiftung setzt sich dafür ein, alternative Handelsbeziehungen und selbstverwaltete Kooperativen zu stärken.

Mit «Kaffee de Lux» wirbt die Rosa-Luxemburg-Stiftung nicht nur für selbstverwaltete Produktion und alternative Handelsbeziehungen: Auf der Umschlaginnenseite wird auch über die (internationale) Arbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung informiert.
Die Kaffeeproben aus Äthiopien, Tansania und Nicaragua helfen, bei der Suche nach solidarischen Alternativen einen klaren Kopf zu behalten. Schon beim Kaffeetrinken kann die Kritik an den herrschenden Verhältnissen ganz praktisch werden. Ein Schritt hin zu gerechteren Verhältnissen ist der Kauf und Konsum fair(er) gehandelten Kaffees: Somit können Einzelpersonen und öffentliche Institutionen, wie die Rosa-Luxemburg-Stiftung, auch durch ihre Kaufentscheidungen soziale und ökologische Prioritäten setzen und konkrete Alternativen stärken.

«Kaffee de Lux» Nicaragua

«Kaffee de Lux» Äthiopien/Tansania

Die Kaffeeproben können auch bestellt werden bei: Karin Malingriaux, Tel. 030 44 310-123, malingriaux@rosalux.de.
Bitte informieren Sie uns über Ihr Anliegen: Wollen Sie die Kaffeeproben auf Veranstaltungen an (ehrenamtliche) MultiplikatorInnen weitergeben? Wenn ja, wann und wo findet die Veranstaltung statt und wie viele Kaffeeproben benötigen Sie? Bitte planen Sie einen Vorlauf von zwei Wochen vor der Veranstaltung ein. Aber auch wenn Sie den Kaffee privat probieren möchten, können Sie gerne in Kontakt mit uns treten. Der Ausgabe der Kaffeeproben erfolgt nach Lagerbestand.


«Unser Handel ohne Profitstreben hat mehr als nur Symbolwert.» Interview mit Anne Löwisch (MITKA) zu Chancen und Grenzen fair(er)er Handelsbeziehungen.

Anne Löwisch ist Geschäftsführerin der Mittelamerika Kaffee Im- und Export GmbH (MITKA). MITKA ist ein Zusammenschluss von acht Vertriebsfirmen in Deutschland. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung bezieht ihre fair(er) gehandelten Kaffeeproben von den MITKA-Mitgliedern El Puente und Ökotopia.
Zur Webseite von MITKA: http://www.mitka.de

Was bedeutet es für die produzierenden Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und ihre Familien, ihren Rohkaffee über faire Handelsbeziehungen verkaufen zu können?

Ganz konkret: Sie bekommen einen besseren Preis und die Ernte wird vorfinanziert. So müssen sich die Kaffeeproduzierenden nicht zu hohen Zinssätzen verschulden. Ein Container Kaffee ist derzeit 120.000 US-Dollar wert. Wenn man das große Ganze betrachtet, finde ich, geht es auch um Schlagwörter wie «Würde» und «Selbstbestimmung». Sicherlich wird durch fairen Handel den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern kein Mittelklasseleben ermöglicht, aber es wird ein Rahmen geschaffen, in dem sie selbstbestimmter agieren können. Und sie erhalten Planungssicherheit, weil wir als ihre Handelspartner langfristig dabei bleiben. So können sie sich für Projekte entscheiden, die nur über einen längeren Zeitraum zu realisieren sind.

Wie sieht die Zusammenarbeit von MITKA mit den Partnern vor Ort aus?

Der Kontakt ist relativ eng. Alle zwei Jahre reist eine Gruppe von uns zu den Kooperativen. Ich selbst bin jedes Jahr in Lateinamerika. Gelegentlich treffe ich auch Vertreterinnen und Vertreter der Kooperativen auf Konferenzen. In El Salvador, Mexiko und Honduras bin ich selber nur alle zwei bis drei Jahre. Aber der meiste Kaffee der MITKA kommt aus Nicaragua.

Um was geht es bei diesen Besuchen?

Wir schließen Verträge, vereinbaren Preise oder beratschlagen, was zu tun ist, wenn durch eine schlechte Ernte nicht genug Kaffee zur Verfügung steht. Es kommt auch vor, dass ein zuvor vereinbarter Preis nicht mehr funktioniert. Wenn Zwischenhändler in einzelnen Regionen versuchen, durch künstlich hohe Straßenpreise für den Kaffee – über dem gängigen Weltmarktpreis – den Kooperativen ihre Mitglieder abzuwerben, zerstören sie die Kooperativen. Wenn sie später die Preise wieder senken, können die dann unorganisierten Kaffeebäuerinnen und Kaffeebauern sich nicht dagegen wehren. In solch einer Situation versuchen wir gemeinsam eine Lösung zu finden.

Wie gelangen Informationen über
die Lebens- und Arbeitsbedingungen der produzierenden Menschen nach Deutschland?
Wir betreiben eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit. Die acht Einzelmitglieder der MITKA, die den Kaffee in Deutschland vertreiben, informieren abhängig von ihrem Vertriebsweg über die Kooperativen und die sozialen und politischen Bedingungen vor Ort.
Wann kam die Idee auf, Kaffee aus Nicaragua in Deutschland zu verkaufen?

Die MITKA wurde 1986 gegründet. Im Rahmen der Solidaritätsarbeit mit dem sandinistischen Nicaragua sollte durch einen Aufschlag auf den Kaffeepreis der Aufbau des Landes direkt unterstützt werden. Gleichzeitig wollten wir weltwirtschaftliche Zusammenhänge und Ausbeutungsverhältnisse sichtbar machen.

Wie das?

Wir wussten zum Beispiel, wie viele Stunden man in Nicaragua arbeiten muss, um sich einen Traktor leisten zu können. Es ließ sich also umrechnen, welchen Preis der Kaffee in Deutschland haben muss, um zu gerechteren Handelsbeziehungen zu kommen.
Von wem wurde die internationale Nicaragua-Solidarität in Deutschland getragen?

Die Revolution fand im Jahr 1979 statt. Auch vorher gab es eine Solidarität mit den - ich würde mal sagen relativ pfiffigen - Guerillakämpfen, die zum revolutionären Sieg führten. Nach dem Wahlsieg der Sandinisten wurde die Bewegung deutlich stärker. Im Rahmen der ostdeutschen Solidarität wurde das Carlos Marx Hospital gebaut. Für viele der westdeutschen Bewegung sah es so aus, als könnte in Nicaragua etwas wirklich Neues beginnen: Eine Alternative zum versteinerten Realsozialismus, ein nicht kapitalistisches Projekt, also eine Art Zwischenweg. Mit dem Ende der Sandinisten brachen Teile der Nicaraguasolidarität weg. Auch der Nicaragua-Kaffee kam aus der Mode. Später kam der Zapatistenkaffee in Mode. Das war einfach ein Wechsel der Projektionen: von dem einen Fall, in dem es nicht geklappt hat, nun die Hoffnung auf die Zapatisten.

Waren christliche Gruppen auch Teil der Solidaritätsbewegung? Welche Rolle spielte die Befreiungstheologie für die Revolution?

Die FSLN war sehr breit aufgestellt, entsprechend breit war die Solidaritätsbewegung. Zur westdeutschen Bewegung gehörten sicher auch kirchliche Gruppen. In Ostdeutschland agierten unabhängige Solidaritätsgruppen auch unter dem Dach der Kirche.
Die Tage der christlichen Befreiungstheologen, die eine große Rolle in der antikolonialen Bewegung spielten, waren aber zum Zeitpunkt der Sandinisten schon gezählt. Ernesto Cardenal Martínez ist ein Vertreter der Befreiungstheologie und suspendierter katholischer Priester in Nicaragua. Er ist Sozialist und auch in Deutschland bekannt. Auf der anderen Seite steht Kardinal Miguel Obando y Brava, ein rechtskonservativer Kirchenvertreter, der schon während der Revolution und noch immer großen Einfluss hat und noch immer viel Macht in Nicaragua genießt.

Stärkung von selbstverwalteten Kooperativen


1990 wurden die Sandinisten abgewählt. Was bedeutete das für MITKA?

Von der Niederlage der Sandinisten waren alle überrascht. Große Teile der Solidaritätsbewegung brachen weg, auch MITKA war davon betroffen. Wir hatten zuvor noch das Große und Ganze im Blick. Das Motto hieß: Wir unterstützen einen ganzen Staat. Nach 1990 haben wir dann angefangen, mit Genossenschaften und Arbeiterbetrieben zusammenzuarbeiten. Bald zeichnete sich ab, dass die meisten weder kollektiv noch kostendeckend weiterarbeiten können. Also haben wir die Zusammenarbeit mit Projekten gesucht, die von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern selbst aufgebaut wurden.

Wie verändert sich das Zusammenleben in den Kooperativen, die in faire Handelsbeziehungen eingebunden sind, etwa aus der Perspektive beteiligter Frauen?

Die Organisierung in Kooperativen hat Auswirkungen auch über den Kaffeebereich hinaus. Zum Beispiel nutzen Frauen die Gemeinschaftsstrukturen, um sich über Gesundheitsfragen weiterzubilden oder sich mit geschlechtsspezifischen Gewaltverhältnissen auseinanderzusetzen. Im Wissen darum, dass die Kooperative sie unterstützt, schmeißen einige Frauen ihre Männer eher raus, was unter anderem nach Missbrauchserfahrungen der Fall ist. Andererseits erleben einige Kooperativen, laut einer Erhebung, aber auch, dass das Selbstbewusstsein der Frauen durch die eigene und unabhängige Einkommensmöglichkeit wächst. In den Familien wird gleichberechtigter zusammengearbeitet – der Zusammenhalt wächst. Wie man das am Ende bewertet, kommt auf die Perspektive an.

Als Argument für fairen Handel wird oft genannt, dass die Abwanderungsraten sinken. Den Menschen wird eine ökonomische Perspektive geboten, an dem Ort zu bleiben, an dem sie aufgewachsen sind.

Während der Kaffeepreiskrise 2000 bis 2004 konnten die im fairen Handel organisierten Kaffeeproduzierenden ihr Land meist behalten. Viele unorganisierte waren indes gezwungen, ihre Ackerflächen zu verkaufen. Der faire Handel bietet vor allem Wahlmöglichkeiten. In Mexiko wandern in manchen Regionen mehr Kooperativenmitglieder aus als nicht organisierte Bäuerinnen und Bauern, denn die Kooperativenmitglieder verfügen über die notwendigen Ressourcen, um sich auf den Weg zu machen. Dieser Weg bleibt anderen verwehrt.

Herausforderungen im globalen Kapitalismus


Zu den Schlagworten «Würde» und «Selbstbestimmung»: Gehört dazu, dass sich eure Partner vor Ort über die Bedeutung fairer Handelsbeziehungen in einer eigentlich zutiefst entfremdeten, kapitalistischen Weltwirtschaft bewusst sind?

Aus Gesprächen weiß ich, dass einige oft eine ganz gute Vorstellung davon haben, wie viel sie von dem Preis abbekommen, der letztlich für den Kaffee erzielt wird. Sie wissen, was mit ihrem Produkt passiert und sie behalten länger die Kontrolle darüber. Entscheidend ist auch, dass sie in einem gewissen Rahmen selbst bestimmen können, an wen sie ihren Kaffee verkaufen.

Kaffeekonsumentinnen und -konsumenten in Deutschland wissen oft weder, wo der
Kaffee herkommt, den sie trinken, noch, wie der Preis dafür zustande kommt. Bei euren Partnern ist das anders?
Auch Schwankungen an entfernten Märkten können den Kaffeepreis beeinflussen, der auf der Börse ausgehandelt wird. Wenn die Immobilienblase in den USA platzt, hat das Auswirkungen auf den Kaffeepreis. Dessen sind sich einige Kaffeebäuerinnen und -bauern mehr bewusst als viele Konsumentinnen und Konsumenten in Deutschland.

Ausgehend von deinen Erfahrungen in der MITKA, was ist in Bezug auf die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge zu tun?

Eine große Rolle spielen internationale Handelsabkommen wie NAFTA oder CAFTA für Mittelamerika oder die Assoziierungsabkommen zwischen der EU und verschiedenen Ländern und Regionen der Welt.
Hier gilt es, sich einzumischen. Vor allem die Entwicklungen im Agrarbereich und der Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut bedürfen einer kritischen Öffentlichkeit, ebenso die Frage nach der Privatisierung bzw. dem freien Zugang zu Saatgut. Im Gegensatz zu den Protesten gegen den IWF-Kongress 1988 in Westberlin, die auch von dem Umfeld der MITKA getragen wurden, muss man heute wesentlich kleinteiliger, konkreter und differenzierter agieren. Mit einem schlichten Gut-Böse-Denken kommt man nicht weiter.

Faire Handelsbeziehungen finden letztlich immer noch innerhalb kapitalistischer Verhältnisse statt. Sollte man deshalb nicht eher von «faireren Verhältnissen» sprechen statt von «fairem Handel»?

Sicherlich, der Rahmen unserer Handelsbeziehungen ist und bleibt die kapitalistische Weltwirtschaft. Wenn wir gemeinsam mit den Kooperativen versuchen, einen faireren Preis zu finden, sind wir nicht unabhängig von der Börse oder dem Wechselkurs von Euro und US-Dollar. Wir orientieren uns allerdings nicht am aktuellen Weltmarktpreis, sondern an einem Durchschnittswert. So wird das Ganze ein klein wenig weniger spekulativ. Insofern würde ich auch den Symbolwert des Handels ohne Profitstreben, wie wir ihn verfolgen, nicht außer Acht lassen.

Du nennst die Wechselkurse. Es geht also auch um die demokratische Gestaltung des Währungs- und Finanzsystems?

Klar. Allerdings sind und bleiben faire Handelsbeziehungen ungeachtet von weitergehenden politischen Würfen konkrete Beziehungen zwischen Menschen, die von Solidarität geprägt sind – und zwar auf beiden Seiten. MITKA zahlt traditionell immer ein bisschen mehr als andere im fairen Handel. Angesichts der kontinuierlich steigenden Preise fiel die Berechnung des Durchschnittspreises für die Kooperativen im vergangenen Jahr allerdings niedriger aus. Gleichwohl gab es Kooperativen, die mit den geringeren Erlösen einverstanden waren. Sie wussten, dass es für uns nicht einfach ist, höhere Preise in Deutschland durchzusetzen.

Ohnehin kostet euer Kaffee mehr als im Supermarkt. Welche Rolle spielt der Preis neben dem, dass die Konsumentinnen und Konsumenten eures Kaffees konkrete Solidarbeziehungen unterstützen wollen?

Der Einkaufspreis im Kaffee hat sich im letzten Jahr verdoppelt. In Deutschland ist das nicht so spürbar, weil der Einkaufspreis für den Rohkaffee nicht einmal die Hälfte des Verkaufspreises ausmacht. Trotzdem mussten wir die Preise anheben. Erstaunlicherweise ist unser Absatz aber nicht gesunken. Entgegen unseren Erwartungen ist er sogar gestiegen. Offensichtlich spielt der Preis bei kritischen Kaffeetrinkerinnen und Trinkern nicht die entscheidende Rolle, zumindest nicht bei denen, die es sich leisten können.

Vielen Dank für das Gespräch!


Interview:
Anna Weber, Rosa-Luxemburg-Stiftung

«Lokal Kämpfen – transnational Denken». Interview mit Siegfried Schröder (RLS Regionalbüro Ostafrika)

Siegfried Schröder ist Leiter des Regionalbüros Ostafrika der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Sitz in Dar es Salaam/Tansania. Das Büro eröffnet offiziell im Juli 2012 und koordiniert die Arbeit mit Partnerorganisationen in Kenia, Uganda und Tansania, zukünftig auch in Burundi und Ruanda.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung verschenkt Kaffeeproben aus Tansania und Äthiopien. Du leitest seit Kurzem das internationale Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Aufbau in Dar es Salaam. Welche Bedeutung spielen fairer Handel und selbstverwaltete Produktion für dich?


Unser Büro befindet sich ja erst im Aufbau. Ich werde natürlich in Zukunft bei allen Veranstaltungen darauf achten, entsprechende Aufträge eher an eine kleine lokale Garküche zu geben als an ein großes kommerzielles Catering-Unternehmen. Wir haben aber konkret noch keine lokalen Partner, die im Bereich alternativer Handelsbeziehungen und solidarischer Ökonomie aktiv sind. Ich möchte aber in nächster Zukunft entsprechende Kooperationspartner gewinnen. Und natürlich gibt es in dem neuen Büro jede Menge Kaffee – fair gehandelt versteht sich.

Bestehen denn bekannte Genossenschaften und selbstverwaltete Kooperativen in Tansania?


Für viele Leute in Dar es Salaam ist zunächst existenziell, überhaupt einen Job zu bekommen oder mit einer Beschäftigung im informellen Sektor ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Qualität des Arbeitsverhältnisses und Aspekte der Selbstbestimmung sind demgegenüber nachrangig. Aber natürlich sind Genossenschaften und selbstverwaltete Betriebe in meinem Verständnis von Wirtschaftsdemokratie wichtige Organisationsformen. Ich selbst habe in den 1990er Jahren als Genossenschaftsberater in Simbabwe gearbeitet. Allerdings funktionierten die dort staatlich verordneten Genossenschaften nicht besonders gut, weil die Selbstverwaltung im Betrieb nicht aktiv erkämpft worden war. Dort war der Genossenschaftsbegriff eine leere Hülse. Deshalb spielt die Stärkung von Selbstbestimmung eine zentrale Rolle für unsere Arbeit und die Aktivitäten unserer Kooperationspartner, nur eben nicht primär im Bereich der Produktion. Vielmehr geht es oft um Transparenz und Mitbestimmung im politischen Prozess auf allen Ebenen.

Wie unterstützt das Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Dar es Salaam die Stärkung lokaler Selbstbestimmung?


Wir verfolgen derzeit zwei Schwerpunkte: Erstens internationale Handelsabkommen – hier setzen wir auf die Stärkung der lokalen und regionalen wirtschaftlichen Integration statt auf Freihandelsabkommen, wie sie derzeit zwischen der EU und der Ostafrikanischen Gemeinschaft verhandelt werden. Unser zweiter Schwerpunkt ist der Bereich der Verbindung von Ökologie und sozialer Gerechtigkeit. Hier ist vor allem das Empowerment lokaler Gemeinden wichtig.

Wo berühren ökologische Fragen konkrete Kämpfe um die Verteidigung und Verbesserung sozialer Lebensbedingungen?


Im Viktoriasee gibt es eine Insel, auf der vor kurzem 10.000 Hektar mit Ölpalmen aufgeforstet wurden. Argumentiert wurde, dass das Land ungenutzt sei und durch die Plantagen lukrativ Öl gewonnen wird. Eine ugandische Partnerorganisation unterstützt nun lokale Gemeinden von Waldbauern und -bäuerinnen sowie Fischerei-Communities, die unter den Folgen dieses Aufforstungsprojekt leiden. Sie verlieren ihren Zugang zu Wasserquellen oder stellen fest, dass das Wasser schlechter geworden ist. Die Ölpalmen werden mit Insektiziden behandelt und das verunreinigt das Wasser – oder richtiger: das trinkbare Wasser wird durch die Chemikalien vergiftet. Die betroffenen Menschen leben schon sehr lange vor Ort und fristen mühsam ihr tägliches Dasein. Durch die Plantage wurden ihre Lebensbedingungen weiter verschlechtert. Uns geht es nun darum, die Communities in die Lage zu versetzen, ihre Stimme zu erheben und sich Gehör zu verschaffen, um sich zu wehren. Das beginnt auf der untersten Ebene der Lokalpolitik, bezieht die Mobilisierung von Medien mit ein, richtet sich aber auch an Ministerien auf nationaler Ebene.

Wie berühren sich lokale Kämpfe und transnationale Debatten, getreu dem Motto: Global Denken –Lokal Handeln?


In Uganda wurden Menschen wegen eines riesigen Wasserkraftwerks am Nil umgesiedelt, begleitet von allerlei Versprechen, beispielsweise dem Bau einer neuen Schule und Stromzugang – doch auf den Strom warten die Menschen noch immer. Wir unterstützen sie, sich politisch zu organisieren, das beginnt damit, dass sie sich an ihren Parlamentsabgeordneten wenden und gemeinsam Druck ausüben. 

Das ist mein Ansatz und so verstehe ich auch die Leitbilddebatte der Rosa-Luxemburg-Stiftung: Wir stärken lokal verankerte Bewegungen, um für die selbstbestimmte Gestaltung und Verbesserung ihrer Lebenswelt einzutreten. Es ist letztlich weniger wichtig, wie eine demokratisch verfasste Gesellschaft formal ausgestattet ist; praktisch geht es darum, wie die Rechte konkret gelebt werden. Die Menschen müssen sich ihre sozialen und politischen Rechte aktiv aneignen. Das betrifft auch die Selbstbestimmung zu ökologischen Fragen im Umgang mit natürlichen Ressourcen und deren Schutz. Das führt uns zu den Klimaverhandlungen. Hier gibt es technokratische Ansätze, die sich darum bemühen, an kleinen Schräubchen zu drehen, etwa im Bereich des Emissionshandels. Ich halte es für viel wesentlicher, die konkreten Interessenlagen und die Verursacher zu benennen. Nur so kann nachhaltig Bewegung und Veränderung initiiert werden. Und das geschieht dann auch in transnationalen Bündnissen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Anna Weber, Rosa-Luxemburg-Stiftung.


Kooperationsprojekt der Rosa-Luxemburg-Stiftung in der Region Boaco, NicaraguaADM (Asociación para el Desarrollo Municipal)

www.admnicaragua.org

Der Verein für kommunale Entwicklung ADM wurde 1994 gegründet. Ziel ist es die Gemeinden der östlich von Managua gelegenen Region Boaco bei der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen im ökonomischen, sozialen und ökologischen Bereich zu unterstützen. Dafür entstanden im Laufe der Jahre Bürgerkomitees, die durch die Entwicklung von Agenden und strategischen Plänen Einfluss auf die Kommunalpolitik nehmen. Außerdem unterstützt ADM den Zusammenschluss der sechs Gemeinden der Region Boaco in einer Vereinigung und berät bei den gemeinsamen Entwicklungsstrategien. Die RLS arbeitet seit 2004 mit ADM zusammen und unterstützt die Weiterbildung in Gemeindeentwicklung und lokalen Demokratieprozessen in drei Gemeinden der Region. Die Schulungen umfassen die Erstellung von Bürgeragenden, Bürgerhaushalten, ihre Verhandlung mit örtlichen EntscheidungsträgerInnen, sowie das Monitoring ihrer Umsetzung. Dafür werden didaktische Materialien für die Arbeit auf lokaler Ebene erstellt. Damit die vielseitigen Erfahrungen in den Bürgerbeteiligungsprozessen auch der breiten Bevölkerung zugänglich gemacht werden können, wurde 2008 ein Informations- und Dokumentationszentrum in der Kreishauptstadt eröffnet. Die Schulung der Frauen wird zunehmend gefördert, um eine paritätische Partizipation in bestehenden Bürgerbeteiligungsinstanzen und entsprechende Verhandlungskompetenzen zu ermöglichen.Übersicht über die Kooperationspartner der Rosa-Luxemburg-Stiftung in der Region Mexiko, Zentralamerika und Kuba  

Reihe Standpunkte international | Torge Löding 

Internationale Politik

Christlich, sozialistisch, solidarisch. Wahlen in Nicaragua

Standpunkte International 13/2011 von Torge Löding.