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Interview , : 9/11: 25 Jahre imperialistischer Kriege

Gilbert Achcar über das Erbe des „Kriegs gegen den Terror“, die Niederlage des Arabischen Frühlings und den Völkermord in Gaza

Wichtige Fakten

Details

US-Soldaten steigen während der Invasion Afghanistans 2001 in einen Hubschrauber IMAGO / United Archives International

Gilbert Achcar, wo waren Sie am 11. September 2001?

Ich war zu Hause in Paris; meine Partnerin machte mich darauf aufmerksam, dass sich gerade etwas Folgenschweres abspiele, also schaute ich mit ihr fern. Was ich sah, war entsetzlich. Über den abscheulichen Charakter des Verbrechens hinaus galt meine unmittelbare Sorge den Folgen für den Nahen Osten. Ich war mir darüber im Klaren, dass die Entsendung US-amerikanischer Streitkräfte in die Region folgen würde, da die Bush-Regierung sich bereits fest entschlossen zeigte, in den Irak einzumarschieren. Mir war vollkommen bewusst, dass dieser Schritt Chaos säen und letztendlich in einer Niederlage für die Vereinigten Staaten enden würde.

Bevor wir zu den globalen Auswirkungen des Anschlags kommen: Wie beurteilen Sie die Wirkung von 9/11 und des Krieges gegen den Terror im Westen selbst?

Das Ergebnis ist katastrophal. Seit 9/11 haben wir eine Reihe mörderischer Anschläge erlebt, vom Bataclan bis Berlin, und jeder einzelne diente als Vorwand, um einen ohnehin gewaltigen Repressionsapparat weiter auszubauen. Die extreme Rechte hat diese Anschläge rücksichtslos ausgeschlachtet; in gewissem Sinne waren sie eine dauerhafte Lebenserhaltungsmaßnahme für rechte Politik. Heute ist die tragende Ideologie der Rechten der antimuslimische Rassismus – inzwischen ist der muslimische Migrant, nicht der Jude, die zentrale Bedrohungsfigur geworden. Der Antisemitismus ist gewiss nicht verschwunden, aber er ist nicht mehr die tragende Ideologie der Rechten.

Und im Nahen Osten – wie würden Sie die Lage fünfundzwanzig Jahre später charakterisieren?

Der Nahe Osten ist in Chaos und Unterdrückung versunken. Wie von Anfang an vorherzusehen war, bestand eine bemerkenswerte Nebenwirkung der US-Interventionen nach 9/11 in der Stärkung des Iran, des größten Nutznießers der Destabilisierung der Region. Teheran nutzte die amerikanische Besatzung des Irak voll aus; schließlich waren es die USA selbst, die im Irak pro-iranische Parteien an die Regierung brachten und damit die Entstehung eines von Teheran dominierten Korridors vom Iran über den Irak bis nach Syrien und von Syrien zur Hisbollah im Libanon ermöglichte. Dieselbe regionale Destabilisierung versetzte den Iran auch in die Lage, den Huthis dabei zu helfen, den nördlichen Teil Jemens in ihre Gewalt zu bringen. Eine der Ursachen des jüngsten US-israelischen Angriffs auf den Iran liegt in ebender Machtposition, die das iranische Regime infolge der US-Intervention nach 9/11 erlangte. Und man betrachte den Iran selbst, wo das Regime die eigene Bevölkerung abschlachtet. Die brutale Repression und öffentlichen Hinrichtungen sollen die Bevölkerung terrorisieren, damit sie schweigt. Die Region erlebt eine langfristige Destabilisierung, sie ist heute wahrscheinlich der instabilste Teil der Welt. Es ist ein wirklich betrübliche Lage.

Als 2011 die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo ausbrachen und damit der Arabische Frühling anfing, zeigten Sie sich recht optimistisch. In Ihrem 2012 erschienenen Buch „The People Want“ war Ihre Analyse noch relativ hoffnungsvoll; eine Position, die Sie 2016 in „Morbid Symptoms“ revidierten. Wie hat sich Ihre Einschätzung des Arabischen Frühlings im Laufe der Zeit verändert?

Als der Arabische Frühling ausbrach, bestand ich darauf, dass er in einer tiefen strukturellen Krise wurzelte und deshalb nicht als vorübergehende Episode, sondern als Beginn eines langen historischen Prozesses zu verstehen sei. Das deutlichste Symptom der sozialen und wirtschaftlichen Lähmung der Region liegt darin, dass die Region Naher Osten und Nordafrika seit Jahrzehnten die weltweit höchsten Raten der Jugendarbeitslosigkeit aufweist – eine direkte Folge des Zusammenpralls von neoliberaler Wirtschaftspolitik und der dort vorherrschenden Art von Staat und Herrschaftssystem. Ich vertrat stets die Auffassung, dass es, was auch immer geschieht, keine Rückkehr zu der despotischen Stabilität geben kann, die vor 2011 im Nahen Osten und Nordafrika herrschte.

Zu Beginn wurden die Aufstände überall von progressiven Kräften initiiert, doch die Region war – und ist teilweise noch immer – von reaktionären Oppositionsströmungen gegen die alten Regime geprägt. Religiöse Fundamentalisten sind nicht progressiv, sondern in ihren gesellschaftlichen und kulturellen Programmen reaktionär. Was wir sahen, war also keine einfache Zweiteilung von Revolution gegen Konterrevolution, sondern es wurde deutlich, dass es ein Dreieck gab: ein revolutionäres Lager und zwei unterschiedliche Formen der Konterrevolution, auf der einen Seite die alten Regime, auf der anderen rechtsgerichtete religiöse, fundamentalistische Kräfte, die nach der Macht griffen.

Doch die vom Arabischen Frühling geweckten Hoffnungen sind besiegt. Wir haben Bürgerkriege erlebt, die Rückkehr von Diktaturen in noch drakonischeren Formen als zuvor und die Fortsetzung der US-Kriege in der Region, die ihren Höhepunkt im völkermörderischen US-israelischen Krieg in Gaza und dem Angriff auf den Iran erreichten. Die Lage des palästinensischen Volkes hat ihren historischen Tiefpunkt erreicht. Die Angriffe der Hamas gehören zu den schwersten Fehlkalkulationen in der Geschichte des antikolonialen Kampfes. Meiner Ansicht nach ist all das eine Folge des Fehlens einer glaubwürdigen politischen Alternative in der Region: Es ist keine progressive Kraft entstanden, die fähig gewesen wäre, die durch die soziale und wirtschaftliche Krise erzeugte Wut der Masse so zu kanalisieren, dass echte Veränderung möglich geworden wäre. Dieses Versagen erzeugte eine politische Blockade, die sich über die bereits bestehende soziale und wirtschaftliche Blockade gelegt hat.

Wie würden Sie den gegenwärtigen Zustand des islamistischen Pols des von Ihnen beschriebenen Dreiecks einschätzen?

Als die Aufstände begannen, waren die progressiven Kräfte, die sie entfesselt hatten, organisatorisch zu schwach, um eine echte Alternative zu den bestehenden Regierungen darzustellen. In dieses Vakuum trat die Muslimbruderschaft, die Jahrzehnte in der Opposition verbracht hatte und nun ihre Gelegenheit ergriff, sich als Alternative zu präsentieren. Unmittelbar nach 2011 nutzte die Bruderschaft den Moment und gewann Wahlen in Ägypten und Tunesien. Doch bot sie, all ihren Behauptungen zum Trotz, keine soziale oder wirtschaftliche Alternative: Ihr Projekt ist grundlegend ideologisch und politisch, nicht sozioökonomisch. Sie stellte somit keine echte soziale Alternative zum Bestehenden dar, und ihr politisches Projekt scheiterte entsprechend; 2013/2014 mit dem Militärputsch in Ägypten und der politischen Krise in Tunesien war die Muslimbruderschaft dann überall besiegt. Als es 2019 eine zweite Welle von Aufständen gab – im Sudan, in Algerien, im Irak und im Libanon – waren die islamisch-fundamentalistischen Kräfte nicht mehr Teil davon; sie waren vielmehr in die bestehenden Regime verwoben.

Sie sagten, die sunnitischen islamistischen Kräfte seien größtenteils besiegt, doch in Syrien kontrolliert Ahmed al-Scharaa, ehemaliger Anführer der islamistischen Gruppe Hay’at Tahrir al-Scham, heute das Land und ist dabei, seine Macht zu festigen. Selbst die kurdische YPG in Rojava im Nordosten hat zugestimmt, sich in die syrische Armee zu integrieren. Legt das nicht nahe, dass sunnitische Islamisten an manchen Orten doch Erfolge verzeichnen konnten?

Es liegt eine gewisse Ironie im Sieg der islamischen Fundamentalisten in Syrien, denn dieser war eine Nebenwirkung der israelischen Kriege im Libanon. Indem Israel der Hisbollah einen verheerenden Schlag versetzte, entfernte es die letzte Stütze des syrischen Regimes. Dieses Regime hatte sich zuvor auf iranische und russische Militärhilfe verlassen, doch nach dem Einmarsch in die Ukraine geriet Russland dort so stark unter Druck, dass es den Großteil seiner Truppen aus Syrien abzog. Nachdem Israel die Fähigkeit der Hisbollah gelähmt hatte, im Namen Irans einzugreifen, konnten die fundamentalistischen Kräfte, die Idlib im Norden kontrollierten, relativ leicht eingreifen. Das Assad-Regime brach zusammen, so wie die Regierung in Kabul 2021 zusammengebrochen war.

Seither hat Al-Scharaa jedoch versucht, sich als gemäßigt darzustellen. Er bemüht sich sehr darum, vom Westen akzeptiert zu werden. Er hat bislang keine größeren Schritte unternommen, um die Scharia einzuführen, obwohl es Anzeichen einer Islamisierung von Staat und Gesellschaft gibt. Das ist nicht dasselbe wie die Art, wie die Fundamentalisten in der Provinz Idlib bis 2024 regierten, und erst recht nicht wie Daesh, der sogenannte Islamische Staat, Teile Syriens und des Irak regierte und sein sogenanntes Kalifat ausrief.

Würden Sie also im Grunde sagen, dass das islamistische Projekt gescheitert ist?

Es konnte gar nicht erfolgreich sein, weil es keine echte Alternative zur grundlegenden Krise repräsentiert. Dasselbe gilt für Al-Scharaa: Er ahmt nur die Wirtschaftspolitik anderer arabischer Staaten nach, was in Syrien jetzt schon eine akute soziale Krise erzeugt – eine Krise, die wachsende Unzufriedenheit hervorrufen wird, ganz abgesehen von der ungelösten Frage der Minderheiten des Landes.

Warum haben die Kurd*innen in Rojava zugestimmt, sich in den syrischen Staat einzugliedern? Gleichzeitig hat die PKK in der Türkei eingewilligt, sich zu entwaffnen, und ist in Friedensgespräche mit Präsident Recep Tayyip Erdoğan eingetreten. Warum haben kurdische Bewegungen in beiden Ländern ihre Stützpunkte aufgegeben?

Im syrischen Fall vor allem, weil sie von den Vereinigten Staaten im Stich gelassen wurden. Nachdem Daesh besiegt war, brauchte Washington die Kurd*innen nicht mehr. Trump zeigte kein Interesse daran, sie weiter zu unterstützen.

Erdoğan hat unterdessen seit 2015 bei Wahlen regelmäßig Stimmen eingebüßt und versucht mit allen verfügbaren Mitteln, an der Macht festzuhalten: Unterdrückung der Opposition, Verhaftung ihrer führenden Köpfe, sogar Einmischung in die Führung der CHP. Seine Annäherung an die Kurd*innen ist ein weiteres derartiges Manöver: eine Wette darauf, dass die kurdische Bewegung nicht die Rolle spielen wird, die sie 2015 spielte, als sie die Vorherrschaft der AKP im Parlament bedrohte.

Der kurdische Anführer Abdullah Öcalan plädiert seit Jahren für einen Kompromiss mit Ankara. Denn die bewaffnete Strategie der PKK ist ganz offensichtlich gescheitert. Die Türkei verfügt schließlich über die zweitgrößte Armee der NATO. Nachdem Öcalan die Strategie der Bewegung so lange auf den bewaffneten Kampf ausgerichtet hatte, hat er sie nun vollständig in die entgegengesetzte Richtung, hin zum Kompromiss, gelenkt. Doch ich bin nicht überzeugt, dass diese Strategie erfolgreich sein wird. Die Unterdrückung der kurdischen Nation hat nicht nachgelassen, und es gibt weder in der Türkei noch in Syrien echte Garantien für die Kurd*innen. Es gibt Meinungsverschiedenheiten sowohl innerhalb des türkischen als auch des syrischen Zweigs der Bewegung, und manche Mitglieder missbilligen die Selbstauflösung und warnen vor den Folgen.

Das Abkommen mit der syrischen Regierung sieht die Auflösung der Syrischen Demokratischen Kräfte und ihre Eingliederung in die syrische Armee vor, doch das bleibt weitgehend theoretisch. Wer besitzt in der Praxis das Kommando? Verbleibt der Führungsstab in den kurdisch verwalteten Gebieten in Rojava, oder übernimmt Damaskus die Kontrolle über den Nordosten? Dieser Prozess wird auf viele Hindernisse stoßen, nicht zuletzt hinsichtlich der Rolle der Frauen. Der Feminismus stand im Zentrum des kurdischen Kampfes, doch Frauen, die – wie in der YPG – in Armeeeinheiten kämpfen, haben in Al-Scharaas Gesellschaftsvorstellung keinen Platz.

Sie beschreiben in der ganzen Region eine Verschiebung nach rechts …

Nicht überall in der Region. Die meisten arabischen Staaten bleiben traditionelle despotische Regime; sie haben sich nicht wirklich nach rechts verschoben, sie waren schon immer so. Das iranische Regime lässt sich auch nicht sinnvoll als rechtsextrem beschreiben. Was ich auf globaler Ebene als Neofaschismus bezeichnen würde, vertreten durch Kräfte wie die AfD in Deutschland, den Rassemblement National in Frankreich und die MAGA-Bewegung um Donald Trump, findet seine klarste regionale Entsprechung in der Regierung Benjamin Netanyahus, die bereits den äußersten Rand der extremen Rechten erreicht hat. Und dann gibt es im türkischen Regime noch Erdoğans Bewegung nach rechts.

In Ihrem 2002 erschienenen Buch „The Clash of Barbarisms“ über die unmittelbaren Folgen von 9/11 beschrieben Sie eine Dynamik, in der reaktionäre Kräfte in unterschiedlichen Kontexten sich gegenseitig nähren und radikalisieren. Das war vor fünfundzwanzig Jahren. Hat sich dieser Prozess verlangsamt, oder setzt er sich einfach fort?

Ich stellte Samuel Huntingtons Idee des sogenannten Kampfes der Kulturen die These eines „Kampfes der Barbareien“ entgegen. Die Kriege zwischen westlichen imperialistischen Mächten und islamisch-fundamentalistischen Kräften waren keine Konflikte zwischen gegensätzlichen Zivilisationen, sondern zwischen barbarischen Tendenzen, die diesen Zivilisationen innewohnen. Das setzt sich fort; es ist entsetzlich, die Verschiebung der israelischen Regierung nach rechts außen und die Kriege zu beobachten, die sie seit dem 7. Oktober geführt hat.

Dieser Prozess hat mit Gaza seinen Höhepunkt erreicht. Ich habe Gaza als den ersten Völkermord beschrieben, den ein industriell fortgeschrittener Staat seit 1945, seit der Niederlage Nazideutschlands, verübt hat. Es gab seither andere Völkermorde, in Ruanda etwa, aber keinen, der von einem industrialisierten, von westlichen Mächten unterstützten Staat verübt wurde.

Sie haben geschrieben, Gaza markiere das endgültige Ende der westlichen liberalen Ordnung. Warum nicht schon die Invasion des Iraks 2003?

Weil die Invasion des Irak von Persönlichkeiten wie Gerhard Schröder und Jacques Chirac und selbst von manchen Stimmen innerhalb Washingtons abgelehnt wurde. Die Illusion, dass liberale Kräfte letztlich den Kurs korrigieren würden, hielt sich. Barack Obama baute schließlich einen Teil seiner politischen Identität auf seiner Ablehnung des Irakkriegs auf und übernahm den Grundsatz, sich nur unter UN-Mandat an einem Krieg zu beteiligen. Er intervenierte in Libyen erst, nachdem der Sicherheitsrat eine Flugverbotszone genehmigt hatte. Diese Illusion einer liberalen, regelbasierten Ordnung überlebte und wurde später gegen Russland wegen seiner Invasion der Ukraine eingesetzt. Doch der Kontrast zwischen der Reaktion westlicher Regierungen auf die Ukraine und ihrer Reaktion auf Gaza war der letzte Nagel im Sarg dieser Ordnung.

Sie erwähnen, dass Chirac und Schröder den Irakkrieg ablehnten, doch sie gewährten weiterhin Überflugrechte und kooperierten auf andere Weise. War dieser Widerstand echt oder größtenteils symbolisch?

Zum Zeitpunkt der Invasion des Iraks standen die Vereinigten Staaten auf dem Höhepunkt ihrer globalen Hegemonie, weshalb weder Chirac noch Schröder es wagten, Washington so weit zu provozieren, ihnen die Nutzung ihres Luftraums oder militärische Zusammenarbeit zu verweigern. Dennoch stand für beide etwas Reales auf dem Spiel. Frankreich hatte stark in seine Beziehung zum Regime Saddam Husseins investiert und wusste, dass es diese Investition durch die US-Invasion verlieren würde. Schröder wiederum erkannte, dass die deutsche öffentliche Meinung den Krieg entschieden ablehnte, und fand darin einen einfachen Weg zur Steigerung seiner Beliebtheit. Bei Gaza haben wir keinerlei Widerstand gegen Israels völlig unverhältnismäßige Reaktion auf den 7. Oktober gesehen. Das letzte Feigenblatt liberalen Anstands ist gefallen. Die Angriffe der Hamas lösten eine Intensivierung der Instrumentalisierung des Holocaust-Gedenkens aus, die westliche Regierungen über mehrere Monate des Völkermords hinweg unfähig machte, eine kritische Haltung gegenüber Israel einzunehmen.

Das ist eine überraschend idealistische Behauptung für einen Marxisten. Glauben Sie, dass eher kulturelles Erbe als materielle Interessen den Ausschlag gaben?

Die Vereinigten Staaten haben ein klares materielles Interesse an ihrem Bündnis mit Israel als Handlanger US-amerikanischer Hegemonie in der Region. Die Unterstützung europäischer Regierungen für Israel hat weit weniger mit materiellen Interessen zu tun. Der Ausgangspunkt ihrer Haltung zu Gaza ist ideologischer Natur; er liegt in der Art und Weise, wie der 7. Oktober als das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust dargestellt wurde. Dieser Satz wurde immer wieder wiederholt. Der von der Hamas geführte Angriff löste eine Welle von Schock und Mitgefühl aus, und westliche Regierungen stellten sich hinter Israels sogenanntes Recht auf Selbstverteidigung. Erst Monate später, als das Ausmaß der Zerstörung nicht mehr ignoriert werden konnte und deutlich wurde, wie unverhältnismäßig die israelische Reaktion war, verschob sich ihre Position hin zur Forderung eines Waffenstillstandes.

Was das materielle Interesse betrifft, so liegt es gewiss nicht im Interesse der liberalen Regierungen Europas, dass in Israel eine Regierung wie die von Netanyahu an der Macht ist. Netanyahu bereitet ihnen ständig Probleme. Er hat keinerlei Sympathie für die liberalen europäischen Regierungen und zeigt das auch immer wieder. Selbst das Vereinigte Königreich hat inzwischen Spannungen mit Israel. Europa liegt geografisch weit näher am Nahen Osten als die USA, sodass alles, was in der Region geschieht, unmittelbare Folgen für Europa zeitigt. Diese schlichte Tatsache offenbart eine klare Divergenz zwischen den Interessen der verschiedenen westlichen Mächte im Nahen Osten. Doch Europa ist den USA untergeordnet; das bedeutet eine ungünstige strategische Position für die Europäer. Ein paar Regierungen, darunter die spanische und die irische, haben es gewagt, sich gegen das auszusprechen, was Israel tut. Damit vertreten sie die europäischen Interessen wohl besser als jene, die schweigen.

Die Neokonservativen verfolgten bekanntlich US-Interessen ohne große Rücksicht auf andere. Diese Neocons waren unmittelbar nach 9/11 recht dominant, doch heute spricht kaum noch jemand von ihnen. Worin bestand ihr Projekt? Und haben sie es geschafft, dieses zu vollenden?

Man erinnert sich an die Neocons vor allem wegen ihrer Doktrin des „Regimewechsels“, also der Vorstellung, die Vereinigten Staaten hätten die Mission, liberale demokratische Herrschaft weltweit durchzusetzen. Die Illusion, den irakischen Staat nach westlichem Vorbild wiederaufzubauen, führte dazu, dass die Besatzung den bestehenden Staatsapparat vollständig zerschlug. Und das führte zum Chaos; der Versuch, eine „liberale“ Ordnung mit Gewalt durchzusetzen, scheiterte vollständig.

Washington wandte sich also von seinem angeblich demokratischen Projekt für den Irak ab, das in Wirklichkeit pro-iranische Akteure gestärkt hatte, und ging zu einem pragmatischeren Ansatz über, der auf Stammesstrukturen und den Abzug der Truppen setzte. Noch bevor die Besatzung formell endete, hatte der Iran bereits mehr Einfluss im Irak erlangt als die USA selbst. Daraus zog man die sogenannten Lehren aus dem Irak: Man glaubte, der Fehler sei gewesen, den diktatorischen Staat zu zerschlagen; man habe stattdessen die Staatsapparate intakt lassen und lediglich ihre Ausrichtung ändern sollen, so wie es Anfang dieses Jahres in Venezuela geschah.

Derzeit gibt es einen Riss innerhalb der US-amerikanischen Rechten zwischen Interventionisten und Isolationisten. Trumps eigener Ansatz scheint sich in Methode und Ziel von beiden Lagern zu unterscheiden. Wie würden Sie diese Spaltung charakterisieren?

Es gab, neben der Strömung, die sich für Interventionen einsetzt, schon immer eine isolationistische Strömung in der amerikanischen Rechten. Trump hat versucht, diese unterschiedlichen Strömungen zusammenzuschweißen, von den Isolationisten bis zum Schwurbler-Milieu, und spricht all diese Wählergruppen gleichzeitig an. Das erklärt auch die vielen Widersprüche in seinem Verhalten. Trump ist ein Frankenstein-Monster der amerikanischen Rechten, zusammengesetzt aus all diesen disparaten Teilen. Doch eines ist gewiss: Er hat keinerlei Respekt vor Demokratie. Er bekämpft die Demokratie zu Hause in den USA! Es sollte also niemanden überraschen, dass er nicht einmal vorgibt, sie anderswohin zu exportieren.

Sofern man die Debatte auf eine einfache Entgegensetzung von Intervention oder Nicht-Intervention einengt, verkennt man allerdings die Nuancen imperialistischer Politik. Denn die Art der Intervention ist von enormer Bedeutung. Heute versuchen die USA eher, Regime, die sie als Schurkenstaaten betrachten, zu erhalten statt zu ersetzen, indem sie diese einfach zur Zusammenarbeit zwingen. Bevor er sein Amt antrat, bekannte Trump sich ausdrücklich zu dieser Lehre aus dem Irak und kritisierte öffentlich die Illusion des „Regimewechsels“. Sein Vorgehen gegenüber Venezuela steht damit völlig im Einklang: Er entfernte Nicolás Maduro, und der verbleibende Apparat wurde einfach zur Zusammenarbeit mit Washington gebracht, ohne jeden Versuch, demokratische Wahlen durchzusetzen oder die sogenannte liberale Opposition einzusetzen. Selbst bei Kuba, wo Marco Rubio ein besonderes Interesse verfolgt, verhandelt Washington mit führenden Persönlichkeiten aus dem Regime selbst; Raúl Castros Enkel gehört zu den wichtigsten Gesprächspartnern! Und genau das versuchte Trump auch im Iran zu erreichen. Er glaubte, er könne das Regime zur Zusammenarbeit mit ihm zwingen, nur dass sein Vorgehen die Hardliner stärkte statt jene, die zu einem Kompromiss bereit gewesen wären.

Wo finden sich darin die zwischen diesen konkurrierenden Lagern gefangenen US-amerikanischen Liberalen wieder?

Sie sind vollkommen orientierungslos, unsicher, welche Position sie einnehmen sollen. Ebendeshalb erleben wir ein Wiedererstarken der Linken: Die Menschen erkennen, dass der halbherzige Liberalismus, den das Establishment anbietet, nicht mehr glaubwürdig ist, und sie suchen nach radikaleren Antworten auf ihre soziale, wirtschaftliche und politische Lage – und auch zur Verteidigung der Demokratie selbst. Liberale haben sich als viel zu kleinmütig erwiesen, um beispielsweise einen Frontalangriff auf die anhaltende Erdrosselung Kubas zu führen. Was dort geschieht, ist kriminell. Das jahrzehntelange Embargo hat inzwischen den Punkt erreicht, an dem die Bevölkerung regelrecht ausgehungert wird, und das ruft weit weniger internationale Reaktionen hervor, als es verdient, nicht nur bei Regierungen, sondern auch bei sozialen Bewegungen, die weit größere Solidarität mit dem kubanischen Volk zeigen sollten. Diese Sanktionen bestrafen die Bevölkerung mehr als das Regime.

Ihr Buch, „The New Cold War“ von 2023 befasst sich mit der russischen Invasion der Ukraine. Sehen Sie Russlands Angriff als langfristige Folge des Krieges gegen den Terror und des neokonservativen Interventionismus?

In gewissem Sinne führte die Invasion des Iraks 2003 Russland, China und allen anderen vor Augen, dass die Vereinigten Staaten sich nicht an die Regeln der Ordnung halten würden, die sie angeblich hochhielten. Die Invasion des Iraks war eine eklatante Verletzung des Völkerrechts. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hätten die Dinge durchaus anders verlaufen können; man sprach von einer „Friedensdividende“ und dergleichen. Stattdessen trafen die USA bewusste politische Entscheidungen, die Russland verärgerten, insbesondere die NATO-Erweiterung. Ich glaube, das geschah absichtlich. Washington wollte, dass Russland ein Schreckgespenst für den Rest Europas bleibt, damit andere europäische Staaten in einer vasallenähnlichen Beziehung zu den USA verharren.

Auch Helmut Kohl befürwortete zunächst die Osterweiterung, da diese dem Interesse des deutschen Kapitals diente, die eigene Hegemonie über Osteuropa zu errichten. Doch als George W. Bush Georgien und die Ukraine zum NATO-Beitritt einlud, sprach sich Angela Merkel dagegen aus. Auch hier zeigt sich eine Divergenz zwischen amerikanischen Interessen und den Interessen europäischer Staaten wie Deutschland.

All das rechtfertigt jedoch in keiner Weise die Invasion der Ukraine, ein furchtbares Verbrechen, dessen Preis das ukrainische Volk zahlt – und in wachsendem Maße auch das russische Volk. Putin trägt die größte Verantwortung für diese Katastrophe.

Im Rückblick auf ein Vierteljahrhundert US-imperialer Intervention und des Krieges gegen den Terror, wo stehen die USA heute?

Die Vereinigten Staaten haben jeden Krieg, den sie nach 9/11 anfingen, „verloren“. Ich setze das in Anführungszeichen, denn Washington gelang es, die Regime zu zerstören. Die eigentlichen Verlierer*innen waren die Zivilbevölkerungen dieser Länder, nicht die USA selbst. Trotzdem verfehlten die Vereinigten Staaten in jedem Fall ihre gesteckten Ziele.

Das war ein klassischer Fall imperialer Überdehnung. In den späten 1980er Jahren schrieb der britische Historiker Paul Kennedy einen Bestseller, in dem er die recht offensichtliche Tatsache feststellte, dass Imperien untergehen, sobald sie sich mehr aufladen, als sie beherrschen können. Doch er irrte in seiner Lesart der Reagan-Ära: Denn Reagan gelang ein Neustart sowohl der amerikanischen Wirtschaft als auch der amerikanischen Hegemonie. Nach dem sowjetischen Zusammenbruch jedoch erlag die Bush-Regierung der Hybris. Die Kriege in Afghanistan und im Irak waren Lehrbuchbeispiele für Überdehnung, weit über das hinaus, was die USA tatsächlich beherrschen konnten, und sie scheiterten in beiden Ländern. 

Doch wer glaubt, das amerikanische Imperium sei am Ende, träumt. Die Vereinigten Staaten bleiben ein außerordentlich mächtiger Staat, noch immer der mächtigste der Erde, noch immer fähig zu enormer Zerstörung. Die Grenzen amerikanischer Macht sind heute jedoch weit sichtbarer als zur Jahrhundertwende.

Gibt es etwas, das Ihnen angesichts dieser Lage Hoffnung gibt?

Absolut, ich halte an der Hoffnung fest; einer Hoffnung, die in der neuen Generation und ihrer Fähigkeit wurzelt, neue Formen des Kampfes zu erfinden, wie wir kürzlich mit der marokkanischen Gen-Z-Bewegung gesehen haben, einem außergewöhnlichen Moment, in dem Tausende junger Menschen mobilisierten und moderne Technologie nutzten, um sich zu koordinieren. Ich mache einen entscheidenden Unterschied zwischen Optimismus und Hoffnung, sie sind keineswegs dasselbe. Optimismus ist der Glaube, dass das beste Ergebnis eintreten wird. Hoffnung ist der Glaube, dass ein besseres Ergebnis möglich ist, aber ohne jede Garantie. Ich kann weiter hoffen, während ich anerkenne, dass die Beweislage sich heute stark in Richtung Pessimismus neigt.

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