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Der Kampf für gerechtere Arbeitszeiten zieht sich durch die Geschichte der Arbeiter*innenbewegung und hat in den politischen Debatten der letzten Jahre wieder an Bedeutung gewonnen. In verschiedenen Ländern wird über die Verkürzung der Arbeitszeit, die Vier-Tage-Woche und den Zusammenhang zwischen Arbeitszeit, Produktivität und Lebensqualität diskutiert. Gleichzeitig gewinnen angesichts von Wirtschaftskrisen und dem Druck nach mehr Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität auch Vorschläge an Boden, die in die entgegengesetzte Richtung weisen: mehr Arbeitsstunden und größere Flexibilität für die Unternehmen. Diese Diskussion konkretisiert sich in der Frage: Wie wollen wir unser Leben und unsere Arbeit gestalten?
In Merz’ Deutschland steht das Thema auf der Tagesordnung: Die Bundesregierung befürwortet längere Arbeitszeiten als Teil einer Strategie zur Bewältigung des Arbeitskräftemangels und zur Stärkung der deutschen Wirtschaft. Die Diskussion zeigt, dass der Streit um die Arbeitszeit keineswegs ein Thema der Vergangenheit ist: Während in manchen Gewerkschaften für mehr Freizeit und eine Verkürzung der Arbeitszeit gekämpft wird, wächst an anderen Orten der Druck für eine Verlängerung von Arbeitszeiten – alles im Namen des Wirtschaftswachstums.
In Brasilien wird derzeit ein Vorschlag vorangetrieben, der zwei Ruhetage pro Woche ohne Lohnkürzung garantieren soll – in vielen Ländern des Globalen Nordens bereits Realität. Am 2. September 2026 gab der Ausschuss für Verfassung und Justiz des brasilianischen Senats eine befürwortende Stellungnahme zu dem Vorschlag für die Verfassungsänderung ab, der die maximale Wochenarbeitszeit von 44 auf 40 Stunden senkt. Die Änderung zielt darauf ab, das 6x1-Arbeitsmodell – sechs Arbeitstage, ein freier Tag – abzuschaffen. Die Abstimmung im Plenum des Senats steht noch aus.
Auch das Recht auf Erholung ist zum Wahlkampfthema geworden. „Sechs Tage zu arbeiten, um einen Tag frei zu haben, ist kein Leben. Das ist Überleben“, erklärte der brasilianische Präsident, aktuelle Präsidentschaftskandidat und ehemalige Metallarbeiter Luiz Inácio Lula da Silva in einem Beitrag vom 1. September, der auf der Website der Arbeiterpartei (PT) veröffentlicht wurde. Lula forderte darin die Grundgesetzänderung und warf den Gegnern vor, dessen Durchsetzung verhindern zu wollen. Ein legislativer Erfolg würde es ihm ermöglichen, mehr Freizeit für Arbeitnehmer*innen auf dem Konto seiner Regierungszeit zu verbuchen.
Als historisches Anliegen der Linken und der Gewerkschaftsbewegung ist die Arbeitszeitverkürzung durch eine in den sozialen Netzwerken entstandene Mobilisierung wieder in den Mittelpunkt der politischen Debatte gerückt. Nicht zuletzt spielte eine Abgeordnete ein zentrale Rolle bei der legislativen Umsetzung.
Der Reihe nach: Wie kam es zu dem Vorschlag für die Verfassungsänderung?
Mit einer Petition fing alles an
Im Jahr 2023 veröffentlichte Rick Azevedo, damals Apotheker in Rio de Janeiro, in den sozialen Medien einen Beitrag, in dem er seiner Erschöpfung aufgrund zu langer Arbeitszeiten Luft machte. Die Resonanz führte zur Entstehung der Bewegung „Vida Além do Trabalho“ (VAT, „Leben jenseits der Arbeit“), deren Petition an den Kongress am 10. September 2026 mehr als drei Millionen Unterschriften erreichte. Die Bundesabgeordnete Erika Hilton von der Partei „Sozialismus und Freiheit“ (PSOL) legte einen Vorschlag für eine Verfassungsänderung vor, der diese Forderung aufgriff. Darüber hinaus sah der Vorschlag der Abgeordneten eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 44 auf 36 Stunden vor, wodurch eine 4-Tage-Woche gewährleistet würde.
Die Mobilisierung stieß im Parlament, das von einer konservativen und neoliberalen Mehrheit geprägt ist, auf Widerstand, doch die Resonanz des Themas verstärkte den Druck auf die rechten Parteien. Nach Versuchen, das Verfahren zu verzögern und den Vorschlag abzuändern, stimmte ein Teil dieses politischen Lagers für die Vereinbarung.
Der Streit drehte sich nun auch darum, wer diesen Erfolg für sich beanspruchen könnte. Die Liberale Partei (PL), die Partei des Bolsonaro-Lagers, begann in einer opportunistischen Taktik, die Vier-Tage-Woche zu befürworten, und warf der Regierung vor, die Abstimmung über diesen Vorschlag zu verhindern. Laut Hilton versuchte die PL mit dieser Haltung, die Abstimmung über die Vereinbarung zu untergraben, die fünf Arbeitstage und zwei Ruhetage vorsah. „Und nun, um den Abstimmungsprozess zu behindern, kramen sie das wieder hervor, um die brasilianischen Arbeitnehmer*innen zu täuschen“, erklärte sie. Die Abgeordnetenkammer (das Unterhaus) hatte im Mai den Text verabschiedet, der eine 40-Stunden-Woche und zwei Ruhetage vorsieht.
Der Auslöser der Mobilisierung
„Ich arbeite seit 12 Jahren im 6x1-Modell. Mein Arbeitsbuch ist voll: Ich habe bereits in einem Supermarkt, einer Apotheke, einer Tankstelle, einem Einkaufszentrum und einem Callcenter gearbeitet“, berichtete Rick Azevedo bei einer öffentlichen Anhörung im Abgeordnetenhaus am 13. Mai 2026. In derselben Stellungnahme erklärte er, dass das Arbeitsmodell ihn daran gehindert habe, ein Studium aufzunehmen.
Zeit zum Lernen, für den Haushalt, für das Zusammenleben mit anderen Menschen und zur Erholung zu reservieren.
Der von Rick im Jahr 2023 veröffentlichte Beitrag verwandelte diese Erfahrung in einen öffentlichen Appell. Die vom VAT am 27. September desselben Jahres gestartete Petition beschrieb die Aufnahme als einen Hilferuf und forderte eine Überarbeitung des Arbeitsmodells, die Durchführung einer öffentlichen Debatte sowie die Einführung von Maßnahmen zum Gesundheitsschutz. In dem Dokument wurde bereits die Absicht angekündigt, die Erfahrungen der Beschäftigten vor den Kongress zu bringen. Der Name der Bewegung fasste die Forderung zusammen: Zeit zum Lernen, für den Haushalt, für das Zusammenleben mit anderen Menschen und zur Erholung zu reservieren.
Hilton brachte die Forderungen der VAT in den Kongress. In ihrer Rede in der Abgeordnetenkammer würdigte die Abgeordnete die Rolle der VAT und erinnerte daran, dass Rick sich an ihren Wahlkreis gewandt hatte. Hilton wurde zu einer der wichtigsten Fürsprecher*innen für die Verkürzung der Arbeitszeit in der brasilianischen Politik. Die Abgeordnete, die ihre politische Laufbahn als Stadträtin in São Paulo begann, wurde in Brasilien durch ihr nachdrückliches Eintreten für die Belange der Arbeiter*innen noch bekannter. In einer Debatte über das Thema, die im Mai 2026 in der Abgeordnetenkammer stattfand, kritisierte Hilton das derzeitige 6x1-Modell und hob insbesondere dessen Auswirkungen auf Frauen – aufgrund ihrer Care-Arbeit – sowie auf junge Menschen hervor, die unter prekären Arbeitsverhältnissen und dem informellen Arbeitsmarkt leiden. „Die Menschen müssen arbeiten, um zu leben, und nicht leben, um zu arbeiten“, argumentierte die Abgeordnete, die 2022 im Bundesstaat São Paulo mit 256.903 Stimmen für ein Mandat nach Brasília gewählt wurde.
Brasiliens langer Kampf um Arbeitszeit
In der Verfassungsgebenden Versammlung, die nach der Militärdiktatur die brasilianische Verfassung von 1988 ausarbeitete, setzte sich die Gewerkschaftsbewegung für eine 40-Stunden-Woche ein. Die verabschiedete Obergrenze lag bei 44 Wochenstunden statt bei 48. Abgeordnete und Gewerkschaftsvertreter*innen griffen diese Geschichte in der Debatte im Senat wieder auf.
In den folgenden Jahrzehnten blieb diese Forderung auf der Agenda der Linken. Zu den parlamentarischen Initiativen zählen der 2015 von Senator Paulo Paim vorgelegte Vorschlag sowie der von Reginaldo Lopes aus dem Jahr 2019, der vorsah, die Wochenarbeitszeit über einen Zeitraum von zehn Jahren auf 36 Stunden zu senken. Beide gehören der PT an, der Partei von Lula.
Durch die Zusammenarbeit zwischen Hilton und der VAT rückte in der gewerkschaftlichen und parlamentarischen Debatte die Anzahl der Arbeitstage pro Woche in den Vordergrund. Am 25. Februar 2025 legten die Abgeordnete und weitere Unterzeichner*innen den Vorschlag für eine Verfassungsänderung (PEC) 8/2025 vor. Die Initiative sah eine Begrenzung auf 36 Wochenstunden und vier Arbeitstage vor. Zur Verteidigung des Vorschlags sprach sich Hilton für die Beibehaltung der Löhne aus.
Man muss anerkennen: Die LGBTQIA+-Community ist eine wichtige Protagonistin in diesem Kampf.
Der Bezug zur VAT geht aus der Begründung des PEC selbst hervor: Das Dokument nennt die von Rick Azevedo organisierte Petition als einen der Auslöser der Initiative. Mit der Einreichung des PEC wurde die Forderung offiziell im Kongress behandelt.
Hilton wurde 2022 gewählt und war eine der ersten beiden Transfrauen, die ein Mandat im Abgeordnetenhaus errangen. Bei der Verteidigung der Arbeitszeitverkürzung hob sie die Beteiligung der LGBTQIA+-Gemeinschaft am Kampf für Arbeitnehmerrechte hervor. „Man muss anerkennen: Die LGBTQIA+-Community ist eine wichtige Protagonistin in diesem Kampf“, erklärte sie.
Die Kampagne erreicht die Arbeitsplätze
Im Jahr 2025 wurde der Druck auf den Kongress auch durch die Volksbefragung für ein gerechteres und souveränes Brasilien verstärkt. Die von den Bündnissen „Brasil Popular“ und „Povo Sem Medo“ organisierte Initiative brachte soziale Bewegungen, Gewerkschaften, Studentenorganisationen, religiöse Gruppen und progressive Parteien zusammen.
Die Volksbefragung wurde weder von der Wahlbehörde organisiert, noch hatte sie bindende Wirkung. Ihre Organisator*innen nutzten sie, um Vorschläge mit der Bevölkerung zu diskutieren und Druck auf die öffentlichen Behörden auszuüben. Den Teilnehmer*innen wurden zwei Themen vorgelegt: die Abschaffung des 6x1-Modells und die Verkürzung der Arbeitszeit ohne Lohnkürzung sowie Steueränderungen, um höhere Einkommen stärker zu besteuern und den Einkommensteuerfreibetrag zu erhöhen.
In Rio de Janeiro sprachen Mitglieder einer der teilnehmenden Gruppen Arbeiter*innen vor Supermärkten und in U-Bahn-Stationen an. In einem Bericht an die mit der PT verbundene Stiftung „Fundação Perseu Abramo“ erklärten sie, dass die Stimmenerhebung auch dazu diente, mit den direkt von dem Dienstplan betroffenen Menschen über ihre Rechte zu sprechen.
Die am 12. Oktober 2025 beendete Umfrage verzeichnete nach Angaben der Organisatoren 2.118.419 Stimmen, die vor Ort und digital abgegeben wurden. Die eingesehene Bilanz enthält keine Aufschlüsselung der Antworten auf die einzelnen Fragen. Die Zahl entspricht der Gesamtzahl der bei der Befragung registrierten Stimmen, nicht der Zahl der Stimmen, die für die Abschaffung des Arbeitsmodells waren. Obwohl es sich nicht um eine repräsentative Umfrage der Bevölkerung handelte, diente die Befragung als Instrument des Dialogs und der Mobilisierung zum Thema Arbeitszeit und Steuerlast.
Die Entscheidung ist noch offen
Nach der Verabschiedung des anfangs erwähnten verhandelten Entwurfs in der Abgeordnetenkammer hielten die Einwände im Senat an. In der Debatte im Juli forderten Unternehmensvertreter*innen aus Industrie, Handel und Transportwesen weitere Studien, mehr Spielraum für Tarifverhandlungen und die Berücksichtigung der Kosten. Sie wiesen auf Risiken wie Preissteigerungen, eine Zunahme der Schwarzarbeit und Schwierigkeiten für kleine Unternehmen hin. Gewerkschaftsvertreter*innen plädierten dafür, dass Produktivitätsgewinne auch in Erholung und Lebensqualität umgewandelt werden sollten.
Trotz des Widerstands verabschiedete der Senatsausschuss am 2. September mit vier Gegenstimmen eine befürwortende Stellungnahme zu der vom Abgeordnetenhaus übermittelten Fassung. Am folgenden Tag kündigte der Senatspräsident an, dass die Abstimmung im Plenum erst nach den Wahlen stattfinden werde. Bis zum Redaktionsschluss dieses Artikels am 16. September war der Vorschlag im offiziellen Verfahren noch als „zur Beratung anstehend“ vermerkt.
Um die Verfassung zu ändern, muss der Text in zwei Wahlgängen mindestens 49 der 81 Stimmen der Senatoren erhalten. Sollten inhaltliche Änderungen vorgenommen werden, muss er an das Repräsentantenhaus zurückverwiesen werden. Wird er ohne Änderungen angenommen, wird er gemäß dem in Artikel 60 der Verfassung vorgesehenen Verfahren vom Kongress ohne präsidiale Sanktion verkündet.
Die Bewegung brachte dem Kongress eine Erfahrung nahe, die Arbeiter*innen längst teilen: die Schwierigkeit, ein ganzes Leben in einen einzigen freien Tag zu packen. Ob diese Forderung in ein Recht umgewandelt wird, hängt nun vom Senat ab – und natürlich von weiteren Mobilisierungen der Menschen.


