Zum Hauptinhalt springen

Interview , : Wie die USA dem Regime in Teheran neues Leben einhauchten

Interview mit Ervand Abrahamian über den Iran-Krieg und dessen Folgen

Wichtige Fakten

Details

Die haushohe Plakatwand stellt dramatisch den Untergang der US-Flotte durch den Angriff eines antiken Kriegers und eines Drachens dar, im typischen Stil eines Fantasy-Films. Beschriftung auf Persisch: "Die Armee des Satans wird im Persischen Golf untergehen" und auf Englisch "Am Persischen Golf erhebt sich eine neue Macht"
Großplakat mit Anti-US-Propaganda am Enghelab-Platz in Teheran. Die strategische Dummheit Washingtons könnte die Fantasy-Szenerie Wirklichkeit werden lassen. Foto: IMAGO / Anadolu Agency

Als Sie Anfang dieses Jahres mit uns sprachen, war im Iran gerade die Unterdrückung der Proteste im Januar beendet worden. Wie schätzen Sie die innenpolitische Lage nach sechs Monaten Krieg ein? Steht das Land vor einer weiteren großen sozialen Explosion?

Es gibt zweifellos Schwierigkeiten, aber das ist nichts Neues. Die Sanktionen bestehen schon sehr lange und waren die eigentliche Ursache für den jüngsten Volksaufstand. Das ist also etwas Langfristiges. Ob wirtschaftliche Not zum Sturz des Regimes führen wird, ist eine andere Frage. Aus anderen Beispielen wissen wir, dass Sanktionen, egal wie streng sie auch sein mögen, dieses Ziel nicht erreichen. Warum ist George W. Bush in den Irak einmarschiert? Weil jahrelange Sanktionen nicht ausreichten, Saddam Hussein zu stürzen. Ähnlich verhielt es sich mit Gaddafi. Auch bei Assad wurde es vergeblich versucht. Ich glaube, im Falle des Iran werden die Entbehrungen besonders für die unteren und mittleren Schichten gravierend sein. Ich gehe jedoch nicht davon aus, dass dies zu einem Regimewechsel führen wird. Die Revolutionsgarden stehen voll und ganz hinter dem Regime. Sie sind zwar keine riesige Armee, die in der Lage wäre, Nachbarländer zu erobern, aber groß genug, um die Städte zu kontrollieren. In der Vergangenheit haben sie bereitwillig unbewaffnete Demonstranten erschossen.

Ein gestärktes Regime

In gewisser Weise hat der Krieg das Regime sogar gestärkt. Als Ende letzten Jahres die Unruhen begannen, hatte es bereits einen Großteil seiner Legitimität eingebüßt, da es seine eigene gesellschaftliche Basis untergraben hatte. Das Regime konnte sich nur noch auf die Unterstützung von vielleicht 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung stützen. Doch der Krieg hat ihm neues Leben eingehaucht. Selbst jene, die das Regime verachten, sind ziemlich stolz darauf, dass der Iran es geschafft hat, einer Großmacht ebenbürtig zu sein – und dieser sogar den Rang abzulaufen. Man könnte hier eine Parallele zur Sowjetunion ziehen. Die Bolschewiki verfügten anfangs über ein hohes Maß an Legitimität, verloren diese jedoch in den 1930er Jahren aufgrund der großen Hungersnot und der Säuberungsaktionen. Doch der Zweite Weltkrieg verlieh den Sowjets neues Leben, und dies hielt über Generationen hinweg an. Das Putin-Regime versucht nach wie vor, den Großen Vaterländischen Krieg als Legitimationsgrundlage heranzuziehen. Ich denke, das iranische Regime wird dasselbe tun. 

Die Art und Weise, wie dies bisher inszeniert wurde – etwa bei der Beisetzung Chameneis –, zeigt, dass das Regime institutionell fest verankert ist. Max Weber wäre überrascht zu erfahren, dass die Vereinigten Staaten, die vermeintlich ein moderner Staat mit einer institutionalisierten Bürokratie waren, sich in ein Sultanat verwandelt haben, in dem der Sultan Entscheidungen im Alleingang trifft und sich dabei von Haussklaven oder Bediensteten beraten lässt. Das ist etwas, was mir beim Lesen amerikanischer Zeitungen auffällt, insbesondere der New York Times, die wirklich recht aufschlussreich über die in Washington getroffenen Entscheidungen berichtet. Das Chaos dort erinnert eher an einen Film der Marx Brothers. 

Das iranische Regime ist ganz anders. Obwohl es von mittelalterlichen Theokraten geführt wird, ist es in hohem Maße institutionalisiert. Selbst die Ausschaltung der Führungsspitze führte daher nicht zum Zusammenbruch des Regimes. Genau das haben die Israelis meines Erachtens aber erwartet. Drei oder vier Tage Bombardements, so versicherten sie Trump, und es werde fallen. Es würde zu einem Regimewechsel kommen oder – was die Israelis vermutlich tatsächlich dachten – das Land werde im Bürgerkrieg versinken. Aber dazu kam es nicht. Die Institutionen überlebten und scheinen recht stabil zu sein. Ich bin mir sicher, dass es unter den Führungskräften jede Menge persönliche und politische Rivalitäten gibt, aber sie setzen sich dennoch für den Erhalt ihrer Republik ein.

Bezüglich der wirtschaftlichen Lage gibt es Berichte, denen zufolge die Brotsubventionen jüngst gekürzt wurden und die Preise sich verdoppelt haben. Das scheint eine riskante Strategie zu sein.

Ja, aber das Regime geht bei der Rationierung der Vorräte ziemlich geschickt vor. Wahrscheinlich wird es Zuschüsse für die ärmeren Bevölkerungsschichten geben. Auch hier sind die Institutionen sehr effizient. Dies zeigte sich auch während des Iran-Irak-Kriegs in den 1980er Jahren. Der Regierung Mussawi gelang es damals, dafür zu sorgen, dass es zu keinen Versorgungsengpässen kam. Bislang scheint es trotz aller Entbehrungen genügend Lebensmittel und Grundversorgungsgüter zu geben. Es gibt Parallelen zur Mossadegh-Ära: Im Westen herrschte Einigkeit darüber, dass das Ölembargo die Wirtschaft zum Erliegen bringen würde, doch das geschah nicht. Der Iran konnte in den Jahren 1951–53 zwar kein Öl exportieren, aber es handelte sich um eine überwiegend agrarisch geprägte Wirtschaft, und die Ernten fielen gut aus. Es gab also keine wirkliche Krise, die das Regime hätte zu Fall bringen können. Seit 1979 hat das Regime stets großen Wert auf die Selbstversorgung mit Grundgütern gelegt. Die Führung ist imstande, vieles zu überstehen, da sie auf die heimische Produktion und andere Möglichkeiten zurückgreifen kann, um das Embargo zu umgehen. Ich möchte die Notlage nicht herunterspielen, aber ich glaube nicht, dass sie ausreicht, um das Regime zu stürzen.

Wenn sie weiterhin Öl verkaufen können, insbesondere nach China, werden sie Einnahmen generieren, die die Wirtschaftskrise abzufedern vermögen. Sie nutzen andere Wege. Und sie verfügen über zahlreiche Tanker außerhalb der Region. Es wird zwar nicht zu einem guten Preis verkauft, aber zumindest bringt es etwas Umsatz ein. Auch hier gehen sie politisch ziemlich klug vor und waren darauf vorbereitet. Sie verfügen über die größte Tankerflotte der Welt, mit der sie Öl lagern und rund um den Globus transportieren können, um es hier und da zu verkaufen.

Hardliner vs. Gemäßigte?

Die westliche Presse berichtete über Meinungsverschiedenheiten innerhalb der iranischen Führung hinsichtlich der Verhandlungen. Wie beurteilen Sie das?

Aus diesen Unterschieden wird viel zu viel gemacht. Ein Punkt, auf den die New York Times immer wieder hinweist, ist, dass das eigentliche Problem bei den Verhandlungen die Hardliner im Iran sind. Das ist falsch. In der Vergangenheit zeigten die Hardliner sich stets bereit, eine Einigung mit den Vereinigten Staaten zu erzielen. Chomeini bezeichnete die USA und Israel zwar als teuflisch, verhielt sich hinter den Kulissen aber durchaus machiavellistisch. Denken Sie nur an die Iran-Contra-Affäre. Ähnlich verhält es sich mit dem älteren Chamenei. Trotz aller großen Worte waren seine Vertreter bereit, zu verhandeln und eine Einigung zu erzielen. Man muss die Rhetorik Teherans von seiner tatsächlichen Politik unterscheiden. Ich glaube, die sogenannten Hardliner wären heute bereit, eine Einigung zu erzielen, wenn sie der anderen Seite vertrauen könnten.

Aber man muss kein Hardliner sein, um Trump zu misstrauen. Welche Art von Vereinbarung kann man mit jemandem treffen, der nicht vertrauenswürdig ist? Er könnte eine Vereinbarung treffen und diese dann am nächsten Tag wieder aufkündigen und sagen, er habe seine Meinung geändert. Auf der Grundlage des Memorandums vom 17. Juni ging man in Washington davon aus, dass die Iraner die Meerenge freigeben und die Amerikaner daraufhin zur nächsten Phase übergehen würden, nämlich zur Aufhebung der Sanktionen und zur Erlaubnis für den Iran, Öl zu verkaufen. Doch die Iraner durchschauten das. Damit würden sie ihren Trumpf aus der Hand geben. Sobald sie die Meerenge geöffnet hätten, könnte Trump weitere Forderungen stellen oder sich weigern, Verpflichtungen einzuhalten, mit der Begründung: „Nein, das war nicht Teil der Vereinbarung“. Ich bin mir sicher, dass es Leute wie den Präsidenten Massud Peseschkian gab, die dem Abkommen eher positiv gegenüberstanden, aber es wäre für ihn schwierig, die anderen davon zu überzeugen, dass man Trump vertrauen könne.

Wo steht Ihrer Meinung nach die Mehrheit der iranischen Bevölkerung in dieser Frage – auf der Seite von Peseschkian oder auf der Seite der Hardliner?

Die Mehrheit mag zwar auf der Seite von Peseschkian stehen, doch liegt das daran, dass sie die Situation falsch einschätzt. Auch hier kommt es zur Wiederholung der Mossadegh-Ära. Viele Iraner*innen glaubten, wenn Mossadegh zu Kompromissen bereit sei, würde alles gut werden. Sie erkannten nicht, dass die USA und Großbritannien niemals einen Kompromiss wollten; sie wollten die Kontrolle über das Öl. Es gab jedoch wirkungsvolle Propaganda, die etwas anderes behauptete. In letzter Zeit wird gezielt betont, dass die USA nichts gegen den Iran hätten; vielmehr sei es das iranische Regime, das sich unnachgiebig verhalte. Und viele Menschen im Iran haben ihre eigenen Gründe, dieses Regime abzulehnen. Daher ist es leicht, ihm die Schuld für die festgefahrene Situation zu geben.

Im Februar haben Sie darüber gesprochen, wie der Iran-Irak-Krieg zur Festigung der noch jungen Islamischen Republik beitrug. Sehen Sie heute ähnliche Entwicklungen? Könnte sich die Solidarisierung mit der Exekutive als kurzlebig erweisen?

Solange der Konflikt mit dem Irak als Verteidigungskrieg angesehen wurde, hatte er eine mobilisierende Wirkung. Doch nachdem Chorramschahr befreit worden und die Entscheidung für einen Einmarsch in den Irak gefallen war, lauteten die Parolen: „Krieg, Krieg bis zum Sieg“ und „Der Weg nach Jerusalem führt über Bagdad“. Das schwächte das Regime. Was kaum bekannt ist: Der Flottenadmiral und nicht wenige Kommandeure der regulären Armee waren gegen eine Fortsetzung des Krieges. Sie reichten ihre Kündigungen ein, die jedoch nicht angenommen wurden. Ihr Argument lautete: Wird der Krieg fortsetzt, wird dies die USA in den Konflikt hineinziehen. Das wird den Imperialismus in der Region stärken, was nicht im Interesse des Iran liegt. Doch die Revolutionsgarden und die Abenteurer um Chomeini beschlossen, dass dies eine Gelegenheit sei, die Revolution auszuweiten.

Heute denken die Hardliner in Teheran nicht daran, die Revolution zu verbreiten. Sie denken über die Verteidigung nach. Die öffentliche Wahrnehmung spielt eine wichtige Rolle – sie wollen nicht als unnachgiebig erscheinen, obwohl sie guten Grund dafür hätten. Sie wollen zeigen, dass sie zu einer Einigung bereit sind und dass das bisherige Scheitern der anderen Seite zuzuschreiben ist. Deshalb unterzeichneten sie meiner Einschätzung nach das Memorandum. Würde ein echtes Angebot unterbreitet, stünden sie unter öffentlichem Druck. Aber sie wollen nicht den Eindruck erwecken, als würden sie an der Nase herumgeführt.

Die neue iranische Führung

Wie beurteilen Sie die Umwälzungen in der iranischen Führungsriege nach den Attentaten Israels und der USA auf hochrangige Führungskräfte? Wie sind die jüngsten Ernennungen durch Modschtaba Chamenei zu verstehen?

Ich möchte zunächst kurz auf den Tod des älteren Chamenei eingehen. Es war wirklich ein Mord im Mafia-Stil. Der Morgen, an dem Chamenei eine Familienversammlung einberief – eine offene Familienversammlung –, fiel zufällig genau mit dem Zeitpunkt zusammen, zu dem sich iranische und US-amerikanische Vertreter*innen in Genf zu Verhandlungen trafen. Chameneis Fehleinschätzung bestand darin, zu glauben, dass keine Bomben fallen würden, da er gerade dabei war, Verhandlungen aufzunehmen. Also berief er diese Familienversammlung ein, und nicht nur er, sondern auch seine Tochter, seine Enkelin, sein Schwiegersohn und seine Schwiegertochter wurden getötet. Die Mafia zieht zumindest rote Linien. Ich vermute, dass Modschtaba bei dem Bombenanschlag schwer verletzt wurde, weshalb man ihn der Öffentlichkeit nicht zeigen will. Aber er ist nach wie vor geistig handlungsfähig und trifft die endgültigen Entscheidungen. Es gibt auch einen Bezug zur frühen islamischen Geschichte, zum verborgenen Imam. Er muss nicht persönlich erscheinen; sein Sprecher kann für ihn sprechen.

Was die Ernennungen angeht, so war Modschtaba lange Zeit die rechte Hand seines Vaters in Fragen des Militärs und der nationalen Sicherheit. Er hat persönliche Beziehungen aufgebaut und diesen Leuten verantwortungsvolle Positionen übertragen. Es geht nicht um die Frage, ob jemand ein Hardliner oder ein Gemäßigter ist. Es geht vielmehr darum, wem er vertraut; das ist vor allem ein Ingroup-Phänomen. Die Menschen betrachten diese Männer als Produkte der Revolutionsgarden und der Geistlichen. Aber sie repräsentieren im Grunde auch das Kleinbürgertum im Iran, die Bazaari-Klasse. Wenn man sich ihre Herkunft ansieht, stammt die Gruppe aus dieser sozialen Schicht. Sie sind untereinander verheiratet und somit eine ziemlich eng verbundene Gruppe.

Wie erklären Sie sich den Erfolg der Amerikaner und Israelis bei der Lokalisierung und Tötung ihrer Ziele?

Es ist nicht schwer herauszufinden, wo jemand wohnt – das ist ganz einfach. Daraus ziehen die Leute dann voreilige Schlüsse und überschätzen den israelischen Geheimdienst. Möglicherweise kennt er die Mitarbeiter*innen – wer wer ist und wo man die Leute findet. Aber seine Sichtweise auf den Iran ist bizarr. Um einige Beispiele zu nennen: Im Juni-Krieg warf er Flugblätter auf Hebräisch ab, in denen die jüdische Minderheit in Teheran dazu aufgerufen wurde, sich gegen die Republik zu erheben. Etwas Verantwortungsloseres kann ich mir kaum vorstellen. Die Überzeugung, dass vier Tage Bombardement das beteiligte Regime zu Fall bringen würden, beruhte ebenfalls auf einem völligen Missverständnis. Wir wissen inzwischen auch, dass ihr Kandidat, den sie an die Macht bringen wollten, Mahmud Ahmadinedschad war. Was könnte noch bizarrer sein? Nun hat das Regime ihn fest im Griff und nutzt ihn dazu, um zu zeigen, dass alle hinter ihm stehen. Irgendwann werden sie sich mit ihm auseinandersetzen müssen. Ich glaube nicht, dass sie die Tatsache außer Acht lassen können, dass er mit den Israelis zusammengearbeitet hat, um das Regime zu stürzen. Seit seiner Zeit als Präsident gibt es viel böses Blut zwischen ihm und der klerikalen Hierarchie. Ich vermute, seine Tage sind gezählt.

Trump erklärte zunächst, die Israelis hätten ihre designierten Oppositionsführer getötet. Vielleicht hatten sie neben Ahmadinedschad noch andere Personen im Sinn?

Ich denke nicht, dass Trump wusste, wer im Iran wer ist. Möglicherweise hatte er gelesen, dass jemand wie Ali Laridschani – der kaum als liberal bezeichnet werden konnte; er war vielmehr ein eingefleischter Konservativer, obwohl er mit Obama verhandelt hatte –, getötet worden war. Er dachte wahrscheinlich, dass dies die Kandidaten seien, mit denen Israel sich befassen wolle. Also hat er eins und eins zusammengezählt und kam auf drei. Dies verdeutlicht ein zentrales Problem, nämlich dass es in Washington eigentlich keine Personen gibt, die den Präsidenten zuverlässig informieren können. Deshalb hört er auf Leute wie Benjamin Netanjahu. Seinem Vizepräsidenten mag die Idee, gegen den Iran in den Krieg zu ziehen, zwar nicht gefallen haben, doch ihm fehlten die Argumente, um Trump davon zu überzeugen, dass dies eine schlechte Idee sei. Auch hier war die New York Times tatsächlich recht aufschlussreich. In einer gut funktionierenden Regierung gäbe es eine Arbeitsgruppe, die ein Memorandum zur Klärung der Situation vorlegen könnte. Welche Gefahren birgt ein Krieg? Wie hoch sind die Kosten? Welche Alternativen gibt es? So etwas gibt es heute in Washington nicht mehr. Ich bezweifle sogar, dass es auch nur einen einzigen Iran-Experten gibt, auf den im Weißen Haus gehört wird.

Die militärische Lage

Wie würden Sie die militärische Leistungsfähigkeit des Iran einschätzen? In den ersten Monaten des Krieges zeigten sich die USA und Israel recht triumphalistisch. Seitdem haben die US-Geheimdienste jedoch bestätigt, dass nur etwa ein Drittel des iranischen Raketenarsenals zerstört wurde, während der sechsmonatige Einsatz einen Großteil der amerikanischen Bestände an Abfangraketen und anderer Munition aufgezehrt hat.

Israel und die USA haben die Tatsache, dass sie die iranische Flotte versenkt hatten, groß herausgestellt. Sie hatten dessen Luftwaffe zerstört. Tatsache ist jedoch, dass es kaum eine Flotte gab, die man hätte versenken können. Auch die Luftwaffe war ziemlich klein. Der Iran hat schon immer auf Kurz- und Mittelstreckenraketen gesetzt. Die Drohnen waren eine Überraschung. Sie sind günstig und einfach herzustellen. Die New York Times gab zunächst an, dass jede Drohne 30.000 US-Dollar koste, korrigierte diesen Betrag dann jedoch auf 10.000 Dollar. Ich habe gelesen, dass ein im Ausland lebender iranischer Wirtschaftswissenschaftler die Kosten auf 4.000 Dollar beziffert. Jede amerikanische Rakete, die eine Drohne abschießt, kostet eine Million Dollar. Eine Million Dollar gegen 4.000 Dollar – das scheint ein guter Tausch für den Iran zu sein. Und sie können diese Drohnen in großem Maßstab produzieren.

Betrachtet man die orientalistischen Schriften ab dem 19. Jahrhundert, so wurde stets argumentiert, dass westliche Streitkräfte effizienter seien, weil sie Befugnisse an lokale Offiziere vor Ort delegieren, während orientalische Armeen dazu nicht in der Lage seien – dort müsse alles streng von der Zentrale aus kontrolliert werden. Der Krieg hat gezeigt, dass der Iran sehr wohl in der Lage ist, Befugnisse zu delegieren. Egal, wie viel Schaden man der Bürokratie in Teheran zufügt – die Offiziere am Golf können mit ihren Drohnen immer noch recht gut arbeiten. Es zeigt sich, dass die Menschen im Orient möglicherweise effizienter darin sind, Aufgaben zu delegieren, als die Menschen im Westen.

Sie haben angedeutet, dass das eigentliche Ziel Israels – und damit auch der USA – weniger ein Regimewechsel als vielmehr die Zerschlagung des iranischen Staates entlang ethnischer Grenzen sei. Was bleibt Ihrer Meinung nach von dieser Aussicht übrig?

Ich bin mir nicht sicher, ob sich irgendjemand im Weißen Haus wirklich Gedanken darüber gemacht hat. Aber ja, ich glaube, das war die israelische Strategie – die Zerschlagung des Iran, so wie im Irak, in Syrien und in Libyen. Die „Ahmadinedschad-Option“ hätte vielleicht ins Bild gepasst, denn nichts wäre ein besseres Rezept für einen Bürgerkrieg im Iran, als ihn als Präsidenten zu haben. Dies liefert jenen im Iran, die behaupten, es handele sich um einen Kampf ums nackte Überleben, weitere Argumente – denn ihre Gegner wollen nicht nur das Regime beseitigen, sondern das Land zerstören. Es überrascht mich, dass sie dieses Argument nicht öfter anführen. Ein Großteil der Öffentlichkeit glaubte, Trump sei aufrichtig besorgt darüber, dass Demonstrant*innen getötet würden, und dass er kommen und sie vor dem Regime retten würde. Die Monarchist*innen glaubten, der Schah werde wieder an die Macht gebracht. Die Mudschaheddin hielten sich selbst für die Kandidaten. Doch sie alle stellten schnell fest, dass die israelische Agenda ganz anders aussah.

Was glauben Sie, wie sieht die Strategie des Iran derzeit aus, und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Erfolg hat?

Meiner Auffassung nach besteht die Strategie im Wesentlichen darin, die Krise in die Länge zu ziehen. Man hofft auf einen Wandel in Washington, der jemanden an die Macht bringt, der zuverlässiger ist und mit dem man eine Einigung erzielen könnte. Sie halten dies für möglich, falls die derzeitige Krise anhält. Die Ölpreise gehen nicht zurück, sondern werden weiter steigen. Trump versucht, sie niedrig zu halten, indem er behauptet, eine Einigung oder Kapitulation stehe kurz bevor. Früher oder später wird die Wall Street erkennen, dass diese Krise nicht so schnell vorbei sein wird. Die Öl-, aber auch die Gaspreise und die Preise für Düngemittel werden hoch bleiben, was die Geldbeutel der Amerikaner*innen belasten wird. Das wird sich bei den Wahlen bemerkbar machen.

Lehren aus dem Krieg

Welche Lehren hat die iranische Führung Ihrer Meinung nach aus den Erfahrungen der letzten achtzehn Monate gezogen? Hat dies die Position derjenigen gestärkt, die argumentieren, dass der Iran letztendlich eine atomare Abschreckung benötigt, oder hat es vielmehr die Argumente dafür untermauert, zwar eine latente Befähigung dazu beizubehalten, aber von der Waffenproduktion abzusehen?

Ich finde das Argument, dass das Regime an Atomwaffen interessiert war, nicht überzeugend. Es gab eine kurze Phase, in der internationale Gutachter*innen zu dem Schluss kamen, dass der Iran daran interessiert sei, solche Waffen zu erwerben, während Washington behauptete, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen. Wenn man in Teheran gesessen und Saddam bereits chemische Waffen gegen einen eingesetzt hätte, dann wären sicherlich viele Menschen, sogar gemäßigte, zu dem Schluss gekommen: Wenn die Amerikaner davon überzeugt sind, dass Saddam über Atomwaffen verfügt, sollten wir besser etwas unternehmen. Sie setzten sich damals also meines Erachtens mit der Frage der Atomwaffen auseinander. Internationale Inspektoren kamen jedoch zu dem Schluss, dass dies endete, sobald die USA in den Irak einmarschierten und klar wurde, dass Saddam kein Atomwaffenprogramm besaß. Teheran war damit beschäftigt, Wissen und Anreicherungskapazitäten für Forschungszwecke aufzubauen, die in Zukunft bei Bedarf für die Herstellung von Waffen genutzt werden könnten. Als Barack Obama dann an den Tisch trat und sagte, die USA seien damit einverstanden, dass der Iran Forschung betreibe, solange er unter Aufsicht garantieren könne, dass er nicht vorhabe, diese für militärische Zwecke zu nutzen, wurde dies akzeptiert – selbst von den sogenannten Hardlinern. Das ist für mich ein Beweis dafür, dass sie nicht wirklich daran interessiert waren, derartige Waffen zu entwickeln.

Man darf nicht vergessen, dass der Iran sich auch nach Trumps Rückzug aus dem Abkommen weiterhin an die Auflagen und die Überwachung hielt, in der Hoffnung, dass die Europäer einspringen würden; schließlich waren die Europäer Teil des Abkommens. Erst als sie sahen, dass die Europäer dazu nicht bereit waren, erhöhten sie die Urananreicherung auf 60 Prozent, um sie so wieder an den Verhandlungstisch zu zwingen. Tatsache ist, dass das Regime bereit war, über die Atomfrage zu verhandeln. Es war schon immer der Westen, der sich unnachgiebig zeigte. Israel und der Westen haben stets gefordert, dass die Islamische Republik keinerlei Atomforschung betreiben dürfe – eine Ausnahme bildete die Obama-Regierung. Solange diese Forderung besteht, kann ich mir nicht vorstellen, wie selbst die Gemäßigten im Iran zu einer Einigung gelangen könnten.

Haben die Ereignisse der letzten anderthalb Jahre Ihrer Ansicht nach diese grundlegende Einschätzung nicht verändert?

Die Straße von Hormus hat Teheran einen stärkeren Trumpf in die Hand gegeben. Das ist für sie weitaus nützlicher als der Besitz einer Atomwaffe. Und ich glaube, dass dies langfristige strategische Auswirkungen zeitigen wird. Nach der Revolution richtete der Iran seinen Blick viel stärker auf das Mittelmeer, die Levante, die syrische Achse, die Hisbollah-Achse und Israel. Doch die beiden jüngsten Kriege zeigten der iranischen Führungsriege, dass ihre wahre Stärke im Golf liegt. Im Gegensatz dazu mussten sie in der Levante viele Opfer bringen, ohne dabei nennenswerte Erfolge zu erzielen. Ich gehe daher davon aus, dass es zu einer Neuausrichtung ihrer Gesamtstrategie kommen wird, und dies wird Auswirkungen auf die Hisbollah und auf Israel haben. 

Ironischerweise erinnert das sehr an den Schah. Sein Hauptanliegen war es, der große Boss am Golf und vielleicht auch am Indischen Ozean zu werden. Er baute eine große Flotte auf und eroberte unbewohnte Inseln im Golf. Das derzeitige Regime befindet sich im Grunde in derselben Lage. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit dies bereits konzeptionell ausgearbeitet wurde, aber das ist die Logik hinter dem, was sich gerade entfaltet.

Glauben Sie, dass dieser immer wieder aufflammende Krieg noch lange andauern wird?

Oder noch schlimmer. Denn sobald klar wird, dass der einzige Ausweg für Trump darin besteht, sein Gesicht zu verlieren, könnte er meiner Meinung nach die Feindseligkeiten nach den Zwischenwahlen eskalieren lassen, in der Überzeugung, dass ihm dies eine Art Sieg bescheren könne. Und da gibt es noch ein weiteres Problem. Russland steckt mittlerweile tief in der Ukraine fest. Sollte sich dies jedoch ändern, gibt es ein Abkommen aus dem Jahr 1921 zwischen Russland und dem Iran. Ein Großteil der sowjetischen Außenpolitik basierte im Wesentlichen auf diesem Abkommen von 1921, das Russland das Recht einräumt, Truppen zu entsenden, falls eine dritte Macht in den Iran einmarschiert. Darüber wird zwar nicht oft gesprochen, aber dies war schon immer der wichtigste Schutzschild, den der Iran gegenüber dem Westen besaß. Im Jahr 1951 machte sich Großbritannien bereit, in den Süden des Iran einzumarschieren, um sich das Öl zurückzuholen. Was sie davon abhielt, war die Erkenntnis, dass die Russen in diesem Fall ein internationales Recht auf Intervention besäßen. Derzeit lässt sich das nicht anwenden, da die Russen in der Ukraine feststecken. Sollte sich diese Situation jedoch ändern, könnte eine Invasion des Iran die Russen ins Spiel bringen oder ihnen das Recht geben, einzugreifen.

Ein mögliches Szenario wäre die Fortsetzung der Feindseligkeiten, wobei der Iran auf einen Regimewechsel in Washington setzt und die USA davon ausgehen, dass der Iran durch die Fortsetzung der Seeblockade einknicken wird, bevor der Ölpreis die Weltwirtschaft ins Schleudern bringt. Eine weitere Möglichkeit, die allerdings recht unwahrscheinlich erscheint, wäre eine Art US-Bodenoperation.

Das Problem der Amerikaner ist: Wenn das Regime so weitermachen kann, ohne einzuknicken, wie geht es dann weiter? Logistisch gesehen bin ich mir nicht sicher, ob die USA in der Lage sind, die Kontrolle über den Golf zu übernehmen. Schauen Sie sich die Bilder von der Straße von Hormus an. Das erinnert mich an Gallipoli im Ersten Weltkrieg. Und ich bin mir nicht sicher, ob die Ölpreise im Westen unter 100 Dollar pro Barrel bleiben werden. Sobald die Wirtschaft erkennt, dass Trump sie im Grunde genommen hinters Licht führt, indem er ihnen weismacht, das Problem stehe kurz vor der Lösung oder sei bereits unter Kontrolle, könnten die Preise völlig verrücktspielen. Länder wie die Philippinen, Indonesien, Myanmar und Indien hängen in hohem Maße vom Öl aus der Golfregion ab. Und die Amerikaner sind so sehr aufs Autofahren angewiesen, dass es den Menschen wirklich ins Geld geht, wenn der Benzinpreis auf fünf Dollar pro Gallone steigt. Und die Preise werden steigen. Die Frage ist, wie viel die Wall Street verkraften kann: 120 Dollar, 130 Dollar pro Fass? Bislang ist es ihnen gelungen, die Lage unter Kontrolle zu halten, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das angesichts der anhaltenden Krise zeitlich unbegrenzt schaffen werden.

Der Iran scheint also in einer starken Position zu sein?

Ich glaube nicht, dass das von ihm so geplant war. Das liegt an der Dummheit der Leute in Washington.

Deutsche Erstveröffentlichung des Textes „Exchange Ratio“, der zuerst von der „New Left Review“ publiziert wurde. Die Zwischenüberschriften wurden redaktionell eingefügt.

Weitere Inhalte zum Thema

9/11: 25 Jahre imperialistischer Kriege

: Interview 10.09.2026

Gilbert Achcar über das Erbe des „Kriegs gegen den Terror“, die Niederlage des Arabischen Frühlings…

Mit pragmatischem Pazifismus gegen die Ideologie der Aufrüstung

: „Luxemburg“ Artikel 08/2026

Neben Tod und Leid durch Kriege sind die Auswirkungen von Aufrüstung auch dann verheerend, wenn es…

„Hell no, we won’t go!“ , 04 November 2026

: Lesung/Gespräch

Hamburg18:30 Uhr

Der antimilitaristische Widerstand in der US-Armee und der US-Zivilgesellschaft