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Analyse , : Schwedens linke Mehrheit

Das linke Lager hat knapp gewonnen, aber die Regierungsbildung wird schwierig

Wichtige Fakten

Autor
Duroyan Fertl,

Details

Wahlplakate vor dem Parlamentsgebäude in Stockholm im Vorfeld der Parlamentswahl 2026
Wer muss gehen? Wahlplakate vor dem Parlamentsgebäude in Stockholm im Vorfeld der Parlamentswahl 2026 IMAGO / TT

Die Wahl zum Riksdag, dem schwedischen Parlament, vom 13. September brachte nur geringe Stimmenverschiebungen – aber eine neue parlamentarische Mehrheit. Die Mitte-Links-Opposition unter Führung der ehemaligen sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Magdalena Andersson erzielte einen hauchdünnen Vorsprung von 0,8 Prozent gegenüber der scheidenden Regierung. Damit gewann sie 176 Sitze gegenüber den 173 Sitzen des rechten Lagers. 

Die Sozialdemokratie ist nach wie vor die mit Abstand stärkste Partei, aber die 28 Prozent bedeuten ihr schwächstes Ergebnis seit mehr als einem Jahrhundert. Selbst wenn Andersson nach vier Jahren in der Opposition wieder ins Amt zurückkehrte, könnten Unstimmigkeiten zwischen ihren potenziellen Koalitionspartnern die Bildung einer Regierung erschweren. Sie könnten auch den Spielraum der neuen Regierung einschränken, mit den vier Jahren rechter Regierungszeit unter Einfluss der rechtsextremen Schwedendemokraten zu brechen.

Die Wahl brachte indessen deutliche Zugewinne für das linke Lager, mit Zugewinnen für die Linkspartei und die Grünen. In den letzten Wochen des Wahlkampfes verdrängten die Sorgen um Kaufkraft, Gesundheitswesen, Schulen und die Qualität des Wohlfahrtsstaates zunehmend Einwanderung und Kriminalität – Themen, bei denen die Sozialdemokratie selbst stark nach rechts gerückt war und dazu beigetragen hatte, die fremdenfeindliche Rhetorik der Rechtsextremen zum Mainstream zu machen. Dies scheint den Wähler*innen, die nach einer klarer linken Alternative suchen, Raum gegeben zu haben; insbesondere bei der Linkspartei stieß der stark auf die Lebenshaltungskosten und öffentliche Daseinsvorsorge konzentrierte Wahlkampf offenbar auf Resonanz. Eine starke Betonung des direkten Wählerkontakts – die Partei führte einen massiven Wahlkampf an den Haustüren, mit Telefonanrufen und lokaler Mobilisierung – könnte dazu beigetragen haben, diesen günstigen Sachverhalt in Stimmen umzusetzen.

Trotz des knappen Sieges des linken Blocks bleiben Anderssons potenzielle Regierungsverbündete uneins. Die Frage ist daher nicht einfach, ob die Linke in die Regierung zurückkehren kann, sondern welche Politik sie nach vier Jahren rechtsextremen Einflusses bieten kann.

Schwindende Unterstützung der Sozialdemokratie

Der „Reichstag“ umfasst derzeit acht Parteien, die in zwei Blöcke unterteilt sind. Die Mitte-Links-Opposition – Sozialdemokraten (S), Grüne (MP), Linkspartei (V) und Zentrumspartei (C) – behaupteten den Großteil des Sommers über einen bedeutenden Vorsprung gegenüber dem rechten „Tidö“-Block, der aus den Moderaten (M), Christdemokraten (KD), Liberalen (L) und Schwedendemokraten (SD) besteht. 

Durch einen schwachen Wahlkampf, bei dem die Sozialdemokratie versuchte, die Wähler*innen des rechten wie linken Lagers zufriedenzustellen, aber letztlich keine der beiden Seiten überzeugen konnte, fiel ihre Unterstützung auf nur 28 Prozent – ein historisch schlechtes Ergebnis und ein Verlust gegenüber 2022, als sie 30,3 Prozent erzielte. Linkspartei, Grüne und Zentrumspartei haben sich gut geschlagen und 8,4 Prozent (plus 1,6), 6,1 Prozent (plus 1,0) und 7 Prozent (plus 0,3) der abgegebenen Stimmen gewonnen. 

Auf der rechten Seite waren die Schwedendemokraten mit rund 17,5 Prozent (minus drei Prozent) die großen Verlierer. Damit erlitten sie erstmals seit ihrem Einzug ins Parlament Stimmenverluste und fielen hinter die Moderaten zurück. Ironischerweise verzeichneten alle drei offiziellen Regierungsparteien bescheidenen Zuwachs an Zustimmung: Die Moderaten stiegen auf 19,9 Prozent (plus 0,8), die Christdemokraten erreichten 6,2 Prozent (plus 0,9), und die Liberalen überwanden mit 5,1 Prozent (plus 0,7) die Vier-Prozent-Hürde, unter der sie einen Großteil des Wahlkampfs gelegen hatten. 

Während Magdalena Andersson nun gute Aussichten hat, in das Amt der Ministerpräsidentin zurückzukehren, verspricht das Ergebnis keine stabile Regierung. Die geschwächte Position der Sozialdemokratie bedeutet, dass eine Regierung des linken Blocks die Beteiligung aller drei kleineren Parteien der linken Mitte erfordert – eine Konstellation, die durch das Beharren der Linkspartei auf direkter Regierungsbeteiligung als Bedingung für ihre Unterstützung noch komplizierter wird. Die Sozialdemokrat*innen zeigten sich darüber wenig begeistert, während die Zentrumspartei – traditionell eine Partei der rechten Mitte – diese Forderung umgehend ablehnte.

Die Hoffnung der Zentrumspartei und einiger Sozialdemokrat*innen, die Christdemokratie überzeugen zu können, eine S-MP-C-Minderheitsregierung zu unterstützen (oder sich ihr sogar anzuschließen), wurde von Ebba Busch, der christdemokratischen Parteiführerin, umgehend zunichtegemacht. Die Versuche der Sozialdemokrat*innen, im rechten Lager nach Verbündeten und Wählerstimmen zu suchen, ermutigten jene linken Wähler*innen, die angesichts des Rechtsrucks der Partei in den Bereichen Migration, Kriminalität und Staatsbürgerschaft ohnehin bereits beunruhigt waren, nur noch mehr, sich der Linkspartei oder den Grünen zuzuwenden. 

Trotz der knappen Niederlage des Rechtsblocks hat Ulf Kristersson, der Parteiführer der Moderaten, nicht ausgeschlossen, selbst eine Regierung zu bilden, was weiteren Druck auf die Mitte-Links-Parteien zur Bildung einer funktionierenden Regierung ausübt.

Die rechtsextremen Schwedendemokraten

Die Spannungen im Mitte-Rechts-Lager, vor allem bezüglich der Positionierung gegenüber den Schwedendemokraten (SD), wurden bereits vor der Wahl zu deren Gunsten gelöst. Die SD gingen 1988 aus der rassistischen, rechtsextremen Organisation „Schweden soll schwedisch bleiben“ (die wiederum von Nazis und Neonazis gegründet worden war) hervor und verbrachten anschließend 30 Jahre hinter einer politischen Brandmauer. 2022 wurden sie zweitstärkste Partei mit 20,5 Prozent der Stimmen. Eine Beteiligung an der Regierung scheiterte jedoch – weniger an der Brandmauer, als vielmehr an der Entscheidung der Moderaten, Christdemokraten und Liberalen, durch das Tidö-Abkommen (benannt nach dem Schloss, in dem es ausgehandelt wurde) eine Minderheitsregierung zu bilden, die von der Tolerierung durch die SD abhängig war.

Das Tidö-Abkommen gewährte den Schwedendemokraten die meisten ihrer wichtigsten politischen Forderungen, darunter strengere strafrechtliche Sanktionen, erweiterte Abschiebebefugnisse (etwa aus Gründen der „zweifelhaften Moral“), strengere Asyl-, Aufenthalts- und Staatsbürgerschaftsvorschriften sowie eine Umstellung von erneuerbaren Energien auf Atomenergie. Außerdem wurde den SD eine beispiellose Koordinierungsstelle innerhalb der Regierungsbehörden eingeräumt, die es den Rechtsextremen ermöglichte, bei Gesetzgebung und Haushalt mit den Regierungsparteien zusammenzuarbeiten und diese zu beeinflussen, ein Veto gegen zentrale innenpolitische Vorhaben einzulegen und Zugang zu Informationen und Besprechungen zu erhalten, die normalerweise den Minister*innen vorbehalten bleiben. Die SD avancierten damit zu einer Regierungsmacht ohne Ministerposten. Ein Großteil des reaktionären Programms des Tidö-Abkommens, insbesondere in den Bereichen Migration sowie Recht und Ordnung, wurde seitdem umgesetzt.

Statt sich durch Regierungsnähe politisch zu mäßigen, verstärkten die Schwedendemokraten ihre provokante Rhetorik weiter. Ihr Wahlkampfslogan „Schweden wieder zu Schweden machen“ – ein klarer Hinweis auf die rechtsradikalen Ursprünge der Partei – ging mit hetzerischen Angriffen auf Migrant*innen und Sozialhilfeempfänger*innen einher. Dazu gehörte, Busse in Westschweden flächendeckend mit der Botschaft zu versehen: „Vermissen Sie Mogadischu? Der Rückführungszuschuss hilft Ihnen nach Hause“. Die Partei gab zudem über eine Million Schwedische Kronen (SEK) dafür aus, den Hauptbahnhof Stockholms mit ähnlich hetzerischen Plakaten vollzukleistern. Im Verlauf des Wahlkampfes wurde die Verhinderung eines Regierungseintritts der SD zu einem zentralen Wahlkampfthema der Parteien des linken Lagers.

Im rechten Lager lautete die Frage nun jedoch nicht länger, ob die Schwedendemokraten einer rechten Regierung beitreten, sondern wie viel direkte Macht sie erhalten sollten – ihr Parteiführer, Jimmie Åkesson, forderte zwölf Ministerposten. Sowohl die Moderaten als auch die Christdemokrat*innen akzeptierten die Aussicht auf eine volle Beteiligung der SD, und nachdem die Liberalen sich anfangs dagegenstellten, gab die neue Parteiführung im März dieses Jahres ihren Widerstand auf. Dieser Rückschlag löste massive interne Umwälzungen aus, kostete wichtige öffentliche Unterstützung und ließ die Partei bis wenige Tage vor der Wahl zittern, ob sie die Vier-Prozent-Hürde überwinden könne.

Mit diesen Veränderungen sind die Schwedendemokraten nun ein vollwertiger Teil des rechten Blocks Schwedens. Die Normalisierung der Partei hat auch Raum für andere, mitunter noch gefährlichere Ausdrucksformen rechtsextremer Politik geschaffen. Vorfälle islamophober und rechtsextremer Gewalt – bis hin zu Aktivitäten im Zusammenhang mit dem globalen Phänomen der Active Clubs – haben zugenommen. In Örebro, wo 2025 ein bewaffneter Mann zehn Menschen tötete (die meisten davon mit Migrationshintergrund), erlangte die obskure Örebro-Partei, die noch weiter rechts steht als die SD und massive finanzielle Unterstützung vom Tech-Unternehmer Daniel Berntsson erhielt, während des Wahlkampfs erhebliche mediale Aufmerksamkeit, verfehlte aber den Einzug ins Parlament. 

Linkspartei will Ungleichheit bekämpfen

Während die Rechten versuchten, Kriminalität und Einwanderung erneut zum zentralen Wahlkampfthema zu machen, gewannen auch die Sorgen um die öffentliche Daseinsvorsorge und die Lebenshaltungskosten an Bedeutung. Da Schwedens Wohlfahrtsmodell zunehmend unter Druck gerät, wurde dieser Themenschwerpunkt durch die Tatsache verstärkt, dass es sich um eine Dreifachwahl handelte, da neben dem Parlament auch die 21 schwedischen Regionalräte (die für Gesundheit, öffentliche Verkehrsmittel und regionale Entwicklung zuständig sind) und 290 Gemeinden (die Schulen, Sozialdienste, Betreuung und Freizeiteinrichtungen verwalten) neu gewählt wurden. 

In Schweden herrscht ein Mangel an Pflegefachkräften (der durch die jüngsten Einwanderungsreformen verschärft wurde) und an Seniorenbetreuer*innen. Die Wartezeiten in der Notaufnahme verlängern sich drastisch, und die Lebensmittel-, Wohn- und Energiekosten wollen einfach nicht sinken. Das Land hat zudem die dritthöchste Arbeitslosenquote in der Europäischen Union und eine Jugendarbeitslosenquote von 23,3 Prozent.

Im Bestreben, ihre traditionelle Unterstützerbasis zu stärken, legten die Sozialdemokrat*innen eine Reihe von Vorschlägen vor, darunter kostenlose Zahnbehandlung für Personen unter 23 Jahren und eine günstigere Behandlung für die übrigen Erwachsenen, höhere Kinder- und Ausbildungszulagen, höhere Steuern für Banken und Gutverdienende, mehr Gewerkschaftsrechte und Krankengeld ab dem ersten Tag. Zugleich versprachen sie, die Staatsschulden zu reduzieren.

Die rechte Regierung, die sich wirtschaftspolitisch angesichts sinkender Inflation auf der sicheren Seite wähnte, senkte die Treibstoffsteuer, halbierte vorübergehend die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel und versprach kostenlose Kindergartenplätze. Auch die SD versprachen subventionierte Zahnbehandlungen, während die Christdemokrat*innen eine Verdoppelung des Kindergelds und Steuererleichterungen für Kleinunternehmen forderten.

Die Linkspartei verfolgte einen radikaleren Ansatz und stellte die Wahl als Chance dar, Jahrzehnte der Ungleichheit und Erosion der öffentlichen Daseinsvorsorge umzukehren. Zu den Forderungen zählten die allgemeine zahnmedizinische Versorgung (ein Problem, das später von der Sozialdemokratie aufgegriffen wurde), eine „Milliardärsteuer“ zur Einnahme von 50 Milliarden SEK (knapp 4,5 Milliarden Euro), strengere Preiskontrollen, billigere Lebensmittel und erweiterte öffentliche Investitionen sowie mehr medizinisches Personal, eine bessere Grundversorgung und ein Ende von gewinnorientierter Wohlfahrt und marktorientierter Bildung.

In Bezug auf Klima und Infrastruktur plädierte die Vänsterpartiet für eine viel größere Rolle öffentlicher Investitionen in den Wandel – Ausbau des Schienennetzes und des öffentlichen Nahverkehrs, Renovierung und Bau klimafreundlicher Wohnungen und Unterstützung der industriellen Wende. Sie forderte nicht nur höhere Ausgaben, sondern auch mehr öffentliches Eigentum, demokratische Kontrolle und eine Umverteilung von Reichtum und Macht. Obwohl die Grünen und Sozialdemokrat*innen ebenfalls zusätzliche Mittel für Schulen, Gesundheitswesen, Klima, Regionen und Gemeinden versprachen, ließen sie weniger Bereitschaft erkennen, die Privatisierungs- und Marktmechanismen infrage zu stellen, die Schwedens Wohlfahrtsstaat untergraben haben, auch unter früheren sozialdemokratisch geführten Regierungen.

Die Linkspartei hat die Jahre seit der letzten Wahl dazu genutzt, sich auf das Regieren vorzubereiten, auch durch eine Entschärfung ihrer Positionen zu NATO und EU. Ihre Forderung nach Ministerämtern ist, obwohl in der Partei selbst stark umstritten, von zentraler Bedeutung für ihre Strategie des Wandels. Denn die frühere Tolerierung sozialdemokratisch geführter Regierungen hatte der Linken nur begrenzten Einfluss verliehen, sodass die Sozialdemokrat*innen wiederholt Kompromisse mit weiter rechts stehenden Parteien eingehen konnten. Eine Beteiligung an der Regierung würde der Linkspartei mehr Einfluss auf die Sozial-, Steuer-, Wohnungs- und Klimapolitik verschaffen.

Für die Zentrumspartei ist jedoch genau dies der Grund, warum sie sich gegen den Regierungseintritt der Linkspartei wehrt. Obwohl die Partei sich von ihren ehemaligen rechten Verbündeten entfernt hatte aufgrund von deren Zusammenarbeit mit den SD, setzt sie sich weiterhin für niedrigere Steuern, einen „flexiblen“ Arbeitsmarkt und für gewinnorientierte Schulen und Sozialeinrichtungen ein. Die Zentrumspartei lehnt auch die sozialdemokratischen Vorschläge für höhere Unternehmensteuern, Arbeitnehmerrechte und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ab; sie bevorzugt weiterhin eine S-MP-C-KD-Regierung. Angesichts des äußerst knappen Wahlausgangs könnte sich die Unnachgiebigkeit der Zentrumspartei als entscheidend erweisen.

Wahlthemen Teenager-Abschiebungen und Klimawandel

Die Folgen der immer restriktiveren Migrationspolitik Schwedens verweisen auch auf die Grenzen des Wandels unter Führung der Sozialdemokratie. Besonders umstrittenen sind die „Teenager-Abschiebungen“ – hier führen verschärfte Migrationsgesetze dazu, dass Kindern von Migrant*innen, die oftmals in Schweden aufgewachsen sind, im Erwachsenenalter die Abschiebung droht, während ihre Eltern und jüngeren Geschwister im Land bleiben. In der aktuellen Berichterstattung wurden für das Jahr 2025 mindestens 127 solcher Abschiebefälle ermittelt, bei denen es sich in vielen Fällen um „gut integrierte“ Kinder handelte, die kaum oder gar keine Verbindung zu den Ländern hatten, in die sie geschickt wurden (wie Ägypten und Iran).

Angesichts des Aufschreis der Öffentlichkeit stoppte die Regierung vorübergehend die Deportationen und hob schließlich das Mindestalter für solche Abschiebungen von 18 auf 21 Jahre an. Dies kam allerdings für Hunderte von Betroffenen zu spät. Darüber hinaus offenbarte das Thema eine tiefer liegende politische Herausforderung. Nachdem die Sozialdemokrat*innen in Bezug auf Migration und Integration nach rechts gerückt waren und Angst davor hatten, als „weich“ zu erscheinen, weigerten sie sich zunächst, Gesetzesvorhaben von Linken, Grünen und Zentrumspartei zu unterstützen, um die Abschiebungen zu stoppen. Angesichts der immensen Gegenreaktion sprach sich die Partei schließlich zwar gegen die Abschiebungen aus, doch sie unterstützt weiterhin eine restriktive Migrationspolitik, darunter Regierungsvorschläge, die es erleichtern sollen, Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft die schwedische Staatsbürgerschaft zu entziehen. Diese Begebenheit lässt daher Zweifel daran aufkommen, ob bzw. inwieweit die Sozialdemokrat*innen an der Regierung vom Tidö-Konsens in der Migrationsfrage abrücken werden.

Die Klimapolitik ist eine weitere Trennlinie: In einer kürzlich durchgeführten Umfrage nannten 37 Prozent der Befragten den Klimawandel als ein Hauptthema der Wahl. Schweden inszeniert sich schon lange als Vorreiter für Klimaschutz, aber die Tidö-Regierung hat frühere Bestrebungen abgeschwächt, wichtige neue Eisenbahnlinien auf Eis gelegt, Pläne für Nachtzüge ausgesetzt sowie Atomenergie und billige fossile Brennstoffe gegenüber erneuerbaren Energien priorisiert. Am 23. August demonstrierten rund 50.000 Klimaaktivist*innen in Stockholm – fünf Mal so viele wie erwartet – und forderten bessere Klimaschutzmaßnahmen.

Die sozialdemokratische Klimastrategie konzentriert sich stark auf die Industrie, einschließlich Stahlerzeugung, Bergbau und Elektrifizierung ohne fossile Kraftstoffe. Rückschläge, darunter der Konkurs des Batterieentwicklers Northvolt, offenbarten jedoch die Risiken hoher, mit öffentlichen Mitteln geförderter Privatinvestitionen. Die Strategie wird auch von Umweltschützer*innen und der Linken kritisiert für ihre mangelnde Dringlichkeit, die Abhängigkeit vom „grünen Kapitalismus“ und die unzureichende Berücksichtigung von Biodiversität, Wäldern und Naturschutz.

Im Gegensatz dazu plädiert die Linkspartei für umfassendere öffentliche Investitionen: Ausbau des Schienennetzes, des öffentlichen Nahverkehrs und der Nachtzüge, Sanierung und Neubau klimafreundlicher Wohnungen, Unterstützung des industriellen Wandels und günstigerer Elektrofahrzeuge sowie Investitionen in die häusliche Energieversorgung. Zu den Wahlkampfvorschlägen der Linken gehörten auch eine Fahrkarte für die landesweite Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel, die 450 SEK (rund 40 Euro) monatlich kosten sollte, sowie „schwedische Preise“, um den inländischen Strom von den europäischen Energiemärkten zu entkoppeln. Die Vänsterpartiet besteht darauf, dass verstärkte öffentliche Investitionen mit mehr öffentlichem Eigentum und demokratischer Kontrolle einhergehen sollten.

Dämonisierung der Linken geht nach hinten los

Nachdem Russlands Großinvasion der Ukraine die jahrzehntelange militärische Neutralität beendet hatte, trat Schweden im März 2024 der NATO bei. Die NATO-Mitgliedschaft hatte jedoch wenig Wirkung auf den Wahlkampf. Die meisten großen Parteien sind sich inzwischen über die Mitgliedschaft, die Bedrohung durch Russland und die Erhöhung der Verteidigungsausgaben einig. Schweden integriert sich rasch in die NATO und erhöht die Militärausgaben, während es der Ukraine erhebliche Unterstützung zukommen lässt. Es bleibt einer potenziellen Linksregierung überlassen, diese Verpflichtungen mit Investitionen in Gesundheitsversorgung, Bildungswesen, Wohnungsbau und Klimaschutz in Einklang zu bringen.

Die Linkspartei ist weiterhin gegen die NATO, akzeptiert aber die schwedische Mitgliedschaft als Realität. Sie konzentriert sich auf die Sicherheitspolitik innerhalb der Allianz, fordert ein Verbot von Atomwaffen, stellt sich gegen ausländische Militärbasen und ist bestrebt, Schwedens diplomatische Unabhängigkeit zu erhalten. Die pragmatische Akzeptanz der NATO-Mitgliedschaft beseitigt ein formelles Hindernis für einen Regierungseintritt der Linkspartei, reicht aber nicht aus, um Spannungen mit ihren potenziellen Partnern beizulegen oder die Dämonisierung der Partei in der Mainstream-Presse zu verhindern.

In den letzten Wochen des Wahlkampfs betrieb die rechte Zeitung „Expressen“ eine Abschreckungskampagne bezüglich einer möglichen Mitte-Links-Regierung, in der sie in Leitartikeln Warnmeldungen verbreitete wie „die Linke kann die schwedische Wirtschaft ruinieren“. Insbesondere die Linkspartei wurde permanent angegriffen, einschließlich der gezielten Verfolgung lokaler Wahlkandidat*innen wegen der – teilweise gerechtfertigten, aber rasch geklärten – Anschuldigungen des „Antisemitismus“ und der „Terrorromantik“ sowie der Kritik an der Partei wegen des Treffens mit Politiker*innen der palästinensischen Partei Fatah. 

Die Angriffe verfehlten indes die erhoffte Wirkung. Die Linkspartei konnte in den Stadtzentren bedeutende Gewinne verzeichnen – insbesondere in Vororten mit einem hohen Anteil an Wähler*innen mit Migrationshintergrund, bei Erst- und Jungwähler*innen sowie Frauen. Diese Wählergruppen, die bereits unter den Lebenshaltungskosten und verschlechterten öffentlichen Dienstleistungen litten, wurden auch durch den Rechtsruck der Sozialdemokratie in der Migration abgeschreckt. 

Diese Zugewinne waren das Ergebnis einer beispiellosen Basiskampagne der Linken, bei der Aktivist*innen an eine halbe Million Türen klopften und ebenso viele Telefonate führten. Am deutlichsten fiel der Anstieg in jenen Gebieten aus, in denen die Linke am besten organisiert war – etwa in den drei größten Städten Schwedens: Stockholm, Göteborg und vor allem in Malmö. Alle drei Städte sind nach links gerückt und werden nun von „rot-rot-grünen“ Mehrheitskoalitionen regiert.

Was kommt nach der Tidö-Regierung?

Die linke Mitte hat die Wahl gewonnen, aber eine von Andersson geführte Regierung würde – sofern sie gebildet werden kann – eine politische Landschaft erben, die durch Mitte-rechts- und rechtsextreme Kräfte sowie durch jahrelange, zunehmend restriktive Migrationspolitik, härtere Strafjustiz, erhöhte Militärausgaben und eine marktorientierte Wirtschaftspolitik tiefgreifend verändert wurde – Entwicklungen, an denen die Sozialdemokrat*innen selbst mitwirkten. Ihre Rückkehr an die Regierung wird diese Entwicklung nicht einfach umkehren.

Die Wahl war nicht nur ein Test dafür, wer Schweden auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene regieren wird, sondern auch dafür, ob die öffentliche Daseinsvorsorge, die Demokratie und der Egalitarismus, die Schweden einst zu repräsentieren vorgab, verteidigt und wiederhergestellt werden. Die stärkere Position der Linken – aufbauend auf ihrem hervorragenden Wahlergebnis bei der Europawahl 2024 – hat ihr die Gelegenheit eröffnet, die nächste Regierung in Richtung Vermögensumverteilung sowie mehr soziale Sicherheit, höhere öffentliche Investitionen und einen ehrgeizigeren Klimaschutz zu drängen.

Die Linkspartei muss jedoch beweisen, dass sie in Machtnähe agieren kann, ohne zu einem linken Anhängsel der Sozialdemokratie zu werden. Zugleich muss sie eine überzeugende Antwort auf die Politik der Unsicherheit entwickeln. Die Schwedendemokraten haben Jahrzehnte damit verbracht, vom politischen Rand ins Zentrum der schwedischen Politik vorzurücken. Die Aufgabe der Linken besteht nicht nur darin, sie aus der Regierung zu entfernen, sondern auch die materiellen und politischen Bedingungen zu ändern, die es ihnen überhaupt erst ermöglicht haben, dorthin zu gelangen.

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