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Meisterspion, Trinker, Schürzenjäger, Abenteurer – so wurde Richard Sorge in den 1950er und 1960er Jahren betitelt. Zugespitzt, ja. Aber auch arg verfälschend, vereinfachend, lückenhaft – und diese Etikette sind bis heute gegenwärtig. Wenige Monate vor seinem Tod konnte der Sozial- und Politikwissenschaftler Jörg Becker noch eine Abhandlung fertigstellen, die mit diesen Legenden aufzuräumen weiß und dabei unser Bild über Richard Sorge schärft und erweitert.
Wie Becker in seiner Danksagung erwähnt, hat er mehr als ein halbes Jahrzehnt an diesem Buch gesessen. Der Fokus seiner Arbeit liegt auf den Jahren 1918 bis 1924, einem Zeitabschnitt, aus dem bislang ohnehin nur wenig über das Leben und Wirken Richard Sorges bekannt gewesen ist. Vor allem seine Arbeit als Redakteur der kommunistisch orientierten Solinger Bergischen Arbeiterstimme wird gründlich beleuchtet, ebenso sein intensiver Briefwechsel mit dem späteren DDR-Funktionär Erich Correns (1896-1981). Herangezogen werden weitere bislang unbekannte Ego-Dokumente. Gewürdigt wird seine damalige Ehefrau Christiane Gerlach (1887-1977) als eigenständige Persönlichkeit. Es finden sich knappe Porträts mehrerer weiterer Weggefährten – in erster Linie «[b]erühmte kommunistische Genossinnen und Genosse» (so der Titel eines Abschnittes im zweiten Teil). Darunter besonders aufschlussreich das von Kurt Albert Gerlach (1886-1922), der ursprünglich für die Gründung des Instituts für Sozialforschung vorgesehene Direktor (1). Sorge hatte den Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen schon im Kieler ‚radikalen Milieu‘ (2) kennengelernt, war ihm erst nach Aachen und später nach Frankfurt/Main gefolgt. Sorge war dann nach Gerlachs plötzlichen Tod im Folgejahr auch an der Durchführung der Ersten Marxistischen Arbeitswoche beteiligt gewesen (3).
In seiner vorhergehenden Solinger Zeit veröffentlichte Sorge 1922/1923 – was nur kaum und auch nur Wenigen bekannt ist – eine 64-seitige Abhandlung über Rosa Luxemburgs «Akkumulation des Kapitals»(4). Damit ist er zeitgenössisch, laut Becker, der erste Autor überhaupt, der eine Monografie über Luxemburgs Werk erstellte. Zuvor hatte Sorge 1919 mit «Die Reichstarife des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine» seine Doktorarbeiter veröffentlicht, 1925 folgte «Das Dawes-Abkommen und seine Auswirkungen», unter dem Autorennamen I. K. Sorge. Sein letztes Buch erschien 1928 unter dem Pseudonym R. Sonter mit dem Titel «Der neue deutsche Imperialismus». 60 Jahres später wurde es mit im Berliner Dietz Verlag neu aufgelegt.
Besonders hilfreich ist die von Becker am Ende seines Buches zusammengestellte ausführliche Bibliografie aller bekannten Veröffentlichungen Sorges, beginnend 1919 mit neu gefundenen Artikeln aus der Hamburger Volks-Zeitung, über pseudonym erschienene Stücke bis hin zu seinen journalistischen Arbeiten für die Frankfurter Zeitung und das Frankfurter Handelsblatt, die er in seiner Zeit in Japan ab 1936 bis 1941 verfasste. Nicht zuletzt dadurch wird Beckers Buch über den späteren Spion zu einem gelungenen und gut lesbaren Versuch, den Legenden rund um den Richard Sorge entgegenzuwirken. Wie Becker selbst hervorhebt, wird seine biographische Darstellung allerdings wohl nicht das letzte Wort gewesen sein. Noch immer lagern in den russischen Archiven zahlreiche nicht ausgewertete Materialien, die Auskunft über Sorges Lebensweg in den 1930er und 1940er Jahren geben. Erst wenn diese zugänglich gemacht werden, kann eine umfassende biografische Darstellung angefertigt werden. Es bleibt zu hoffen, dass dies möglich wird – wenn nur endlich dieser aktuell tobende Krieg nachhaltig beendet wird.
(1) Siehe Sebastian Klauke: Vor 100 Jahren wurde das Institut für Sozialforschung eröffnet. Ein kurzer Streifzug durch seine Geschichte (rosalux.de, 22. Juni 2024).
(2) Detlef Siegfried: Das radikale Milieu. Kieler Novemberrevolution, Sozialwissenschaft und Linksradikalismus 1917–1922, Wiesbaden 2004.
(3) Siehe Sebastian Klauke: 100 Jahre Erste Marxistische Arbeitswoche (rosalux.de, 18. Mai 2023)
(4) Das seltene Buch ist über die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung frei zugänglich: https://library.fes.de/pdf-files/bibliothek/bestand/a-52707.pdf (abgerufen am 14. September 2026).