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Am 19. September landete der französische Präsident Emmanuel Macron in Saint-Pierre-et-Miquelon, dem letzten verbliebenen französischen Territorium in Nordamerika. Auf dem winzigen Fischerarchipel leben weniger als 6.000 Menschen, allesamt vollwertige französische Staatsbürger*innen. Selbst im frankophonen Teils Kanadas ist die Inselgruppe relativ unbekannt; sie ist so klein, dass viele unverzichtbare Fachkräfte, darunter medizinisches Personal für das einzige Krankenhaus, vom französischen Festland kommen und Obst und Gemüse, wie auch andere Waren, importiert werden müssen. Dennoch verweilte der französische Präsident drei Tage dort.
Warum jedoch absolvierte das französisches Staatsoberhaupt mit einer vollständigen Delegation einen mehrtägigen Besuch auf diesem kleinen Archipel, und warum schloss der kanadische Premierminister sich ihm dort an?
Die beiden taten sich zusammen, um gegenüber Trumps Washington Stärke zu demonstrieren.
Umstrittene Inselgruppe
Saint-Pierre-et-Miquelon befand sich bereits früher einmal in einer Zwickmühle. Die Inseln wechselten mehrmals zwischen Großbritannien und Frankreich hin und her, bevor sie im Rahmen des Pariser Vertrags von 1814 endgültig an Frankreich zurückgegeben wurden. Während des Zweiten Weltkriegs standen sie unter der Kontrolle des Vichy-Regimes, bis am 24. Dezember 1941 Korvetten und das U-Boot „Surcouf“ eintrafen und die Inseln für das Freie Frankreich gewannen. Der Archipel entsandte daraufhin Soldaten, um gemeinsam mit den Freien Franzosen gegen die deutschen Besatzer auf dem französischen Festland zu kämpfen, wobei viele junge Männer von den kleinen Inseln ihr Leben ließen.
Heute sorgt sich der Archipel erneut um seine Unabhängigkeit, diesmal jedoch aufgrund einer Bedrohung durch die Vereinigten Staaten. Am 7. September veröffentlichte Trump einen für ihn sehr typischen Beitrag auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social, der eine Landkarte fast des gesamten nördlichen Teils der westlichen Hemisphäre zeigte, einschließlich der kontinentalen Vereinigten Staaten, Mexikos, Mittelamerikas, des größten Teils der Karibik, Kanadas, Alaskas, Grönlands und sogar Islands – allesamt mit der US-Flagge bedeckt. Der Beitrag verstärkte Trumps imperialistische Rhetorik gegenüber seinen Nachbarn, insbesondere Kanada und Grönland; außerdem fiel diesmal sogar Island Trumps digitalem Invasions-Meme zum Opfer.
Zudem landete, obschon möglicherweise unbeabsichtigt, auch Saint-Pierre-et-Miquelon unter der Flagge – fast unsichtbar eingebettet auf der großformatigen Karte direkt vor der Südküste Neufundlands –, zusammen mit den französischen Karibikgebieten Guadeloupe, Martinique, Saint-Barthélemy und Saint-Martin. Die Franzosen nahmen dies persönlich, und binnen einer Woche kündigte der Élysée-Palast an, dass Macron und der kanadische Premierminister Mark Carney gemeinsam die Inseln besuchen würden, um die Souveränität der Nationen zu bekräftigen.
Es war nicht das erste Mal, dass die Inseln die Auswirkungen einer Ankündigung Trumps zu spüren bekamen. Im April 2025 behauptete die US-Regierung, Saint-Pierre-et-Miquelon erhebe Zölle in Höhe von 99 Prozent auf US-Waren, und verhängte daraufhin einen Zoll von 50 Prozent (der kurzzeitig zu den höchsten der Welt gehörte), bevor sie ihn Tage später auf 10 Prozent senkte. Auf den Inseln selbst waren die Reaktionen auf die Karte gemischt: Die vor dem einzigen Supermarkt in Saint-Pierre befragten Einwohner*innen reagierten mal verärgert, mal skeptisch, mal gleichgültig, und einer sagte, es würde ihm nichts ausmachen, dort eine amerikanische Flagge zu sehen.
Die Einwohner*innen von Saint-Pierre-et-Miquelon sind französische und europäische Staatsbürger*innen, die an französischen und europäischen Wahlen teilnehmen und jeweils eine*n Vertreter*in in die Nationalversammlung und den Senat nach Paris entsenden. Obwohl die Inseln kaum das eigentliche Ziel des Beitrags auf Truth Social gewesen sein dürften, erklärte Macron bei seiner Ankunft gegenüber der Presse, es sei offensichtlich, dass Saint-Pierre-et-Miquelon französisch sei, dass dies nicht zur Diskussion stehe und Frankreich es nicht jeden Tag wiederholen werde, nur weil manche Menschen seltsame Vorstellungen hätten oder komische Dinge sagten.
Die Lage von Saint-Pierre-et-Miquelon im Nordatlantik machte den Ort darüber hinaus zu einem besonders bedeutenden Schauplatz für Macron. Der Archipel liegt in einer Region, die zunehmend an strategischer Bedeutung gewinnt, da Trump unter Berufung auf die nationale Sicherheit und den Ausbau des Raketenabwehrsystems „Golden Dome“ auf eine stärkere amerikanische Kontrolle über Grönland drängt. Trump hat ausdrücklich argumentiert, dass eine US-Kontrolle über Grönland das System stärken werde, obwohl Grönland derzeit nicht Teil der Architektur des „Golden Dome“ ist.
Als Mark Carney auf den Inseln eintraf, gaben die beiden Staatschefs eine gemeinsame Erklärung ab, in der Macron eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Sicherheit, Energie und sogar Fischerei begrüßte. Am selben Tag hielt Macron eine Rede vor den Einwohner*innen, in der er neue Investitionen in die Häfen von Saint-Pierre und Miquelon ankündigte, wie auch die Genehmigung der zweiten Phase der Umsiedlung des Dorfes Miquelon, die 98 Grundstücke umfasst und in den nächsten fünf Jahren aufgrund der Erosion und des steigenden Meeresspiegels erfolgen wird. Er erklärte außerdem, dass in den letzten zehn Jahren rund 500 Millionen Euro in den Archipel geflossen seien, womit dieser das Überseegebiet mit den bei weitem höchsten Pro-Kopf-Investitionen sei.
Marc Albert Cormier, ein lokaler Historiker akkadischer Abstammung, der ausführlich über die Geschichte des Archipels geschrieben hat, erzählte mir, Macron habe großes Interesse an der Entwicklung der Satellitentechnologie und an dem Trauma, das die Inseln seit dem Jahr 1992 mit sich tragen, als ein internationales Schiedsgericht die Seegrenze zwischen Frankreich und Kanada festlegte und den Inseln nur noch einen schmalen Meereskorridor übrig ließ. Im selben Jahr stellte Kanada die nördliche Kabeljaufischerei ein, die die Region jahrhundertelang ernährt hatte.
Weltweite Reaktionen
Obwohl die Karte keine offizielle US-Politik darstellte und sich durch ihre bloße Veröffentlichung nichts änderte, veranlasste sie doch viele Staats- und Regierungschefs in der westlichen Hemisphäre und darüber hinaus zu Reaktionen. Mexikos Claudia Sheinbaum antwortete noch am selben Tag auf X, Mexiko sei weder eine Kolonie noch Protektorat eines fremden Landes und werde es auch niemals sein – ein Beitrag, der innerhalb weniger Stunden über eine Million Aufrufe verzeichnete. Kubas Miguel Díaz-Canel erklärte, die Insel werde nie wieder die Kolonie eines Imperiums sein. Frankreichs Ministerin für Überseegebiete bezeichnete die Karte als extravagant.
Islands Reaktion, die Einbestellung des US-Botschafters, besaß eine besondere Pointe, da Billy Long sein Amt erst im Monat zuvor offiziell angetreten hatte. Tausende Isländer*innen hatten eine Petition gegen seine Ernennung eingereicht, nachdem er Anfang des Jahres angedeutet hatte, Island könne der 52. Bundesstaat der USA werden, mit ihm selbst als Gouverneur – eine Äußerung, für die er sich später entschuldigte. Islands Außenministerin erklärte zudem, sie sei aus Kreisen der US-Regierung wiederholt darauf hingewiesen worden, den Präsidenten nicht wörtlich, sondern ernst zu nehmen – was etwas ist, das Nationen wie Island und Gebiete wie Saint-Pierre-et-Miquelon im Auge behalten müssen.
Annick Girardin, Senatorin der Inseln und ehemalige Ministerin für Überseegebiete, schrieb auf Facebook, sie wisse nicht, ob die Karte von Dummheit, Unwissenheit, Wahnsinn oder Arroganz zeuge – die Souveränität werde von einem vermeintlichen Verbündeten angegriffen, was Frankreich nicht einfach abtun könne, weil „wir wissen, wie Trump ist“.
Mark Carney kam unterdessen direkt aus Straßburg, wo er eine bedeutende Annäherung zwischen Kanada und der Europäischen Union vorangetrieben hatte, was Trump dazu veranlasste, mit weiteren Handelssanktionen zu drohen. Diese diplomatische Annäherung war auch deshalb wichtig, weil nach den Kabeljau-Kriegen der 1980er Jahre weiterhin hohe Erwartungen hinsichtlich der Fischfangquoten bestehen – ebenso wie mit Blick auf den ungelösten Streit um den französischen Festlandsockel rund um die Inseln. Der Händedruck zwischen Macron und Carney war umso bedeutungsvoller, als beide Staatsmänner ihre tatsächlichen Differenzen beiseitelegten, um eine geeinte Front gegen Trump zu bilden.
Die Karte veränderte zwar keine einzige Grenze, veranlasste jedoch französische und kanadische Spitzenpolitiker dazu, ihren ersten gemeinsamen Besuch auf den Inseln abzuhalten und sich zu einer engeren bilateralen Zusammenarbeit in den Bereichen Fischerei, Sicherheit, Energie und anderen Themen zu verpflichten. Die Lehre aus diesem Vorfall, der vor einigen Jahren noch als unbedeutend gegolten hätte, ist, dass die Verbündeten der USA die Äußerungen eines US-Präsidenten in den sozialen Medien mittlerweile ernst genug nehmen, um persönlich darauf zu reagieren.


