Nachricht | Offene Fragen in der geschlossenen Abteilung. Das erfolgreiche Scheitern einer Kaderperspektive; Köln 2011

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Der 1943 geborene Harald Werner legt, obwohl er dies nicht beabsichtigt, mit diesem Buch eine Art Lebensrückblick vor. Er montiert in seinem Buch zwei parallele Erzählstränge. Zum einen sein Leben und politisches Wirken, zum anderen seinen einjährigen Aufenthalt 1987 als Hauptamtlicher und Funktionär der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) an einer SED-Parteischule in Berlin-Biesdorf.

Brennpunkt und Schwerpunkt des Buches sind die Konflikte um die Erneuerung des orthodoxen westdeutschen Parteikommunismus, die sowohl unter den Teilnehmern des Kurses in Biesdorf wie in der gesamten DKP in der Zeit von Perestroika und Glasnost für mehr als nur Gesprächsstoff sorgten. Der DKP wohlgemerkt, die die meiste Zeit vor 1989 eine weit höhere Verankerung in der Arbeitswelt hatte, als die heutige LINKE. Nachdem er aus politischen Gründen seinen Job als Lokalredakteur bei einer Tageszeitung verliert, studiert er in den 1970er Jahren und wirkt an der Gremienarbeit an der neu gegründeten Universität Oldenburg mit. Nach der Promotion schlägt er sich mit Lehraufträgen durch und wird 1983 schließlich hauptamtlicher Vorsitzender des Kreisverbandes Oldenburg, der damals 500 Mitglieder hat. Die DKP erreichte 1981 bei Kommunalwahl in der niedersächsischen Universitätsstadt beachtliche 7,8 Prozent der abgegebenen Stimmen. Im Zuge der Debatten um die politische Neuausrichtung der DKP und nach seinem Aufenthalt in Biesdorf wird er nicht Beschäftigter am Institut für marxistischen Studien und Forschungen (IMSF), wie er hofft. Statt am Think Tank der Partei wie der Erneuerer zu arbeiten, wird er von der Partei gekündigt. Was er danach arbeitet, wird nicht recht deutlich. Werner engagiert sich jedenfalls zusammen etwa mit Wolfgang Gehrcke, schon in den frühen 1990er Jahren in der PDS-West, da er, wie er lakonisch schreibt, seine Trauerarbeit schon geleistet habe, als 1989 die DDR und damit auch die DKP zusammengebrochen sei.

Spannend ist das Buch da, wo Werner aus seiner Sicht die Vorgänge in der Gruppe der Erneuerer innerhalb der DKP beschreibt – und ihre inneren Widersprüche. Einer ist zum Beispiel, dass man Transparenz und Demokratie fordert, aber lange selbst im geheimem agiert. Von den Erneuerern ist aus heutiger Sicht nicht viel übrig geblieben, viele engagieren sich in der LINKEN und als institutionelles Instrument existiert bis zum heutige Tag die Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, in der Werner als einer der Mitherausgeber wirkt.

Das Buch zeigt, wie ohnmächtig und ratlos das politische Spektrum der DKP den Veränderungen der Gesellschaft gegenüberstand. Also der Dynamik die später von vielen und von einzelnen auch schon damals, als Siegeszug des Neoliberalismus gedeutet wurde. Dass politische Menschen wie Werner nicht einfach mal bei anderen, eher undogmatischen Strömungen – wie etwa dem Sozialistischen Büro – geschnuppert haben, zeigt, wie mächtig die Organisationsdisziplin war. Werner schreibt selbst, dass die Selbstdisziplin der Mitglieder der DKP stärker gewesen sei als die Disziplinierung durch die Führung: Die „Einheit der Partei“ ist oberstes Gebot und verinnerlicht. Als dieses Gehäuse der Hörigkeit zusehends zusammenbricht, wissen viele – es dürften weit über 20.000 Personen sein - keinen anderen Ausweg als ihren Rückzug ins Privatleben. Dieser Verlust an Menschen und Ideen ist ein Teil der Tragik dieses bislang noch nicht wirklich erforschten Zeitabschnittes in der Geschichte der westdeutschen Linken.

Bernd Hüttner, Bremen