Nachricht | Sozialökologischer Umbau - Amerika Ecuador: Widerstand gegen die neue grüne Kolonisierung

Im Vorfeld von Rio+20 wurde in Quito intensiv über den grünen Kapitalismus diskutiert

Eine Buchvorstellung zum Emissionshandel bildete den Auftakt des Andenbüros zu einem Veranstaltungszyklus der Lateinamerika-Büros der RLS anlässlich der UNO-Konferenz Rio +20. Die Veranstaltung fand am 16. Mai in Quito statt und wurde gemeinsam vom IEETM (Instituto de Estudios Ecologistas del Tercer Mundo), der Universidad Andina und dem Andenbüro der RLS organisiert. Die Teilnehmer_innenzahl von über  zweihundert übertraf alle Erwartungen.  Nach den einführenden Worten der Büroleiterin Miriam Lang stellte der Autor, der britische Wissenschaftler Larry Lohmann, Aktivist der NGO „The Corner House“,  kapitelweise sein Buch „Mercados de Carbono. La Neoliberlización del clima“ (Emissionshandel) vor. Die Veröffentlichung ist das Ergebnis vieler Reisen und Gespräche mit Organisationen in Asien, Afrika und Lateinamerika. Lohmann betont deshalb, dass es nicht sein Buch sei, sondern vielmehr ein „intellektuelles Fellowship“.

Kommentiert wurde die Publikation anschließend von Fabrina Furtado von der NGO Jubileo Sur, Studentin an der Universidad Nacional in Rio de Janeiro, sowie Mónica Chují, Vizepräsidentin der CONFENAIE  (Conferderación de Nacionalidades Indígenas de la Amazonia Ecuadoriana). Trotz der intensiven Bemühungen des Andenbüros konnte kein Regierungsvertreter für das Podium gewonnen werden.

Fabrina Furtado, die zur Zeit für die brasilianische RLS-Partnerorganisation PACS eine Studie über die ab Juni operierende Börse für Naturgüter (Bolsa de Valores naturales) anfertigt, hob hervor, dass Larry Lohmann in seinem Buch Kritik an der Wurzel des Problems übe – die Kommerzialisierung der Natur. Die Bevölkerung sei dementsprechend nicht mehr Rechtssubjekt, sondern Dienstleister.

Mónica Chujís erste Reaktion beim Lesen des Buches war: „Das kann doch nicht wahr sein“. Mit einem zweiten Blick habe sie jedoch festgestellt, dass das von Larry Lohmann Geschilderte tatsächlich auch in Ecuador, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, passiere.

Der Staat, der das Land vor kurzem noch vor der Weltbank geschützt habe und aus dieser Auseinandersetzung gestärkt hervorgegangen sei, wirke nun mit beim Ausverkauf der Natur. Sie prangerte an, dass die von der Regierung implementierten Programme REDD („Reducing Emissions from Reforestation and Forest Degradation“) und die ecuadorianischen Variante Socio Bosque zur Vertreibung indigener Bevölkerungsgruppen aus ihren angestammten Lebensräumen, dem Mittelpunkt ihres Lebens und ihrer Kultur führen. Auch die Sprache habe sich gewandelt – es werde nicht mehr über Menschenrechte, sondern nur noch über Geschäfte gesprochen.

Indigene Gruppen seien jedoch nicht nur inaktive Opfer, so Chují, sondern ernstzunehmende Betroffene. Durch ihre Teilnahme an allen Klimagipfeln, auf denen sie ihre Lebensräume verteidigen und ihren Forderungen nachdrücklich Ausdruck geben werden sie zu Akteuren. In diesem Sinne rief sie auf zum Widerstand gegen die neue „grüne Kolonisierung“.

In seinen abschließenden Worten nahm Larry Lohmann Mónica Chujís Reaktion des „Das kann doch nicht wahr sein“ auf und stellte fest, dass fast alle Regierungen weltweit daran beteiligt seien. Anschaulich erläuterte er, dass die eigentliche Lösung des Klimaproblems sei, fossile Brennstoffe im Boden zu lassen anstatt sie in die Atmosphäre zu blasen. Dies werde jedoch hartnäckig von allen Seiten verschwiegen. Zwar werde der Emissionshandel als die vorrangige Maßnahme gegen den Klimawandel propagiert, real berechtige er aber zu noch größerer Verschmutzung. Wissenschaftliche Erkenntnisse würden zugunsten eines neuen kapitalistischen Aktionsfeldes völlig beiseite gelassen. Und schließlich sei der Emissionshandel, bei dem sich Industrien aus dem Norden Emissionsrechte in Ländern des globalen Südens sicherten, zutiefst diskriminierend.

An die Buchvorstellung schloss sich ein zweitägiges Seminar mit Larry Lohmann, Fabrina Furtado und Ivonne Yánez (Oilwatch International) über den grünen Kapitalismus und die Kommerzialisierung der Natur an, an dem sich rund 100 Teilnehmer, darunter viele Vertreter indigener Volksgruppen, intensiv beteiligten. In der Abschlussdiskussion wurden Hinweise und Anregungen gesammelt, die man der ecuadorianischen Delegation des Klimagipfels Rio+20 mit auf den Weg geben will. 

Weitere Informationen:

Über die Buchvorstellung und das Buch auf der Homepage des RLS-Andenbüros

Ein spanischsprachiges Video über REDD auf youtube: „ Un verde más oscuro:REDD y el futuro de los bosques“.