Nachricht | Geschichte - Erinnerungspolitik / Antifaschismus «Stefan Heym – Einer, der nie schwieg»

Szenische Lesung im Rahmen des Festes der Linken am 16. Juni 2012 in der Kulturbrauerei Berlin. Bericht von Axel Krumrey.

Information

Im April 2013 wäre Stefan Heym 100 Jahre alt geworden. Doch der Schriftsteller droht aus den Köpfen zu verschwinden. Und mit ihm auch sein literarisches Werk, das so überhaupt nicht unpolitisch ist. Ganz im Gegenteil: Heym sah sich immer als demokratischen Sozialisten und griff in seinen Romanen stets politische Entwicklungen auf und mitunter auch an. Grund genug für die Rosa-Luxemburg-Stiftung, an ihn, sein Schaffen und seine Positionen zu erinnern. Bereits am 21. Mai 2012 wurde dazu eine Initiative ins Leben gerufen, der sich neben der Witwe Inge Heym auch namhafte Wissenschaftler/innen und Politiker/innen wie Ingo Schulze (Akademie der Künste), Lukrezia Jochimsen (MdB) oder Ulrike Uhlig (Internationale Stefan-Heym-Gesellschaft) anschlossen.

Eine besondere Form des Rückblicks auf das Leben und die Gedanken Heyms organisierte die Rosa-Luxemburg-Stiftung im Rahmen des Festes der Linken am Wochenende des 16. und 17. Juni 2012. Mit maßgeblicher Unterstützung des Regisseurs und Produzenten Franz Sodann gelang es, eine sehr prominent besetzte Szenische Lesung zu konzipieren. Sodann hatte dabei die Texte nach intensiven Recherchearbeiten zusammengestellt und ein Bühnenbild ausgearbeitet, das zunächst ein wenig an einen Gerichtssaal erinnerte. Hauptquelle der zu lesenden Passagen waren Interviews, die Stefan Heym verschiedenen Fernsehsendern und Zeitungen im Laufe seines Lebens gegeben hatte. Außerdem griff Sodann auf zwei Auszüge aus den Romanen „Fünf Tage im Juni“ sowie „Collin“ zurück. Während Heym Bezug nehmend auf die Geschehnisse rund um den Arbeiteraufstand 1953 in der DDR fast schützend seine Hand über die noch junge sozialistische Republik legte, setzte er sich Jahre später in seinem Werk „Collin“ äußerst kritisch mit seinem Heimatland und dessen stalinistischer Vergangenheit auseinander.

Bereichert wurde die Lesung nicht zuletzt durch die Mitwirkung der Journalistin Beate Klarsfeld, die sich besonders gut auf ihre Parts vorbereitet hatte.  Neben zwei ErzählerInnen (Peter Sodann und Lukrezia Jochimsen) hatte Franz Sodann vier InterviewerInnen (Barbara Höll, Gesine Lötzsch, Heinz Vietze und Thomas Nord) in die Lesung eingebaut und ebenso vier Heyms (Dagmar Enkelmann, Beate Klarsfeld, Jan Korte, und Florian Weis), die die unterschiedlichen Lebensabschnitte des Schriftstellers charakterisieren sollten. Während sich die fragenden InterviewerInnen im hinteren Teil der Bühne platzierten, traten die DarstellerInnen des Stefan Heym bei jeder Antwort nach vorn ans Standmikrofon. Für die ZuhörerInnen entstand so – je nach Kontext – mitunter der Eindruck eines Tribunals. Diese Darstellungsform brachte jedoch am besten und eindrucksvollsten den Dissidenten Heym zum Ausdruck, der seine politischen Positionen nicht zu verändern schien, wohl aber mitbekam, dass sich sein Umfeld verändert. Hervorragend gelang es Franz Sodann, die Aussagen und Positionierungen  Heyms mit den unterschiedlichen Charakteren der Lesenden zu verknüpfen. So trug die engagierte Verfolgerin von NS-Verbrechen, Beate Klarsfeld, vor, wie „ekelhaft“ es war, dass „das Alte […] an allen Ecken und Enden wieder hoch[kam]“ und meinte damit nichts anderes als die Kritik an den restaurativen Tendenzen im Nachkriegsdeutschland. Heym hatte das 1988 in einem Interview mit Radio Bremen dargelegt. Später dann war es wiederum Beate Klarsfeld, der Bundespräsidentschaftskandidatin der LINKEN von 2012, vorbehalten, aus der Pressemitteilung Stefan Heyms zu zitieren, in der er seine Kandidatur für die PDS 1994 erläuterte. Heym, der Intellektuelle, war jederzeit in der Lage, auch auf mitunter flapsige Bemerkungen zu reagieren. So geschehen in einem Gespräch mit Prof. Wilhelm Schwarz von der Laval Universität Kanada 1977, in der Lesung dargestellt von Gesine Lötzsch. Heym, hier verkörpert von Florian Weis, erläuterte damals, dass er die „Teilung der Welt in zwei Lager mit verschiedenen gesellschaftlichen Strukturen“ durchaus als förderliche für den Fortschritt empfindet. Diese Meinung sei ihm noch nicht begegnet, reagierte daraufhin Prof. Schwarz. Heym fügte dem etwas spitz hinzu: „Na, sehen Sie, haben Sie mal was Neues gehört.“

Franz Sodann mied in seinem Arrangement von Interviews, Zeitungsmitteilungen und Romanauszügen auch nicht die deutlichen Worte Heyms nach der deutschen Einheit. Peter Sodann ließ er aus „Offene Worte in eigener Sache“ zitieren: „[…] Inzwischen ist die Lektüre der Akten des Ministeriums für Staatssicherheit der einstigen DDR und die zugehörige öffentliche Empörung über deren Inhalt und über das kriminelle Tun ihrer Verfasser zu einem neuen Beruf geworden; kein Bürgerrechtler, der etwas auf sich hält, kein Pastor, der ansonsten gelangweilten Ohren predigt, keim nach Publizität strebender Bänkelsänger ohne entsprechend erregte Auftritte in den elektronischen Medien und tiefsinnige Interviews in den Journalen; und die Demaskierung der inoffiziellen Mitarbeiter, speziell unter der Intelligenzia, hat sich zum allgemeinen Hobby entwickelt […]“. Heym eckte an, zunächst in Nazi-Deutschland, dann in den USA, später in der DDR und nicht zuletzt in der Bundesrepublik. In seinen Texten und Büchern wurde das deutlich. Er schwieg eben nicht. Dramaturgisch verarbeitete Sodann genau diesen Umstand, indem er die Lesung mit einem Filmausschnitt enden ließ, die den alten Heym aus dem Bild der Kamera spazierend zeigte, und den Zeilen: „[…] aber mein Wort ist noch da, die Kraft meiner Sprache […]“.

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