Nachricht | Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Geschichte Umschlagplatz

Vor 70 Jahren begannen die Transporte aus Warschau nach Treblinka.

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Bis dahin wurden an dieser Stelle Waren umgeschlagen. Fast wie auf einem normalen Handelsplatz, einem mit Schienenanschluss. Meistens kam von draußen Kohl oder Blumenkohl, wie sich Marek Edelman Jahrzehnte später erinnern sollte. Dann fand die entladene Ware ihre Wege ins Ghetto. Seit dem 22. Juli 1942 kamen die Menschen aus dem Ghetto hierher. Züge brachten sie nach Treblinka, dem Ort, an dem das Leben des jüdischen Warschaus nun ausgelöscht wurde. Zwei Tage später nahm sich Adam Czerniaków, Chef des Judenrats im Ghetto, das Leben. Die oftmals makabren Rudimente jüdischer Selbstverwaltung hatten ihren letzten Sinn verloren.

Mordechaj Anielewicz, Jahrgang 1919, leitete im Ghetto die Jugendorganisation Hashomer Hatzair. Er verfluchte, als die Transporte begannen, all das, was er bislang getan hatte – die kulturelle und die Bildungsarbeit. „Wir haben Hitlers heranziehende neue Zeiten nicht verstanden. Wir hätten der Jugend beibringen müssen, wie Feuer-, Schlag- und Stichwaffen benutzt werden. Wir hätten sie in einem Geist erziehen sollen, um Rache zu nehmen am größten Feind der Juden und der ganzen Menschheit, den es in der Geschichte je gegeben hat.“ Mordechaj Anielewicz wurde zum Widerstandskämpfer und Aufstandsführer. Er nahm sich zusammen mit seinen engsten Kampfgenossinnen und -genossen das Leben, als der Feind am 10. Mai 1943 den Gefechtsstand der blutjungen Aufstandsführung in der Miła-Straße stürmte.

Der Chronist des Ghettolebens, Emanuel Ringelblum, der die Vernichtung und den Untergang des Ghettos noch bis März 1944 in einem Versteck in Warschau überlebte, beschrieb den jungen Kommandanten als mittelgroß, schmalgesichtig, blass, mit langen Haaren und von sympathischem Äußeren. Er setzte ihm in einer seiner letzten schriftlichen Arbeit ein ergreifendes Denkmal, schrieb indes auch diesen Satz: „Unsere Jugend war leider zu diszipliniert, was dazu führte, dass die Deutschen für die 300.000 Juden ungemein billig wegkamen: kein einziger getöteter Deutscher. Diese Wahrheit hat die Jugend erst verstanden, als es zu spät war, als die Mehrheit der Warschauer Juden bereits in Treblinka war.“ Der Aufstand, den Mordechaj Anielewicz anführte, brach am 19. April 1943 aus, als sich vielleicht noch 50.000 Menschen im Ghetto aufhielten. Bis Mitte Mai wurde er brutal und blutig niedergeschlagen, auf dem Gebiet des Ghettos blieb anschließend kaum ein Stein auf dem anderen liegen.

Emanuel Ringelblum wurde 1900 im damaligen Ostgalizien geboren. Er studierte Geschichte und promovierte 1927 mit einer Arbeit über die Geschichte der Warschauer Juden im Mittelalter. Er entschied, im okkupierten Polen zu bleiben. Er sah es als Pflicht an, sich unter den neuen Bedingungen der Erforschung der Situation der Juden zu widmen. Im Warschauer Ghetto baute er zusammen mit Mitarbeitern unter dem Tarnnamen „Oneg Schabbat“ (Freude am Sabbat) ein Untergrundarchiv auf, das zur Aufgabe hatte, mit wissenschaftlichen Mitteln das Leben im Ghetto objektiv und allseitig zu dokumentieren. Unter dem Vorwand, einen ganz normalen Schultext zu schreiben, wurden beispielsweise Kinder gebeten, auf folgende Fragen zu antworten: Was war das schönste, was das schlimmste Erlebnis? Was ist der Krieg? Welche Pläne gibt es für die Zukunft? Die Schulbildung im Ghetto wurde ohnehin illegal organisiert.

Anfang 1942 begann Ringelblum, die eingegangenen Ergebnisse systematisch zusammenfassen. Bis Ende 1942 sollte eine umfassende Monographie über die größte, gewaltsam zusammengehaltene Zusammenballung jüdischer Menschen in Europa entstehen. Zur gleichen Zeit verdichteten sich alarmierende Meldungen. Sie kamen als Briefe und Postkarten ins Ghetto, die durch „Oneg Schabbat“ gesichtet und archiviert werden konnten. Außerhalb der beiden großen Ghettos in Warschau und Łódź begann der Okkupant vielerorts mit der massenhaften, systematischen Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Entsprechende Informationen wurden weiter nach London geschickt. Am 30. Juni 1942 notierte Ringelblum in sein Tagebuch: „In den letzten Tagen lebt die jüdische Bevölkerung im Zeichen Londons. Die Nachricht, dass die Welt erschüttert worden sei durch die Nachrichten über die Morde in Polen, wühlt alle ganz tief auf. Viele Monate lang litten wir mächtig und fragten uns: Weiß die Welt von unseren Qualen? Und wenn sie es weiß, weshalb schweigt sie, weshalb erzitterte sie nicht, als zehntausende Juden in Ponary [bei Vilinius] erschossen wurden? Weshalb schwieg die Welt, als zehntausende Juden in Chełmno vergiftet wurden? Weshalb schweigt die Welt, wenn hunderttausende Juden in Galizien und auf anderen okkupierten Gebieten niedergemetzelt werden?“ Wenige Tage zuvor hatte der Londoner Rundfunk ausführlich über die Verbrechen gegen die polnischen Juden berichtet. Ringelblum hielt das als einen großen Tag für „Oneg Schabbat“ fest.

Zu denjenigen, die das Ghetto in Warschau überlebten, gehörte Marek Edelman, einer der jungen Anführer beim Aufstand. Sein letztes Buch nannte er „Im Ghetto wurde auch geliebt“. Den Umschlagplatz berührt er so:

„Es braucht nicht gesagt zu werden, was der Umschlagplatz gewesen war. Ein Sammelpunkt für die zum Tode verurteilten Menschen.
Schluss. Punkt.
Wie sah die zum Umschlagplatz geführte Menge aus? Unterschiedlich. Je nachdem, wer da ging. Es gab Menschen, die kamen freiwillig. Die starken Jungs aus der Krochmalna, die Lastträger, Straßenräuber und Banditen, die gingen in organisierter Gruppe – schließlich würden wir überall zurechtkommen. Und die Leute, die gewaltsam aus den Häusern hervorgeholt wurden, gingen überwiegend, nein, nicht mit gesenktem Kopf, aber an den Händen hielten sie die Kinder fest und sie passten auf die Kinder auf, manchmal lächelten sie, und die Tochter holte die Mutter ein, damit sie zusammen gehen, damit die Mutter nicht alleine war.
Und so weiter und so weiter.
Ja, schwer zu sagen, wie die Menge ausgesehen hat. Das hing davon ab, wer in der Menge war, wen sie erwischt hatten. Im kleinen Ghetto wurde zum Beispiel gemeint, sie würden zur Arbeit nach Poniatowa gebracht. Das waren andere, Fachleute, und sie waren beinahe flink, dachten, ihre Arbeit sei was wert und sie würden gebraucht. Doch die, die in den Häusern erwischt wurden, waren resigniert, kamen langsam voran.
Insgesamt war es still.
Lediglich in den ersten Tagen der Aktion, als Kinder auf den Straßen eingefangen wurden oder die Kinder aus den Kinderheimen, Kinder, die völlig ausgehungert und im Ghetto sowieso zum Tode verurteilt gewesen wären, wurde ein bisschen geweint. Die Kinder weinten auf den Wagen, wie sie zum Umschlagplatz fuhren.
Aber sonst, also sonst schwieg die Menge, wenn sie ging. Gesenkten Hauptes, erhobenen Hauptes, doch schweigend.“

In Treblinka wurden 1942 und 1943 über 800.000 Menschen ermordet, darunter mehr als 300.000 Ghettobewohner aus Warschau. Seit Ende August 1942 war in Warschau bekannt, was in Treblinka geschieht. Ein Barackenlager für die Ankömmlinge gab es nicht, fast alle Ankömmlinge wurden sofort umgebracht. Anfangs ließen die Täter die Leichen vergraben, später auf Schienenrosten unter freiem Himmel verbrennen.

Das Ringelblum-Archiv wurde durch „Oneg Schabbat“ seit August 1942 im Ghetto verbuddelt. Hersz Wasser, einer der wenigen Überlebenden unter den engeren Mitarbeitern von „Oneg Schabbat“, half beim Auffinden. Im September 1946 konnte der erste, im Dezember 1950 der zweite Teil gefunden werden. Vom dritten Teil fehlt bis heute jede Spur. Über 6.000 Dokumente des Archivs, mehr als 25.000 Seiten, befinden sich im Jüdischen Historischen Institut in Warschau (ŻIH), welches seither für regelmäßige Veröffentlichungen sorgt. Seit 1997 werden durch das ŻIH große Teile des Archivs in einer mehrere Bände umfassenden wissenschaftlichen Buchausgabe publiziert. Der Historiker Witold Kula nannte das Archiv die Flaschenpost von einem untergehenden Schiff.

Die Zitate stammen aus:

  • Emanuel Ringelblum: Kronika geta warszawskiego [Chronik des Warschauer Ghettos], Warschau 1983. (Der Autor schrieb das Tagebuch jiddisch.)
  • Marek Edelman: I była miłość w getcie [Im Ghetto wurde auch geliebt], Warschau 2009.