Nachricht | Krammer/Rohrmoser: Geschichte der Bauern und Bäuerinnen in Österreich. Wien 2012

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Rezensiert von Bernd Hüttner (Regionalbüro Bremen der Rosa-Luxemburg-Stiftung)

Zeitlich wird der Bogen in diesem Buch weit gespannt. Er reicht von der Kolonisation des Landes nach dem Rückzug der römischen Truppen im 5. Jahrhundert bis zu den aktuellen neoliberalen Angriffen der Agrarindustrie. Die politischen und Rechtsverhältnisse werden ausführlich referiert, Krisen und Interessenlagen dargestellt. Der „Mensch in seinem Kampf gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Fremdbestimmung“ soll im „im Zentrum dieses Buches“ stehen. So lautet ein zentraler Vorsatz. Er wird nur leider nicht umgesetzt. Handelnde Akteure, auch solche aus dem bäuerlichen Milieu, kommen kaum vor. Stattdessen finden sich – im Stile einer Sozial- oder Strukturgeschichte – viele Statistiken oder detaillierte Reflektionen zur Agrarpolitik der Sozialdemokratie (und ihren Defiziten). Die ersten beiden Kapitel sind überarbeitete Texte von Krammer aus dem Jahre 1976: Im ersten Viertel des Buches wird die Landwirtschaft in vorkapitalistischen Verhältnissen – bis 1848 – thematisiert: Die Zerstörung der Allmende, Bauernaufstände, Guts- und Grundherrschaft oder Absolutismus stehen hier im Fokus. Manche Passagen oder Sätze bleiben aber auch dem (agrar)historisch Interessierten unverständlich.
Der Hauptteil, der als zweites Kapitel etwa die Hälfte des gesamten Buches ausmacht, hat dann die Landwirtschaft im Kapitalismus zum Gegenstand: So wird zum Beispiel der Widerspruch in der österreichischen Landwirtschaft zwischen den Regionen mit Getreidebau und denen mit Grün- bzw. Viehwirtschaft behandelt und die Entstehung und Entwicklung der landwirtschaftlichen Interessensorganisationen und der Genossenschaften gestreift. Zentrales Thema ist der Kompromiß zwischen Landwirtschaft und Industriekapitalismus. Er lautet: Die herrschende Klasse braucht Loyalität und Soldaten, die Landwirtschaft Schutz vor billigen Importen. Also wird der sog. Bauernschutz eingeführt, v.a. durch Schutzzölle, im Gegenzug sichern agrarische Bünde und die christlich-soziale Partei politische Loyalität. Radikalliberale Strategeien einer puren Anpassung an den Markt werden marginalisert. Hauptinstrument der österreichischen Bauernschutzes waren aber, so die Autoren, die Genossenschaften, nicht Zölle.
Das dritte Kapitel reflektiert eher agrarsoziologisch und sozialpsychologisch die Situation der Landwirtschaft und die Widerstände, auf die agrarsolidarisches und agraroppositionelles Handeln, dem die beiden Autoren sich verpflichtet fühlen, stößt. Zentral ist – nicht nur in Österreich - hier der sog. Vorspannmechanismus. Dieser bestehe, so die Autoren, darin, dass „Fördergeld öffentlich auf den Namen der ärmeren Bauern vom Staat eingefordert und begründet, dann aber verdeckt für reichere Großagrarier, Handel und die Industrie verwendet“ wird. Dies führe zu einer inneren Spaltung „der“ Bauern, denn viele Betriebe würden kaum und flächenstarke weit überdurchschnittlich von den Zahlungen profitieren. Wer dies kritisiere, werde dann als Spalter diffamiert, da er „der“ Landwirtschaft in den Rücken falle. Dieser Mechanismus habe immense negative Folgen für das Verhältnis der Menschen in der Landwirtschaft untereinander.
Krammer leitete 28 Jahre die berühmte österreichische Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Rohrmoser war ein bekannter Autor und Aktivist in Sachen (eigenständiger) Regionalentwicklung. Insofern hätte von diesem Buch schon etwas mehr erwartet werden können, denn in seinem agrarhistorischen Teil ist das Buch – zumindest für den Rezenszenten – eher eine Enttäuschung. Es atmet den von der meomarxistischen Dependenztheorie und vom französischen Linkssozialismus (Bernard Lambert: Bauern im Klassenkampf, 1971) beeinflussten Geist der Agrardebatte der 1970er Jahre. Seitdem erfolgte Forschungen und entwickelte Ansätze werden nicht berücksichtigt.

Krammer, Josef / Rohrmoser, Franz: Im Kampf um ihre Rechte. Geschichte der Bauern und Bäuerinnen in Österreich. Wien: Promedia Verlag, 2012, ISBN: 978-3-85371-342-6; 200 S., 17,90 EUR.

Diese Rezension wurde zuerst im Rural History Newsletter des Institut für Geschichte des ländlichen Raumes (St. Pölten, Österreich) veröffentlicht.