Nachricht | Protest vor Ort. Die 80er Jahre in Bremen und Göttingen“, Essen 2012

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Die Forschungslage zu den neuen sozialen Bewegungen in Bremen ist mehr als bescheiden. Obwohl Bremen seit den 1970er Jahren (die Universität wurde 1971 gegründet) eine Hochburg der alternativen und grünen wie auch der traditionskommunistischen und der maoistischen Linken war, gibt es dazu wenig greifbare eigenständige Literatur. Die einzigen beiden Ausnahmen sind das 1992 erschienene und eher enzyklopädisch angelegte Buch „Neue soziale Bewegungen in einer alten Stadt: Versuch einer vorläufigen Bilanz am Beispiel Bremens“ das von Christoph Butterwegge und Hans G. Jansen herausgegeben wurde und mit einem Vorwort des späteren grünen Umweltsenators Ralf Fücks versehen ist (Inhaltsverzeichnis: http://d-nb.info/921076320/04). Außerdem legte Romina Schmitter 1998 „Zur Neuen Frauenbewegung in Bremen“ vor, eine Publikation grauer Literatur, in Kooperation mit Bremer Frauenmuseum e.V. und dem Staatsarchiv Bremen.

Umso gespannter konnte die Interessierten auf die Ergebnisse eines studentischen Forschungsprojektes zu Protest in den 1980er Jahren sein, das in Bremen und Göttingen parallel und über zwei Semester stattfand. In Bremen wurde es von Prof. Inge Marszolek und Dr. Eva Schöck-Quinteros geleitet. Um es gleich zu sagen, das Ergebnis ist – selbst wenn man den Ausbildungsstand der AutorInnen und das Marketinggeschrei des Verlages in Rechnung stellt - ernüchternd, ja stellenweise enttäuschend bis hin zu ärgerlich.

Das beginnt schon bei der Gestaltung: Lieblos und offensichtlich angelehnt an eine studentische Seminararbeit, was wohl weniger dem jungen Layouter, der vermutlich zu unbezahlter Arbeit angehalten wurde, als dem wahrscheinlich mit einem nennenswerten Druckkostenzuschuss versehenen Verlag vorgeworfen werden muss, der dies so akzeptierte. Die Artikel enthalten zwar Fußnoten mit Nachweisen, aber keinerlei Literaturverzeichnis, teilweise wird schlampig zitiert und bekannte einschlägige Literatur übergangen. Angaben zu den vielen AutorInnen sucht die Leserin ebenfalls vergeblich – dies sind Kritikpunkte und Mängel, die auch auf das Konto der vier Herausgeberinnen gehen.

Der Band enthält nach einem Vorwort drei Artikel über Göttingen und acht zu Bremen. Die drei zu Göttingen behandeln einige Hausbesetzungen, eine Widerstandsaktion gegen die Erweiterung eines militärischen Übungsgeländes und beleuchten Protestbriefe gegen die Ende 1978 bekanntgewordene Unterwanderung des Göttinger Arbeitskreises gegen Atomenergie durch zwei beamtete Polizeispitzel.

Drei der Bremer Artikel thematisieren nicht wie naheliegend das Handeln von Protestbewegungen, sondern untersuchen den Umgang der Bremer SPD mit bzw. die Berichterstattung der Bremer BILD-Zeitung über die Proteste gegen die Rekrutenvereidigung am 6. Mai 1980 im Weserstadion. Der dritte berichtet über die Arbeit des parlamentarischen Untersuchungsausschuss der Bremer Bürgerschaft zum 6. Mai.

Die weiteren fünf Beiträge untersuchen die Bremer Anti-AKW-Bewegung, die autonome Frauenbewegung und die umfangreichen Friedensaktivitäten an der Universität sowie die Inhalte von Kontaktanzeigen im alternativen Bremer Blatt. Der Beitrag zur Gewaltdiskussion in der Bremer Linken nach dem 6. Mai 1980 zeigt, dass damals wie heute die Gewaltfrage als Spaltungs- und Disziplinierungsinstrument genutzt wird.

Einige Texte enthalten auch schlicht Fehler, so ist die Bremer Bürgerinitiative gegen Atomanlagen selbstverständlich nicht aufgelöst (S. 167) und das „Alternativmedium“ Bremer Blatt stellte sein Erscheinen nicht 1989 ein, sondern existiert mit einem veränderten Konzept als Konsumberatungsillustrierte BREMER bis heute (S. 323).

Die Problematik der Repräsentativität der Quellen, also „welche Aussage steht für was und was ist daraus abzuleiten?“ wird überraschenderweise überhaupt nicht reflektiert. Dies wäre aber bei einer Beschäftigung mit den neuen sozialen Bewegungen besonders wichtig. Diese Bewegungen sind ja nicht herrschaftsförmig und nach innen homogenisiert, etwa im Gegensatz zu Institutionen und Parteien, sondern sind getragen von inneren Kämpfen. Letztere verfügen über gewählte Sprecher_innen, die durch Hauptamtlichkeit und/oder Wahl Autorität und Repräsentativität beanspruchen können. Dies ist in den sozialen Bewegungen – meist - ganz politisch bewusst nicht der Fall.

Ein konkretes, ähnlich gelagertes Beispiel dazu: Bei dem Beitrag über die Kontaktanzeigen wird angenommen, dass die dort genannten (gewünschten )Eigenschaften eine Re-Traditionalisierung von Geschlechterrollen und –bildern dokumentieren, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob diejenigen, die solche Anzeigen aufgeben, wirklich repräsentativ für den geistigen Zustand einer qua Definition heterogenen Bewegung sind, oder ob die Anzeigenschreiber_innen nicht eher nur einen Ausschnitt aus selbiger darstellen.

Die „bewegungszentrierten“ Beiträge zur Gewaltdiskussion und zur Anti-AKW-Bewegung sind solide, bieten aber leider auch nichts wirklich neues. Zusammengefasst macht auch dieses Buch deutlich, welche Forschungslücken weiterhin existieren, es bietet, im Gegensatz zu seinem ambitionierte Titel bestenfalls erste Ansätze zu einigen Aspekten einer Protestgeschichte Bremens der 1980er Jahre.

Bernd Hüttner (Bremen)

Sabine Horn, Inge Marszolek, Maria Rhode, Eva Schöck-Quinteros (Hrsg.): „Protest vor Ort. Die 80er Jahre in Bremen und Göttingen“ (Klartext Verlag, Essen 2012, 336 S., 29,95 Euro)

Ich danke Dr. Christiane Leidinger für Anregungen.

Hinweise: Interview mit Prof. Inge Marszolek zu Protest vor Ort“ auf Radio Bremen: http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_journal/audio92760-popup.html

Im Herbst 2012 wird im Hauschild Verlag das Buch von Burkhard Hergesell zur Hafenblockade der Friedensbewegung im Herbst 1983 erscheinen. Darin wird die Blockade des Bremerhavener Hafens als Aktion zivilen Ungehorsams gegen die Stationierung von amerikanischen Mittelstreckenraketen detailliert untersucht.