Nachricht | S. Schregel: Der Atomkrieg vor der Wohnungstür, Frankfurt 2011

"Schregel liefert somit auch implizit erste Bausteine einer noch zu schreibenden Wissensgeschichte des Kalten Krieges"

Holger Nehring, Centre for Peace History, University of Sheffield rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult

Susanne Schregel, Der Atomkrieg vor der Wohnungstür. Eine Politikgeschichte der neuen Friedensbewegung in der Bundesrepublik 1970–1985 (Historische Politikforschung, Bd. 19), Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2011

Er schreibt: "Nach einer auf theoretisch ansprechendem Niveau gehaltenen Einleitung analysiert Schregel verschiedene Elemente des "Atomkriegs vor der Wohnungstür". In einem ersten Schritt untersucht Schregel die "friedensbewegten Raumbilder" (S. 79), die sich durch die
Auseinandersetzung mit der Präsenz des Militärs im Nahraum
herausbildeten und so den Kalten Krieg als Krieg über die Präsenz des
Militärs erfahrbar machten."

Zum Abschluss seiner eher kurzen Rezension schreibt Nehriung: "Letztlich handelt es sich bei Schregels Buch also um eine Geschichte der kognitiven Orientierungen, also der Ideen, welche den Umgang mit Raum in der Friedensbewegung der 1980er-Jahre prägten. Diese Perspektive geht mitunter auf Kosten der Analyse des dynamischen Charakters der Bewegung. Die Gefahr von Schregels "spatial turn" ist, dass die Bewegungen quasi im Raum fixiert werden. Genau dies war ja auch die Quintessenz ganz anderer Wendungen in den Nahraum hinein, etwa die Suche nach Heimat auf den verschiedenen Seiten des politischen Spektrums oder auch die
Geschichtswerkstättenbewegungen. Auch wäre noch zu diskutieren, ob die
binäre Gegenübersetzung von "Leben" und "Tod" tatsächlich die binären
Kategorien des Kalten Krieges wie "Ost"/ "West", "Frieden"/ "Freiheit",
"System"/ "Lebenswelt" überwand, oder ob sie nicht viel mehr Politik
schlicht existentialistisch auflud und dadurch gerade nicht mehr verhandelbar machte. Dennoch gelingt es Schregel insgesamt beeindruckend, nicht nur die Friedensbewegung selbst, sondern auch zentrale Elemente ihrer politischen Ideen und Praktiken zu historisieren. Sie hat damit ein wichtiges Werk vorgelegt, an dem zukünftige Forschungen zum Thema und zur erweiterten Politikgeschichte der 1980er-Jahre nicht vorbeikommen werden."