Nachricht | "Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung" 3/2012

Schwerpunkt der Ausgabe sind zwei Aufsätze über das Verhältnis der deutschen und britischen Arbeiterbewegung zu Zionismus und Antisemitismus, ein weiterer Schwerpunkt sind Frauenbiographien - darunter ein sehr interessanter Aufsatz zu Tatiana Grigorovici, der einzigen Frau, die in der Schule des Austromarxismus wirkte.

Arbeiterzionismus und Antisemitismus: Jahrbuch für Forschungen zur
Geschichte der Arbeiterbewegung

Das aktuelle JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der
Arbeiterbewegung bietet dem Leser erneut breit gefächerte Beiträge. Den
Reigen eröffnet Andreas Morgenstern (Haus der Geschichte
Baden-Würtemberg, Stuttgart). Er legt dar, wie sich die ab 1895
erscheinenden, der SPD nahestehenden Sozialistischen Monatshefte im
deutschen Kaiserreich zum Sprachrohr eines Arbeiterzionismus
entwickelten. Dieser trat für eine Allianz mit der sozialistischen
Bewegung im Kontext eines erhofften jüdischen Staates ein. Die
Zeitschrift sei auch eine Speerspitze des Revisionismus in der SPD
gewesen. Ihr komme aber das Verdienst zu, die deutsche Arbeiterbewegung
auf die prekäre soziale und gesellschaftliche Lage des sonst aus dem
Blickfeld geratenen Ostjudentums aufmerksam gemacht zu haben. Jörn
Wagner (Uni Potsdam) beleuchtet den Antisemitismus in der britischen
Arbeiterbewegung bzw. ihren maßgeblichen Organisationen während des
Krieges zwischen Buren und Empire um 1900. In der deutschen
Sozialdemokratie habe es Ähnliches bei der Beurteilung des Krieges nicht
gegeben. Fabian Trinkus (Universität des Saarlandes/Universität
Luxemburg) steuert die Fallstudie ?Krisenhafter Umbruch und
Organisationsverhältnisse. Der Erste Weltkrieg und die europäische
Arbeiterbewegung am Beispiel der Hüttenstädte Neunkirchen/Saar und
Düdelingen/Luxemburg? bei. Er zeigt, wie die institutionalisierte
Arbeiterbewegung infolge der vom Ersten Weltkrieg ausgelösten Krise und
wegen des rapiden Legitimationsverlustes der ?alten Eliten? innerhalb
kürzester Zeit zu einem gewichtigen politischen und gesellschaftlichen
Faktor aufsteigen konnte.

In fast allen übrigen Beiträgen werden vorrangig biographische Aspekte
behandelt. So begründet Kaspar Brasken (Abo Akademi Universität,
Finnland), daß die noch zu schreibende neue Geschichte der
Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) von 1921 bis 1933 unbedingt den
herausragenden Anteil Willi Münzenbergs an deren erfolgreichen
Entwicklung zu berücksichtigen habe. Cristina Fischer (Rostock) weist
nach, daß die deutsche Gefängnisbeamtin Charlotte Behrends die
Namenskartei der zum Tode verurteilten Frauen aus dem Berliner
Frauengefängnis Barnimstraße von 1942 bis 1945 erstellt hat und plädiert
für eine gründlichere Auswertung dieser Quelle. Weiterhin werden in
Skizzen bemerkenswerte Frauen vorgestellt: Von Gerhard Schäfer (Berlin)
die politisch suchende (vom linken Zentrum über SPD, KPD, KPD
(Opposition), SAP und Revolutionäre Sozialisten) und im KZ Ravensbrück
gestorbene Widerstandskämpferin Dr. Marie Grollmuß (1896-1944); von
Horst Klein (Strausberg) die Austromarxistin Tatiana Grigorovici
(1877-1952) und von Gisela Notz (Berlin) die Tänzerin, Choreographin,
Widerstandskämpferin und idealistische Kommunistin Johanna (Hanna)
Berger (1910-1962). Aus dem Arbeiterkalender 1928 wird eine Erinnerung
Hugo Eberleins an seine abenteuerliche Reise zum Gründungskongreß der
Kommunistischen Internationale 1919 in Moskau veröffentlicht (mit einer
Einleitung von Ruth Stoljarowa, Berlin). In der Rubrik ?Regionales?
schildert Siegfried Spantig (Hagenow) die Tätigkeit des
Kreiskulturhauses seiner Heimatstadt bis 1990 und dessen Aus danach.

Rainer Holze

JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 2012/III,
225 Seiten, Preis 10 Euro (Jahresabo - drei Hefte - 25 Euro)

Bezug: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung,
Weydingerstraße 14-16, 10178 Berlin, www.arbeiterbewegung-jahrbuch.de

Diese Besprechung wurde zuerst veröffentlicht in: junge Welt, Nr. 252 vom 29. Oktober 2012, S. 15 (Politisches Buch). Wir danken für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.