Nachricht | Zeitgeschichte auf dem Prüfstand

Information


Frank Bösch/Jürgen Danyel (Hg.): Zeitgeschichte. Konzepte und Methoden. Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 2012, 464 S., 29,99 EUR, ISBN 978-3-525-30060-2

Je älter die Bevölkerung und je unsicherer die Zukunft eingeschätzt wird, umso mehr wächst das auch nostalgisch unterfütterte Bedürfnis nach der Beschäftigung mit Geschichte und der eigenen Vergangenheit. Ein Blick in die Bahnhofsbuchhandlungen , wo Dutzende Zeitschriftentitel und Sonderausgaben zu historischen Themen ausliegen, oder ins Fernsehprogramm – auch jenseits der Geschichtspornografie von Guido Knopp – scheint dies zu bestätigen.

Was trägt nun die Geschichtswissenschaft dazu bei? Der hier vorliegende Band stammt aus dem 1992 gegründeten Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschungen, das als linksliberaler Cluster in der akademischen Landschaft gilt. Dieser entstammt der Universität und richtet sich in Sprache und Aufbau an ein ebensolches Publikum. Der als Einführung konzipierte Band wird von etablierten WissenschaftlerInnen getragen. Sein disziplinärer und vielleicht auch politischer Hintergrund ist die Historisierung der 1970er und 1980er Jahre, die eine Überprüfung des Verständnisses von Zeitgeschichte notwendig mache. Das Buch wurde aus dem circa 100 Einträge umfassenden Online-Angebot docupedia Zeitgeschichte entwickelt.

Die Leserin findet in ihm zuerst neun Artikel zu Grundlagen der Zeitgeschichte und dann 13 Artikel zu einzelnen Forschungsfeldern. In diesem zweiten Block reicht das Spektrum von der Wirtschafts- über die Konsum- oder Umweltgeschichte bis zur Medien-, Geschlechter- oder transnationalen Geschichte. In allen Beiträgen werden der Begriff, die Methoden und Themen, die Schnittmengen zu benachbarten Teildisziplinen und bei einigen auch die Periodisierungen dargestellt. Alle Texte sind mit umfangreichen Nachweisen zu – auch englischsprachiger - Literatur versehen. Hier erfährt die Leserin doch etliches Neues, etwa wenn die moderne Militärgeschichte anschaulich erläutert wird. Jene habe sich, so Jörg Echternkamp, von einer Geschichtsschreibung von militärischen Operationen weg hin zu einem Verständnis erweitert, das alle Teile des Militärs als soziale Gruppen oder Militärgeschichte als integralen Teil der Technik- und Wirtschaftsgeschichte verstehe oder ein Verständnis von Krieg als Faktor von Vergesellschaftung stark machen wolle.

Zu Beginn des ersten Blockes wird die heute erreichte Methodenvielfalt in der Zeitgeschichte gelobt. Diese war ursprünglich stark von der Politikwissenschaft geprägt und erweitert sich dann durch den Methodenimport aus der Soziologie und danach durch weitere Kooperationen mit benachbarten Disziplinen, vor allem den Kultur- und Literaturwissenschaften. Die zeitgenössische Zeitgeschichtsschreibung sei sehr identitätsstiftend, und stehe, so Gabriele Metzler in ihrem Beitrag, vor zwei großen Problemen: der schon erwähnten Deutungskonkurrenz mit den Massenmedien und der durch die audiovisuellen Medien immens gestiegenen, ja im Grunde unbewältigbaren Anzahl von Quellen. In die Kerbe, dass heute nicht, wie früher, zu wenig, sondern zu viele Quellen existierten, schlägt auch Peter Haber in seinem lesenswerten Aufsatz. Haber, der als wichtiger Publizist zum Thema Geschichtswissenschaft und Web 2.0 gilt, weist darauf hin, dass in dieser Situation das Richtige auszuwählen, eine Schlüsselkompetenz für HistorikerInnen werden wird. Er stellt viele  Online-Angebote, darunter Blogs, vor. Martin Sabrow plädiert in seinem Beitrag dafür, Zäsuren nur noch sektoral zu definieren, denn was in der Politikgeschichte eine Zäsur sei, müsse z.|B. in der Umweltgeschichte noch lange keine sein.

Abschließend lässt sich sagen, dass die derzeitige Zeitgeschichte, zumindest so wie sie sich in dem Band darstellt, eigentümlich harmlos und betulich daherkommt. Das liest sich alles sehr glatt und wirkt durch den hohen Grad an Selbstreflexion und teilweise Abstraktion schnell standpunktarm – und man wünscht sich schon fast etwas mehr vom poltrigen Stil eines Jürgen Kocka oder der Kritik anderer old men der Sozialgeschichte zurück. Da war dann zumindest noch Feuer unterm Dach. Heute weiß die Disziplin anscheinend nicht mehr so wirklich, wo es hingehen soll – nachdem die großen Schlachten zwischen Politikgeschichte und Sozialgeschichte und danach dann die zwischen neuer Kulturgeschichte und Sozialgeschichte geschlagen – und selbst schon Vergangenheit sind.

Inhaltsverzeichnis und Leseprobe als PDF

Diese Rezension erschien zuerst in Forum Wissenschaft, dem Magazin des Bundes demokratischer WissenschaftlerInnen (Ausgabe 4/2012).