Nachricht | Basisdemokratie und Arbeiterbewegung. Günter Benser zum 80. Geburtstag, Berlin 2012

Von Prof. Jörg Wollenberg, Bremen


 

„Ein Volk muss seine Freiheit selbst erobern, nicht zum Geschenk erhalten“. Schon 1798 gab Georg Friedrich Rebmann als Anhänger der Mainzer Republik so eine apodiktische Antwort auf die nicht erst seit 1989/90 aktuelle Frage, ob ein undemokratisches System durch eine (militärische)  Intervention von außen erfolgreich zerschlagen werden darf -  oder ob die Beseitigung der alten Machträger allein dem eigenen Volk zu überlassen ist. Mindestens viermal hatte die deutsche Arbeiterbewegung die Möglichkeit, diese von einem der hellsichtigsten Köpfe der deutschen Jakobiner formulierte Forderung in die Realität umzusetzen. Über die Hintergründe der von oben zerschlagenen basisdemokratischen Bewegungen und Erneuerungsversuche einer sozialistischen Republik in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche von 1848/49, 1918/19, 1945/46 und 1989/90 informiert der Sammelband „Basisdemokratie und Arbeiterbewegung“. Der von Rainer Holze, Mitglied vom Vorstand des Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung, und Siegfried Prokop, Vorstandsvorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg, herausgegebene Band vereinigt Beiträge eines wissenschaftlichen Kolloquiums zu Ehren von Günter Benser. Dieser in Ost und West anerkannte marxistische Historiker ist einer der profiliertesten Kenner der Quellen nicht nur zur DDR-Geschichte, der daran beteiligt war, das für Zeithistoriker unentbehrliche Parteiarchiv der SED vor der Zerschlagung zu retten. Der ehemalige Direktor des Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, der zuvor am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED leitend tätig war, erlebte als akribischer Quellensucher in der Wendezeit einen „Jungbrunnen“, u.a. mit selbstkritischen Bemerkungen und Überarbeitungen seiner historischen Analysen zum Kampf um eine einheitliche antifaschistisch-demokratische deutsche Republik nach 1945, wie der „Wessi“ Dietrich Staritz als einer der Laudatoren neben Siegfried Prokop einleitend bemerkt. 24 Historiker und Sozialwissenschaftler kommen zu Wort. Neben den mit dem Ende des Staatskapitalismus und der kapitalistischen Restauration teilweise skandalös „Abgewickelten“ aus der DDR auch sieben westdeutsche Wissenschaftler unterschiedlichster Couleur. Darunter Peter Brandt, der autonome Sohn des einstigen Bundeskanzlers und Ehrenvorsitzenden der SPD, der mit einem prägnanten Resümee zur Antifa-Bewegung nach 1945 zusammen mit Rolf Badstübner, Heinz Niemann und Reiner Zilkenat einem der Forschungsschwerpunkte Günter Bensers nachgeht und die Grenzen von Basisaktivitäten unter der alliierten Besatzungsherrschaft auslotet. Schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts war es zu einem der wenigen konstruktiven Wettbewerbe zwischen Ost und West am Beispiel der Aufarbeitung von rund 500 antifaschistischen Ausschüssen in Deutschland  zwischen Benser und der Gruppe um Niethammer, Borsdorf, Brandt, Rürup u.a. gekommen. Die Arbeiterinitiativen von unten,  die  Betriebsrätebewegung im Osten oder die Betriebsausschüsse im Westen, scheiterten trotz aller Einheitssehnsucht nicht nur an den alliierten Vorbehalten, sondern auch an den Führungsgremien der KPD in Berlin unter Walter Ulbricht und der SPD in Hannover unter Kurt Schumacher. Dem folgte in der Bundesrepublik die Restauration der Funktionseliten des Nationalsozialismus und in der DDR die „Stalinisierung und demokratische Defizite“ (Badstübner). Dass der Weg zur Einheitspartei vielfach als „Vereinigung ohne Zwang“ (Zilkenat) stattfand, gehört zu den Defiziten der Forschung. Wenig bekannt ist z.B., dass einer der ersten Aufrufe zum „Aufbau einer sozialistischen Einheitspartei“ am 3. Juli 1945 in Braunschweig  aus der Feder von Alfred Kubel stammt, dem damaligen Repräsentanten des Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes (ISK) und späteren SPD- Ministerpräsidenten von Niedersachsen. Der Aufruf wurde am 2. August 1945 von Mitgliedern der KPD ebenso unterzeichnet wie von Anhängern der SPD, SAP oder der KPO. Und noch am 16. Dezember 1945 verpflichteten sich die Mitglieder auf der Abschlusstagung der KGF (Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus) in Bremen, „die Bildung einer Sozialistischen Einheitspartei“ als „Hauptziel“ weiter zu verfolgen. Reiner Zilkenat erinnert an diese „Einheit ohne Zwang“ im Detail am Beispiel der Konstitution der SED in Berlin-Neukölln 1945/46. Dass der West-Berliner  dabei Karl Schröder übersieht, ist möglicherweise ein bedauerliches Relikt der offiziellen Geschichtsschreibung der DDR, der allzu lang auch westdeutsche Linke folgten. Angehörige kommunistischer oder sozialistischer Splittergruppen blieben  häufig als Verfolgte des NS-Regimes unerwähnt, so auch der Schriftsteller Dr. Karl Schröder. Dazu einige Hinweise: Karl Schröder (1884-1950) war 1913 Mitglied der SPD geworden, stieß1918 zum Spartakusbund und gehörte als Delegierter aus Berlin zu den Gründungsmitgliedern der KPD. Mit Alexander Schwab führte er die linke Opposition in der KPD an und wurde im April 1920 Gründungsmitglied der KAPD. Nach Konflikten mit dieser Partei gründete er die Gruppe „Rote Kämpfer“ und leitete den damals größten Lesering für Arbeiter, dem Bücherkreis in Berlin. 1936 wurde Schröder verhaftet und zu acht Jahre Zuchthaus verurteilt, die er im KZ Börgermoor und im Zuchthaus Brandenburg-Görden absaß. Nach der Befreiung beteiligte sich der in der Fuldastraße von Neukölln den Krieg überlebende Schröder am Neuaufbau und der Reformierung des Schulwesens in Berlin- Neukölln, wo er zugleich von 1946 bis 1948 die Volkshochschule leitete. Als SED- Mitglied aus der West-Berliner Schulverwaltung entlassen, übernahm er im Ost-Berliner Schulbuchverlag Volk und Wissen eine Stelle als Lektor. Hier stieß er erneut auf die ebenfalls aus West-Berlin vertriebenen Freunde von Fritz Karsen und der Karl- Marx-Schule aus Neukölln um Robert Alt, Paul Oestreich und Heinrich Deiters, die als ehemalige Anhänger des „Bundes Entschiedener Schulreformer“ das Bildungssystem der SBZ und DDR mit prägen sollten.  Kein geringerer als Heinrich Scheel hat Karl Schröder einen warmherzigen Nachruf gewidmet („Kämpfen will ich bis zum letzten Atemzug“. Begegnungen eines jungen Menschen mit Karl Schröder, in: Karl Schröder, Die letzte Station, Bremen (Edition Temmen) 1995, S. 11-21). Ein Grund mehr, um in einer Fortsetzung der Arbeit an „Basisdemokratie und Arbeiterbewegung“ an die vielen Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten zu erinnern, die neben diesen Pädagogen teilweise schon vor 1933 Wanderer zwischen Ost und West wurden: Spannende demokratische Lebensläufe von Wolfgang Abendroth über Fritz Bauer, Hermann Louis Brill, Willi Bleicher, Walter und Hilde Benjamin, Heinrich Brandler, Margarete Buber-Neumann, Robert Dißmann, Wilhelm Dittmann, Fritz Eberhard, Axel Eggebrecht bis zu Ruth Fischer, Paul Frölich, Franz Jung, Paul Levi, Erich Mühsam, Anna und August Siemsen, Ruth und Max Seydewitz, Theo Pinkus, Augustin Souchy, Karl Retzlaw, Rudolf Rocker, Max Nettlau, Heinrich Laufenberg, Otto Rühle, Ernst Toller, Dora und Walter Fabian, Jacob Walcher, Günter Weisenborn, Fritz Sternberg, Peter Weiss, August Thalheimer, Karl August Wittfogel, Erich Wollenberg, Ernst Bloch, Stephan Hermlin, Hans Meyer, Werner Krauss oder Alfred Kantorowicz, u.a.

Die Konflikte zwischen Zentralismus und Basisdemokratie waren durchaus nicht nur ein Grundzug der revolutionären Prozesse in der SBZ und DDR. Sie sind geradezu kennzeichnend für die deutsche Arbeiterbewegung, und das nicht erst für die beiden Hauptströmungen nach 1918 mit dem unterschiedlich interpretierten demokratischen Zentralismus und der Abwehr von Basisinitiativen. Das thematisieren im ersten Hauptteil des Sammelbandes u.a. Walter Schmidt, Rolf Hoffrogge, Manfred Neuhaus und Hartmut Henicke  mit ihren unterschiedlichen Zugangsweisen zum Demokratieverständnis der deutschen Arbeiterbewegung von 1848 bis 1918.

Gerhard Engel und Annelies Laschitza mit Eckhard Müller behandeln dagegen in ihren fundierten Fallstudien überschaubare Möglichkeiten der freien Selbstbestimmung der Volksmassen am Beispiel der Demokratiekonzepte von Rosa Luxemburg und der Bremer Linksradikalen. Dass im Gefolge der Zerschlagung der Rätebewegung und der Zurückdrängung der nur am Rande behandelten anarcho-syndikalistischen Arbeiterbewegung sich nach 1920 in den Partei- und Gewerkschaftsapparaten sozialdemokratischer Provenienz die Ideologie der Sozialpartnerschaft und die Fiktion auf die parlamentarische Demokratie durchsetzte, verdrängte auch nach 1945 die in  der IG Metall unter Otto Brenner und von einigen Wissenschaftlern um Peter von Oertzen, Erich Gerlach  und  Wolfgang Abendroth thematisierten Versuche, in Anlehnung an Rosa Luxemburg über den Kampf um mehr Mitbestimmung als Schule des Klassenkampfes Ansätze zur Demokratie in Betrieb und Wirtschaft durchzusetzen und an rätedemokratische Überlegungen von Karl Korsch anzuknüpfen (siehe dazu die Beiträge von Andreas Diers und Gregor Kritidis). Für beide reichte der Platz nicht, um diese Überlegungen in die Grundsatzdiskussion einzuordnen, die im „Roten Gewerkschaftsbuch“ von 1932 von oppositionellen Kommunisten und Linkssozialisten in Gang gesetzt wurde und die nach 1945 über die Verfasser der einflussreichen Broschüre von August Enderle und Jacob Walcher noch einmal Einfluss auf die Arbeiterbewegung in Ost und West gewann. Gleichzeitig setzten sich die Gewerkschaftskritiker mit dem von Fritz Naphtalie vorgelegten Theoriegebilde der „Wirtschaftsdemokratie“ der ADGB-Führung auf dem Hamburger Kongress von 1928 auseinander. Ein Konzept, mit dem die Führung der Sozialdemokratie und der freien Gewerkschaften das todkranke kapitalistische System heilen und „Arzt am Krankenbett des Kapitalismus“ spielen wollte (Fritz Tarnow). Ein bis heute viel zitiertes Programm, dem schon 1928 das damalige (Noch-)Mitglied der KPD und der KPdSU, August Thalheimer, einen Gegenentwurf in einer Artikelserie in der „Einheit- Zeitschrift für Fragen des Sozialismus und der Gewerkschaftseinheit“ widmete – mit der Ausgangsfrage: „Ist Wirtschaftsdemokratie überhaupt im Kapitalismus möglich?“ Gisela Notz greift in Ihrem Beitrag über „basisdemokratische Wirtschaftsmodelle“ nicht auf diese Diskussion zurück, sondern thematisiert angesichts der heutigen „gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung, verbunden mit Erwerbslosigkeit, Orientierungslosigkeit, sozialer Ausgrenzungen und Armut“ andere Alternativen zu traditionellem Wirtschaftskonzepten und zur kapitalistisch-patriarchalen Arbeitsgesellschaft. Dabei zitiert sie u.a. die ansonsten im Sammelband eher ausgegrenzten Frühsozialisten wie auch die anarchistischen Ansätze von Gustav Landauer oder Rudolf Rocker und neuere Modelle der „solidarischen Ökonomie“ und der „alternativen Wirtschaft“. Auch die einst bewährte sozialistische Genossenschaftsbewegung wird wieder reaktiviert und am Beispiel des links-alternativen, basisdemokratischen Gemeinschaftsprojektes der Kommune Niederkaufungen bei Kassel konkretisiert. Grundlegender für eine sozialistische Perspektive sind in diesem Zusammenhang Ulla Pleners Thesen zu radikaler Demokratie und zur Spontanität: „Allumfassende Demokratie“ als ein  Weg zur sozial gerechten Gesellschaft. Spontane Volksbewegungen und Massenaktionen als erste Ansätze zu Formen der direkten (Basis-)Demokratie wie in der Pariser Kommune von 1871, den Sowjets von 1905 und 1917 oder den Räten von 1918/19 und den Antifa-Ausschüssen von 1945.

Es handelt sich um erstaunliche und offene Anknüpfungen an Traditionen sozialistischer Bewegungen trotz des folgenreichen Scheiterns der „Basisdemokratie von 1989“. Stefan Bollinger, Kurt Schneider, Jörg Rösler und  Günther Glaser beschreiben und verteidigen einige dieser „basisdemokratischen“ Rechte und Erfahrungen aus dem „41 Jahr der DDR“ (Bollinger) als „Inneneinsichten einer Revolution“ (Kurt Schneider) und „Chancen für die Wirtschaftsdemokratie“ (Rösler) oder als Veränderung der Nationalen Volksarmee „in der friedlichen Revolution der DDR zwischen Beharrung und Wandel“ (Günther Glaser). Angesichts der Restauration des Kapitalismus durch den Anschluss der DDR an die Bundesrepublik wirken diese Erinnerungen an einige temporäre Erfolge der oppositionellen Sammelbewegung zur demokratischen Erneuerung wie ein Schwanengesang auf eine Staatskrise, die euphemistisch  eine „friedliche Revolution“ verkündete und die als „abgebrochen Revolution“ zum restaurativen Anschluss an die Bundesrepublik führte und in einer radikalen Plünderungsagentur gegen Ostdeutschland mit Hilfe der Treuhand kulminierte, ohne wirksame Gegensteuerung durch die westdeutsche Arbeiterbewegung. Das war die Geburtsstunde  der neuen europäischen Großmacht und ökonomischen Supermacht als politische Einheit im Rahmen einer ungezügelten kapitalistischen Marktwirtschaft mit den Gefahren eines Wiederauflebens des Deutschnationalismus. Dagegen wirken die Betrachtungen von Felix Tych zum „Epochenjahr 1989/90“ und  zu den Ansätzen einer Basisdemokratie in der katholischen Arbeiterbewegung mit Namen Solidarnosc wesentlich nüchterner. Der polnische Historiker und intime Kenner von Rosa Luxemburg sieht  in ihr eine große soziale Bewegung zwischen 1980 bis 1989, die Polen 1989 wieder unabhängig und weitaus demokratischer machte als in der sogenannten Zwischenkriegszeit. Aber von Anfang an war unter den Solidarnosc-Mitgliedern eine Art Patriotismus verbreitet, der nicht das Polen seiner Bürger, sondern ein Polen für die ethnischen Polen meinte. Mit ehemaligen Solidarnocs-Aktivisten teilt Felix Tych deshalb die Sorge, dass diese Art von Patriotismus die PiS möglich machte, die Partei des Jaroslaw Kaczynski, die „heute eine nicht geringere Bedrohung ist als einmal der Kommunismus“ (Andrzej Romanowski). Tychs Fazit: „Solidarnosc – das traurige Fräulein S. – war und ist weiterhin Trägerin nicht nur edler Werte“.

Ein Elitenwechsel wie in der DDR blieb Felix Tych und den Polen weitgehend erspart. Die Diskriminierung der ostdeutschen Intellektuellen fand ihren Höhepunkt in der Abwicklung der Geschichtswissenschaft, die jüngst von Werner Röhr in der Edition Organon präzise und bedrückend dargestellt worden ist (Abwicklung. Das Ende der Geschichtswissenschaft der DDR. Band 1: Analyse einer Zerstörung, Berlin 2011). Schon 1946 hatte einer der international hochgeachteten Historiker der DDR, Walter Markov, festgehalten: „Die Geschichte ist von allen Wissenschaften die auffälligste und wehrloseste, wenn es den Zeitgeist gelüstet, sie zu vergewaltigen und zu beschmutzen“. Nur das Alter bewahrte dem Jubilar Günter Benser vor den extremen Folgen einer persönlich diskriminierenden Abwicklung. Aber die Zerstörung seines Instituts konnte er trotz der Neustrukturierung als Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung nicht verhindern. Es wurde mit seinen Archiven nur bis 1992 aus dem beschlagnahmten Vermögen der SED von der sog. Treuhandanstalt finanziert – bei vorzeitiger Entlassung des Großteils der Mitarbeiter/Innen. Laudator Siegfried Prokop erwähnt die im Anhang dokumentierte beeindruckende Forschungsleistung und Publikationsliste mit 507 Titeln, die Bensers Institut ebenso wenig rettete wie seine Beteiligung an der demokratischen Volksbewegung. Am 10. November 1989 ergriff Benser z.B. im Berliner Lustgarten vor über 150.000 Berlinern das Wort und forderte die Erneuerung der SED von unten. An dem im Dezember 1989 gegründeten Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung entstand eine „Arbeitsgruppe Opfer des Stalinismus“ und bislang geheim gehaltene Dokumente  wurden im Dietz-Verlag veröffentlicht (z.B. die Rede von Chruschtschow von 1956 über den Personenkult von Stalin). Seine Veröffentlichungen nach 1990 gehen offen mit den Grenzen des parteioffiziellen Geschichtsbildes der DDR um. Als einer der ersten konnte Benser auch ihm bis dahin verschlossenen Archivbestände nutzen und  eine fünfbändigen Quellenedition  über Dokumente zur Geschichte der kommunistischen Bewegung in Deutschland, Reihe 1945/1946, vorlegen. Keine politischen Auflagen und Selbstblockaden hinderten ihn daran, gewachsene Spielräume zu erkennen und zu nutzen. Die fundierte, weit ausholende historische Querschnittanalyse von Günter Benser auf seinem Ehrencolloquium über „Basisdemokratie gestern heute und morgen“ wagt vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse einen Bogen vom Athen Perikles bis zur Gegenwart unter dem zentralen Gesichtspunkt, wie in einem demokratischen Gemeinwesen Entscheidungen kompetent im Allgemeininteresse bei Beachtung und Respektierung der Belange von Minderheiten transparent und zweckmäßig getroffen werden können – bei gleichzeitiger Beachtung der Entfaltung der  Produktivkräfte und der Gestaltung der sozialen Verhältnisse wie auch der demografischen  Entwicklung in der Gesellschaft. Erstaunlich ist dabei, dass Günter Benser als namhafter Vertreter der legendären Aula- Generation an der Alma mater lipsiensis auf eine Darstellung der Vorkämpfer einer volksverbundenen Demokratie im Gefolge der Französischen Revolution weitgehend verzichtet. Die lange tonangebende konservative-deutschnationale Historikerzunft in Westdeutschland ignorierte diese Volksmassen in der Geschichte als Vorkämpfer der Republik. Wer über diese als Landesverräter und Anhänger des französischen Erbfeindes lange diffamierten Anhänger der deutschen Jakobiner etwas erfahren wollte, war auf die Forschungen des von Walter Markov und Manfred Kossok geleiteten Instituts für Allgemeine Geschichte in Leipzig angewiesen. Sie kooperierten mit den französischen Revolutionsforschern um Albert Soboul und prägten die vergleichende Revolutionsforschung der Neuzeit, zusammen mit Außenseitern der Zunft wie Walter Grab aus Tel Aviv und Heinrich Scheel. Diesem Repräsentanten der DDR-Geschichtswissenschaften widmeten  seine Freunde zum 70. Geburtstag ebenfalls einen Sammelband, um an die Bedeutung des Widerstandskämpfers und Jakobinerforscher vom internationalen Rang zu erinnern, ohne dass ein westdeutscher Historiker sich dabei zu Wort meldete. (Helmut Bleiber und Walter Schmidt (Hrsg.): Demokratie, Antifaschismus und Sozialismus in der deutschen Geschichte, Akademie-Verlag Berlin 1988). So muss es nicht überraschen, aber dennoch verwundern, dass die als Abwickler tätigen westdeutschen Historiker um Wolfgang Mommsen, - dem damaligen Vorsitzenden des Verbandes der Historiker der Bundesrepublik und mit seinem Vater Wilhelm Mommsen ein ausgewiesener Kenner von „Größe und Versagen des deutschen Bürgertums von 1848/49 -, nach der Wende dem Direktor des an der Leipziger Universität wieder gegründeten Instituts für Universal -. und Kulturgeschichte, Manfred Kossok, die demokratisch legitimierte Anerkennung aus „rechtstaatlichen“ Gründen versagte: Das Institut müsse aufgelöst werden, weil es in der westdeutschen Wissenschaftslandschaft kein vergleichbares Institut gäbe. Ein für Gesamtdeutschland vorbildliches Institut durfte nicht aus der DDR- Wissenschaft hervorgehen (Siehe Werner Röhr. Abwicklung, 2011, S. 297).

„Noch ist Deutschland nicht verloren/ Ob auch Willkür drückt/. Und die Freiheit, kaum geboren,/ Man im Keim erstickt“. So wandelte Rudolf Lohbauer die polnische Hymne um, um die politischen Verhältnisse im Gefolge der Julirevolution von 1830 zu beschreiben. Lohbauer gehörte zu den demokratisch- revolutionären Dichtern Deutschlands, zu den nichtproletarischen Kräften. Ihnen widmete das Autorenkollektiv um den Jenaer Historiker Dieter Fricke ein grundsolides Handbuch für die Zeit von 1830 bis 1945, ergänzt um ein mehrbändiges Lexikon zur Parteiengeschichte der bürgerlichen Parteien und Verbände. Hierauf könnte man zurückgreifen, um die aktuelle Diskussion um Bürgerproteste und direkte und kämpferischen Demokratie  mit weiteren Bänden zur historischen Dimension basisdemokratischer Prozesse fortzusetzen. Dabei sollten auch die Anhänger der Graswurzelrevolution ebenso wenig vergessen werden wie die Arbeiten zur Geschichte von unten, mit den Geschichtswerkstätten und ihrer Behandlung von sozialen Bewegungen, zu Alltag und Politik in der Neuzeit. Auch hier übernahm einst das Institut für Wirtschaftsgeschichte an der Akademie für Wissenschaften der DDR eine Vorreiterrolle. Denn der Gründungsdirektor des Instituts, Jürgen Kuczynski, publizierte seit den 1940er Jahren im englischen Exil nicht nur eine „Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus von 1789 bis zur Gegenwart, die er 1972 mit dem 38. Band in seinem inzwischen abgewickelten Berliner Institut abschloss. Dieses Opus magnum wurde in den achtziger Jahren in direkter Anlehnung an die Befunde zur Lage der Arbeiter um eine sechsbändige Ausgabe zur Alltagsgeschichte des deutschen Volkes von 1600 bis 1945 ergänzt, um die Aufmerksamkeit nicht nur der Historiker auf die elementaren materiellen Bedürfnisse und Gegebenheiten des alltäglichen Volkes zu lenken. Denn „Kohle war nicht alles“. So betitelt  eine Gruppe der von der Zunft als „Barfußhistoriker“ diffamierten Bürger und Kulturarbeiter ihr „Hochlarmarker Lesebuch“ von 1981, um mit den Bergarbeitern und ihren Frauen aus Recklinghausen ihre Geschichte aufzuschreiben. „Grabe, wo Du stehst“ und lasse dich nicht unhinterfragt von oben berieseln. „So wie die Verhältnisse jetzt sind dürfen und können sie nicht bleiben. Wohlan denn, legt Hand ans Werk, auf das es wachse und gedeihe“, forderten die Zigarrenmacher von Mannheim und Heidelberg schon 1848. Und es ist kein Zufall, dass seit der „Jakobinerfrage“ bürgerliche Revolutionen und Volksbewegungen eine zunehmende Aktualität gewannen. Der Aufstand der Bürger verpflichtete deshalb die Vordenker der linken Bewegung von Marx und Engels bis zu Luxemburg und Lenin, den Begriff und die Ereignisse der bürgerlichen Revolutionen ernst zunehmen Auch die Anarchistenfürsten von Kropotkin bis zu Bakunin oder die Vertreter von „Glasnost“ thematisieren das ambivalente Verhältnis zur bürgerlichen Revolution. Der alten Mann aus den Reihen der oppositionellen Kommunisten, Theodor Bergmann, sah sich deshalb im Sammelband für Günter Benser gezwungen, noch einmal grundsätzlich über das Verhältnis von bürgerlicher Demokratie zum Stalinismus und Faschismus nachzudenken. Dabei wählte er das Postulat von Ernst Bloch zum Aufhänger seiner kritischen Auseinandersetzung mit den Defiziten des Demokratieverständnis in der DDR: “Keine Demokratie ohne Sozialismus, aber auch kein Sozialismus ohne Demokratie“. Eine Forderung als Ausgangspunkt, die den großen Trümmerhaufen des DDR-Sozialismus und des Stalinismus als Aussichtsturm nutzt, um daraus Lehren zu ziehen für die noch einzulösenden Voraussetzungen zur Realisierung einer sozialistischen Demokratie, die bürgerliche Freiheiten und den Schutz von Minderheiten garantiert.

Rainer Holze/Siegfried Prokop (Hrsg.): Basisdemokratie und Arbeiterbewegung. Günter Benser zum 80. Geburtstag, Karl Dietz Verlag Berlin 2012.