Nachricht | Mess: »...als fiele ein Sonnenschein in meine einsame Zelle«, Berlin

Andreas Fritsche rezensiert in Neues Deutschland vom 20.04.2009 ein Tagebuch aus dem KZ Ravensbrück: Die luxemburgische Kommunistin Yvonne Useldinger beschrieb ihr Schicksal als KZ-Häftling
23 Jahre alt ist Yvonne Useldinger, als sie am 3. Dezember 1944 beginnt,
Tagebuch zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt schmachtet die luxemburgische
Kommunistin schon 18 Monate im KZ Ravensbrück. Ende April 1945 wird sie
vom Roten Kreuz herausgeholt. Die letzte Eintragung macht sie am 27.
April im Zug nach Schweden.
In ihrer Dissertation analysierte Kathrin Mess das Tagebuch. Eine
überarbeitete Version der Doktorarbeit erschien als Buch. Das Tagebuch
ist darin enthalten. Hilfreich sind die Anmerkungen, weil der Text ohne
eine Erklärung der Hintergründe kaum verständlich wäre. Am Wochenende
las Mess in Ravensbrück aus den Aufzeichnungen der kürzlich verstorbenen
Yvonne Useldinger. Die Luxemburgerin hatte sich bei ihrem
Arbeitskommando in den Siemenswerken heimlich einen Bleistift vom Tisch
des Meisters genommen. Das Heft verbarg sie tagsüber in ihren Hosen oder
in einer Maschine, nachts schlief sie darauf.
Yvonne Useldingers Vater, der Metallarbeiter Alfons Hostert, pflegte
Kontakte zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. 1933 nahm die Familie in
ihrem Haus Menschen auf, die vor den Nazis aus Deutschland flohen.
Useldingers Mann Arthur war Kommunist. Er gründete die Gesellschaft der
Freunde der Sowjetunion.
Als die Wehrmacht 1940 das Großherzogtum Luxemburg besetzte, kümmerte
sich Yvonne um Flugblätter und illegale Zeitungen, hörte Radio Moskau
und verbreitete Nachrichten, sammelte Geld für die Familien verhafteter
Genossen. 1942 wurde sie selbst ins Landgerichtsgefängnis Trier
gesperrt, obwohl sie schwanger war. Tochter Fernande kam nach der Geburt
zur Großmutter. Dem Vater gelang es, sich bis zur Befreiung zu verbergen.
Nach dem Krieg wurde Arthur Useldinger Bürgermeister von Esch, der
zweitgrößten Stadt Luxemburgs. Er wirkte außerdem als Sekretär der
Kommunistischen Partei, Yvonne wurde ins Zentralkomitee gewählt. Doch in
den 70er Jahren zog sich das Ehepaar aus Schlüsselpositionen zurück. Es
war noch nachträglich erschüttert vom Hitler-Stalin-Pakt und enttäuscht
von den Lebensbedingungen in der Sowjetunion. Arthur schloss 1977 ein
Studium als Kameramann an der Moskauer Filmhochschule ab. Mess entdeckte
bei ihrer Textanalyse, wie die Sprache der SS-Aufseher ungewollt in
Useldingers Bewusstsein eindrang. So benutzte die Luxemburgerin den
Begriff »Abgang«, wenn sie vom Mord an Häftlingen schrieb.

Kathrin Mess: »...als fiele ein Sonnenschein in meine einsame Zelle«,
Metropol, 327 Seiten (brosch)., 24 Euro,

Quelle: www.neues-deutschland.de/artikel/147475.ein-tagebuch-aus-ravensbrueck.html