Nachricht | Hergesell: „Petting statt Pershing“. Die Hafenblockade der Friedensbewegung in Bremerhaven 1983, Bremen 2012

Information

Vom 13. bis 15. Oktober 1983 werden die Zufahrten zum Hafen in Bremerhaven von mehreren tausend Menschen blockiert. Die Aktion der norddeutschen Friedensbewegung ist eine der, wenn nicht die größte zivilen Ungehorsams gegen die damals beabsichtigte Stationierung von Pershing II-Raketen und Cruise Missiles. Der Bremerhavener Kulturwissenschaftler Burkhard Hergesell hat nun ein Buch über dieses Ereignis verfasst, eine, wie er es nennt, „stadtgeschichtliche Mikrostudie“. Er gliedert sein Buch in drei Abschnitte. Nach einer kurzen Einleitung zur heutigen Wiederkehr von Protest weltweit und zur damaligen globalen politischen Situation und Konfrontation, wird im ersten „die Friedensbewegung“ und ihre Vorbereitung des Wochenendes geschildert. Im zweiten Kapitel erzählt Hergesell die dreitägige Hafenblockade detailliert nach und im letzten geht er auf Protest- und Kommunikationsformen der Friedensbewegung ein. Als Quellen stützt sich Hergesell sehr auf ZeitzeugInnen, diese werden namentlich benannt und leben vermutlich bis heute in Bremerhaven. Zweitens hatte er Zugang zum Archiv der Ortspolizeibehörde Bremerhaven.

Im Herbst 1982 demonstrieren in Bonn 400.000 Menschen gegen Aufrüstung, im März 1983 ziehen die Grünen erstmals in den Bundestag ein. Angesichts der für Herbst 1983 geplanten Stationierung weiterer Raketen stand die bunte und breite Friedensbewegung vor einem strategischen Dilemma. Sollte sie durch bürgernahe Aktionen weitere MitstreiterInnen gewinnen und so die Gegenseite durch die pure Zahl überzeugen (dieser Ansicht war nach Hergesell die Mehrheit), oder sollte sie durch direkte Aktionen in den Alltag und den Militärbetrieb eingreifen und diese dadurch be- und verhindern? Auf den Aktionskonferenzen der verschiedenen vertikalen Ebenen werden diese Fragen diskutiert und es ist klar, dass verschiedene Strömungen und Organisationen dazu unterschiedliche Haltungen einnehmen. In Bremerhaven sind damals nach Auffassung der Friedensbewegung 40 Prozent des Güterumschlages, die im Hafen stattfinden, militärischer Natur. Die Stadt ist darüber hinaus stark von der Kaserne und der Anwesenheit der amerikanischen Truppen geprägt, im Positiven wie im Negativen. Nach Ansicht vieler AktivistInnen ist sie ein lohnendes Ziel, es wird eine spektrenübergreifende Aktion (Blockaden und Abschlussdemonstration mit anschließender symbolischer Umzingelung der Carl-Schurz-Kaserne) verabredet. Im Vorfeld finden, ähnlich wie heute bei „Castor Schottern“, Trainingscamps für die Blockaden statt.

Am 13. 10., dem Beginn der Aktionstage, hat die Polizei alles abgesperrt, sie ist mit 6000 BeamtInnen im Einsatz – und bringt schon alleine deswegen den LKW-Verkehr zum Erliegen. Die Hafenarbeiter werden teilweise mit Schiffen zu ihren Arbeitsplätzen gebracht, insgesamt ist der Hafenbetrieb aber beeinträchtigt. Die Polizei räumt unter Einsatz von Knüppeln temporär einzelne Blockadepunkte. Nach der Abschlusskundgebung am Samstag bilden sich zwei Demonstrationszüge, die geplante Umzingelung gelingt nur schlecht und einer der Demonstrationszüge wird zu einem polizeilichen Wanderkessel umfunktioniert. Es kommt auch zu einem Wasserwerfereinsatz.

Das im Verkauf sehr preiswerte Buch ist unter prekären Bedingungen entstanden und ist nur dank der Spenden vieler Sponsoren finanzierbar gewesen, es verdient alleine deswegen schon Respekt. Trotzdem kann über seine Mängel nicht hinweggesehen werden: Zum einen werden die internen Kommunikationsprozesse der Friedensbewegung zu wenig beleuchtet, obwohl es dazu massenhaft gedruckte Quellen gibt. So taucht zum Beispiel der für Norddeutschland damals eminent wichtige Kommunistische Bund (KB), der sich um eine Scharnierposition zwischen militanten und gemäßigten Friedensbewegten bemühte, in dem Text nicht auf. Quellen zu den Autonomen, die ja zumindest in Bremen und Hamburg seinerzeit eine große Bedeutung gehabt haben, kommen nicht vor vielmehr werden diese – wie damals - als hirnlose Politrocker diffamiert.

Zum anderen ist der Teil zu den Protestformen zumindest aus Sicht des Rezensenten eher albern. Sicher ist es nett, Fahnen, Graffiti, Kleidung und Reden zu beschreiben. Was aber ist der Erkenntnisgewinn, wenn unter einem Foto mit einem Transparent dann als Bildunterschrift eben dieser Transparentspruch steht, oder unter einem Foto von DemonstrantInnen zu lesen ist „Man trägt Schals und Regenjacken“, während gleichzeitig unkommentiert bleibt, dass auf einem anderen Foto Rudolf Bahro zu erkennen ist, wie er von der Polizei weggetragen wird (S. 68). Nicht zuletzt ist der Umgang mit den Zeitzeugen zu unkritisch. Ihre aufgrund ihrer heutigen Kenntnisse und Prägungen vorgenommenen Erzählungen und Deutungen werden nicht hinterfragt. Ob mit dem Buch wirklich eine stadtgeschichtliche Mikrostudie vorliegt, das muss der Leser und die Leserin selbst entscheiden. Die Friedensbewegung hatte jedenfalls mit den Herbstaktionen ihren Höhepunkt erreicht und zerfiel danach innerhalb kürzester Zeit mehr oder minder.

Burkhard Hergesell: „Petting statt Pershing“. Die Hafenblockade der Friedensbewegung in Bremerhaven 1983, 160 S., 12,90 EUR, Hauschild Verlag, Bremen 2012

Bernd Hüttner ist Referent für Zeitgeschichte und Geschichtspolitik der Rosa Luxemburg Stiftung (mehr). Er ist ferner ehrenamtlicher Mitarbeiter des Archiv der sozialen Bewegungen in Bremen.


- DOKUMENTATION -

Ausriss zu „Bremerhaven“ aus Geronimo: Feuer und Flamme (Berlin/Amsterdam, 4. verbesserte Auflage 1995), dem Standardwerk zur Geschichte der Autonomen (S. 136-139)

 

»Heißer Herbst« und kalter Kaffee

Im Rahmen der Aktionswoche der Friedensbewegung vom 13.-22. Oktober ’83 kam es trotz aller Widersprüche zu einer massiven Beteiligung von Autonomen an den Blockadeaktionen in Bremerhaven/Nordenham und am Springer-Verlagsgebäude in Hamburg. Grundlage für beide Mobilisierungen war die kontinuierliche Arbeit der in der Region Unterweser arbeitenden antimilitaristischen Gruppen, die sich z.B. in Bremen in dem »Komitee gegen die Bombenzüge « (KGB) zusammengeschlossen hatten, sowie die autonomen Strukturen in Hamburg.

In beiden Aktionen übten jedoch die bürgerlichen und traditionellen Kräfte der Friedensbewegung die politische Hegemonie aus. Selbst der regional antimilitaristisch gegen die alltägliche NATO-Infrastruktur orientierte Ansatz der KGB-Gruppen konnte in die Bündniskonzeptionen des traditionellen Teils der Friedensbewegung integriert und im »Raketenherbst« politisch wirkungslos gemacht werden.

Zwar gelang es den Autonomen auf der Bremerhavener Großdemonstration – ähnlich wie am 6. Mai ’80 in Bremen –, die Spitze des Demonstrationszuges zu übernehmen, eine geschickte Demoführungsregie aus den Reihen der Friedensbewegung sorgte jedoch dafür, daß der Autonomenblock getrennt von der Masse der anderen DemonstrationsteilnehmerInnen durch die Straßen der Stadt lief. Dabei stieß der praktisch und politisch völlig isolierte Autonomenblock auf einen gemeinsam von Bullen und gewaltfreien SitzblockiererInnen versperrten Hafeneingang am »Roten Sand«. In der danach folgenden Phase der Desorientierung zog der autonome Demoblock in einem stundenlangen Fußmarsch völlig erschöpft und zersplittert durch die Stadt und wurde in den Abendstunden, als er die amerikanischen Kasernen im Hafengelände erreichte, in einem abgelegenen Gebiet zum Spielball einer riesigen Polizeiübermacht. Der ganze deprimierende Ablauf der Bremerhaven-Demonstration war kennzeichnend für die verfahrene Situation in dem Verhältnis zwischen den Autonomen und der Friedensbewegung.

Die ungelöste »Gewaltfrage« hatte bereits im Vorfeld alles blockiert, so daß die darüber nicht geführten inhaltlichen Auseinandersetzungen im nach hinein nicht mehr aufgeholt werden konnten. So blieb dann ihre Beteiligung an den Aktionen der Friedensbewegung quasi »putschistisch« aufgesetzt, fremd und letztlich isoliert, was der Ablauf der Bremerhaven-Aktion sinnfällig demonstrierte. Die seitens vieler Autonomer gehegte Hoffnung, doch eine »Radikalisierung« der Friedensbewegung erreichen zu können, scheiterte. Zutreffend und voller Sarkasmus wurde dann auch in einem Auswertungsflugi von West-Berliner Autonomen kommentiert: »Zwischen Bremen und Bremerhaven liegen 60 Kilometer und drei Jahre.«

Allerdings bewahrheiteten sich auch nicht ursprünglich geäußerte Befürchtungen von eine »Falle Bremerhaven« oder einer »Abräumaktion italienischen Ausmaßes« im Raketenherbst. Die völlige politische Isolation der autonomen Gruppen machte derartige staatliche Repression überflüssig. Als beispielsweise kurz vor der Massenkundgebung der Friedensbewegung am 22. Oktober in Hamburg eine Solidaritätsdemonstration für die Hafenstraße von den Bullen aufgemischt und über 150 GenossInnen festgenommen wurden, kam es seitens der Friedensbewegung zu keinerlei Reaktionen. Was hatte die Hafenstraße auch mit ihrer Sehnsucht nach Frieden zu tun? Sie bekundete mit dem Ablauf der Aktionswoche ihre Angst vor neuen Atomraketen und ging anschließend nach Hause, und einen Monat später wurde ohne nennenswerten Widerstand die Stationierung vollzogen und durchgesetzt. Im Januar 1984 stellten die Revolutionären Zellen/Rote Zora in einem fulminanten Kritikpapier an dieser Bewegung unter dem Titel: »Krise – Krieg – Friedensbewegung« fest: 

»Die neuen sozialen Bewegungen – das hat die Friedensbewegung auf den Punkt gebracht – verlaufen zunehmend quer zur Klassenfrage, überlagern soziale Inhalte und entwickeln sich in Teilen nach rechts. Als ausschließlicher Bezugspunkt einer revolutionären Praxis werden sie fragwürdig. Jenes ›Ab in die Bewegung‹, das die Frage der Mobilisierung vor ihre Inhalte und Ziele stellt, reicht als Kriterium nicht länger.«

 

Der Rückzug der Autonomen und der Zerfall der Friedensbewegung

Trotz der deprimierenden Erfahrungen aus dem »Raketenherbst « arbeiteten Autonome noch eine Weile in der Friedensbewegung mit. Im Herbst 1984 mobilisierten sie zur Behinderungen von NATO-Manövern im Raum Hildesheim.

Im Februar 1985 fand noch einmal im Unterweserraum eine Blockade der Bombenzüge statt. Aber auch mit diesen Aktionen gelang es nicht mehr, eine inhaltliche Radikalisierung einer sich bereits im Abschwung und Zerfall befindlichen Bewegung zu erreichen. Die Friedensbewegung hatte mit ihrer Orientierung auf einen verbalen Protest gegen die Stationierung bestimmter Waffensysteme bereits im Herbst 1983 ihren Mobilisierungshöhepunkt überschritten. Sie konnte auch danach nicht mehr aus ihrer Fixierung auf die von staatlichen Instanzen betriebene »Friedens- und Abrüstungspolitik « ausbrechen. Mit dem Nicht-Eintreten der von ihr prognostizierten Kriegsgefahr (»Fürchtet euch, der Atomtod bedroht uns alle!«; »Es ist 5 vor 12!«) und den sich auf internationaler Ebene abzeichnenden Tendenzen zur Rüstungskontrolle zerfiel eine wesentliche Legitimationsbasis der von ihr propagierten Katastrophenpolitik. Auf der anderen Seite hatte sich mit der reibungslosen Durchsetzung der Raketenstationierung die Wirkungslosigkeit ihrer legalistischen Strategie eines appellativen Massenprotests an die herrschende Klasse gezeigt. Mit der Wiederholung von wirkungslosen und ritualisierten Massenaktionen (Ostermarsch ’84, Volksbefragung) konnte sie nach dem »Raketenherbst « ihren Auflösungsprozeß nicht mehr aufhalten. Aus diesem Grunde trafen die in den Jahren 1984/85 von Autonomen organisierten Aktionen nicht mehr auf das Forum einer breit untereinander kommunizierenden Bewegung. Auch wenn die Aktionen in Hildesheim und in der Unterweserregion keine ausgesprochenen Mißerfolge waren, so wurden sie doch aufgrund der fehlenden öffentlichen Resonanz zum Endpunkt der größeren autonomen Aktivitäten auf dem Terrain der Friedensbewegung.