Nachricht | Technoseum (Hrsg.): Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013, Mannheim 2013

... ein wissenschaftlichen Kriterien standhaltendes Kompendium vorgelegt, dem weite Verbreitung zu wünschen ist..."

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Arbeiterbewegung. Interessiert das heutzutage überhaupt noch irgendjemand? Das Technoseum, das baden-württembergische Landesmuseum für Technik und Arbeit, stellt sich der Aufgabe,  wie heute Arbeiterbewegung und diese erst recht in und mit ihrer Vergangenheit vermittelt und z.B. Jugendlichen klar gemacht werden kann. Am 2. Februar wurde die Ausstellung Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013 eröffnet, die noch bis zum 25. August 2013 in Mannheim zu sehen ist (1). Danach, am 25. Oktober 2013 wird sie dann in Chemnitz, im Sächsischen Industriemuseum eröffnet. Im eigens gebildeten Beirat der Ausstellung sitzen Josef Mooser, Thomas Welskopp und Peter Steinbach.

Die gleichnamige Publikation „Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013ist ein ziemlicher Backstein, der zu einem unschlagbar günstigen Preis angeboten wird. Das Buch lädt gleich zum Blättern ein, da es sehr gut gestaltet und ansprechend illustriert ist; es enthält weiter zehn längere, mehr oder minder akademische Beiträge. Sieben sind den zeitlich definierten Abschnitten zugeordnet, wie sie auch die 800 Quadratmeter Fläche umfassende Ausstellung strukturieren (2). Die einzelnen Artikel werden jeweils mit einem längeren Block mit Abbildungen von Exponaten – wie Fahnen, Druckerzeugnissen oder Devotionalien - abgeschlossen.

Die Ausstellung verfolgt einen weiten Begriff von Arbeiterbewegung, die demnach aus mehreren Säulen besteht: Parteien (in der Regel die SPD), die Gewerkschaften, dann die Genossenschaften und andere Selbsthilfeorganisationen und schließlich die Arbeiterkulturbewegung, als „vierte Säule“. Die ganzen Definitionen sind nicht ohne Tücken, sie sind Bestandteil von permanent ausgefochtenen Deutungskämpfen - dies zeigt schon die eben dargestellte Aufzählung, gerade in Deutschland angesichts der deutschen Teilung. Was ist zum Beispiel mit der anarchistischen ArbeiterInnenbewegung oder den Gewerkschaften in der DDR, oder um von den Organisationen wegzukommen, mit Streiks, die ja auch nicht immer gewerkschaftlich, sondern auch „wilde“ oder „stille“ waren und sind. Gehören die dann auch zur Arbeiterbewegung? Die HerausgeberInnen sind hier relativ undogmatisch und geschickt. Der Beitrag zur Arbeiterbewegung in der DDR (von Renate Hürtgen) fokussiert z.B. stark auf das Arbeiterverhalten und wie dieses verfolgt und durch den Staat unterdrückt wird.

Arbeitskämpfe stehen auch im Mittelpunkt des von Heiner Dribbusch und Peter Birke verfassten Beitrages zur westdeutschen Periode 1945-1980: Sie spannen den Bogen von der unmittelbaren Nachkriegszeit, in der der Betrieb eine Grundlage für das konkrete Überleben ist, bis zur Ölkrise 1973 und zum hochverregelten Korporatismus; 1974 sind im DGB 7,4 Millionen Menschen organisiert. Ab 1974 sind allerdings auch die Mehrheit der Beschäftigten keine ArbeiterInnen mehr. Ungefähr ab diesem Zeitpunkt, dies zeigt der nachfolgende Beitrag von Hans-Günter Thien, beginnt eine neue Ära. Hatte vorher die Arbeiterbewegung insgesamt verloren, der einzelne Arbeitende aber hinzugewonnen, so beginnen in diesen Jahren die Krise des Fordismus und die Aufweichung kollektiver Regelungen.

Den Schluss bilden drei weitere Artikel, die sich nicht direkt auf die Ausstellung beziehen. Werner Plumpe beschreibt ausführlich die industriellen Beziehungen in den letzten 150 Jahren, Frank Engehausen kenntnisreich und detailliert die Beziehung von Sozialdemokratie und Staat. Sylvia Schraut schließlich skizziert das mitunter konfliktreiche Verhältnis von Frauen- und Arbeiterbewegung.

Das Technoseum hat mit diesem Buch ein wissenschaftlichen Kriterien standhaltendes Kompendium vorgelegt, dem weite Verbreitung zu wünschen ist und das in einigen Jahren noch relevant sein wird. Es kommt in Text und Bild weitgehend ohne Nostalgie aus, ist zur Einführung geeignet - aber auch Interessierte, die sich schon länger mit Arbeiterbewegung beschäftigen, werden noch neues erfahren. Für ein baden-württembergisches Landesmuseum (das Vorwort stammt vom mit einer grünen Krawatte ausgestatteten Winfried Kretschmann!) sind die Beiträge erstaunlich kritisch. Also: Kaufen, lesen, weiterverschenken!

 Bernd Hüttner

 Technoseum (Hrsg.): Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013, Mannheim 2013, 450 Seiten, 20 EUR, ISBN 978-3980857178

(1) Berichte über die Ausstellung erschienen u.a. in DISPUT vom März 2013 (mehr), in der Wochenzeitung Die Zeit“ vom 21. Februar 2013 und in der regionalen Presse.

(2) Eine Ausstellungskritik wird erst Anfang April hier auf den Seiten der RLS publiziert werden können.