Nachricht | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012, Berlin 2012

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Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung ist eines der wenigen deutschsprachigen Periodika, die sich überhaupt noch mit der Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung beschäftigen. In ihm wird vorrangig über Staatssozialismus und Stalinismus, die undemokratischen Aspekte des Sozialismus und über die Verfolgung von KommunistInnen durch KommunistInnen berichtet.

Hermann Weber, der in der aktuellen Ausgabe 2012 fragt, „wie eine bessere Welt sozialer Gerechtigkeit und Solidarität geschaffen werden kann“ (S.378), initiierte das Jahrbuch und gab es anfangs heraus, seit 2004 erscheint es mit Unterstützung der Stiftung Aufarbeitung. Sie hat vorrangig den Auftrag, die DDR und die SED zu delegitimieren, was aber im Jahrbuch nicht dazu führt, dass dort marxistische Stimmen ausgegrenzt würden: Im 2012er Band zum Beispiel schreiben Florian Grams, Wladislaw Hedeler, Ralf Hoffrogge und Jörg Roesler.

Thema dieses Bandes ist „Utopie und Zwang im Kommunismus“. Mindestens sieben der insgesamt 25 Artikel (Inhaltsverzeichnis als PDF) sind von erhöhtem Interesse. Grams referiert Debatten um den „neuen Menschen“ als politisches und Bildungsziel, was bei einigen der von ihm zitierten AutorInnen in der Forderung nach einer sozialistischen Eugenik gipfelt. Claudia Gatzka berichtet über den Widerspruch, in den sich die italienische kommunistische Partei (PCI) der Nachkriegszeit begibt, sich einerseits als die Partei der „Besten“ zu definieren, sich aber andererseits fest im Volk verankern zu wollen, um dessen Vertrauen zu gewinnen. So konkurriert die PCI mit dem dominanten katholischen Milieu darum, wer die Normen und Sitten des Landes besser beherzigt. Jan Kiepe hat sich das Thema „kommunistischer Jugendmythos“ vorgenommen. Die von und in den Kämpfen der KPD der Weimarer Zeit geprägten Kader der SED erwarteten, dass „die Jugend“ ihre (historische) Mission fortsetzte: den Aufbau des Sozialismus. Der Mythos der ewigen und der aufbegehrenden Jugend war in den 1920er und 1930er-Jahren herausgebildet worden. In den 1950er Jahren standen die Veteranen dieser Kampfzeit zum einen vor ihrem eigenen biologischen und sozialen Alter und der widersprüchlichen Tatsache, dass die reale Jugend diejenige war, auf die man zum Aufbau der DDR angewiesen war und die aber auch die am stärksten vom Nationalsozialismus geprägte war. Die Veteranen brauchte die Hilfe derjenigen, denen sie misstrauten. Real verloren aber die Jungen, sie bekamen nie den Einfluss, der nötig gewesen wäre. Die „Alten“, die in der Weimarer Zeit jung waren, blieben bis 1989 zusehends unbeweglicher werdende Autoritäten. In der Bundesrepublik dagegen wurden, so Kiepe, wichtige Ämter zumindest in den 1950er und 1960er Jahren durch die biologisch Alten besetzt.

Danach folgen drei Texte zum Eurokommunismus. Nikolas Dörr schreibt über den Umgang der Bundestagsparteien mit dem Eurokommunismus (im Zeitraum 1967-1979). Hoffrogge veröffentlicht in einem theoretischen Beitrag erste Thesen dazu, warum es in der Bundesrepublik nie zu einer größeren Bedeutung des Eurokommunismus kam. Stattdessen hätten die neuen sozialen Bewegungen eine gewisse Wichtigkeit erlangt. „Szene statt Partei“ als Reaktion auf die Krise des Fordismus und den langsamen Zerfall des Korporatismus des bundesrepublikanischen „Modells Deutschland“, das ja wiederum innenpolitisch ohne relevante kommunistische Tradition auskommen musste. Hoffrogges Beitrag stellt viele richtige Fragen, er zeigt, dass die Bearbeitung dieses Themas erst am Anfang steht und weitere Forschungen sind.

Claudia Weber untersucht den Stalinismus im Gedächtnis West- und Osteuropas. Sie kommt zum Ergebnis, die Erinnerung an den Stalinismus habe in beiden Hemisphären, wenn überhaupt, nur einen Platz am rechten Rand und in der persönlichen oder familialen Erinnerung gehabt. Ihr Beitrag ist streitbar, enthält aber viele Aspekte, über die sich nachzudenken und auch zu diskutieren lohnt. Der weit über 80-jährige Hermann Weber schreibt am Beispiel von Trotzkismus und Anarchismus über das zeitgenössische, neu erwachte Interesse an sozialistischen Häretikern. Trotz „aller Begrenztheit ihres historischen Horizontes“ habe „die große Sozialutopie der Arbeiterbewegung wenig von ihrer Aktualität eingebüßt“. Auf die nächsten Ausgaben des Jahrbuches dürfen die Interessierten gespannt.

Bernd Hüttner

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012, Aufbau Verlag, Berlin 2012, 460 Seiten, 38 EUR, ISBN 978-3-325-02749-0

Die Ausgabe für 2013 des Jahrbuch wird Mitte April 2013 erscheinen.

Diese Rezension wurde zuerst in Forum Wissenschaft, dem Magazin des Bundes demokratischer WissenschaftlerInnen (Ausgabe 1/2013) veröffentlicht.