Nachricht | Deutsche / Europäische Geschichte - GK Geschichte Hürtgen: Ausreise per Antrag. Der lange Weg nach drüben. Eine Studie über Herrschaft und Alltag in der DDR-Provinz, Göttingen 2014

"eine sehr gelungene Mikrostudie zur DDR-Gesellschaftsgeschichte"

Emmanuel Droit, Centre Marc Bloch, Berlin rezensiert für H-Soz-Kult

Hürtgen, Renate: Ausreise per Antrag: Der lange Weg nach drüben. Eine Studie über Herrschaft und Alltag in der DDR-Provinz (= Analysen und Dokumente. Wissenschaftl. Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes d. ehemaligen DDR (BStU) 36). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014. ISBN 978-3-525-35078-2; 338 S., EUR 24,99.

Droit schreibt am Ende seiner zustimmenden Rezension: "Die Studie von Renate Hürtgen stellt in mannigfaltiger Weise eine Bereicherung dar: Erstens erweitert sie unser Verständnis der DDR-Gesellschaft aus der Provinz heraus, wo das MfS als "politischer und moralischer Seismograph" (S. 44) die Lage zu Recht als stabil einschätzen konnte. Einmal mehr erweist sich die Peripherie als ein geeigneterer Raum als das Zentrum, um ein Land zu verstehen. Zweitens hebt Hürtgen die Pluralität der herrschenden Akteure hervor und belegt sie. Macht ist somit nicht nur eine Frage von SED-Beschlüssen; sie ist vielmehr im Alltag verankert. Macht kann nicht als Einheit verstanden werden, sondern eher - in Anlehnung an Foucault - als ein soziales Kräftefeld bzw. als ein Netzwerk, in dem verschiedene Individuen eingebunden sind.

Drittens stellt Hürtgen zu Recht klar, dass diese Außenseiter nicht zur Opposition gehörten, selbst wenn es zu Überschneidungen kam. Tatsache war, dass beide Gruppen jedoch einer Minderheitskonstellation in der DDR angehörten und vom SED-Regime sowohl stigmatisiert als auch destabilisiert wurden. Ihre nebeneinander stehenden Aktionen haben in den späten 1980er-Jahren zur Schwächung der Diktatur bzw. zum Zusammenbruch der DDR beigetragen.

Insgesamt bietet dieses Buch ein differenziertes Bild der Ausreiseantragsteller."