Nachricht | Geschichte - Rosa Luxemburg Rosa Luxemburgs erste Sozialdemokratie

Reihe «Mit Pan Tadeusz, Marx und Lassalle – Rosa Luxemburg in Polen». Von Holger Politt.

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Das Kürzel SDKPiL wird heute meistens noch im Zusammenhang mit Rosa Luxemburg benutzt. Es scheint dann eher ein biographisches Anhängsel zum Wirken und zum Werk der bekannten Revolutionärin zu sein, das mit der Zeit seine eigene Bedeutung verloren hat. Zu überprüfen, ob nicht umgekehrt und inwieweit die SDKPiL Bedingung und Voraussetzung für das politische Lebenswerk Rosa Luxemburgs gewesen war, fällt schwer.

Zürich

Ausgeschrieben bedeuten die Buchstaben Socjaldemokracja Królestwo Polskiego i Litwy (Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens). Vor 120 Jahren wurde die Partei im Juli 1893 in Zürich durch eine kleine Gruppe junger Emigranten gegründet. Unter ihnen Rosa Luxemburg, die sich nach dem Abitur in die Schweiz aufgemacht hatte, um Naturwissenschaften zu studieren. Doch es kam anders: sehr schnell verschrieb sie sich der sozialdemokratischen Politik. Und einem jungen Mann, dem sie allerdings erst das Polnische beibringen musste, weil dessen jüdische Familie zu Hause in Wilna (Vilnius) sich über die russische Sprache assimiliert hatte. Leo Jogiches, bereits in jungen Jahren geübt in Konspiration, wurde zur prägenden Gestalt der jungen Partei, auch wenn er es weitgehend vorzog, dezent im Hintergrund zu bleiben. Die erhaltenen Briefe Rosa Luxemburgs an Jogiches, die bis Ende 1905 zugleich Zeugnis einer großen Liebe sind, zählen heute zu den wichtigsten und gut verfügbaren Quellen über die Geschichte der SDKPiL.

An der Wiege der SDKPiL in Zürich standen außerdem Julian Marchlewski, der einer polnisch-deutschen Familie entstammte und über den zunächst fast alle Kontakte zur Industriearbeiterschaft daheim in Polen liefen, sowie Adolf Warski, der wie Rosa Luxemburg und Jogiches aus einer assimilierten jüdischen Familie kam. Es sollte eine Partei für die Industriearbeiterschaft in dem seit 1815 zu Russland gehörenden Königreich Polen sein, weshalb es zu der heute geradezu merkwürdig anmutenden Bezeichnung Sozialdemokratie des Königreichs Polen kam. So nannte sich die Partei in den ersten Jahren, bevor um die Jahrhundertwende polnischsprachige Arbeiterkreise aus Wilna und Białystok zur polnischen Sozialdemokratie geführt wurden, so dass schließlich Litauen im Namenszug hinzugesetzt wurde.

Bereits mit ihrer Gründung gab die Partei ab Juli 1893 eine Zeitung heraus, die illegal nach Polen gebrachte wurde. Die „Sprawa Robotnicza“ (Arbeitersache) wurde zur ersten wichtigen Station für die angehende Publizistin Rosa Luxemburg – hier erlernte sie überhaupt das Zeitungsmachen. Leo Jogiches setzte sie als Redakteurin ein, dadurch war sie im großen Maße verantwortlich für die nach Polen gerichtete Agitation der kleinen, in tiefer Illegalität wirkenden Partei.

Polen, Russland, Revolution

Fast notwendig musste die Partei Sozialdemokratie heißen. Im Jahr zuvor, 1892, wurde bei Paris durch verschiedene sozialistische Zirkel die Polnische Sozialistische Partei (PPS) gegründet, die sich wenige Zeit später ein Programm zulegte, in dem zusammen mit den sozialistischen Forderungen am Ziel der Unabhängigkeit Polens festgehalten wurde. Dabei stützte man sich ausdrücklich auf Marx und Engels, letzterer hatte noch 1892 betont, die rasche Entwicklung der Industrie im russischen Teil Polens sei ein neuerlicher Beweis für die unverwüstliche Lebenskraft des polnischen Volkes und neue Garantie für die bevorstehende nationale Wiederherstellung. Davon lies sich die PPS bis 1905 ungebrochen leiten.

Anders die Begründer der Sozialdemokratie im Königreich Polen, die deshalb den Bruch mit den Sozialisten wagten. Für sie barg die rasche industrielle Entwicklung unter kapitalistischen Bedingungen vor allem die Konsequenz, dass der polnische Teil mit dem übrigen Teil Russlands immer mehr, geradezu organischer zusammenwachse, dass der Sturz der russischen Fremdherrschaft in Polen nunmehr untrennbar sich verbinde mit der Frage des Sturzes der absolutistischen Herrschaft im gesamten Zarenreich. Vorausschauend wurde von einer raschen Entwicklung auch der Arbeiterbewegung in Russland selbst ausgegangen, wodurch die Frage des Sturzes der Zarenherrschaft von völlig neuen Positionen aus gestellt werde. Nach dem Vorbild der SPD nannte man sich also Sozialdemokratie, verstand sich als Partei, die konsequent auf den Positionen des Denkens von Marx und Engels stehe.

Die Auseinandersetzung mit der PPS – die sowohl in Polen als auch auf internationaler Ebene hartnäckig und unversöhnlich geführt wurde – zwang die polnischen Sozialdemokraten, die eigene Linie theoretisch umfassend abzusichern. Das ganze Konzept stützte sich auf die tiefe Überzeugung, dass es im Zarenreich zu einer politischen Revolution kommen werde, die nicht mehr an den Nationalitätenunterschieden halt machen könne. Die frühe Antizipation der kommenden Revolution in Russland gehört zu den großen Leistungen in der theoretischen und praktischen Arbeit der SDKPiL. Während unter den deutschen Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht der Linie der PPS folgte, näherten sich etwa Franz Mehring oder Karl Kautsky um die Jahrhundertwende in der polnischen und damit russischen Frage weitgehend der Haltung der SDKPiL an.

Der Ausbruch der Revolution im Zarenreich im Januar 1905 schien die Haltung der SDKPiL vollauf zu bestätigen. Es war die erwartete Arbeiterrevolution, die auf den Sturz des Zarenregimes und auf die Durchsetzung voller politischer Freiheiten gerichtet war, und es war eine Revolution, die ihre Aktionszentren gleichermaßen in Polen wie im eigentlichen Russland hatte. Nutznießer der Entwicklung waren aber beide polnischen Arbeiterparteien, die SDKPiL und die PPS, die unter den Bedingungen der Revolution rasch zu wahren Massenparteien emporwuchsen, zeitweise jeweils 40.000 bis 60.000 Mitglieder umfassten. Die PPS allerdings zerbrach tatsächlich an der Frage, wie weiter mit dem Programm der Wiederherstellung Polens. Der kleinere Teil um Józef Piłsudski hielt an der Wiederherstellung fest, begriff die Revolution in erster Linie als willkommene Schwächung der Zarenherrschaft, um die Fremdherrschaft in Polen um so rascher beseitigen zu können. Der weitaus größere Teil, der dann bald PPS-Lewica (PPS-Linke) genannt wurde, verzichtete auf das Wiederherstellungsprogramm und forderte nunmehr im Rahmen eines föderalistisch-demokratischen Russlands nur noch die Autonomie für Polen.

In der Zeit der Revolution war vor allem die Zeitung „Czerwony Sztandar“ (Rote Fahne) das Sprachrohr der SDKPiL. Bis zu ihrer Verhaftung im März 1906 wurde sie ganz entscheidend von Jogiches und Rosa Luxemburg geprägt. Rosa Luxemburg konnte auch hinter dicken Gefängnismauern weiter schreiben, so dass ihre polnischen Arbeiten aus den Jahren 1905/06 eine faszinierende Chronik der Revolution und insbesondere für den polnischen Teil hinterlassen haben.

Nach dem Abwürgen der Revolution und dem Sieg der Konterrevolution 1907 brachen in der SDKPiL alte Gräben auf, die ab 1911 die Partei für viele Jahre lähmten. U. a. ging es um die Haltung zur PPS-Lewica, ein Streit, in dem Rosa Luxemburg und Jogiches vehement forderten, von einem organisatorischen Zusammengehen könne erst dann Rede sein, wenn die PPS-Lewica vollständig auf sozialdemokratische Positionen einschwenke. Viel schwerwiegender war aber bereits die tiefe Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki bei den Russen.

Russische Organisationsfragen

1898 wurde eine Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAPR) ins Leben gerufen, die zunächst eher zersplittert und ohne tieferen organisatorischen Zusammenhang agierte. Erst der II. Parteitag im Sommer 1903 konnte von einer in Ansätzen bereits tiefer verwurzelten politischen Organisation ausgehen. Ausdruck dessen war die feste Absicht der SDKPiL, auf diesem Parteitag als Mitglied der SDAPR beizutreten. Ein logischer Schritt, folgt man den Überzeugungen der polnischen Sozialdemokraten. Die SDKPiL stellte jedoch Bedingungen, u. a. die strikte Bewahrung der organisatorischen Autonomie und die vor allem gegen die PPS gerichtete Einschränkung, dass andere polnische Organisationen erst nach Beitritt zur SDKPiL Mitglied in der SDAPR werden können, Forderungen, die nahezu allesamt von russischer Seite akzeptiert wurden. An einer scheinbar nebensächlichen Frage eskalierte allerdings der Konflikt, der dann in der Zeit der Revolution wieder zurückgestellt werden konnte. Da die SDKPiL auf der polnischen Ebene strikt gegen das Programm einer Wiederherstellung Polens gerichtet war, konnte sie auf der Ebene der Gesamtpartei im Russischen Reich nicht oder nur bedingt das Recht auf nationale Selbstbestimmung schlucken. Das gab den Ausschlag, nicht der SDAPR beizutreten. Die Entscheidung fällten Rosa Luxemburg und Leo Jogiches.

Während der Revolution, als der Sturz des Zarismus und die Errichtung einer freiheitlich-demokratischen Staatsordnung in greifbarer Nähe schienen, spielte dieser Konflikt kaum noch eine Rolle, weshalb die SDKPiL im Sommer 1906 der SDAPR als autonome Gliederung bei Weiterbestehen des eigenen Namens beitrat. Die Organisations-Ehe zwischen SDKPiL und SDAPR hielt allerdings nur bis 1911, weil der seit 1903 in der SDAPR bestehende Fraktionsstreit zwischen Bolschewiki und Menschewiki soweit ausgeartet war, dass faktisch bereits zwei eigenständige Parteien bestanden. Unter diesen Bedingungen konnte und wollte sich die SDKPiL nicht für eine der beiden russischen Seiten entscheiden. Allerdings fand sie nie wieder zu alter Stärke zurück, die sie auch als kleine, illegale Partei über viele Jahre ausgezeichnet hatte. Der Kreis um Rosa Luxemburg und Jogiches verlor nach 1912 zunehmend an Einfluss, wofür unterschiedliche Gründe eine Rolle spielten.

Gründung der Kommunistischen Partei

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ergab sich plötzlich eine neue Situation. Sowohl PPS-Lewica als auch SDKPiL stellten sich von Anfang an und konsequent gegen den Krieg, lehnten alle geostrategischen Überlegungen entlang der beiden feindlichen Militärblöcke ab. Der von Piłsudski herkommende Teil der PPS hingegen wertete den ausgebrochenen Krieg als ein Ereignis, durch das zunächst und vor allem die russische Fremdherrschaft in Polen entscheidend geschwächt werde, so dass auch die Frage der Wiederherstellung Polens neuen Aufwind bekommen müsse.

In dieser Situation stellte sich erneut die Frage, weshalb SDKPiL und PPS-Lewica nicht auch organisatorisch zusammengehen sollten. Rosa Luxemburgs alte Forderung, dies könne nur auf dem Boden der Sozialdemokratie geschehen, war nach ihrer scharfen Abrechnung mit der SPD vom Tisch. Sie selbst war auf der Suche nach neuem Grund jenseits der Sozialdemokratie. Die Bezeichnung Sozialistische Partei kam auch nicht in Frage, so dass erst die Entwicklungen nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland den Weg zum anderen Ufer freimachte. Im Dezember 1918 schlossen sich PPS-Lewica und SDKPiL zusammen, gründeten die Kommunistische Arbeiterpartei Polens, später nur Kommunistische Partei Polens (KPP) – ein neues Kapitel in der Geschichte der polnischen Arbeiterbewegung. Die Geschichte der KPP endete tragisch, ein immer wieder von stalinistischer Seite hervorgekehrter Vorwurf lautete: Ohne Überwindung des Erbes der SDKPiL in wichtigen Fragen könne die KPP nicht bolschewistisch werden. Ein entlarvender Hinweis, der ein Licht zurückwarf auf Distanz und Nähe zwischen SDKPiL und Bolschewiki in den Jahren 1903 bis 1911.

Der angeführte Gedankengang von Friedrich Engels stammt aus dem Vorwort zur zweiten polnischen Auflage (1892) des „Manifests der Kommunistischen Partei“, in: MEW, Bd. 22, S. 283.

Mit Pan Tadeusz, Marx und Lassalle – Rosa Luxemburg in Polen 
Unter dieser Überschrift stellt der Autor an dieser Stelle in losen Abständen ausgewählte Probleme des Wirkens und der Tätigkeit Rosa Luxemburgs in Polen dar.