Nachricht | International / Transnational Infobrief Türkei Ausgabe 05/2013 erschienen

Der Infobrief kann hier heruntergeladen werden. Die Beiträge können auch im Internet (http://infobrief-tuerkei.blogspot.com) gelesen werden.

Aus dem Editorial:

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die Gezi-Park Proteste in Istanbul, die am 27. Mai 2013 begonnen haben, haben sich zu Massenprotesten in der ganzen Türkei entwickelt. Insbesondere nach der Polizeigewalt am 31. Mai fanden nahezu jeden Tag auf den Plätzen zahlreicher Städte unter dem Ruf »Überall ist Taksim, überall Widerstand« massenhafte Solidaritätsdemonstrationen statt. Aber schon in den ersten Tagen wurde es deutlich, dass es den Protestierenden um mehr ging, als nur um Solidarität mit der Gezi-Park-Bewegung. Hunderttausende Menschen artikulierten nun ihre Wut über die Regierung und leisteten gemeinsam gegen die Polizeigewalt widerstand. Und sie fragten sich: »Geht es wirklich nur um den Gezi-Park?«.

Die Plünderung des Gezi-Parks begann eigentlich mit einem Projekt, der die Verkehrsberuhigung des Taksim-Platzes und einen Nachbau einer osmanischen Kaserne für ein Einkaufszentrum sowie Luxuswohnungen vorsah. In der Nacht des 27. Mai wollte eine Gruppe von Menschen die Abholzung der Bäume im Gezi-Park verhindern. Aber die Aktion, die einer friedlichen ›occupy‹-Aktion ähnelte, wurde von der Polizei angegriffen. Daraufhin erhöhte sich die Zahl der Teilnehmenden; darunter auch mehrere Parlamentsabgeordnete. Die Bagger mussten abziehen. In der Nacht des 31. Mai wurde die Gruppe, die inzwischen ihre Zelte im Park aufgebaut hatte, Opfer einer massiven Polizeigewalt. Obwohl die gängigen Medien nichts darüber berichteten, konnte die Öffentlichkeit über die sozialen Medien erreicht werden. So gingen in Istanbul und in anderen Städten Zehntausende auf die Straße. Seit dem 31. Mai haben die Menschen überall in der Türkei der Polizeigewalt getrotzt und weiter demonstriert. Bis in die Abendstunden des 16. Mai, als die Polizei mit massiver Gewalt den Park räumte, hatten die Protestierenden im Gezi-Park nach jedem Polizeiangriff ihren Widerstandraum immer wieder aufgebaut. Es entstanden völlig neue Freiräume und Beziehungen, von denen manche nur geträumt hatten.

Einer der Besonderheiten dieses Widerstandes ist, dass sie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammengerbacht hat. Ein frühe Analyse zeigte eine Volksbewegung, die als Widerstand der Mittelschichten gesehen werden konnte. War es wirklich so? Könnte dieser Protest als eine Bewegung bzw. Widerstand der Mittelschichten bezeichnet werden? Deutet die Tatsache, dass die Mehrzahl der Protestierenden Hochschulabsolventen oder Angestellte in den Hochhäusern sind, die während ihrer Mittagspause sich an den Protesten beteiligten oder nach dem Feierabend den Widerstand unterstützten darauf? Oder ist das ein Volksaufstand, ein Widerstand des Volkes, die breite Bevölkerungsschichten erfasst hat? Ohne Frage, es waren auch Menschen dabei, die mit türkischen oder Atatürk-Fahnen zum ersten Mal sich an Demonstrationen beteiligten und das erste Mal in ihrem Leben die Polizeigewalt erleben müssten. Auf der anderen Seite jedoch brachte dieser Widerstand auch zahlreiche sozialdemokratische, sozialistische, kurdische, feministische und LGBT Gruppen, Parteien sowie die Mitglieder von Berufsverbänden zusammen, die gemeinsam die breite Taksim-Solidarität ausmachten. Für die Menschen, seien sie organisiert oder unorganisiert, die in den Gezi-Park kamen, auf die Straße gingen, gab es zahlreiche spezifische Gründe für ihr Handeln. Was waren diese Gründe? Es kann durchaus festgestellt werden, dass die Proteste um den Gezi-Park sich sehr schnell zu Protesten gegen die Regierung und ihre Politik, gegen die Polizeigewalt und schließlich gegen Tayyip Erdoğan selbst entwickelt haben. Was sind die Dynamiken hinter dieser Transformation?

Obwohl es in Zusammenhang mit dem Gezi-Park-Widerstand zahlreiche Artikel in deutscher Sprache erschienen sind, finden wir nur wenige analytische Texte. Diese Ausgabe ist mit der Absicht herausgegeben worden, um diese Lücke wenigstens etwas schließen zu wollen. Wir hoffen, dass die beiden Artikel den Leserinnen und Lesern aus verschiedenen Perspektiven Antworten über die Proteste in der Türkei geben können.

Bleiben Sie solidarisch!

Für die Redaktion:

İsmail Doğa Karatepe und Özgür Genç