Nachricht | Geschichte - Deutsche / Europäische Geschichte Marcin Kasprzak – Leben für die Revolution

Reihe «Mit Pan Tadeusz, Marx und Lassalle – Rosa Luxemburg in Polen». Von Holger Politt.

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Hinrichtung

Im Morgengrauen des 8. September wurde Marcin Kasprzak dem Henker zugeführt. Man schrieb das Jahr 1905, das Revolutionsjahr. Die Tat, für die er in der Warschauer Zitadelle mit seinem Leben büßen muss, lag über ein Jahr zurück. Anfang 1904 wurde Kasprzak mit dem Auftrag ins Königreich Polen geschickt, in Łódź und Warschau illegale Druckereien für die SDKPiL aufzubauen. Die zentralen Presseorgane der SDKPiL wurden zwar im Ausland redigiert, gedruckt und anschließend illegal ins Land gebracht, aber vor Ort war der schnelle Druck von Flugschriften und lokalen Blättern unerlässlich.

Zur Seite wurde dem erfahrenen Kämpfer u. a. der junge Zdzisław Feinstein-Leder gestellt, der innerhalb der Partei bereits als talentierter Agitator und Publizist aufgefallen war. Niemand ahnte, dass Kasprzak so in die Falle ging. Denn Feinstein-Leder stand unter intensiver Beobachtung der zaristischen Geheimpolizei, so dass in Warschau schnell deren beider Spur ausfindig gemacht werden konnte. Während in einer Schusterwerkstatt die Flugschriften der SDKPiL für den 1. Mai gedruckt wurden, umstellte die Zarenpolizei das Lokal. Bei dem Versuch, die Revolutionäre festzunehmen, wurden vier Polizeifunktionäre erschossen. Die Tat nahm Kasprzak auf sich. Der SDKPiL-Hauptvorstand wandte sich mit einem Flugblatt an die polnische Öffentlichkeit: „Am 27. April [1904] hat sich in Warschau ein Vorfall zugetragen, der die gesamte Bevölkerung der Stadt erschütterte.“ Es wurde darauf verwiesen, dass die Partei zwar terroristische Anschläge entschieden ablehne, in diesem Fall aber die Verteidigung der Freiheit des Worts Vorrang gehabt habe.

Trotz zahlreicher Hilfegesuche aus dem Ausland, so hatte der SPD-Vorstand sich an den Reichskanzler gewandt, weil Kasprzak schließlich deutscher Staatsbürger sei, verhängte ein Militärtribunal in Warschau am 1. September 1905 die Todesstrafe. Das Zarenregime entschied sich für die harte Gangart – keinerlei Anzeichen von Zugeständnis an die Revolution, es wollte die Sache schnell aus der Welt schaffen. Der Justizmord, den Rosa Luxemburg scharf brandmarkte, war zugleich Ausdruck des Kräfteverhältnisses, in dem das Regime immer entschiedener zu Maßnahmen greifen musste, um die tüchtig aus den Fugen geratene Zarenherrschaft um jeden Preis wieder einzurenken. Deshalb das drakonische Urteil und der unmittelbare Vollzug. Pardon wurde nicht gegeben, ein klares Zeichen musste gesetzt werden.

Zum ersten Jahrestag der Hinrichtung schrieb das SDKPiL-Organ „Czerwony Sztandar“ (7. September 1906): „Doch die Revolution sieht und denkt an Kasprzak. Zum Jahrestag seines Heldentods widmet das revolutionäre Proletariat ihm das, wozu es im Augenblick in der Lage ist; es widmet ihm seine Versammlungen in den Fabriken und Werkstätten, auf den Feldern und in den Wäldern, und es erinnert sich daran, dass es augenblicklich durch dasselbe Räuberregime verfolgt wird, das Kasprzak ermordet hat. Doch Kasprzak – das ist heute eine Million. Die Revolution kann man nicht zum Galgen führen!“ Eine bemerkenswerte Überzeichnung der revolutionären Kraft, denn die Revolution hatte Ausgangs des Sommers 1906 ihren Höhepunkt bereits überschritten, wie die Geschichtsbücher heute wissen.

Die SDKPiL gab 1906 die Broschüre „Marcin Kasprzak – Leben und Kampf eines polnischen Revolutionärs“ heraus, deren Verfasser Feinstein-Leder war und für die Rosa Luxemburg Vor- und Nachwort schrieb. Zusammen mit Leo Jogiches hatte Rosa Luxemburg bereits im Oktober 1905 eine dem Andenken Kasprzaks gewidmete Nummer von „Z pola walki“ (Vom Kampffeld) gestaltet. Kurz darauf schrieb sie an Jogiches: „Stell Dir vor, heute habe ich die ganze Nacht geträumt, dass Kasp[rzak] hier war und mit Dir über Parteifragen gesprochen hat, und ich habe zugehört. Als ich aufwachte und mir bewusst wurde, dass alles aus ist, und zwar für immer, da wurde mir schrecklich zumute, und ich hatte keine Lust aufzustehen. Ich denke überhaupt sehr oft an ihn und kann mich mit diesem Fakt überhaupt nicht abfinden“ (Gesammelte Briefe, Bd. 2, S. 199). Kasprzak hatte für Rosa Luxemburg und Leo Jogiches eine besondere Bedeutung, die über den unmittelbaren politischen Kampfbund hinausging. Im Frühjahr 1889 hatte er Rosa Luxemburgs Flucht aus Warschau nach Zürich organisiert.

Grenzgänger zwischen den Welten

Marcin Kasprzak wurde 1860 in Czołowo (Landkreis Schrimm) bei Posen geboren. Er wurde Dachdecker, leistet bis Herbst 1880 seinen Armeedienst ab. In der Zeit des Sozialistengesetzes vertrieb er sozialistische Literatur vor allem auf preußischem Gebiet. Im Mai 1885 kehrte er im Auftrag polnischer Exil-Sozialisten nach Posen zurück, um wiederum Literatur zu vertreiben. Im September 1886 wurde er festgenommen und schließlich zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Das Schicksal eines Berufsrevolutionärs war vorgezeichnet, familiäre und väterliche Gefühle hatten da immer zurückzustehen. Im April 1887 gelang ihm die Flucht, zunächst nach Genf, von wo er noch im selben Jahr nach Warschau geschickt wurde. Dort war er in den illegalen sozialistischen Kreisen für die Technik verantwortlich, organisierte den Vertrieb der ins Land gebrachten Literatur. Ihm eilte der Ruf voraus, ein polnischer Blanqui zu sein.

Erst 1891 ging er wieder in den Westen, nach London und Paris. Im Zusammenhang mit dem komplizierten Gründungsprozess der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS, 1892), einem Zusammenschluss verschiedener sozialistischer Exilgruppen, kam es zu schweren Zerwürfnissen, schließlich zum offenen Bruch. Im Kern ging es um die Unabhängigkeitsforderung, die Kasprzak für illusorisch und schädlich hielt. Die frisch gegründete PPS lancierte die Behauptung, Kasprzak sei Spitzel des russischen Geheimdienstes, der Vorwurf wurde auch im „Vorwärts“ kolportiert.

Bei dem Versuch, die Grenze ins Königreich Polen zu übertreten, wurde Kasprzak Anfang 1893 verhaftet und ohne Urteil in der Warschauer Zitadelle eingekerkert. Im Sommer 1895 konnte er über Galizien nach Preußen fliehen. In Posen saß er einige Monate Gefängnis ab für die einstige Flucht. Die Tatsache der anderen Flucht aus dem russischen Kerker wurde nun aber missbraucht, um ihn in PPS- und ebenso in verschiedenen SPD-Organen neuerlich der Spitzeldienste für das Zarenregime zu bezichtigen. 1900 wurde Kasprzak nach entschiedener Fürsprache von August Bebel durch die SPD rehabilitiert, die PPS folgte dieser Entscheidung nicht.

Von 1901 bis Anfang 1904 arbeitete er in Oberschlesien und in Posen in polnischen sozialdemokratischen Strukturen, hatte dabei engste Kontakte zu Rosa Luxemburg. In dieser Zeit liefen über Kasprzak wichtige Vertriebswege der SDKPiL-Literatur ins Königreich Polen: „Kas[przak] ist zurück, die Schleuse ist eingerichtet. Es ist ein Bekannter von ihm aus Posen, gegenwärtig Eigentümer eines Kolonialwarenladens in Grabowo (bei Ostrowo). Er selbst schmuggelt ständig Waren für sich (Branntwein, Eisen etc.) und hat seine Leute dazu“ (Gesammelte Briefe, Bd. 2., S. 24).

Seit 1903 nahm Kasprzak an der Arbeit der SDKPiL-Struktur in Berlin teil, hatte damit also auch unmittelbaren und engsten Kontakt zu Leo Jogiches. Anfang 1904 war es für die Partei nötig geworden, die Frage der Druckherstellung und des Vertriebs vor Ort, also in den Industriezentren des Königreichs Polen, zu lösen. Die Wahl fiel auf Kasprzak, niemand sonst schien besser geeignet.

Der Beweis

Nach dem Ausbruch der Revolution im Januar 1905 beschloss die PPS auf ihrem Parteitag im März 1905 u. a., eine Dreierkommission einzusetzen, die den Vorwürfen oder Unterstellungen gegen Kasprzak noch einmal nachgehen sollte. An der Spitze der Kommission stand übrigens Ignacy Daszyński, der Chef der polnischen Sozialdemokraten aus Galizien (PPSD), die in allen Dingen weitgehend treu zur Unabhängigkeitslinie der PPS hielten. Im August 1905 erklärte die Kommission, die Vorwürfe der Zusammenarbeit mit der Zarenpolizei ließen sich weder begründen und länger aufrechterhalten. Kurz vor Beginn des Prozesses vor dem Kriegsgericht und der anschließenden Vollstreckung der Todesstrafe gab die PPS damit öffentlich zu, sich im Falle der Bezichtigung Marcin Kasprzaks als Zarenspitzel geirrt zu haben.

In ihrem Nachruf auf Kasprzak kam Rosa Luxemburg auch auf diesen Sachverhalt zu sprechen, ließ kein trockenes Haar an der politischen Konkurrenz: „Noch im letzten Augenblick hat menschliche Niedertracht versucht, ihm die Seelenruhe zu vergiften. Als er bereits zu seiner letzten Marter ging, krochen zu Füßen seines Kreuzes die Spitzbuben heran, die über 20 Jahre lang ihm den moralischen Tod auferlegt hatten, indem sie seine Ehre mit Verleumdung verunglimpften, krochen heran, um ihm mit Schlangengezische ‚die Ehre zurückzugeben‘ – ihm, dem Helden, dem Märtyrer wird ‚die Ehre zurückgegeben‘ von Leuten, die selber keine haben.“

Die schroffe Reaktion Rosa Luxemburgs (und Leo Jogiches!) speiste sich einmal aus der festen Überzeugung, nur die Sozialdemokratie im Königreich Polen könne die polnische Arbeiterbewegung in der Revolutionszeit politisch führen, war aber andererseits auch Ausdruck der tiefen Verletzungen, die in mehr als 20 Jahren harter politischer und persönlicher Auseinandersetzungen innerhalb der polnischen Arbeiterbewegung sich angesammelt hatten. Die Revolution hatte daran wenig ändern können.

Nachtrag

Die Warschauer Straße, an der die Schusterwerkstatt stand, in der die tödlichen Schüsse fielen, wurde 1950 nach Marcin Kasprzak umbenannt. Die große Ausfallstraße in Richtung Poznań trägt noch heute diesen Namen. Stehen geblieben sind an dieser Straße auch das Kasprzak-Denkmal und die steinerne Tafel, mit der an den Vorfall erinnert wird. Die Tafel zählt zu den wenigen und letzten Hinweisen, mit der im öffentlichen Raum ausdrücklich auf die SDKPiL hingewiesen wird.

Die Warschauer Zitadelle, ist heute staatliches Museum, in dem auch an die Hinrichtung Marcin Kasprzaks erinnert wird. Da Rosa Luxemburg im Frühjahr 1906 hier einige Monate festgehalten wurde, wird eine gesonderte Folge dieser Reihe sich mit dem X. Pavillon der Warschauer Zitadelle, der berüchtigten Verfolgungsstätte für politische Gefangene des Zarenregimes, befassen.

In Poznań stand seit 1963 ein Denkmal für Marcin Kasprzak. In der Wendezeit wurde es abgerissen und eingelagert. Einer Initiative gelang es, dieses Denkmal 1995 in seinem Geburtsort Czołowo wieder aufzustellen.

Mit Pan Tadeusz, Marx und Lassalle – Rosa Luxemburg in Polen 
Unter dieser Überschrift stellt der Autor an dieser Stelle in losen Abständen ausgewählte Probleme des Wirkens und der Tätigkeit Rosa Luxemburgs in Polen dar.