Nachricht | Schmidt (Hrsg.): Können wir der Geschichte entkommen? Geschichtsphilosophie am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 2013

Zur Selbstverständigung nach dem Ende des Endes der Geschichte

Frank Engster rezensiert in der Ausgabe 47 von phase 2

Christian Schmidt (Hrsg.): Können wir der Geschichte entkommen? Geschichtsphilosophie am Beginn des 21. Jahrhunderts, Campus Verlag, Frankfurt a.M./New York 2013, 324 S., € 29,90.

Die neue Generation der Gesellschaftskritik wird kaum noch durch den Bezug auf geschichtliche Erfahrung und überhaupt auf die Geschichte politisiert; das Geschichtsbewusstsein, das frühere Generationen der Gesellschaftskritik auszeichnete, scheint verloren. Wer spricht heute noch von der deutschen Revolution von 1918, wer erinnert an das Versagen der Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg, wer an ihre Verbrechen danach? Wer weiß überhaupt von den antifaschistischen Kräften und den Optionen, die es in Europa unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat?

Allein schon darum ist es sinnvoll, sich über den Status des Geschichtlichen zu verständigen. Der Sammelband Können wir der Geschichte entkommen? Geschichtsphilosophie am Beginn des 21. Jahrhundertssei dafür empfohlen: Im Gegensatz zu vielen der üblichen Sammelbände ist er sorgfältig zusammengestellt,  seine Einleitung gibt eine gute Orientierung und die einzelnen Beiträge gewähreneinen ebenso guten Überblick. Ihre gemeinsame Fragestellung, ob der Geschichte zu entkommen sei, wird am Ende des »Endes der Geschichte« verortet, jedoch ohne dass eine Rückkehr zu den großen Entwürfen herkömmlicher Geschichtsphilosophie möglich wäre, den sogenannten Historischen Materialismus, den der Marxismus einst für sich beanspruchte, eingeschlossen.

Die Beiträge, und mit ihnen die Auseinandersetzung mit dem Geschichtlichen, sind in drei Teile gegliedert: 1. Aufklärung – Befreiung, 2. Sich lösen und 3. Geschichtliche Aufgaben. Alle drei Umgangsweisen werden fast ausnahmslos an bestimmten Philosophen diskutiert: Spinoza, Hegel, Nietzsche, Plessner, Adorno, Foucault, Habermas, Badiou, Rancière. So sehr die jeweiligen Autoren hier durchweg kompetent Auskunft geben, so sehr halten sie durch diesen Umweg über die großen Philosophen der Geschichte Distanz zum eigentlichen Gegenstand: zur Geschichte. Vielleicht gibt bereits diese Form, sich der Geschichte über ihre bisherigen philosophischen Reflexionen zu nähern, eine Antwort auf die Frage, ob wir der Geschichte entkommen können: Die aktuelle (post?-)geschichtliche Situation scheint gekennzeichnet vom Rückzug in eine Selbstverständigung, die sich nicht exponieren mag und es vorzieht, eher ihr Problembewusstsein auszuweisen, als eine gewagte These zu riskieren, wie es etwa Alain Badiou in seiner ebenfalls vor kurzem erschienenen Schrift über Das Erwachen der Geschichte getan hat. Der vorsichtige Umgang mit dem Geschichtlichen einerseits und die Annäherung und Absicherung durch das Diskutieren der großen Philosophien andererseits führt jedenfalls dazu, dass doch noch einmal die großen Fragen der Geschichtsphilosophie durchgenommen werden: Stellung des Subjekts und der Freiheit, Status des Möglichen, Utopischen und der Erfahrung sowie des Fiktiven und Imaginären, die produktive Kraft der Aufklärung und die Befreiung vom Naturzwang und ihr Umschlagen in die Zwänge einer zweiten, gesellschaftlichen und ungleich verhängnisvolleren Natur.

Am interessantesten für die an Gesellschaftskritik Interessierten dürften dabei die Beiträge im dritten Abschnitt sein, wo es u.a. um »das Ereignis« (Martin Jay) und die »historische Sequenz« (Frank Ruda) geht, beides diskutiert im Anschluss an die neuere französische Philosophie; insbesondere für Jays kritische Würdigung des Ereignisbegriffs gibt es mittlerweile sicher ein Bedürfnis.

Es bleibt eine Einseitigkeit der Geschichtsphilosophie, dass sie sich seit jeher in kein angemessenes Verhältnis zu der geschichtlichen Kraft, vielleicht sogar zur »historischen Mission« (Marx) der kapitalistischen Ökonomie setzen kann. In keinem einzigen Beitrag ist z.B. von der geschichtlichen Kraft die Rede, die in der Steigerung der Produktivkraft und in der Verwertung von Arbeit und Kapital liegt oder in dem Fortschritt, den neue Wissenschaften und Technologien mit sich bringen. Ebenso wenig tauchen die Herstellung eines Weltmarkts und der Prozess der Globalisierung auf oder die historischen Umbrüche, welche die verschiedenen Produktionsweisen (Fordismus, Post-Fordismus, Finanzmarktkapitalismus etc.) und die ökonomischen Krisen zeitigen. Einer der wenigen, der hier noch regelmäßig nach einer Verbindung suchte, war der leider verstorbene Heinz-Dieter Kittsteiner.

Eine Selbstverortung und sogar eine Art Selbsthistorisierung könnten der Geschichtsphilosophie indes gelingen, wenn sie sich auch von solchen Entwicklungen her dächte, ganz so, wie es die Krise des Finanzkapitalismus, die Delegitimierung des Neoliberalismus und in ihrer Folge die Rückkehr der Kapitalismuskritik und eine Reihe von Aufständen gewesen sind, die vor kurzem das »Ende vom Ende der Geschichte« eröffnet haben. Der Geschichte entkommen: das muss wohl auch heißen, bestimmten Beschränkungen ihrer philosophischen Verarbeitung entkommen.


Wir danken Frank Engster und der Redaktion herzlich für die Erlaubnis zur Publikation auf www.rosalux.de.