Nachricht | Geschichte - Deutsche / Europäische Geschichte - RosaLux Gezielte Eskalation

THEMA Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn tragen die Hauptschuld am Ersten Weltkrieg

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Die Fragen nach den Ursachen und Verantwortlichkeiten für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges werden im Grunde schon seit August 1914 kontrovers diskutiert. Die Antworten fallen je nach politischem Standpunkt und Betroffenheit von den Ereignissen sehr unterschiedlich aus – damals wie heute.

Gleichwohl hatte sich in den 1930er Jahren die Auffassung des britischen Kriegspremiers David Lloyd George etabliert, die Staatsmänner der Großmächte seien gewissermaßen in den Krieg geschlittert. Fritz Fischer und seinen SchülerInnen gelang es Anfang der 1960er Jahre, diese These nachhaltig zu erschüttern und eine deutsche Hauptverantwortung für den Krieg nachzuweisen. In wichtigen Fragen besteht inzwischen ein breit getragener Konsens in der Geschichtswissenschaft. Hierzu gehört zunächst die keineswegs banale Feststellung, dass dem Ersten Weltkrieg ein Ursachengeflecht zugrunde liegt, das nur in einer europäisch vergleichenden Perspektive aufgelöst werden kann. Dass Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich aufgrund ihrer Eskalationspolitik gemeinsam die Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch tragen, ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in der Forschung ebenso anerkannt, wie eine Mitverantwortung der Regierungen in Sankt Petersburg, London und Paris.

Weitgehend Einigkeit besteht in der Einschätzung, dass der Kriegsausbruch eine Konsequenz des Hochimperialismus und der sich hieraus zwischen den Großmächten seit etwa 1900 verschärfenden Konflikten ist. Der Kriegsausbruch wird in diesem Kontext auch als eine Folge der an Spannung zunehmenden Mächterivalität zwischen Österreich-Ungarn, Serbien und Russland auf dem Balkan interpretiert, welche die Friedensfähigkeit zwischenstaatlicher Bündnissysteme und den Friedenswillen der europäischen Großmächte zunehmend unterminierten. Im Sommer 1914 war keine europäische Regierung ernsthaft bereit, den sich abzeichnenden neuerlichen Krieg auf dem Balkan zu verhindern. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Besonders die Zweibundmächte Deutschland und Österreich-Ungarn nahmen einen großen Krieg als Mittel der Politik nicht nur in Kauf, sie provozierten ihn bewusst. Österreich-Ungarn, indem es Belgrad ein unannehmbares Ultimatum im Zusammenhang mit der Aufklärung des Attentats vom 28. Juni stellte. Das kaiserliche Deutschland durch seine bedingungslose Unterstützung («Blankoscheck») des Zweibundpartners sowie durch eine diplomatische Risiko-Strategie, die die Kriegsbereitschaft der Entente-Mächte, besonders Russlands, ausloten sollte. Der Historiker Gerd Krumeich bezeichnet die auf «Lokalisierung» des zu erwartenden militärischen Konfliktes zwischen der Donaumonarchie und Serbien abzielende deutsche Krisenpolitik gegenüber den Entente-Mächten treffend als Erpressungsversuch. Europa ist weder in den Krieg «hineingeschlittert» noch geschlafwandelt. Die Akteure kalkulierten einen allgemeinen Krieg ein.

Für das Deutsche Reich bot sich im Juli 1914 die Gelegenheit, die selbst verursachte internationale Isolierung zu durchbrechen und in einem militärstrategisch noch günstig scheinenden Augenblick irgendwie zur Weltmacht aufzusteigen, anstatt sich mit dem Status einer kontinentalen Großmacht zufrieden zu geben. Dieses Motiv gewann allerdings erst im Rahmen der Kriegszieldiskussion in den Wochen nach Kriegsbeginn an Bedeutung.

Die Argumentation von Christopher Clark weicht gerade hinsichtlich der Einschätzung der Politik der Mittelmächte erheblich von der vorherrschenden Forschungsmeinung ab. Es ist ein Verdienst seines viel diskutieren Buches «Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog», die bisher nur schwer zu durchdringenden Prozesse von Meinungsbildung und Entscheidungsfindung in den Hauptstädten Europas während der Juli-Krise nachvollziehbar zu machen. Clarks Interesse richtet sich allerdings vor allem auf die Abfolge der Ereignisse bis zum Kriegsausbruch. Dieser Ansatz verleitet ihn dazu, den Auslöser des Kriegs als dessen Ursache zu interpretieren. Clark will sich folgerichtig nicht zur Schuld- und Verantwortungsfrage positionieren. Er geht vielmehr davon aus, dass die europäischen Staatsmänner sich der Tragweite ihres Handels nicht voll bewusst waren. Indem er subtil Sympathien lenkt und an zentralen Stellen Thesen konstruiert, wo Quellenbelege für seine Beweisführung fehlen, zeichnet Clark allerdings ein Szenario, in dem Serbien, Russland und Frankreich als Hauptverantwortliche für den Krieg erscheinen. Hier erinnert seine Argumentation bedenklich an die «Schuldabwehrpropaganda» in der Weimarer Republik.

Besonders deutlich wird Clarks bisweilen unbekümmerter Umgang mit den historischen Fakten bei seiner These von den «balkanischen Ursprüngen» (Lothar Machtan) des Krieges. Russland und Frankreich hätten bewusst auf die Auslösung eines europäischen Krieges hingearbeitet und den Krisenherd Balkan hierfür ein weiteres Mal eskalieren wollen. Für die Politik Österreich-Ungarns bringt Clark hingegen Verständnis auf. Die Rolle Berlins wird bagatellisiert. Clark urteilt milde über die Unzulänglichkeiten der deutschen Entscheidungsträger. Die «Schlafwandler-Metapher» schließt hier verblüffend an die «Schlitter-These» Lloyd Georges an – als hätte es Weltkriegsforschung nicht gegeben.Kein Wunder, dass sich sein Buch besonders in der Bundesrepublik hoher Verkaufszahlen erfreut. Lothar Machtan, Professor für Neuere Geschichte an der Uni Bremen, spricht treffend von dem Bedürfnis einer «geschichtspolitischen Entlastung» der Deutschen, das Clark bedient. Die Thesen sind auch anschlussfähig an eine Argumentation, die den Ersten Weltkrieg als eine Art Betriebsunfall in der Entwicklung einer per se friedensfördernden bürgerlich-demokratischen Gesellschaft kapitalistischer Prägung interpretiert. Die Zeit von 1914 bis 1945 sowie 1989 erscheint als temporäre Unterbrechung dieser kontinuierlichen Entwicklung. Diese Idee dient auch dazu, alternative – sozialistische – Lebens- und Gesellschaftsentwürfe zu delegitimieren – Schlagwort «Ende der Geschichte». Zudem können Clarks Thesen als Legitimationshilfen für militärische Konfliktinterventionen im Ausland gelesen werden, wenn mal wieder ein zweites Sarajevo in Afghanistan, Syrien, Mali oder wo auch immer verhindert werden soll. Trotz dieser erheblichen Mängel und Probleme ist Clarks Studie insgesamt eine lohnenswerte Lektüre, die gleichwohl die volle kritische Aufmerksamkeit der LeserInnen erfordert.

Eine Langfassung dieses Beitrags mit Hinweisen auf weiterführende Literatur findet sich auf der Sonderseite der Stiftung zum Geschichtsjahr 2014.