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THEMA Bosnien und Herzegowina im Frühjahr 2014 zeichnet ein Bild von der Zukunft Europas

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Die Menschen von Bosnien und Herzegowina zeigen gegenwärtig Europa, was aus ihm geworden ist und was es sein könnte. Ihr Vorschlag ist das genaue Gegenteil von «schlafwandelnd in die Katastrophe» steuern.

Exakt 30 Jahre, nachdem die Olympische Flamme 1984 in Sarajevo entzündet wurde, geht wieder ein Feuer durch die Stadt. In den letzten Wochen stürmten Protestierende in ihrer Wut über ihre soziale Situation, die anschwellende Armut, die erstarrte ökonomische Entwicklung und das stagnierende soziale und politische Leben mehrere Gebäude der öffentlichen Verwaltung. Als die Flamme 1984 angezündet wurde, war ich sieben und lebte direkt gegenüber vom Olympischen Stadion. Wir konnten zwei Wochen nicht schlafen, so hell war das Licht. Doch wir waren zugleich so glücklich: Es war die Flamme des Erfolgs, des Friedens und unendlicher Möglichkeiten. Damals entwarf Sarajevo ein Bild, von dem, was die Europäische Union für ihre Mitgliedsstaaten will: erfolgreich, divers und säkular, mit funktionierenden Industrien, sozialer Gerechtigkeit, beneidenswerter sozialer Mobilität und beständigem Wachstum. Die Union, wie wir sie jetzt erleben, hat versagt, diese Verheißungen zu erfüllen.

Es gibt aber auch noch eine andere Szene aus der Vergangenheit. Zehn Jahre nach Olympia, lag Sarajevo in Ruinen, ein Bild, das Europa längst hinter sich glaubte: eine belagerte und zerstörte Stadt, Opfer erwachender Nationalismen und Teilungsbestrebungen. Bosniens Landschaft war übersät mit Konzentrationslagern und Massengräbern. Europa schaute tatenlos zu, als ob das Bild, das man längst vergangen glaubte, alle hypnotisierte.

Jetzt halten Sarajevo und Bosnien Europa erneut den Spiegel vor, sie zeigen darin die Gegenwart und die Zukunft. Die bosnischen Städte ähneln London im Sommer 2011 und den Vororten von Paris 2005. Eine Explosion der Wut, verbunden mit der anarchischen Zerstörung aller Symbole der politischen, sozialen und ökonomischen Macht. Fast 20 Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton, scheint es, als hätten sowohl lokale Eliten als auch die internationale Gemeinschaft Übereinstimmung nur in einem Punkt erreicht: beim Ziel, auf dem schnellsten Weg den Kapitalismus zu errichten im Land. Noch immer ist es die enorme Privatisierungskampagne, die zur totalen Deindustrialisierung und Abhängigkeit von Importwaren geführt hat. Finanziert wird sie durch einen enormen Schuldenberg der Bevölkerung und ihres schwachen Staates.

Das Ergebnis ist, dass ethno-nationalistische Eliten, zum größten Teil Verantwortliche für den Krieg der 1990er Jahre, erneut zum Zuge kamen, nicht nur durch ethnische Segregation, sondern auch durch den Reichtum der von ihnen kontrollierten Gebiete. Sie waren diejenigen, welche die internationale Gemeinschaft und die Europäische Union als wichtigste Partner ansahen. Die BürgerInnen spielten keine Rolle.

Doch es gibt auch einen großen Unterschied zu den Unruhen in anderen europäischen Städten, und der liegt in der Art und Weise, wie Bosnien direkt das gängige europäische Vorurteil durchbricht. Es ist kein Aufstand der diskriminierten und ghettoisierten Gruppen, die an die Ränder der großen Städte abgedrängt wurden. Es ist ein Aufstand der gesamten Bevölkerung, die ökonomischer Verarmung, sozialer Verwüstung und auch politischer Armut ausgesetzt ist. Bosnien enwirft damit ein Bild von Europas Zukunft: eine unregierbare Bevölkerung, ermüdet von den Sparmaßnahmen und zurückgeworfen auf ihre eigenen Mittel nach dem Zusammenbruch der letzten Reste eines Wohlfahrtsstaates – ein Staat ohne Wachstumsperspektive, regiert von kaum legitimierten Eliten, die sich mit Hilfe schwerbewaffneter Polizeieinheiten vor ganz normalen BürgerInnen schützen.

Aber Bosnien und Herzegowina zeichnen heute auch ein anderes Bild. Im ganzen Land haben sich Volksversammlungen etabliert. Ein besonders bemerkenswertes Beispiel ist das Bürgerforum in Tuzla, welches mittlerweile schon mit der lokalen Verwaltung vehandelt und Vereinbarungen trifft. Wir sprechen hier von normalen Menschen, die verzweifelt und verärgert sind, aber zugleich für ein besseres Leben kämpfen, trotz aller institutioneller Hindernisse. Sie reden nicht nur darüber, wie Demokratie aussehen sollte, sie praktizieren sie einfach. Bosnien zeigt uns die gleichen Bilder des Widerstands wie andere europäische Städte.

Zugleich weist es uns aber auch einen Ausweg: den Kampf seiner BürgerInnen für soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Demokratie. Bosnien bietet ein Bild an, dass auch Europa zeichnen sollte, will es nicht wieder schlafwandelnd in die Katastrophe schlittern, wie damals vor hundert Jahren, als das Attentat an Franz Ferdinand in Sarajvo den Ausbruch des Ersten Weltkrieges markierte. Europa hat damals nicht hingehört, so wie es auch dem Bild nicht folgte, dass die Flamme 1984 auf mein Fenster warf. Will Europa heute wieder nicht die Nachricht der bosnischen Bürger verstehen? Will Europa wieder nur das Feuer löschen um es später an anderer Stelle aufflammen zu sehen, und zwar schon bald, wenn es auch dann wieder zu spät ist?

Übersetzung: Dorit Riethmüller und Sebastian Horn

Der Beitrag ist Teil des Titelthemas «Nachhall der Geschichte» der Ausgabe 1-2014 des Stiftungsjournals RosaLux