Nachricht | Die beerdigte Nation. »Gefallenen«-Gedenken von 1813 bis heute; Berlin 2009

Frank Brendle rezensiert in der Tageszeitung "neues deutschland" vom 8.9.2009
Arndt Beck/Markus Euskirchen: Die beerdigte Nation. »Gefallenen«-Gedenken von 1813 bis heute, Karin-Kramer-Verlag, Berlin 2009, 166 Seiten, 24,80 €.

Heute wird das »Ehrenmal der Bundeswehr« eingeweiht. Es wird das erste Kriegerdenkmal sein, das ausschließlich bundesrepublikanischen Soldaten gewidmet ist. Arndt Beck nimmt dies zum Anlass, sich mit den Formen des »Gefallenen«-Kultes auf Berliner Friedhöfen zu beschäftigen. Die Relikte reaktionärer Sinnstiftungen, die seit Kaisers Zeiten den Soldatentod umgeben, können noch heute auf dem früheren »Neuen Garnisonfriedhof« am Berliner Columbiadamm betrachtet werden. So befindet sich dort ein Gedenkstein, der den »Heldentod« von Angehörigen des Kaiser Franz-Garde-Regiments Nr. 2 in Deutsch-Südwestafrika beschwört. Die »Helden« hatten dort ein Gemetzel an Zehntausenden Einheimischen verübt, die sich 1904 gegen die deutsche Kolonialverwaltung erhoben hatten.
In der Weimarer Republik boomte das Geschäft mit Heldendenkmälern. Bezeichnend für ihren politischen Gehalt ist das Denkmal des Traditionsverbandes des Augusta-Regiments, das 1925 in Anwesenheit des Reichspräsidenten Hindenburg errichtet wurde: Es zeigt einen Gefallenen, der noch unter dem Leichentuch hervor die Faust ballt, die lateinische Inschrift forderte: »Mag ein Rächer einst erstehen aus meinen Gebeinen« – ein Ruf nach Vergeltung für die Niederlage im Weltkrieg.
Nach einem Exkurs über den »Friedhof der Bewegung« an der Bergmannstraße widmet sich Beck dem Vorzeigefriedhof des Dritten Reiches, der ab 1938 an der Lilienthalstraße gebaut wurde: parkartig angelegt, ohne »geschmackswidrige« Denkmäler, wie der Reichsausschuss für Friedhof und Denkmal versicherte. Ausgerechnet auf diesem Friedhof steht die Bundeswehr heute am Volkstrauertag, Wehrmachtskarabiner in der Hand, stramm.
Beck betreibt engagierte Geschichtspolitik, die über das Lokale hinausgeht. Das Vorwort von Markus Euskirchen beschäftigt sich mit der aktuellen »Sinnstiftung« durch das Ehrenmal der Bundeswehr. Unterschiede und Kontinuitäten zu den alten Kriegerdenkmälern werden allerdings kaum herausgearbeitet. Dennoch verleiht das Buch Hintergrundwissen für eine Auseinandersetzung um das Ehrenmal der Bundeswehr als jüngstes Produkt deutscher Heldenverehrung.