Nachricht | Parteien- / Bewegungsgeschichte - Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Geschichte - RosaLux Ein vergessener Revolutionär

Der Kommunist Werner Scholem (1895-1940) wurde in den 1920-er Jahren zum erbitterten Gegner Stalins. Die Stiftung widmet ihm eine Matinee mit Lesung, Film und Ausstellungseröffnung.

Walter Benjamin beschimpfte ihn als «Lausejungen», Josef Stalin nannte ihn einen «tollen Burschen», sah ihn jedoch bald als lästigen «Dummkopf». Ähnlich Ernst Thälmann, der vor «Scholemismus» warnte. Für den Philosophen Gershom Scholem hingegen war er jedoch vor allem eins: der große Bruder.

Werner Scholem, geboren 1895 in Berlin, verkörpert die Widersprüche einer Generation. Aufgewachsen in einer Berliner jüdischen Familie startete er mit seinem Bruder Gershom eine Revolte gegen den autoritären Vater und den Chauvinismus des Ersten Weltkrieges, ein Protest der ihm 10 Monate Militärgefängnis einbrachte. Werner und Gershom diskutierten über Zionismus oder Sozialismus, Auswanderung nach Palästina oder Klassenkampf in Deutschland. Während Gershom Scholem nach Jerusalem übersiedelte, sah Werner im Kampf der radikalen Arbeiterbewegung die Möglichkeit eines «anderen Deutschland» ohne Ausbeutung und Antisemitismus.

Scholem ging zur KPD und wurde jüngster Abgeordneter im Preußischen Landtag, kämpfte für Schulreform und bekam antisemitische Schmähreden zur Antwort. Angewidert vom parlamentarischen Betrieb schloss er sich dem entstehenden «ultralinken» Flügel der KPD an. Aufgestiegen zum Organisationsleiter der Partei «bolschewisierte» Scholem die KPD nach russischem Vorbild, um sie zur Avantgarde einer kommenden Revolution zu formen. Er und seine Mitstreiter scheiterten jedoch an den Widersprüchen ihrer Rolle als Revolutionäre in einer nichtrevolutionären Zeit. Nun übernahmen andere: Scholem wurde 1926 als erbitterter Gegner Stalins aus der Partei geworfen, galt als Verräter und wurde von alten Genossen geächtet.

Mit einem Jurastudium versuchte er, sich eine neue Existenz zu schaffen, was ihm jedoch nicht vergönnt war. 1933 wurde Werner Scholem unter mysteriösen Umständen verhaftet, 1935 überraschend vom NS-Volksgerichtshof freigesprochen, jedoch nie freigelassen. Er wurde 1940 im KZ Buchenwald ermordet. Bis heute ranken sich literarische Legenden um seine Verhaftung. Franz Jung und Alexander Kluge erzählten sie als Spionagedrama, eine besondere Rolle spielte Scholem auch in Hans-Magnus Enzensbergers Roman «Hammerstein oder Der Eigensinn». All diese  Erzählungen kreisten um ein einziges Thema: Als Agent im Auftrag der Sowjetunion soll Scholem die Generalstochter Marie-Luise von Hammerstein verführt haben, um ihr die Aufmarschpläne der Reichswehr zu entlocken.

Verschiedenste Variationen dieses Themas verhalfen dem vergessenen Revolutionär Scholem in den 1990er Jahren zu posthumen Ruhm, kein anderer KPD-Politiker hatte derart viele literarische Auftritte. Doch hinter den Romanen verschwand Scholems politischer Kampf: der jugendliche Rebell, der schwärmende Zionist, der Soldat wider Willen, der kommunistische Versammlungsredner Scholem - sie alle fielen erneut der Vergessenheit anheim.

Mit einer Matinee aus Lesung, Film und Ausstellung erinnert die Stiftung am 13. September 2014 an Werner Scholem. Anwesend sein wird unter anderem Scholems Tochter Renee Goddard. Beginn ist um 11 Uhr im Salon. 
Vom Autor des Beitrags ist eine politische Biographie Werner Scholems erschienen. Mehr dazu hier sowie im Dowloadbereich weiter unten auf dieser Seite.