Nachricht | Geschlechterverhältnisse - RosaLux Alle spielen mit

Rosas Salon Nr. 9 zu neoliberalen Lebensstrategien am Beispiel der Mittelschicht

Was bedeutet es, wenn das eigene Leben zur ökonomischen Transaktion wird? Welche Folgen hat es, wenn persönliche Bindungen nur noch dem Nutzkalkül unterliegen?

„Man investiert in die Gesundheit, in Freundschaften, in den eigenen Körper – und hofft auf hohe Erfolgsrenditen.“ Was die Soziologin Cornelia Koppetsch am 20. Mai 2014 in ihrem Eingangsbeitrag zur 9. Veranstaltung der Stiftungsreihe „Rosas Salon“ ansprach, spiegelt eine Dynamik heutiger Anpassungsleistungen an die effizienzgesteuerte neoliberale Gesellschaft, die in ihrem Ausmaß eine neue Dimension erreicht. Ängste vor sozialem Abstieg prägen das Lebensgefühl mittlerweile auch der Mittelschicht. Je größer die Verunsicherung, desto mehr wird „die Mitte“ zum Hort von Sicherheit und Normalität. Anpassung mutiert dabei zur zentralen Strategie im Wettbewerb um Lebenschancen.

Selbstoptimierung wird zur Lebensaufgabe. Abgrenzungen nach unten sichern den eigenen Status. Einstige alternative Lebensentwürfe – auch in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse – werden eingepasst. Die Kleinfamilie wird zum Aushängeschild einer auf Erfolg fixierten Lebensführung. Die „Wiederkehr der Konformität“, so der Titel eines Buches von Koppetsch, scheint ein Tribut des enormen Anpassungsdrucks zu sein, unter dem sich Lebensstrategien, Werte und Orientierungen neu ausrichten – bis in das Alltagsleben hinein.

Die zeitdiagnostischen Befunde, die Cornelia Koppetsch hier exemplarisch für die Mittelschicht ausmacht, gingen für die 60 Teilnehmer_innen in „Rosas Salon“ in ihrer Gewichtung weit über diese gesellschaftliche Schicht hinaus. In den interaktiven Gruppengesprächen wie auch in der Gesamtdiskussion fragten sie vor allem nach den Mechanismen, in denen verinnerlichte neoliberale Muster wirken – bis in die eigenen linken und feministischen Kontexte hinein.

Aus queer-feministischem Verständnis heraus wurden Fragen nach Ein- und Ausschlussmechanismen, Abgrenzungsdynamiken und neuen subtilen Formen von Herrschaftsausübung gestellt, die mit den neuen gesellschaftlichen Spielregeln einhergehen: Fühle ich selbst mich als Gewinner_in oder Verlierer_in angesichts des neoliberalen Konformitätsdrucks? Wer hat aufgrund sozialer oder ethnischer Herkunft, aufgrund der Geschlechtszuweisung, sexueller Identität oder körperlicher Einschränkung gar keine Chance, neoliberal konform zu sein. Oder auch: Ist queer par excellence nicht-konform? Was bedeuten aus dieser Sicht Strategien einer "Selbstabschließung durch Ausgrenzung" (der Anderen)? Wo passe ich mich selbst an – durch die unreflektierte Übernahme der ‚Sprachspiele der Leistungsgesellschaft‘ wie Management-Sprache und Strukturen des „Wir sind alle ein Team“.

„Alle müssen mitspielen. Und das Erstaunliche ist, alle spielen mit, obwohl nur wenige etwas davon haben“, resümiert Cornelia Koppetsch am Ende ihres Beitrages. Ist Widerstand wirklich zwecklos? Was macht das Bindende, Gemeinsame derer aus, die nicht in den neoliberalen Zeitgeist passen und/oder dies auch bewusst nicht wollen? Der neoliberale Imperativ einer bedingungslosen Einpassung in ein Leben, getrieben durch neue Spielregeln einer diffusen Macht "des Marktes", ist nicht alternativlos. Die Diskussion um Gegenstrategien, um solidarische Alltagspraxen, um alternative Lebensformen ging bis in den späten Abend bei Imbiss und Wein in den Hofgesprächen weiter.

Cornelia Koppetsch: "Die Wiederkehr der Konformität. Streifzüge durch die gefährdete Mitte" Campus Verlag, Frankfurt/Main, 2013Cornelia Koppetsch: „Binde mich! Die Kernfamilie schlägt zurück: Wie die coolen Singles der 80er ins Abseits gedrängt wurden“ Artikel in der taz vom 15.06.2013