Nachricht | Geschichte - Erinnerungspolitik / Antifaschismus Historisch-politische Bildung in und mit NS-Gedenkstätten

Erfahrungsaustausch zu aktuellen Fragen von Erinnerungspolitik. Von Cornelia Domaschke.

Information

Der Erfahrungsaustausch mit österreichischen Kolleg_innen  und Antifaschist_innen zu aktuellen Fragen von Erinnerungskultur und –politik war Gegenstand eines Anschlussweiterbildungsprojekts für Lehrer_innen/Multiplikator_innen historisch-politischer Jugendbildung vom 28. Mai bis 3. Juni 2014 in Berlin, Wien, Nieder- und Oberösterreich sowie in Bayern. Die Mehrzahl der zwei Dutzend Teilnehmer_innen war bereits 2011 mit der RLS auf Studienfahrt in Oberösterreich zum Thema „Aktuelle Fragen von Holocaust-Education und Gedenkstättenpädagogik im internationalen Vergleich. Das Beispiel: Gedenkstätte des ehemaligen KZ Mauthausen mit seinen Nebenlagern im Netzwerk des Terrors der Nationalsozialist_innen“.

2011 hatten wir uns hauptsächlich auf die Gedenkstätten und Lernorte in Mauthausen, Gusen, Linz III, Ebensee und Schloss Hartheim konzentriert.

Entscheidend bei der Realisierung des Projekts war die Unterstützung durch die Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer_innen Oberösterreichs.

Folgeprojekte in Deutschland mit Zeitzeug_innen und Kolleg_innen aus Österreich schlossen sich  an: Dazu gehörten:

  • Eine Lesung mit der Wiener Autorin Evelyn Steinthaler am 8. September 2011 in der Inselgalerie in Berlin zu dem von ihr herausgegebenen Buch „Frauen 1938. Verfolgte – Widerständige – Mitläuferinnen“, über das wir auch während des diesjährigen Weiterbildungsprojekts am 29.5.2014 in Wien diskutiert haben.
  • Ein Lesereiseprojekt  mit Käthe Sasso aus Wien im Februar 2012 an Schulen in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt zum Thema „Antifaschistischer Widerstand und Überleben im KZ Ravensbrück“ und
  • Eine Lesereise von  Prof. Dr. Peter Gstettner aus Klagenfurt im Oktober 2012 in Berlin zu seiner Publikation „Erinnern an das Vergessen. Gedenkstättenpädagogik und Bildungspolitik“.

Aktuell standen Fragen der Erinnerungskultur in den ehemaligen Nebenlagern des KZ Mauthausen in Hinterbrühl und Melk (Niederösterreich), Linz II und Steyr (Oberösterreich) auf der Agenda.  Die Rolle von Erinnerungsreisen zu Gedenkorten/-stätten des Nationalsozialismus 75 Jahre nach Beginn des II. Weltkrieges und fast 70 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus (2015) für eine abzusehende Zeit, in der kommunikatives Erinnern mit Zeitzeug_innen nicht mehr möglich ist, hatte einen zentralen Platz in diesem Weiterbildungsprojekt und war zugleich Auftaktveranstaltung am 28. Mai. Johann Gutenbrunner, Verfasser der Master-Theses-Arbeit „Erinnerungsreisen. Eine anspruchsvolle Form von Tourismus. Abhandlung zu Bedürfnissen und Erwartungen von NS- und Holocaust-Gedenkstättenbesuchern mit Schwerpunkt der oberösterreichischen Gedenkstätte des ehemaligen NS-Konzentrationslagers Mauthausen“, verteidigt im Oktober 2012 an der J.-Kepler-Universität in Linz, war nach Berlin gekommen, um den Teilnehmer_innen die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit vorzustellen. Dass Johann Gutenbrunner uns während fast der gesamten Weiterbildung auch in Österreich begleitete, als Teilnehmer und wiederholt als Akteur, erweiterte einmal mehr die Möglichkeiten der Vernetzungsarbeit über Ländergrenzen hinweg.

Die Ziele des Weiterbildungsprojekts von 2011 hatten vorrangig darin bestanden:

  • Erinnerungskultur im internationalen Vergleich an Orten, die in der historisch-politischen Bildung sonst wenig Beachtung finden, zu fokussieren.
  • Eine Vernetzungsfunktion zwischen den Teilnehmer_innen zu befördern.
  • Die Entwicklung weiterer, gemeinsamer Projekte zwischen RLS und Schulen auf den Weg zu bringen.

Diese Ziele wurden auch 2014 beibehalten, vertieft und um einige ergänzt:

In der Erinnerungskultur in unserem Nachbarland Österreich waren 2013 bedeutsame neue Zeichen für Widerstandskämpfer_innen gegen den Anschluss, den Nationalsozialismus und den Krieg ebenso gesetzt worden wie für die zahllosen Opfer des Faschismus in den Jahren 1938-1945 in der „Ostmark“.

Am 11. März 2013 war in einem feierlichen Akt die „Gruppe 40“ auf dem Zentralfriedhof in Wien zur Nationalen Gedenkstätte Österreichs erklärt worden. Mehr als ein halbes Jahrhundert hatten österreichische Antifaschist_innen, an der Spitze Käthe Sasso, darum gekämpft, dass ihren während des Nationalsozialismus geköpften Kampfgefährt_innen endlich diese, wenn auch sehr späte Anerkennung für ihren Kampf um ein unabhängiges demokratisches Österreich zu Teil wird. Fast auf den Tag genau 75 Jahre nach dem Anschluss Österreichs an das faschistische Deutschland und fast 68 Jahre nach Ende des II. Weltkrieges und der Befreiung vom Faschismus hatten sich mehrere Hundert Österreicher_innen versammelt, um der Opfer zu gedenken, zu mahnen und zu bekennen, alles zu tun, nie wieder eine faschistische Diktatur zuzulassen. Am Mahnmal der „Gruppe 40“ hatten der österreichische Bundeskanzler, die Bundesinnenministerin, die Leiterin des Dokumentationsarchivs Österreichischer Widerstand, Vertreter der Religionsgemeinden, Schülerinnen und Schüler und vor allem Käthe Sasso bewegende Worte gesprochen. (Foto: Zentralfriedhof Wien Gruppe 40)

Am 5. Mai 2013, dem 68. Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen durch amerikanische Truppen, waren nach mehrjähriger Arbeit die neuen Dauerausstellungen „Das Konzentrationslager Mauthausen 1938-1945“, „Der Tatort Mauthausen – Eine Spurensuche“ und der „Raum der Namen“ eröffnet worden. Diese Ausstellungen befinden sich am Ort der bisherigen historischen Ausstellung, die 1970 unter Leitung des einstigen Lagerschreibers und späteren Chronisten des KZ Mauthausen, Hans Maršálek, entstanden war. Aktuell wird an der Gestaltung eines Besucher_innenleitsystems im weitläufigen Gelände der KZ-Gedenkstätte Mauthausen gearbeitet. Ferner sind  weitere Ausstellungen geplant: Dabei geht es um die „Lebens“bedingungen der Häftlinge im KZ Mauthausen, deren “Rückkehr unerwünscht“ („R.u.“)  war, die Zwangsarbeit im Steinbruch (Leitthema für die Befreiungsfeierlichkeiten 2015), um die Lager-SS und um die Nachgeschichte des KZ Mauthausen. (Foto: Titelbild: Info-Flyer -Neue Ausstellungen in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen)

Am 25. Oktober 2013, am Vorabend des Nationalfeiertages in Österreich, war in Steyr (OÖ) nach mehr als einem Jahrzehnt intensivster Arbeit des von Karl Ramsmaier geleiteten Mauthausen Komitees Steyr im Beisein von mehr als 400 nationalen und internationalen Gästen der „Stollen der Erinnerung“ als neue Dauerausstellung, insbesondere in Gedenken an die Zwangsarbeiter der Steyr-Werke und der Häftlinge des KZ Steyr-Münichholz eröffnet worden. Der „Stollen der Erinnerung“ ist ein ehemaliger Luftschutzbunker, errichtet von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen für die Steyrsche Bevölkerung während der alliierten Bombenangriffe auf den Rüstungsstandort Steyr im II. Weltkrieg. Heute lernen Besucher_innen in dem 140 m langem Lambergstollen, welch verhängnisvolle Geschichte Steyr in den Jahren 1938 – 1945 nahm. Biografische Annäherungen und persönliche Schicksale von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeiter_innen nehmen einen zentralen Platz in der Ausstellung ein. Pädagogisch betreut wird diese  Ausstellung vom Museum Arbeitswelten in Steyr. Ein junges, engagiertes, dynamisches Team bietet Bildungskonzepte und – angebote, die für Lehrer_innen auf der Suche nach innovativen Wegen, junge Menschen für Zeitgeschichte zu interessieren, ein „Muss“ sind. (Foto: Stollen der Erinnerung in Steyr/Oberösterreich)

Am 4. November 2013 hatte im überfüllten Wiener Parlament der Dokumentarfilm von Prof. Kurt Brazda „ERSCHLAGT MICH, ICH VERRATE NICHTS. Käthe Sasso. Widerstandskämpferin“ Premiere. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer  (verstorben am 2. August 2014) hatte anlässlich dieser Veranstaltung hervorgehoben, dass die Entscheidung einer 15jährigen, in den Widerstand zu gehen, heutigen Jugendlichen völlig unbekannt sei. Aber: Käthe Sasso war 15, als sie sich in einer gnadenlosen Zeit für den aktiven Widerstand entschied, nach ihrer Verhaftung nichts verriet, sie offenbar nur dank ihrer Jugend dem Schafott entging, aber trotzdem während ihrer Gefangenschaft im Wiener Landesgericht miterleben musste, wie zahlreiche Leidensgenoss_innen dort ihr Leben lassen mussten. Der beeindruckende Dokumentarfilm kann als DVD auch bei der RLS sowohl für Unterrichtszwecke als auch für außerschulische historisch-politische Jugendbildungsprojekte ausgeliehen werden. (Foto: Filmtitelbild zum Dok.film über Käthe Sasso)

All diese Zeichen hatten beträchtlichen Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung des Weiterbildungsprojekts, das wenige Wochen nach der großen alljährlichen internationalen Befreiungsfeier in der Gedenkstätte Mauthausen (11. Mai 2014) stattfand. Dass diese gemeinsame Erinnerungsarbeit höchst aktuell ist, hatte sich gerade auch bei den Befreiungsfeierlichkeiten Anfang Mai gezeigt: Trotz Bewachung war es rechten Extremist_innen wieder einmal gelungen, unbemerkt die KZ-Gedenkstätte großräumig mit menschenverachtenden Parolen zu beschmieren.

Mehr noch als 2011 war und ist es den Teilnehmer_innen des diesjährigen Weiterbildungsprojekts der RLS wichtiges Anliegen geworden:

  • In gemeinsamen Aktionen und Aktivitäten mit österreichischen Antifaschist_innen Zeichen gegen den europaweit wachsenden rechten Sumpf zu setzen.
  • Der internationalen Vernetzung in der historisch-politischen Bildungsarbeit und Erinnerungskultur neue Impulse zu verleihen und sich gemeinsam über innovative Wege und Methoden auszutauschen, die Jugendlichen den Zugang zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ermöglichen, ohne sich noch auf das kommunikative Erinnern mit der „Erlebnisgeneration“ stützen zu können.
  • Zeitnah Folgetreffen der Weiterbildungsteilnehmer_innen durchzuführen, um sich über bereits geplante bzw. angedachte gemeinsame Projekte zu informieren und zu beraten – so vom 15.-17.August 2014 mit Vertretern der Gewerkschaftsjugend Linz und Mitgliedern der Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer_innen Oberösterreichs sowie am 10. September 2014 während einer Lesereise der Wiener Autorin Evelyn Steinthaler in Berlin zu ihrer Biografie über Richard Tauber, des aus Linz stammenden jüdischen, weltweit bekannten und beliebten Wahl-Berliner Tenors.

Den Teilnehmer_innen des diesjährigen Weiterbildungsprojekts der RLS war es auch ein besonders wichtiges Anliegen, gemeinsam mit ihren österreichischen Kooperations- und Gesprächspartner_innen der hingerichteten Widerstandskämpfer_innen, an den Haftbedingungen in KZ´s und Zwangsarbeitslagern in der ehemaligen „Ostmark“ verstorbenen und getöteten Häftlingen zu gedenken – im Landesgericht in Wien und auf dem Zentralfriedhof, an der nahezu unbekannten KZ-Gedenkstätte Hinterbrühl, an den Gedenkorten in Melk, Linz und Steyr. Dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus aus religiösen Motiven besondere Aufmerksamkeit zu widmen, war der Wunsch mehrerer Teilnehmer_innen an der Weiterbildung. Dank der großen Unterstützung von Sr. Hilda Daurer, Generaloberin der Ordensgemeinschaft „Franziskanerinnen von der christlichen Liebe“,  haben wir uns intensiv mit Leben und Kampf von Schwester Maria Restituta, mit bürgerlichem Namen Helene Kafka (geb. am 1. Mai 1884 in Brünn, hingerichtet von den Nazis am  30. März 1943 im Landesgericht in Wien, selig gesprochen von Pabst Johannes Paul II am 21. Juni 1998 ) vertraut machen dürfen. Der Besuch der  beeindruckenden Ausstellung im Hartmannspital im 5. Bezirk in Wien am Anfang der Weiterbildung hat die Teilnehmer_innen über den gesamten Zeitraum des Projekts bewegt und begleitet, insbesondere auch am Ende der Weiterbildung: Gemeinsam gedachten wir Pastor Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 in Flossenbürg wegen seines Widerstandes gegen die Nazidiktatur hingerichtet wurde. Wichtige Anregungen für die Arbeit mit Jugendlichen zur Geschichte deutscher Erinnerungskultur im Verlaufe von fast sechs Jahrzehnten erhielten die Teilnehmer_innen insbesondere auch in der Dauerausstellung „was bleibt – Nachwirkungen des Konzentrationslagers Flossenbürg“. Einerseits war Flossenbürg bundesweit eine der letzten NS-Gedenkstätten, in der seit 2007 eine Dauerausstellung zur Lagergeschichte „Das Konzentrationslager Flossenbürg 1938 – 1945“ präsentiert wird. Andererseits wurde hier im Oktober 2010 mit der zweiten Dauerausstellung „was bleibt – Nachwirkungen des Konzentrationslagers Flossenbürg“ die erste umfassende rezeptionsgeschichtliche Darstellung mit einem bis dahin einzigartigen Gestaltungskonzept für NS-Gedenkstätten eröffnet. (Fotos: Gedenken im Landesgericht Wien, Im kleinen Gedenkhain in Hinterbrühl“, Gedenken an Dietrich Bonhoeffer in Flossenbürg, FOTO OHNE BILDUNTERSCHRIFT )