Nachricht | Gronau: Auf blinde Flecken zeigen: Eine Diskursanalyse soldatischer Gedenkpraktiken und Möglichkeiten des Widerspruchs am Beispiel der Gebirgsjäger in Mittenwald; Oldenburg 2009

Gronaus Buch untersucht zum einen die Berichterstattung über die Aktivitäten gegen das Pfingsttreffen der Gebirgsjäger in Mittenwald in den Jahren 2002 bis 2005 und zum anderen erzählt es diese Proteste nach. Es gibt einen guten Einblick in die intensive mediale Auseinandersetzung über eine sehr eindimensional militaristische Gedenkpraxis, die die Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungs- und Besatzungskriegs lange unerwähnt lässt.

Zuerst führt Gronau in die Diskursanalyse als den theoretischen Rahmen ihrer Untersuchung ein. Sie will zeigen, wie die alltägliche Sicht auf Geschichte in gesellschaftlichen und das bedeutet heute, in erster Linie medial vermittelten konflikthaften Auseinandersetzungen konstruiert wird.

Seit 1957 findet dieses Treffen, die größte soldatische Veteranenfeier Deutschlands, in der bayrischen Gemeinde statt und ist dort fester Bestandteil des öffentlichen Lebens. 2002 kommt es zu einem Bruch: Erstmals protestieren AntifaschistInnen vor Ort. Sie werden dadurch zum Mitakteur des Geschehens und verschieben durch ihren Protest die bisherige Bedeutung des Treffens: Das bisher akzeptierte, nämlich Soldatentum und Nationalismus, muss sich nun neu legitimieren. Durch die zusehends massiver werdende Kritik sind die UnterstützerInnen der Gebirgsjägertreffen gezwungen, sich öffentlich für die Traditionsveranstaltung zu rechtfertigen.

Die Chronik der Proteste 2002 bis 2009 am Ende des Buches ist nützlich um das Geschehen rund um die erinnerungspolitische Kampagne „Angreifbare Traditionspflege“ nachzuvollziehen. Ergänzt wird das Buch um einen Überblick zu Forschungsergebnissen zu Kriegsverbrechen der Gebirgsjäger während des Nationalsozialismus, zu den Traditionsbestimmungen der Bundeswehr und dem soldatischen Selbstverständnis der Gebirgsjäger.

Das Buch zeigt anschaulich, wie eine geschichtspolitische Intervention „von unten“ heute funktioniert, und dass soziale Bewegungen sich zumindest solange sie sehr randständige Themen kritisch bearbeiten, der Medien als Mittel zur Veränderung des Diskurses bedienen – und dass sie das auch können.

Jennifer Gronau: Auf blinde Flecken zeigen: Eine Diskursanalyse soldatischer Gedenkpraktiken und Möglichkeiten des Widerspruchs am Beispiel der Gebirgsjäger in Mittenwald; BIS-Verlag Oldenburg 2009, 175 Seiten, 12,80 EUR

Bernd Hüttner

Das Erscheinen des Buches wurde von der Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen finanziell gefördert.