Nachricht | International / Transnational - Europa - Geschichte - Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Krieg / Frieden «Befreiung, Belgrad, Oktober 1944»

Mit dem gleichnamigen Titel wurde ein neues Buch zur Geschichte der Befreiung Belgrads präsentiert.

Zum siebzigjährigen Jubiläum der Befreiung Belgrads vom Faschismus organisierte das Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Belgrad im dortigen Kulturzentrum eine öffentliche Präsentation des Buches «Befreiung. Belgrad, Oktober 1944». An der Veranstaltung nahmen, neben dem Autor Milan Radanović, die Historikerin Olga ManojlovićPintar vom Institut für neuere Geschichte Serbiens, der verantwortlicher Designer des Buches und Mitglied des Künstlerkollektivs ШKART Djordje Balmazovićsowie der Programm-Manager der RLS Krunoslav Stojaković teil.

Nach einer kurzen Einführung durch Krunoslav Stojaković, der die Studie in den Kontext einer breiteren Auseinandersetzung mit geschichtsrevisionistischen Tendenzen stellte, erläuterte Djordje Balmazović die Hintergründe für das gewählte Titelblatt, auf dem neben einer Photographie mit jubelnden und fröhlichen Menschen die Hauptüberschrift prangt: Befreiung.

Die Rechtfertigung für ein solches Vorgehen, so Balmazović, liege im Folgenden begründet: «Hier war es wichtig, und da waren wir uns alle einig, etwas zu wählen was keine interpretatorische Doppeldeutigkeit zulässt. Wir sind auf dieses Photo, das am 21. Oktober aufgenommen wurde, gestoßen, und zusammen mit der Überschrift sagt es alles notwendige aus. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung war glücklich und froh. Das ist entscheidend. Die Menschen, die Bürger Belgrads, haben die Befreiung frohgestimmt und festlich empfangen. Wir dürfen keine andere Interpretation des 20. Oktobers zulassen, wie es etwa vor einigen Tagen versucht worden ist [im Zuge der öffentlichen Staatsfeierlichkeiten, K.S.]  als konsequent vermieden wurde zu sagen, dass Einheiten der JUGOSLAWISCHEN Volksbefreiungsarmee Belgrad befreit haben – das muss gesagt werden.»

Die skandalöse Negation des gesamtjugoslawischen Charakters der Befreiung Belgrads durch das offizielle Serbien war Hauptthema im Vortrag von Prof. Olga Manojlović Pintar. Der Geschichtsfälschung durch die serbische Staatsspitze stellte sie die Namen derjenigen entgegen, die in den Kämpfen um die Befreiung der Stadt ihr Leben gelassen haben: «Die Begriffe Antifaschismus, Volksbefreiungsarmee, Rote Armee sind in letzter Zeit prominent im öffentlichen Raum vertreten. Aber es fehlen Namen und Begriffe, ohne die der historische Kontext entfällt in dem auch diese ausgesprochenen Worte nur ihren vollen Sinn entfalten können. Das, was ausgelassen wurde, hat zum wiederholten Male eine Geschichtsverdrehung und Manipulation ermöglicht […].

Ohne die Nennung Jugoslawiens, und nicht Serbiens, der Sowjetunion, und nicht Russlands, der Revolution, und nicht der Repression, ohne den Namen Josip Broz Titos – ohne all diese Namen löscht man den Kern dessen aus, was den Sieg über den Faschismus in unserer Region definiert hat.

Man organisiert eine Militärparade, auf der die serbische Armee und die serbischen Opfer im Laufe der Geschichte erwähnt werden, man legt Kränze am Friedhof der Befreier ab, aber an den Gräbern der Befreier läuft man peinlich berührt vorbei ohne die Namen der Gefallenen zu lesen – und die Namen sind, unter anderem,  Franc Arnut, Andon Kinlovski, Ivan Sever, Vjekoslav Marur, Mujo Mitraljezac, Henrik Šimac, Franc Leskovac, Rudolf, Ismana Hanlaković, Franc Franković, Anka, Mustafa Saih, Ivan Štuk, Eduard Harambašić, Joso Pinter, Stanislav Premrl, Sapko Gosev, Đovani Pir, Ilija Manačkov, Jožef Kapusinek. Neben all den anderen Namen geben diese Namen Auskunft darüber, wieviel Unwahrheit in den letzten Tagen ausgesprochen, wieviele Falsifikationen angestellt wurden.»

Milan Radanović bezog sich in seinem Vortrag noch einmal auf das unverantwortliche Jonglieren mit den Opferzahlen, das insbesondere in der revisionistischen Publizistik und Historiografie betrieben wird um die Legitimität des sozialistischen Jugoslawiens zu untergraben: «Was sehr wichtig ist», so Milan Radanović, «was aber bis zu einem gewissen Punkt verschwiegen wird, ist die Tatsache, dass im Zuge der Kämpfe zur Befreiung Belgrads nahezu 3.000 Partisanen und beinahe 1000 Rotarmisten umgekommen sind.

Auf der anderen Seite, vor allem in der historiografischen Publizistik, antikommunistischen Medien und einem Teil der Geschichtswissenschaft der letzten 20 Jahre, konnte man Stimmen vernehmen wonach im Nachklang der Befreiung eine regelrechte Apokalypse Einzug gehalten hat. Dass die sogenannten kommunistischen Verbrecher 10.000, 15.000 oder gar 30.000 Bürger der Stadt exekutiert hätten.

In den letzten Jahren wird jedoch immer augenscheinlicher, dass wir es hier mit einer revisionistischen Konstruktion zu tun haben und das die Zahl der Toten deutlich geringer ist – nämlich zwischen 1.500 und 2.000 Personen. Indes, was hervorgehoben werden muss ist der Versuch revisionistischer Kreise, alle Umgekommenen als unschuldige Opfer des kommunistischen Terrors zu qualifizieren. Unter den 1.500 bis 2.000 Toten befinden sich jedoch zu einem Großteil Kriegsverbrecher, eine große Anzahl von Menschen, die den Tod Anderer zu verantworten hatten.»

Die Studie «Oslobođenje. Beograd, Oktober 1944» [Originaltitel: Oslobođenje. Beograd, oktobar 1944.] in gedruckter Form ist kostenlos über das Belgrader Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu beziehen. E-Mail: krunoslav.stojakovic@rosalux.rs

Eine PDF-Version kann auf der Homepage der Rosa-Luxemburg-Stiftung Southeast Europe heruntergeladen werden.

Krunoslav Stojaković ist Programm-Manager im Büro der RLS in Belgrad.