Nachricht | Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Deutsche / Europäische Geschichte - GK Geschichte Neue Bücher zum Thema Kriegskinder und Kriegsenkel

"Thema (...) ist von großer Bedeutung, um das Massenbewusstsein der gegenwärtigen und der historischen Bundesrepublik zu verstehen..."

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70 Jahre nach Ende des vom nationalsozialistischen Deutschland begonnenen Zweiten Weltkrieges sind dessen Folgen immer noch spürbar. Seit einigen Jahren, genaugenommen seit Sabine Bodes Buch „Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ im Jahre 2004 (als Taschenbuch 2005), treten die psychischen und mentalen Folgen zusehends in eine breitere Öffentlichkeit (1). „Kriegskindersind Menschen, die in ihrer Kindheit durch direkte oder indirekte Einwirkungen des Krieges nachhaltig wirkende psychische und physische Schäden erlitten.“ (Zitat aus Internetseite Kriegskind e.V.). Diese Ursachen können Gewalterfahrungen aller Art, sexualisierte Gewalt, Hunger oder Flucht und Vertreibung sein. In der Regel wird als Folge von einer Traumatisierung ausgegangen, die die Betroffenen völlig überfordert: Sie können nicht angemessen reagieren. Ist z.B. Angst normalerweise eine verständliche Reaktion, die dazu auffordert, zu agieren, so ist Angst in einer Situation von absoluter Ohnmacht ein überwältigendes, aber trotzdem relativ „nutzloses“ Gefühl. Ist Angst in einer normalen Situation ein Schutz, wird sie durch die traumatisierende Situation zu einer – womöglich bis heute fortdauernden und sich gar „vererbenden“ – Belastung.

Die Kriegskinder sind heute meist 70 Jahre oder älter. In den Empfindungen vieler heute (noch) Lebender jüngerer, der sog. Kriegsenkel ist der Krieg und seine Folgen weiterhin präsent, und das unabhängig davon, ob ihre Vorfahren nun „Opfer“ oder Täter“ waren.

Zwei Publikationen bringen nun weitere und auch neue Aspekte ein. Das Ehepaar Baer liefert in seinem Buch erstmals öffentlich brauchbare Schritte zur Selbsthilfe für die sog. Kriegsenkel, also die circa 1960 bis 1975 geborenen Kinder der Kriegskinder. Viele von ihnen litten oder leiden in ihren Herkunftsfamilien unter der aus der kriegsbedingten Traumatisierung herrührenden „pathologische Normalität“. Sie berichten von Erstarrung oder einem inneren Frieren, spürten die kalte Wut der Eltern oder Großeltern (2).

Das Thema ist kein Randphänomen, das nur wenige betrifft. Die einschlägige Forschung geht von mehreren Millionen Kriegskindern (Geburtsjahrgänge 1930-1948) aus, wer dann die Zahl von deren Kindern dazu in Relation setzt, kann annehmen, dass es heute mehrere Millionen Erwachsene gibt, die von den kriegsbedingten Traumatisierungen ihrer Eltern mehr oder minder weitgehend geprägt sind. Allein zwölf Millionen Menschen sind damals geflüchtet oder zur Flucht gezwungen worden. 25 Prozent der Kinder aus der Alterskohorte der Kriegskinder wuchsen ohne Vater auf, da jener verschollen, tot oder in Gefangenschaft war.

Das zweite, hier vorzustellende Buch nimmt das Thema aus einer ganz anderen Perspektive in den Blick. Der 1935 geborene Hartmut Radebold findet 1993 das Kriegstagebuch seines 1882 geborenen und am 18. Mai 1945 verstorbenen Vaters. Erst 2014 liest er es, zusammen mit seinem sechs Jahre älteren Bruder. Im April 2014 erhält er einen Anstoß über seine eigene Geschichte als Kriegskind nachzudenken. Was bedeutete für ihn das Aufwachsen ohne Vater oder der kriegsbedingte Verlust von Wohnung, Möbeln, ja nahezu aller schriftlichen Unterlagen, was bedeutete Hunger, Kälte und immer wieder Angst, für ihn, den damals zehnjährigen Jungen genau?

Nun ist Hartmut Radebold nicht irgendjemand. Radebold ist Psychoanalytiker und Professor, er ist eine_r der profiliertesten Forscher_innen zum Thema „Altern“ und eine_r der bekanntesten Autor_innen zum Thema „Kriegskinder“, gründete bereits 2002 den Verein „Kriegskinder“ mit. Er wird oft zum Thema eingeladen, hat mehrere Bücher dazu publiziert.

Mit nahezu 80 Jahren konnte (oder musste) sich seinem immensen und deswegen bislang verdrängten Schmerz stellen und akzeptieren, dass er selbst ein Kriegskind war. Die Abspaltung hatte ein Ende. Davon berichtet er in seinem Buch. Radebold wechselt zwischen der Erzählung seiner individuellen Geschichte, die wiederum an persönlichen Beispielen die Problematik sehr gut veranschaulicht und allgemeinen Betrachtungen zum Thema Traumatisierung, Kriegskinder und Folgen für die Gesellschaft. Er zählt auch seine inneren und äußeren Ressourcen auf, die ihm – im Rückblick - ein vergleichsweise „normales“ und gelungenes Leben ermöglichten: Bildung, Gespräche, vor allem mit seiner Frau Hildegard Radebold. Dieses Buch, das unter Mitwirkung seiner Frau entstand, wird sein letztes sein, schreibt Radebold, er möchte mehr Zeit zur Entspannung haben.

Das Thema Kriegskinder und Kriegsenkel ist von großer Bedeutung, um das Massenbewusstsein der gegenwärtigen und der historischen Bundesrepublik zu verstehen: Viele der Kriegsenkel sind jetzt schon oder werden bald Entscheidungsträger sein, die Kriegskinder waren es, nachdem die direkte Nazi-Generation abgetreten war, jahrzehntelang. In der Rückschau werden die generellen und auch erinnerungspolitischen Aspekte des Themas „Kriegstraumatisierung“ für die Nachkriegsgeschichte mehr als deutlich – und jene vielleicht dadurch ein bisschen erklärbarer. Wer die tiefgreifenden persönlichen Folgen anhand der angeführten Beispiele  auf sich wirken lässt, kann besser erklären, wie z.B. der langjährige fundamentale Mangel an Mitgefühl mit den Angehörigen der Opfern des NS zustande kommt. Die Trauer sehr vieler fand keinen Raum, sehr viele Menschen  – egal ob Opfer oder Täter – litten an Sprachlosigkeit, sie waren mit ihren Erlebnissen allein. Die Nachkommen spürten aber, dass da etwas verschwiegen wurde….

Wenn hier ausgleichend von Opfern und Tätern gleichermaßen geschrieben wird, und dies wird in der Literatur in der Regel auch so gehandhabt, dann deswegen weil diese Zuschreibung oft nicht so eindeutig ist und es nicht um eine Entschuldigung für Täter geht, sondern, im Gegenteil um Verständnis für historische Prozesse und seelische Dynamiken (vgl. auch Baer/Baer 2015, S.185f).

Neben den vielfältigen und leicht zu findenden Online-Ressourcen sind diese beiden Bücher auf ihre Art jeweils sehr beeindruckende Beiträge zur Bearbeitung dieser Materie. Sie zeigen, dass es, gerade auch aus linker Perspektive, noch Forschungsbedarf gibt: Fällt doch sofort ins Auge, dass die 1968er generationell den Kriegskindern angehören und die Ökopaxe der Friedens- und Alternativbewegungen der 1980er und 1990er Jahre der der Kriegskinder und -enkel. Die kriegsbedingte Traumatisierung, ihre Folgen und deren generationelle Weitergabe hätte bei einer zukünftigen Mentalitäts- und Kulturgeschichtsschreibung der Bundesrepublik und der DDR eine größere Beachtung verdient.

Udo Baer/Gabriele Frick-Baer: Kriegserbe in der Seele. Was Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration wirklich hilft, Beltz Verlag, 189 Seiten, ISBN 978-3-407-85740-8, 16,95 EUR

Hartmut Radebold: Spurensuche eines Kriegskindes, Verlag Klett-Cotta,  Stuttgart 2015, 207 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-608-98054-7, 18,95 EUR

Anmerkungen

1 Zuletzt z.B. Karin Janker hier in der Süddeutschen Zeitung über die Kriegsenkel.

2 Vgl. auch weitere autobiographische Texte in Schneider/Süss (Hrsg): Nebelkinder. Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte, München 2015.