Nachricht | Parteien- / Bewegungsgeschichte - GK Geschichte Schlauch/Weber: Keine Angst vor der Macht. Die Grünen in Baden-Württemberg, Köln 2015

"... sicher lesenswert und enthält viele nützliche Informationen und Einschätzungen. Es ist aber stellenweise oberflächlich und in seiner Betrachtungsweise trotz seines „modernen“ Gegenstandes (...) erstaunlich konservativ."

Information

Seit März 2011 ist der Ministerpräsident Baden-Württembergs ein Grüner, die Grünen sind in der Kommunalpolitik breit verankert und stellen in etlichen Großstädten den Oberbürgermeister. Das grüne Schlachtross Schlauch und der Tübinger Zeithistoriker Reinhold Weber haben nun das nach Eigenangaben „erste umfassende Buch“ über die Grünen im Südweststaat geschrieben (1).

In ihm ist die Gründungsgeschichte ausführlich nachzulesen, als aus linken Spontis, halbbraunen Anthroposoph_innen und vielen in Bürgerinitiativen Aktiven eine Partei entsteht, die kurz danach bereits in den Landtag einzieht, im Frühjahr 1980 3.000 und drei Jahre später schon 6.000 (!) Mitglieder hat. Von diesen haben allerdings über 1000 ein kommunales Mandat inne.

Eine Rolle spielen natürlich auch die zu Symbolen und Erinnerungsorten gewordenen Stätten der Proteste, wie Wyhl, Mutlangen und Boxberg. Diese drei – und auch andere –liegen im ländlichen Raum und, so eine These der Autoren, die Grünen seien deswegen so erfolgreich, weil es ihnen gelänge, ländliche und urbane Wähler_innen gleichermaßen anzusprechen. Im März 1983 ziehen die Grünen in den Bundestag ein und erreichen bei dieser Wahl in Baden-Württemberg bereits 6,8 Prozent. Schon 1992 finden erste Sondierungsgespräche zwischen der CDU und der Ökopartei statt. Sie scheitern, obwohl einige Umweltverbände und die Junge Union (!) für diese Koalition eintreten. Das Problem der Grünen ist, dass sie vor allem auf Kosten der SPD wachsen – und eine Generationenpartei sind. Aus dieser Situation ziehen die Realos den Schluss, dass eine Koalition mit der CDU möglich sein müsse, bzw. noch wichtiger: deren Wählerklientel angesprochen werden muss.

Das populärwissenschaftliche, reichlich mit Anekdoten angereicherte Buch verschweigt zwar die harten Konflikte im immer schon eher realistisch ausgerichteten Landesverband nicht, konstruiert aber, da es stark an Personen orientiert ist, eine Kontinuität, die wie folgt lautet: Große grüne Männer (2) mit verschiedenen, auf jeden Fall großen Begabungen und ebensolchem Einfühlungsvermögen ins Ländle machen Geschichte und führen so die Grünen zum derzeitigen Höhepunkt der Regierungsbeteiligung. Dabei wird übersehen, dass die Grünen nicht an der Macht sind, sondern nur an der Regierung.

Zusammengefasst ist das Buch sicher lesenswert und enthält viele nützliche Informationen und Einschätzungen. Es ist aber stellenweise oberflächlich und in seiner Betrachtungsweise trotz seines „modernen“ Gegenstandes, nämlich einer Partei, die Ausdruck wie Motor eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels ist, erstaunlich konservativ. So sieht das dann aus, wenn Sieger (ihre) Geschichte schreiben (lassen).

Das Buch enthält ergänzend noch Interviews u.a. mit Cem Özdemir, Fritz Teufel, Erhard Eppler, Fritz Kuhn („Fischers Fritz“) und Wolf-Dieter Hasenclever.

Im März 2016 sind in Baden-Württemberg Landtagswahlen.

 

Rezzo Schlauch/Reinhold Weber: Keine Angst vor der Macht. Die Grünen in Baden-Württemberg, Emons Verlag, Köln 2015, 240 Seiten, 22,95 EUR

 

(1) Zum zehnjährigen Jubiläum erschien das von Schlauch/Weber auch zitierte Buch von Winfried Hermann / Wolfgang Schwegler-Rohmeis: Grüner Weg durch schwarzes Land - 10 Jahre Grüne in Baden-Württemberg (Stuttgart 1989)

(2) Die einzige Frau, die größer vorkommt, ist Biggi Bender. Ausführlicher genannt wird noch Heide Rühle und interviewt Marieluise Beck, die aber ab 1983 in Bremen lebt.