Nachricht | Deutsche / Europäische Geschichte - GK Geschichte Stadtmuseum Berlin (Hrsg.): Das Berlin der zwanziger Jahre im Spiegel der Künste, Berlin 2015

"... entsteht ein spannendes, kulturgeschichtlich inspiriertes Bild von Berlin...."

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Der Titel dieses Ausstellungsbandes spielt auf die aufstrebende und labile wirtschaftliche und gleichzeitig konfliktreiche innenpolitische Situation im Deutschland der 1920er Jahre an. Berlin ist in diesem Jahrzehnt als Metropole und Hauptstadt Symbol der Moderne in einem insgesamt noch unmodernen Deutschland. Im Gegensatz zu den Jahren vor 1914 ist es nun auch Zentrum der Avantgarde und der immer größere Bedeutung gewinnenden Populärkultur (Film, Presse, Werbung). Aus den utopischen Zukunftskathedralen, etwa von Peter Behrens oder Bruno Taut, werden in Wirklichkeit aber vor allem riesige Kaufhäuser oder das Schaltwerkhochhaus in der Siemensstadt. In den Jahren 1920 bis 1929 regiert parteipolitisch die Weimarer Koalition, die sich der Modernisierung widmet. So entsteht das Bild von den temporeichen „goldenen Zwanziger Jahren“, die von 1923/24 bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 andauern. Dass die Kultur dieser Zeit oder jene Jahre allgemein ein „Tanz auf dem Vulkan“ war, ist eine vielgenutzte Metapher, richtige Schlagkraft bekommt diese aber im Rückblick erst durch die Ereignisse ab 1930, die schließlich in der Machtübertragung an den Nationalsozialismus einen ersten Höhepunkt finden.

Die Themen der 18 Kapitel dieses Bandes sind sehr breit. Sie sind jeweils mit einem einführenden Text versehen und reichen von Theater, Zirkus und dem unvermeidlichen Varieté über Arbeiter, politische Konflikte und materielle Not bis hin Mode, Verkehr und Architektur. Das Berliner Stadtmuseum zeigt in einem großen Bogen zeitgenössische Fotografien, Plakate und kunstgewerbliche Gegenstände bis hin zu einzelnen Möbeln. Schwerpunkt der Ausstellung ist die bildende Kunst.

So entsteht ein spannendes, kulturgeschichtlich inspiriertes Bild von Berlin, im, wie es der Titel sagt, „Spiegel der Künste“. Es zeigt, wie – damals – über Berlin gesprochen und die Zeit gedeutet wurde. Das Buch weitet den Blick auf „Berlin“ und erleichtert nun eine differenzierte Sicht auf jene Dekade – deren (avantgardistische „Kulturszene“ oft an einen „Brummkreisel mit Schlagseite“ erinnerte. Eine Zeitleiste und ein fast 40 Seiten umfassender Abschnitt mit den Biographien der KünstlerInnen runden den interessanten Band ab. Die Ausstellung ist noch bis 31. Januar 2016 in Berlin zu sehen.

Stiftung Stadtmuseum Berlin (Hrsg.): Tanz auf dem Vulkan. Das Berlin der zwanziger Jahre im Spiegel der Künste, Verlag M – Stadtmuseum Berlin 2015, 228 Seiten, 29,90 EUR

 

Ein Standardtitel zum Thema der Ausstellung dürfte das leider vergriffene Buch von Christian Brandstätter und Rainer Metzger [Hrsg.]: Berlin: Die Zwanzigerjahre; Kunst und Kultur 1918 - 1933; Architektur, Malerei, Design, Mode, Literatur, Musik, Tanz, Theater, Fotografie, Funk, Film, Reklame; München 2007 (zuerst Wien 2006) sein.

 

Fünf Links zur Medienresonanz auf die Ausstellung

Neues Deutschland, 4.9. 2015 (mehr)

junge welt, 29.9. 2015 (mehr)

rbb Kulturradio (mehr)

Tagesspiegel (mehr)

Welt.de (mehr)

Illustration: Paul Grunwaldt, Varieté, 1925 | Öl auf Leinwand, 59 x 46,5 cm © Stadtmuseum Berlin | Foto: Michael Setzpfandt