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Die Stimmung ist schlecht, sie wird aggressiver. Warum wir für ein gutes Leben streiten müssen.

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Die jungen Briten wollten bleiben. Beim Brexit-Referendum haben sich 75% Prozent der 18 bis 24 jährigen für den Verbleib in der Europäischen Union ausgesprochen. Die Jungen wollten weiter mit ihrem EU-Pass in anderen Mitgliedsländern studieren oder sich in Italien oder Griechenland einfach verlieben und bleiben: Generation Erasmus eben. Nun schauen sich nicht wenige in ihrer Ahnengalerie um, nach einem irischen Opa oder einer Oma, um eine Staatsbürgerschaft zu erhalten, die ein Leben in der EU weiter möglich macht, wenn man/frau will.

Die alten Briten haben anders abgestimmt. Die über 65 jährigen hatten keinen Bock mehr auf EU. 63 Prozent von ihnen waren für den Austritt. Vielleicht auch weil man pauschalreisend, wie die Russen trotz Putin, auch in Zukunft, ohne Mitglied in der EU sein zu müssen, dem englischen Schmuddelwetter nach Mallorca entfliehen kann. Und weil Freizügigkeit, ja auch seine Kehrseite hat, kommen doch in den Augen älterer Briten viel zu viele Afghanen, Polen und Syrer auf die Insel.

Weil viel mehr ältere Briten als junge zur Wahl gingen, warum auch immer, vielleicht weil die Jungen glaubten, dass ihre Eltern und Grosseltern doch nicht so anders sein können als sie selbst, ging das Referendum nun mal so aus.

Der Brexit kann aber auch als Geschichte vom Versagen der politischen Elite erzählt werden. In den Hauptrollen zwei ehemalige Eliteschüler aus dem College Eton: David Cameron, Noch-Premierminister und Boris Johnson, Ex-Bürgermeister von London und eigentlich Möchtegernpremier. Der eine, Cameron, wollte gerne in der EU bleiben und mit dem Referendum endlich die Widersacher in der Konservativen Partei ruhig stellen, der andere, wie wir nun wissen, wollte vielleicht auch nicht raus aus der EU, denn nun hat er es mit dem Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU auf einmal gar nicht mehr so eilig, doch die «Leave» Kampagne war eine tolle Gelegenheit Cameron ein Bein zu stellen, um selber Premier zu werden. Diese Milchmädchenrechnung geht aber für Boris Johnson nicht auf, wie man nun sieht.

In diesem Licht erscheint der Brexit als schlechte Scharade von zweitklassigen Politikern, gar als Unfall, den nun sogar viele zu bereuen scheinen oder zumindest mit einem mulmigen Gefühl im Bauch betrachten – was hab ich da bloß getan?

Vielleicht muss man den Brexit, aber doch anders zu fassen versuchen, ihn in einen größeren Kontext stellen, um zu verstehen, was passiert ist und wie es passieren konnte, dass eine, wenn auch knappe Mehrheit der Briten, für den Austritt gestimmt hat, obwohl so viele Meinungsführer, auch Barack Obama, versucht haben, sie von diesem für das Vereinigte Königreich einschneidenden Schritt abzuhalten.

Heinz Bude hilft uns mit seinem jüngsten Buch, Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen,[1] zu verstehen, was zwischen einem Teil der WählerInnen und der Mehrheit der politischen Elite getreten ist: schlechte Stimmung. Bude macht die schlechte Stimmung bei den empörten Antikapitalisten aus, die sich in allen Schichten wiederfinden: Zu ihnen zählen nicht nur die Prekären, die von der neoliberalen Globalisierung in Niedriglöhnen oder Zweitjobs gedrängt wurden, sondern auch jene Menschen, die den Raubtierkapitalismus in Unternehmen, ob als Arbeitnehmer oder Unternehmer unter Beschleunigungs- und Wachstumszwang erleben. Aber auch die Sparer, ob Rentner oder Familienoberhaupt, die ihr Geld wegen Bankenrettung und Minizinsen dahinschmelzen sehen, sind sauer. Für die empörten Antikapitalisten ist Brüssel zum Unort geworden, wo der in ihren Augen desorganisierte Bürokratie-, Liberalisierungs- und Privatisierungswahnsinn im Namen eines zusammenwachsenden Europas ausgeht.

Die entspannten Systemfatalisten sehen das, frei nach Bude, anders: Brüssel ist für viele von ihnen auch ein Moloch, dessen Regelwut zu weit geht, doch mit der unübersichtlich gewordenen Welt muss man nun mal umgehen und zu leben wissen, und man lebt doch nicht schlecht, und was wollen überhaupt all diese Schwarzseher, weltweit sinkt doch die Armut und Ungleichheit, seitdem China und Indien zur entwickelten Welt mit gewaltigen Wachstumsraten aufschließen und sogar in Afrika die Mittelklasse wächst. Natürlich wissen die entspannten Systemfatalisten oder zumindest einige von ihnen, dass die Ungleichheit in den Ländern in den letzten Jahren stark zugenommen hat.

Die Systemfatalisten unterscheiden sich vor allem in einem von den empörten Antikapitalisten, sie leben mit dem Gefühl, dass es vor allem auf einen selbst ankommt, seine eigene Geschmeidigkeit in der unübersichtlichen Welt, was man aus sich und seinem Leben macht, welcher Arbeit man nachgeht, welches Auto man fährt, welchen Urlaub man bucht und in welchem Fitnessklub man seine Muskeln stählt.[2]

Die Stimmung ist schlecht und das nicht nur auf den britischen Inseln, sondern auch in der EU, wo die Griechen im Sommer 2015 für ein Ende der Austeritätspolitik gestimmt haben und damit einen möglichen Grexit in Kauf nahmen, in Österreich, wo die Wählerinnen in der ersten Stichwahl fast den Kandidaten der Anti-EU und Anti-Ausländer Partei FPÖ wählten und vielleicht dies nun in der zu wiederholenden Wahl tun, und in Deutschland, wo die Wutbürger auf die Straße gehen um Migranten oder Bahnhöfe aufzuhalten. Und auch in den USA, wo Donald Trump sich mit seinen wirren Angriffen auf Muslime, China, Mexiko und den Welthandel, bei den Republikanern als deren Präsidentschaftskandidat durchsetzen konnte, sieht es nicht besser aus.

Die Antworten der Politiker gehen dann auch an den Ursachen der schlechten Stimmung vorbei, wenn sie die jungen Briten als verantwortungslos beschimpfen, weil viele von ihnen nicht zur Wahl  gegangen sind, und so den Alten das Feld und ihre eigene Zukunft überlassen haben. Oder wenn Deutschlands Vize-Kanzler Sigmar Gabriel mehr europäische Integration, mehr Staatsausgaben, mehr Arbeitsbeschaffungsprogramme für junge Menschen fordert, um den Antikapitalisten den Wind aus den Segeln zu nehmen oder andere nun für eine schlanke und demokratischere, also einfach fitte EU eintreten. Und auch der Chor der EU-Abwickler, die nach mehr Referenden schreien, weil die EU von unten rückabgewickelt werden muss, nehmen sich dem Problem der schlechten Stimmung nicht wirklich an, denn wer glaubt schon, dass ein zurück zum Nationalen, zum Sozialstaat der 1970er Jahre - die gute alte Zeit vor der neoliberalen Revolution - dem beschleunigten und desorganisierten Kapitalismus ein Ende setzen kann.

Timur Vermes («Vorübergehend vernünftig»)[3] hat Recht, wenn er schreibt, dass die Europäer einfach wieder verrückt geworden sind. 70 Jahre nach dem Ende des 2.Weltkrieges ist es mit der Vernunft erstmal vorbei. Die Sorge dass nationaler Egoismus den alten Kontinent wieder in die Katastrophe treibt ist verblasst. Die Notwendigkeit der europäischen Solidarität, der Transfers im Rahmen von Sozial- und Kohäsionsfonds aus dem starken Zentrum in die Peripherie wird kaum noch gesehen. Zahlen für die faulen Griechen? Was noch! Aber auch die Solidarität der Peripherie untereinander gibt es nicht. Osteuropas Regierungen sehen keine Notwendigkeit mit den Griechen solidarisch zu sein und bauen lieber Grenzzäune gegen die Migranten.

Warum aber schlechte Stimmung herrscht, warum die Europäer wieder verrückt geworden sind, ist noch nicht erklärt. In den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg sprach man vom nervösen Zeitalter. Von Dampfmaschine und Elektrizität gingen riesige Beschleunigungsgewinne aus, das Wirtschaftswachstum war immens, die Landbevölkerung brach in die Städte auf, Millionenmetropolen, wie Berlin, wuchsen heran und der Kapitalismus eroberte als Kolonialismus die Welt und das deutsche Kaiserreich zwischenzeitlich ein Platz an der Sonne.

Nicht wenige Menschen litten angesichts dieser Veränderungen unter nervösen Zuständen, unter ihnen auch Max Weber, der sich deshalb immer wieder in Kuren begab. Mit Sigmund Freud gab es eine Antwort auf die nervöse Zeit. In Hartmut Rosas neuem Werk «Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehungen.»[4] finden wir Antworten auf die Ursachen der nervösen Zustände unserer Zeit.

Rosa konstatiert eine dreifache Krise der spätmodernen Gesellschaften: ökologische Krise, Demokratiekrise und Psychokrise, die miteinander verschränkt sind und in unseren Gesellschaften die Nervosität, wo soll das alles hinführen, wachsen lässt.

Die ökologische Krise beschreibt die Verwüstung unseres Planeten durch den Wachstums- und Beschleunigungszwang des kapitalistischen Wirtschaftssystems und wirft damit die Frage nach einer lebenswerten Zukunft auf. Die Demokratiekrise erscheint als Politikverdrossenheit vieler Menschen, die sich einem technokratischen und alternativlosen «Weiter so» gegenüberstehen sehen, welche die Griechen nach ihrem Nein im Referendum 2015 einfach dort weiter machen lässt, wo sie vorher aufgehört haben. Die Psychokrise, welche die Ratgeberliteratur exponentiell wachsen lässt, beschreibt den Druck der Selbstoptimierung. Mehr Geld, mehr Bildung und mehr und wichtige Sozialbeziehungen sind gefordert, denn nur so könne dass eigene Leben im beschleunigten Kapitalismus gelingen. Das Selbst verstummt bei dieser Suche nach bestmöglicher Ressourcenausstattung nicht selten, Depression und Burn-Out werden zu Kulturkrankheiten unserer nervösen Zeit.

Jürgen Habermas hat schon in den 1980er Jahren den Utopieverlust der spätmodernen kapitalistischen Gesellschaften beklagt und in der Tat, blickt man sich um, regiert trotz dieser Krisen ein sich durchwursteln. Gefordert ist aber nicht weniger als eine Revolution der Handlungszusammenhänge, so etwa die Wiedereroberung der Schule in der Lernen nicht nur dem Zweck der Wissensakkumulation dient, sondern den jungen Menschen hilft einen positiven Weltbezug zu entwickeln, und einem Arbeitsplatz, wo die Leistung der Mitarbeiter wertgeschätzt wird und nicht nur von der Börse abhängt. Die schlechte Stimmung wird lauter und aggressiver und damit die Suche nach Wegen zu einem besseren Leben drängender.

Die Rosa Luxemburg Stiftung hat sich in den letzten Jahren, vor allem in Lateinamerika mit dem Begriff des guten Lebens, buen vivir auseinandergesetzt. Buen vivir wuchs mit aus der Kritik am herrschenden Entwicklungsmodell  des «Extraktivismus». Der von Regierungen in Venezuela, Bolivien, Ecuador und Brasilien verfolgte Entwicklungskurs sollte die historisch gewachsene hohe soziale Ungleichheit abbauen, die Länder industrialisieren aber auch die politische Dominanz der alten Eliten, der Besitzstandsoligarchen, die aus dem Kolonialismus in die Gegenwart reichen, brechen. Mit dem Verfall der Rohstoffpreise droht das Entwicklungsmodell in sich zusammen zu fallen. Venezuela gingen erst das Toilettenpapier und dann der Strom aus.

Die Suche nach Buen vivir bleibt auch nach dem Ende dieses Entwicklungsversuchs gültig, denn das gute Leben, die Kritik an dem Wachstums- und Beschleunigungszwang, dem instrumentellen Verhältnis der Menschen zu Natur und eigenem Körper, gewinnt angesichts der weltweiten Krisen an Bedeutung. Die jüngste lateinamerikanische Erfahrung verweist aber auf einen ganz wichtigen Umstand, wenn es darum geht, wie diese notwendige Revolution der Weltbeziehung für ein besseres Leben vorangetrieben werden kann. Die beschriebenen Krisen können nur aus der Gesellschaft heraus, und nicht von oben, mittels eines Entwicklungsplanes oder großen Sprungs nach vorne, verändert werden. Mit Hannah Arendts Interpretation des Revolutionsbegriffs von Rosa Luxemburg kann man argumentieren, dass die Menschen sich selber diesen revolutionären Wandel aneignen und im Angesicht der Krisen unternehmen und organisieren werden müssen, sie dürfen die notwendige Revolution von Subjekt und Welt nicht aus der Hand geben.

Dabei gilt es trotz aller Globalisierung, verbindender (Welt)Krisen und Hoffnungen, zu beachten, dass Unterschiedlichkeiten zwischen Weltregionen und Kulturen bestehen bleiben. Nicht aufgrund essentialistischer Annahmen über ein anders sein an sich, sondern wegen unterschiedlicher sozial konstruierter Weltbeziehungen. In afrikanischen Gesellschaften bestehen denn auch aufgrund der gelebten Religiosität und Spiritualität andere Bedingungen für Resonanzbeziehungen, so dass die oben beschriebenen Krisenphänomene anders zum Tragen kommen.

Armin Osmanovic ist Büroleiter der RLS in Dakar für die Region Westafrika.


[1] Heinz Bude, Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen. München 2016.

[2] Viele Studien zur Gouvernementalität sind diesen neoliberalen Selbstoptimierungsstrategien auf der Spur, so etwa Thomas Lemke und Ulrich Bröckling (Hrsg.) «Gouvernementalität der Gegenwart: Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt/Main 2000.

[3] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/nach-dem-brexit-stimmung-in-europa-bleib-irrational-a-1100180.html

[4] Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin 2016.