Nachricht | Staat / Demokratie - Stadt / Kommune / Region - Migration / Flucht - Europa / EU - RosaLux - Bildungsreisen - Europa links Das «Modell Riace» - eine Utopie?

Eine Bildungsreise nach Kalabrien in Dörfer, die Flüchtlinge aufnehmen ROSALUX BLICKPUNKT MIGRATION

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Autorin

Elisabeth Voß,

Foto: Rosa-Luxemburg-Stiftung

Im Juni 2016 lud die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit dem Verein «Courage gegen Fremdenhass» zu einer einwöchigen Bildungsreise nach Kalabrien ein. Die römische Journalistin Esther Koppel und die Literaturwissenschaftlerin Marlene Schäffer leiteten das Seminar. Neben Besuchen in Riace und anderen Dörfern gab es eine Reihe inhaltlicher Vorträge zu den Hintergründen des «Modell Riace», zur Organisierten Kriminalität und zur italienischen Flüchtlingspolitik.

Riace leidet – ebenso wie viele andere Dörfer – unter der Abwanderung seiner Bevölkerung. Der Versuch, dieser Entvölkerung mit der Aufnahme von Flüchtlingen entgegenzuwirken, brachte Riace weltweite Aufmerksamkeit. Wim Wenders drehte 2010 den halbstündigen Film «Il Volo» (Der Flug) über Riace, und sagte im gleichen Jahr anlässlich einer Veranstaltung zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin, dass nicht dieses Ereignis, sondern das, was in Riace geschieht, die «wahre Utopie» sei. Ein Kurzfilm von 3SAT trägt den Titel «Das Wunder von Riace».

Kalabrien war schon immer ein Einwanderungsland, so gibt es zum Beispiel bis heute noch griechische Siedlungen in den Bergen. Es ist der ärmste Teil Italiens und seit den 1950er Jahren sind viele Bewohner*innen ausgewandert, auf der Suche nach Arbeit (viele als Gastarbeiter*innen) nach Deutschland. Immer wieder sind Sätze zu hören wie «Wir hier wissen sehr genau, was Emigration bedeutet» und «Wir in Kalabrien haben die Willkommenskultur im Blut». Die Flüchtlinge werden «Gäste» genannt.

Als 1998 ein Boot mit mehr als 200 Flüchtlingen in Riace Marina – dem unteren Ortsteil am Meer – strandete, sah der Lehrer Domenico Lucano eine Chance, sein geliebtes Dorf wiederzubeleben. Denn von den früher 3.000 Einwohner*innen waren etwa die Hälfte fortgegangen. Er organisierte Wohnraum und gründete den Verein «Citta Futura», Stadt der Zukunft. Dieser kümmerte sich um die Schutzsuchenden, gab ihnen eine Wohnung, etwas Geld zum Leben, und bemühte sich um Arbeitsmöglichkeiten. Die überwiegend älteren Einheimischen freuten sich, dass endlich wieder Leben im Ort war und dass jüngere Menschen kamen. 2004 wurde Domenico Lucano zum Bürgermeister gewählt, und hat diesen Posten bis heute inne. Das Dorf blühte auf, die Schule konnte wieder öffnen, es wurden Mülltrennung und eine Müllabfuhr mit Traktoren und Eseln eingeführt. Heute gibt es in Riace Superiore – dem oberen Ortsteil in den Bergen – eine ganze Reihe kleiner Vereine und Genossenschaften, die Projekte mit Flüchtlingen durchführen. Sie stellen mehr oder weniger Nützliches aus Keramik her, fertigen Schmuck und Dekoartikel an, malen oder sticken Bilder, weben Stoffe usw. In etwa zehn Läden werden die Sachen an Tourist*innen verkauft. Die Taverne «Donna Rosa» öffnet jedoch nur noch auf Anfrage, und eine dezentrale Hotel-Agentur wurde wieder aufgegeben.

Das Modell Riace entstand eigentlich im benachbarten Dorf Badolato. Dort wurden bereits 1997 mehr als 800 kurdische Flüchtlinge aufgenommen, jedoch bald wieder von der Regierung ausgewiesen. Kurz darauf kamen 400 alleinstehende Männer, die in einer ehemaligen Schule untergebracht wurden. Für Flüchtlingsfamilien ließ der Bürgermeister Gerardo Mannello 20 Wohnungen herrichten. Die Bevölkerung reagierte mit großer Hilfsbereitschaft. Ein kurdisches Restaurant, eine Tischlerei, eine Keramikwerkstatt und ein Dritte-Welt-Laden wurden aufgebaut. Es arbeiteten immer gleich viele Italiener*innen und Flüchtlinge in den Projekten. So entstanden auch Arbeitsplätze für Einheimische, und es kam kein Neid auf. Gerardo Mannello reiste durch die Welt und stellte sein Integrationskonzept vor. Nachdem er 2002 nicht mehr wiedergewählt wurde, gingen auch die Flüchtlingsprojekte ein. Am 6. Juni 2016 wurde er wieder als Bürgermeister von Badolato gewählt, und möchte nun an seine Arbeit von damals anknüpfen.

Riace und demnächst auch wieder Badolato sind nicht die einzigen Dörfer, die Flüchtlinge aufnehmen. In Camini, einem kleinen Bergdorf kurz hinter Riace, kümmert sich die Kooperative «Jungi Mundo» um Flüchtlinge. Bis 2011 arbeitete die Sozialgenossenschaft mit Menschen mit Behinderungen, kooperierte dann mit Riace, und führt seit zwei Jahren eigenständig Flüchtlingsprojekte durch. 250 Einheimische gibt es noch im Dorf, und dazu etwa 200 «Gäste». Nach und nach werden Häuser, die teilweise seit Jahrzehnten leer stehen, saniert. In einem kleinen Laden werden eigene Produkte wie Olivenöl, eingelegte Artischocken und wilde Kapern verkauft – an Touristen, denn die Preise können Einheimische sich kaum leisten. Nun kann der bereits geschlossene Kindergarten wieder öffnen, und in der Schule gibt es zwei Klassen statt bisher nur einer. «Wir sind sehr stolz auf das, was wir hier geschaffen haben», betont Rosario Zurzolo, der Gründer und Geschäftsführer der Genossenschaft. Er bemüht sich auch darum, in der Umgebung Arbeitsplätze für Flüchtlinge zu finden, die eine Arbeitserlaubnis haben.

Das «Modell Riace», das in Badolato begann, und in Camini und anderen Orten aufgegriffen wurde, hat seine ökonomische Grundlage in der finanziellen Förderung durch den italienischen Staat (SPRAR-Programm). Dieser zahlt 35 Euro pro Person und Tag – allerdings nur so lange, wie das Anerkennungsverfahren dauert. Dieses Geld wird verwendet, um den Flüchtlingen eine Unterkunft und monatlich etwa 250 Euro zum Lebensunterhalt zur Verfügung zu stellen. Den größten Teil davon gibt es als Gutscheine, für die Lebensmittel gekauft werden können. Der Hintergrund ist hier nicht die rassistisch motivierte Abschreckung, sondern die Finanznot der Gemeinden. Denn die Mittel werden aus Rom oft monatelang nicht ausgezahlt. Das übrige Geld fließt in die Betreuung, Sprachunterricht etc. Diese Projekte sind auf sechs Monate angelegt, können jedoch verlängert werden, wenn sich die bürokratischen Prozeduren des Asylverfahrens hinziehen oder Widerspruch eingelegt wird. Die Projekte sind nicht daran gebunden, dass die Flüchtlinge arbeiten, sondern dienen der Versorgung.

Wird der Asylantrag abgelehnt, dann müssen die Betroffenen innerhalb von sieben Tagen ausreisen. Wenn sie danach aufgegriffen werden, kommen sie in eines der großen Abschiebelager, und müssen dort unter menschenunwürdigen Bedingungen ausharren. Aber auch wenn der Asylantrag anerkannt oder zumindest eine Duldung gewährt wird, endet die Finanzierung. Das bedeutet, die Flüchtlinge müssen ihre Wohnung verlassen und bekommen kein Geld mehr, denn es gibt in Italien keine Unterstützung wie Hartz IV oder Sozialhilfe und es gibt auch keine Arbeitsplätze. Daher verlassen die meisten von ihnen das Dorf – ebenso wie die meisten arbeitsfähigen Einheimischen – und machen sich auf den Weg in den Norden des Landes oder gleich in andere europäische Länder.

Unter dem Aspekt der dauerhaften Ansiedlung von Flüchtlingen ist das Modell Riace also gescheitert, es entstehen keine tragfähigen ökonomischen Strukturen im ländlichen Raum. Die Belebung des Dorfes funktioniert, so lange immer wieder neue Flüchtlinge kommen, und so lange es Geld dafür gibt. Was hier in Kalabrien geschieht, ist weder ein Wunder noch eine Utopie. Rosario Zurzolos Frau und Mitarbeiterin Giusy Carnà bringt es auf den Punkt: «Wir sind einfache Leute, die mit einfachen Mitteln das tun, was sie können.» Nicht mehr und nicht weniger. Es ist vor allem kein Rezept, weder gegen die unmenschliche Praxis des Umgangs mit flüchtenden Menschen, noch für deren dauerhafte Integration.

Die Frage einer Reise-Teilnehmerin, ob das damals in Badolato eine Win-Win-Situation für alle – für die Flüchtlinge und auch für die Bewohner*innen – gewesen sei, beantwortet Gerardo Manello mit einem klaren «Nein». Er wollte einfach Menschen in Schwierigkeiten helfen. Dass dies später auch seinem Dorf nützte, das habe sich so ergeben, sei ihm aber anfangs überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Eine klare Haltung für Menschlichkeit und gegen Nützlichkeitserwägungen, die jede Diskussion über Flüchtlingsfragen leiten sollte.

Reisend lernen - Bildungsreisen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung

ROSALUX BLICKPUNKT MIGRATION Die Regierungen Europas bauen den Kontinent weiter zur Festung aus. Dennoch sind weltweit Millionen Menschen auf der Flucht, finden sich in Lagern wieder, werden abgeschoben. Angefeindet von der politischen Rechten, erfahren die Neuankommenden zugleich eine Welle der Unterstützung. Neue Zusammenschlüsse bilden den Kern einer praktisch gelebten Solidarität, wie sie etwa im Juni 2016 beim Welcome2Stay-Gipfel in Leipzig zu erleben war. Die RosaLux-Redaktion widmet daher einen Online-Blickpunkt dem Thema Migration.

Ein Reisebericht von Elisabeth Voß

Elisabeth Voß, Betriebswirtin (FH) und Publizistin, hat 2015 den «Wegweiser Solidarische Ökonomie - Anders Wirtschaften ist möglich!» verfasst.

www.elisabeth-voss.de