Nachricht | Der afrikanische Gipfel

Die COP22 in Marrakesch sollte eine afrikanische Klimakonferenz werden. Doch davon war nicht viel zu merken.


Dieser Text ist in Kooperation mit der KlimaJournalisten UG entstanden.

Zum Dossier zum UN-Klimagipfel COP22


Sechzig Prozent der am meisten vom Klimawandel betroffenen Länder liegen auf dem afrikanischen Kontinent – dagegen ist Afrika nur für vier Prozent des globalen Treibhausgasausstoßes verantwortlich. Ein in Marrakesch vorgestellter Klimarisiko-Index zeigt: Der Kontinent wurde laut dem Bericht im Jahr 2015 am stärksten von Extremwetter gebeutelt. Diese Klimaungerechtigkeit hätte laut COP22-Präsident Salaheddine Mezouar einer der Schwerpunkte der UN-Klimakonferenz sein sollen. Ein „afrikanischer Gipfel“ sollte es werden. Auch die französische Umweltministerin Ségolène Royal hatte zum Auftakt der Konferenz daran erinnert, dass immer noch 700 Millionen Menschen in Afrika ohne Elektrizität leben.

Der COP22-Gastgeber wird auf dem afrikanischen Kontinent von vielen als Vorreiter in Sachen Energiewende gesehen und inszeniert sich selbst auch gern in dieser Rolle. Konflikte wie der Bau von Erneuerbare-Energien-Projekten in der besetzen Westsahara oder das bei lokalen Gemeinschaften umstrittene Solarkraftwerk Ouarzazate sind da kein Thema, obwohl letzteres mit seinem immensen Wasserverbrauch die Wasserressourcen der Region gefährdet. Ein Grund für Marokkos Vorpreschen ist aber auch die Ressourcenarmut des Landes: Während andere Länder der Region wie Algerien auf große Öl- und Gasvorkommen zurückgreifen können, muss Marokko Strom und fossile Brennstoffe im großen Stil importieren. Auch ist die nordafrikanische Region vom Klimawandel besonders betroffen. Über die Hälfte der Bevölkerung leidet unter Wassermangel. Auch die Landwirtschaft ist extrem betroffen: Im vergangenen Jahr führte eine Dürre in Marokko zu starken Ernteeinbußen und schon heute wandern Bauern und Bäuerinnen aus dem Süden Richtung der großen Städte, weil ihre Felder vertrocknen. Es sind auch diese schleichenden klimabedingten Migrationszwänge, die dieser UN-Gipfel ernst nehmen wollte.

Viele Ankündigungen, aber keine verbindlichen Finanzströme

Am Rande der Verhandlungen gab es zwar während der beiden Gipfelwochen ein Feuerwerk an Ankündigungen der Industrieländer über Partnerschaften, Initiativen und Finanzspritzen – doch erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Versprechen auch wirklich eingelöst werden. Ins Leben gerufen wurde unter anderem die Initiative Adaptation of African Agriculture (AAA). In dem dazugehörigen White Paper listen Wissenschaftler*innen auf, wie Bodenerosion, Wassermangel oder Entwaldung bekämpft werden können. Die Initiative soll 30 Milliarden Euro für die Anpassung der afrikanischen Landwirtschaft an den Klimawandel mobilisieren. Verbindliche Unterstützungsleistungen sind mit all dem nicht verbunden. Auch in Marrakesch liefen die Verhandlungen um die Forderungen vieler afrikanischer Staaten auf verlässliche Unterstützung in ausreichend großem Umfang mehr als zäh. Es ging um viele technische Details und bürokratische Rahmenbedingungen, aber sehr wenig um konkrete Finanzzusagen. Das zeigt: Der Konflikt zwischen klassischen Industrieländern und ärmeren Ländern um eine gesicherte Klimafinanzierung ist auch mit mit Marrakesch noch lange nicht vom Tisch. Hiervon zeugt auch das Widerstreben der Industriestaaten, den Adaptation Fund, der Anpassungsprojekte finanzieren soll, offiziell vom Kyoto-Protokoll in das Paris-Abkommen hinüberzuziehen und zu verankern.

Ohnehin ist aber noch nicht geklärt, wie der notorisch unterfütterte Fonds gefüllt werden soll. Mit den 50 Millionen Euro stopft Deutschland die Finanzlücke des Fonds zwar vorerst, eigentlich soll er aber aus einer Gebühr gespeist werden, die auf CO2-Zertifikate aus dem Clean Development Mechanism (CDM) erhoben wird. Der CDM ist ein UN-Programm, das es Industriestaaten möglich macht, zuhause weniger für den eigenen Klimaschutz zu tun und Emissionen durch Klimaschutzprojekte in Drittstaaten zu kompensieren.

Den Mechanismus aber sehen viele Menschen in afrikanischen Staaten mehr als kritisch: Die Organisation Carbon Market Watch schätzt, dass nur rund 40 Prozent der deklarierten Emissionsminderungen auch wirklich den realen Einsparungen entspricht. Zudem wirken sich viele Projekte – etwa bei Wasserkraft oder „Waldschutz“ - verheerend auf Mensch und Umwelt aus. Zum Beispiel berichten nigerianische Gemeinschaften, dass Menschen aus den Wäldern vertrieben werden, mit denen die Regierung über den CDM-Markt Geld verdienen will. Zudem funktioniert der Markt auch nicht. Die Nachfrage nach den entsprechenden Zertifikaten ist kaum noch messbar und eine Tonne CO2 wird derzeit für 40 Cent gehandelt. Die Gebühr bringt folglich nichts mehr ein und zeigt, wie unsicher Finanzquellen sind, die auf solchen Marktmechanismen aufbauen. Ob es den CDM und damit diese Art der Finanzierung auch nach 2020 weitergeht, hat der Gipfel in Marrakesch noch nicht abschließend geklärt.

Keine verbindlichen Hilfen für Kleinbauern und Kleinbäuerinnen

In den laufenden Verhandlungen drückten Diplomaten der „afrikanischen Gruppe“ zudem mehrmals ihren Ärger darüber aus, dass die Parteien sich nicht auf verbindliche Hilfen für Kleinbauern und Kleinbäuerinnen einigen konnten. Mali etwa erklärte, dass die Folgen des Klimawandels schon heute die Ernährungssicherheit vieler Länder bedrohten. Durch den Klimawandel drohen die globalen Ernten um 30 Prozent zurückgehen. Dadurch könnten die Lebensmittelpreise um bis zu 70 Prozent steigen – und die ohnehin in vielen afrikanischen Staaten schon schwierige Situation weiter verschärfen.

Fortgesetzt hat sich auch mit diesem Klimagipfel der Trend zu Klimaversicherungen, die vielen als wichtiges Mittel gelten, die Bevölkerung von Ernteausfällen durch Dürren oder Starkregen zu schützen. Mehr als 400 Millionen US-Dollar wollen die großen Industrieländer dafür bereitstellen. Nach den Plänen der bereits in Paris lancierten Initiative sollen 2020 rund 400 Millionen Menschen in gefährdeten Staaten versichert sein. Etwa gibt es die „African Risk Capacity“, die in vier westafrikanischen Ländern 75 Millionen Menschen absichert. Sie hat bereits 24 Millionen US-Dollar ausgezahlt, um während einer Dürre im Jahr 2015 Landwirte zu unterstützen. Ob die Klimarisikoversicherungen tatsächlich ein hilfreiches und global umsetzbares Instrument werden können, ist umstritten.