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Von den insgesamt rund 700.000 Drus*innen in ganz Syrien leben etwa 375.000 in der Provinz Suwaida und stellen mit rund 90 Prozent der Einwohner*innen die Mehrheit der Bevölkerung in dieser Provinz. Neben dem ländlichen Raum um Damaskus (insbesondere in den beiden Orten Jaramana und Sahnaya mit etwa 250.000 Einwohner*innen) gibt es auch drusische Gemeinden im Norden Syriens (mit etwa 43.000 Drus*innen), insbesondere in Idlib. Im Süden des Landes liegt westlich der Provinz Suwaida an der Grenze zu den Golanhöhen und Jordanien die Provinz Daraa mit fruchtbaren Ebenen, in der vor 2011 etwa eine Million Menschen lebten, neben Sunnit*innen auch Drus*innen und Christ*innen in kleineren Gemeinden. Die Golanhöhen und Südsyrien waren im Vergleich zum Südlibanon eine relativ ruhige Grenzregion – ohne aktive militärische Konflikte mit Israel und unter der Kontrolle eines funktionierenden Deeskalationsmechanismus der Vereinten Nationen (UNDOF). Seit der Schwächung der syrischen Regierungstruppen nach 2011 und dem daraus entstandenen Machtvakuum in Südsyrien haben die israelische Regierung und das israelische Militär versucht, die Situation im Sinne ihrer Interessen zu nutzen – unter anderem durch die Unterstützung ausgewählter Gruppen, um gegen die vom Iran unterstützten Kräfte auch in Südsyrien zu intervenieren. Darunter befanden sich auch drusische Gruppen.
Bernhard Hillenkamp ist freier Journalist und Berater in der Entwicklungszusammenarbeit mit Schwerpunkt auf der WANA-Region und arbeitet insbesondere zu Libanon und Syrien. Seine Arbeit konzentriert sich auf politische, gesellschaftliche und humanitäre Dynamiken in Konflikt- und Postkonfliktkontexten sowie auf die Rolle von Zivilgesellschaft und politischen Akteuren.
Über die interne Dynamik der Drus*innen in Südsyrien hinaus hat die Gemeinschaft eine größere regionale Bedeutung. Die Drus*innen, deren Glauben im Islam verwurzelt ist, ist nicht nur in Südsyrien, sondern vor allem auch im Libanon und in Israel beheimatet, sodass sie auch eine überregionale Rolle spielen.
Die gegenwärtige Eskalation der Gewalt betrifft zwar in erster Linie Minderheiten wie Drus*innen und Alawit*innen, im Kern geht es jedoch um Fragen der politischen Struktur des Landes – insbesondere um das Verhältnis zwischen zentraler Macht und lokaler Mitbestimmung. Für eine stabile Zukunft Syriens fordern die Kritiker*innen von Präsident al-Scharaa mehr Transparenz und innenpolitische Reformen, die marginalisierte Gruppen einbinden und einen pluralistischen, inklusiven Staat ermöglichen.
Der syrische Süden nach 2011
Historisch gesehen galt die Minderheit der Drus*innen als grundsätzlich dem syrischen Staat verbunden, mit engen gemeinschaftlichen Bindungen untereinander und mit einer Tradition der Selbstverteidigung. Aufgrund der Besetzung und Annexion des Golan unterhalten einige drusische Gruppen Beziehungen zu den drusischen Gemeinschaften in Galiläa (Israel), insbesondere auf den Golanhöhen.
Seit 2011 verfolgt die israelische Regierung eine abgestimmte und verdeckte Politik im Süden Syriens und nutzt interne Konflikte, um eigene Interessen und die strategische Agenda zur Ausweitung der Kontrolle auf neue Gebiete in Syrien durchzusetzen. Dabei versucht Israel, sich als neuer Akteur in der syrischen Arena fest zu etablieren. Dazu gehörten humanitäre Hilfe, die medizinische Behandlung von Menschen aus Südsyrien in israelischen Krankenhäusern oder die Bereitstellung von Lebensmitteln, Treibstoff und Infrastrukturunterstützung für ausgewählte, von Rebellen kontrollierte Gemeinden in der Nähe der Golanhöhen.
Die Rolle der Drus*innen war und ist in diesem Zusammenhang ebenso komplex wie heikel. Die israelische Unterstützung, obwohl begrenzt und hauptsächlich auf nicht-dschihadistische Oppositionsgruppen ausgerichtet, zielte in erster Linie darauf ab, iranische und Hisbollah-nahe Kräfte daran zu hindern, sich der israelischen Grenze zu nähern. Zu den Maßnahmen gehörten auch Sicherheitsabsprachen, die die Kontrolle des syrischen Regimes über die gesamte syrisch-israelische Grenze zum Ziel hatten, im Austausch dafür, dass iranische Kräfte und die Hisbollah das Gebiet verließen, um das Risiko von Übergriffen aus dem Süden Syriens auf Israel zu verringern.
Die nationale Dimension der Drus*innen
Die Provinz Suwaida – und viele drusische Gruppen, insbesondere in der Stadt Suwaida – nahmen während des Krieges eine eher neutrale Position ein. Bis zum Ende schlossen sich die verschiedenen drusischen Fraktionen und Gruppen nicht vollständig der Opposition an, wodurch Suwaida zu einem neutralen Gebiet im Krieg wurde und vor extremistischen Angriffen geschützt war. Gleichzeitig bemühten sie sich, die Einberufung drusischer Jugendlicher in die syrische (Staats-)Armee zu verhindern. Die Beziehungen der Drus*innen zur nicht-drusischen Bevölkerung im Süden Syriens – insbesondere in benachbarte Regionen wie Daraa (mit vorwiegend sunnitisch-arabischer Bevölkerung) und in geringerem Maße auch in Quneitra (mit einer gemischteren Bevölkerung) – sind vielschichtig und gleichermaßen geprägt von der historischen Koexistenz wie von lokalen Allianzen und zeitweise auch von Spannungen. Aufgrund des Fehlens einer wirksamen Zentralgewalt in Südsyrien – sei es durch die Regierung in Damaskus, sei es durch lokale Behörden oder oppositionelle Kräfte – entstanden während des 13 Jahre andauernden Konflikts zahlreiche bewaffnete Gruppen und kriminelle Banden, die ihre Loyalitäten wechselten und konkurrierende Interessen verfolgten. Sie gingen komplexe Allianzen ein und verfolgten zunehmend pragmatische Ziele. Drusische Milizen verteidigten ihre Gemeinden gegen Angriffe sunnitisch-muslimischer Extremistengruppen, die die Drus*innen oft als „Ungläubige“ betrachteten, während sie gleichzeitig von den Assad-treuen Kräften weitgehend ignoriert wurden.
Einigen islamistischen Extremist*innen gelten Drus*innen als Abweichler*innen vom Islam. Der Islamische Staat (IS) verfolgte Drus*innen in den von ihm kontrollierten Gebieten, unter anderem durch Hinrichtungen und Zwangskonvertierungen. Auch die Al-Nusra-Front (jetzt Hayat Tahrir al-Sham, HTS) vertrat insbesondere in ihren Anfangsjahren feindselige Ansichten gegenüber Drus*innen. Dies gipfelte 2015 in den Massakern von Qalb Lawzah in der Provinz Idlib im Norden Syriens, bei denen mindestens 20 drusische Dorfbewohner*innen getötet wurden.
Später schwächte die HTS – unter dem Druck ausländischer Unterstützer wie Katar und der Türkei – seine Haltung ab und versprach, die Rechte von Minderheiten zu respektieren. Dennoch bleibt ein anhaltendes gegenseitiges Misstrauen bestehen – nicht nur zwischen den radikalen islamistischen Fraktionen innerhalb der neuen Regierungsstrukturen, sondern auch unter anderen sunnitischen Gruppen.
Das Assad-Regime – selbsternannter Beschützer der „religiösen Minderheiten“
Seit seiner Machtübernahme – und insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten – nutzte das Assad-Regime bewusst und konsequent das Narrativ vom „Beschützer religiöser Minderheiten“ als Teil seiner innen- und außenpolitischen Strategie zum Machterhalt. Das Regime präsentierte sich als Beschützer religiöser Minderheiten (Alawit*innen, Christ*innen, Drus*innen, Ismaelit*innen, Armenier*innen usw.) vor einer angeblichen existenziellen Bedrohung durch den sunnitischen islamistischen Extremismus. Diese Bedrohung entsprach aber vielfach nicht der Realität. Der syrische Staat stellte sich als Bollwerk gegen „Fundamentalisten“ dar und schürte ein kollektives Gefühl der Angst unter den Minderheiten. Dieser gezielt eingesetzte, strategische Ansatz verbreitete auch Narrative von der fundamentalistischen Bedrohung, ausgehend etwa von al-Qaida-nahen Gruppierungen, der Al-Nusra-Front oder der HTS. Solche Gruppen bzw. deren Mitglieder wurden zum Teil sogar von den Geheimdiensten Assads kontrolliert und eingesetzt. Die Strategie basierte auf einer „Teile und Herrsche“-Logik mit weitreichenden politischen, militärischen und gesellschaftlichen Konsequenzen.
Syrien nach Assad
Im Zuge des Krieges in Syrien nach dem Aufstand von 2011 und dessen brutaler Unterdrückung bis 2024 haben der Zentralstaat und seine Institutionen grundlegend an Legitimation und Autorität verloren. In der Folge entstanden regionalisierte und konfessionell-organisierte Machtstrukturen, die die staatliche Kontrolle unterliefen und lokale Einflusszentren schufen. Die neue De-facto-Regierung, die weitgehend auf dschihadistischen und fundamentalistischen Gruppen und Ideologien basiert, hat das Sicherheitsgefühl, insbesondere unter den Mitgliedern nicht-sunnitischer Gemeinschaften, weiter untergraben. Der in Venezuela geborene geistliche Führer der Drus*innen, Scheich Hikmat al-Hidschri, kritisiert zunehmend lautstark Korruption, Misswirtschaft und Inkompetenz der Zentralregierung.
Wichtig ist, dass al-Hidschri diese Kritik nicht in einem konfessionell gebundenen Duktus formuliert, sondern sich vielmehr an die gesamte Nation wendet, indem er Themen wie Würde, Gerechtigkeit und Einheit anspricht. Er plädiert nicht für Separatismus oder Föderalismus, sondern für eine dezentrale Vision eines vereinten Nationalstaats, in dem drusische Gemeinschaften lokale Regierungsgewalt ausüben und gleichzeitig Teil einer gemeinsamen syrischen Identität sind. In seinen Reden betont er, dass das Regime seiner Verpflichtung zum Schutz der Bürger*innen, zur Bereitstellung grundlegender Dienstleistungen und zur Wahrung der Gerechtigkeit nicht nachgekommen ist. Stattdessen spricht er oft von der „Autonomie“ von Suwaida innerhalb eines vereinten syrischen Staates. Er stelle sich ein dezentralisiertes, reformiertes Syrien vor, in dem Gemeinschaften wie die Drus*innen ihre Angelegenheiten selbst regeln und gleichzeitig zu einem größeren nationalen Gefüge beitragen könnten, anstatt den Separatismus zu fördern.
In einem bemerkenswerten Interview mit der Washington Post ging al-Hidschri über seinen gewohnten Diskurs hinaus, als er erklärte: „Israel ist kein Feind.“ Während eine Minderheit der drusischen Stimmen Unterstützung für die früheren Äußerungen des israelischen Premierministers Netanjahu zum „Schutz“ der Drus*innen in Syrien zum Ausdruck brachte, distanzierten sich viele drusische Gruppen öffentlich von al-Hidschri. Gleichzeitig betonte ein weiterer der drei wichtigsten geistlichen Führer der Drus*innen in Syrien, Scheich Yousef al-Jarboua: „Israel möchte den Eindruck vermitteln, dass wir unter seinem Schutz stehen... Sie wollen uns unserer Identität berauben. Wir haben niemals die Vormundschaft von irgendjemandem akzeptiert. Wir sind dem Staat, in dem wir leben, treu.“
Al-Hidschris Position zielt weder auf eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel ab noch widerspricht sie der Haltung der Zentralregierung. Die neue syrische Führung, inklusive Präsident Ahmad al-Scharaa, hat bekräftigt, dass Israel nicht der Hauptgegner ist und dass Israel und Syrien gemeinsame Feinde haben. Das „Israel-Portfolio“ wird jedoch von al-Scharaa und dem Außenminister verwaltet und in erster Linie als externes diplomatisches Thema und nicht als innenpolitisches Thema behandelt. Diplomatische Annäherungsversuche an Israel werden auch in der breiten syrischen Öffentlichkeit nicht wohlwollend aufgenommen.
Im Inland sieht sich die Regierung von Ahmed al-Scharaa trotz ihrer Rolle bei der Befreiung Syriens und der diplomatischen Erfolge auf der internationalen Bühne weiterhin mit begrenzter Autorität konfrontiert. Finanzielle Zwänge und institutionelle Schwächen haben die Bemühungen behindert, die Kontrolle in aktiven Konfliktgebieten zu etablieren und konfessionelle Spaltungen zu überwinden.
Die Kombination aus Unruhen in Syrien, anhaltenden Spannungen in den Küstenprovinzen wie Latakia, aber auch in den kurdischen Gebieten und den jüngsten Entwicklungen – wie dem Bombenanschlag auf die St.-Elie-Kirche in Damaskus – hat die Ängste der Minderheiten weiter verschärft. Diese Gemeinschaften stellen zunehmend infrage, ob der Staat in der Lage ist, seine Bürger*innen aktiv zu schützen.
Die Lage in Suwaida – Juli 2025
Als Syriens Präsident Ahmed al-Scharaa sein Amt antrat, versprach er, die Angehörigen aller religiösen und ethnischen Gemeinschaften des Landes zu vertreten. Seine diesbezüglichen Bemühungen entpuppten sich jedoch überwiegend als halbherzig und ineffektiv. Die „Nationale Dialogkonferenz“, die vom 24. bis 25. Februar 2025 in Damaskus stattfand, wurde weithin als überstürzt, unzureichend inklusiv und schlecht organisiert kritisiert.
Um die Beziehungen zwischen der drusischen Gemeinschaft und der Zentralregierung zu normalisieren, kündigte die drusische Religionsführung im Mai 2025 eine Vereinbarung an. Sie wurde in Abstimmung mit den drei drusischen spirituellen Führern Hikmat al-Hidschri, Yousef al-Jerboa und Hamoud al-Hanawi sowie dem Gouverneur von Suwaida und dem Innenministerium ausgearbeitet. Nach Angaben des Gouverneurs gewährt die Vereinbarung den drusischen Institutionen weitreichende Befugnisse in Sicherheits-, Militär- und Verwaltungsangelegenheiten. Gleichzeitig behält Damaskus durch das Büro des Gouverneurs und den Polizeichef der Provinz eine wenn auch nur symbolische Präsenz vor Ort. Diese Vereinbarung stellt eine erhebliche Abweichung von den Verwaltungsmodellen in anderen Provinzen dar und führt Suwaida effektiv zu einer hybriden Form der Dezentralisierung mit einer „sanften“ zentralen Aufsicht.
Allerdings konnte diese Vereinbarung eine Verschlechterung der Sicherheitslage im Juli 2025 nicht verhindern. Es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen, nachdem bewaffnete Beduinen Berichten zufolge einen drusischen Händler auf dem Weg nach Damaskus überfallen und ausgeraubt hatten. Der Vorfall wurde als Teil einer ganzen Welle von Entführungen drusischer Einwohner*innen durch beduinische Milizen gesehen, die zu Vergeltungsentführungen durch drusische Bewaffnete führte. Als die Gewalt eskalierte, wurden mehrere Mitglieder beduinischer Stämme als Geiseln genommen, was eine Spirale konfessioneller Konflikte auslöste – zum ersten Mal kam es zu solchen Zusammenstößen innerhalb der Stadt Suwaida selbst.
Nach dem Ausbruch der Gewalt kündigte das syrische Innenministerium Pläne für eine direkte Intervention in Suwaida an und forderte die lokalen Parteien zur Zusammenarbeit mit den Sicherheitskräften der Regierung auf. Bald darauf wurden jedoch Berichte bekannt, in denen die syrische Armee beschuldigt wurde, sich auf die Seite der Beduinen*innen zu stellen und schwere Gewalttaten, darunter auch Hinrichtungen, zu begehen, was zu weiteren Vergeltungsmaßnahmen auf drusischer Seite führte. Parallel dazu flog das israelische Militär Luftangriffe auf Stellungen der Armee in der Nähe von Suwaida, angeblich, um die drusische Gemeinschaft zu schützen. Die eskalierende Gewalt zerstörte einen großen Teil der Strom-, Wasser- und Telekommunikationsinfrastruktur in der Stadt. Die Verwüstungen sowie die Berichte von 1.265 Todesopfern – darunter Männer, Frauen und Kinder – führten zu einer umfassenden humanitären Krise. Über 93.000 Menschen wurden vertrieben und wichtige Infrastrukturen wie die Strom-, Wasser- und Gesundheitsversorgung brachen zusammen.
Inmitten dieser komplexen Situation wurden die Bemühungen um einen Waffenstillstand und die Evakuierungen verstärkt. Schließlich wurde Mitte Juli 2025 durch die Vermittlung der USA – und unter Einbeziehung Israels – ein Waffenstillstand ausgehandelt, und die syrische Regierung zog ihre Truppen ab. Die lokalen Behörden übernahmen die Kontrolle, zudem begann der Austausch von Gefangenen und Geiseln.
Trotz der fragilen Ruhe bleiben die drusischen Führer skeptisch gegenüber den Absichten der Zentralregierung. Viele beschuldigen die syrischen Streitkräfte, Gräueltaten an drusischen Zivilist*innen begangen zu haben. Die drusische Führung besteht weiter darauf, die lokale Kontrolle über die Sicherheit zu behalten, und äußert erhebliche Zweifel an der Fähigkeit – oder Bereitschaft – des Staates, Minderheiten wirklich zu schützen.
Ausblick
Während im Süden Syriens wieder eine gewisse Ruhe eingekehrt ist, bleibt die Region sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene instabil. Die landesweiten Entwicklungen sind von erheblicher Komplexität geprägt und die langfristige Stabilität des Südens und Syriens insgesamt wird davon abhängen, ob die neue Regierung unter Ahmad al-Scharaa in der Lage ist, die politischen Missstände anzugehen und den Interessen der unterschiedlichen (auch drusischen) Gemeinschaften nachzukommen. Der Schlüssel liegt in der Etablierung eines legitimen staatlichen Gewaltmonopols und in der Wiederherstellung einer wirksamen zentralen Autorität. Ob die Regierung – bestehend aus Militär- und Sicherheitskräften, darunter auch weniger moderate Fraktionen – sowohl willens als auch fähig ist, solche Maßnahmen umzusetzen, bleibt ungewiss.
Ein inklusiver nationaler Dialog mit den Drus*innen, aber auch mit den christlichen, alawitischen und kurdischen Gemeinschaften oder auch mit den arabischen Stämmen im Nordosten Syriens ist für die Herstellung des inneren Friedens und der nationalen Einheit unerlässlich. Vertrauensbildung erfordert ein nachhaltiges, rasches Engagement gegenüber diesen Gemeinschaften, die Berücksichtigung ihrer Interessen, die Gewährung von Sicherheitsgarantien und die Stärkung staatlicher Institutionen. Obwohl die Drus*innen ausgeprägte kulturelle und regionale Besonderheiten aufweisen, spiegeln ihre zentralen Anliegen gegenüber dem Zentralstaat diejenigen anderer (marginalisierter) Gruppen in Syrien wider.
Für viele Beobachter*innen wird immer offensichtlicher, dass die jüngsten Entwicklungen zwar Minderheiten betreffen, dass es in der Sache aber nicht um Minderheitenrechte geht. Vielmehr werfen die Konflikte grundlegende Fragen hinsichtlich der inneren politischen Struktur Syriens auf, die insbesondere das Gleichgewicht zwischen zentraler Autorität und lokaler Regierungsführung betreffen. Entscheidend ist dabei die Bereitschaft des Staates, einerseits die zentrale Staatsgewalt durchzusetzen, aber andererseits auch partizipative Mechanismen zu institutionalisieren, die eine Einbeziehung der Provinzen in die nationale Entscheidungsfindung ermöglichen. Kritiker*innen argumentieren, dass Präsident al-Scharaa über die internationale Diplomatie hinter verschlossenen Türen hinausgehen und transparenten, innenpolitischen Initiativen Vorrang einräumen muss, um die marginalisierten Gruppen strukturell in das Regierungs- und Verwaltungssystem zu integrieren. Kurz gesagt, die Zukunft Syriens hängt nicht nur von den regionalen Umwälzungen ab, sondern auch von einem nachweislichen Engagement für einen inklusiven, rechenschaftspflichtigen und pluralistischen Staatsaufbau, um das notwendige Vertrauen aller Syrer*innen in das neue Syrien zu schaffen.

