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„Es gab schon mal ein anderes Normal“, sagt Emilie Hilger. Über ihre Bachelorarbeit an der TU-Berlin im Fach Soziologie spricht sie mit Ulrike Hempel, Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Ulrike Hempel: Warum war dieses Thema für dich interessant?
Emilie Hilger: Durch meine Großmutter – sie ist vor drei Jahren gestorben – habe ich ein sehr starkes Frauenbild, ohne das jemals hinterfragt zu haben. Für mich war immer selbstverständlich: Egal was ist, Frauen können einfach sagen, was Sache ist. Meine Eltern kommen beide aus dem Osten, das hat mich auch geprägt. Und dann ist mir mit der Zeit aufgefallen, dass das eben doch nicht so selbstverständlich ist. Spätestens an der Uni habe ich gemerkt, wie ich mich manchmal unterscheide von den Leuten, die mit mir zusammen Soziologie an der TU Berlin studieren. Viele aus meinem Studiengang sind aus Westdeutschland nach Berlin gezogen, um hier zu studieren. Und selbst wenn einige in Berlin und Umgebung großgeworden sind, waren die meisten der Eltern westsozialisiert. Auch mein Freund kommt aus Aachen. All diese Erfahrungen zeigen, wie doch immer noch und immer wieder diese Ost-Westunterschiede auftreten. Das war für mich eine Anregung, mich damit in meiner Bachelorarbeit auseinanderzusetzen.
Emilie Hilger (26), lebt und arbeitet in Berlin.
Machen sich diese Unterschiede für dich vor allem an einer ökonomischen Situation fest?
Ich finde, das lässt sich sehr schwer pinpointen. Häufig ist es so – selbst wenn es spaßige Situationen sind – dass die Ossis doch häufig belächelt werden. Die Wessis tun so, als würden sie ein bisschen drüberstehen. Und das ist selbst in meiner Generation, die ja nach dem Mauerfall geboren worden ist, auffällig. Aber klar, irgendwie habe ich schon mitbekommen, dass Personen meines Alters mit Westdeutschen-Wurzeln häufiger etwas wohlhabender großgeworden sind als ich oder meine Freund*innen, die ebenfalls Eltern aus dem Osten haben. Etwas spitz formuliert, habe ich schon eine Korrelation wahrgenommen zwischen Personen, die westsozialisiert sind und Personen die regelmäßig im Skiurlaub waren oder im Sommer segeln. Somit haben heute noch bestehende Unterschiede unbedingt auch ökonomische Gründe. Ich kann für mich auch nicht klar differenzieren, ob ich bestimmte Unterschiede feststelle, weil meine Eltern aus dem Osten sind oder weil beide aus dem Kunst- und Kulturbereich kommen. Obwohl ich es nicht genau benennen kann, sind es viele Kleinigkeiten, an denen ich merke, da sind Eltern zum Beispiel auch akademisch anders ausgebildet.
Klar hat meine Großmutter gelegentlich auf den Kapitalismus geschimpft und den Sozialismus stets positiv hervorgehoben, vielleicht ist dadurch mein Blick auch etwas kritischer.
Was hat dich denn an dem Berufsleben deiner Großmutter und ihrer Führungsposition in der DDR so fasziniert?
Frauen arbeiten, das war für mich ganz klar. Es war für mich so selbstverständlich, dass ich das gar nicht hinterfragt habe. Als Kind hat da schon eine Desillusionierung stattgefunden, ich konnte oft nicht glauben oder verstehen, dass es Großmütter gab, die keinen Beruf erlernt haben oder Mütter die ständig zuhause waren. In meinem Kinderkopf waren die „typischen“ Hausfrauen historisch ganz woanders zu verorten.
Meine Großmutter hat bei dem Pharmazeutischen Kombinat Germed im Export-Import gearbeitet, als technische Direktorin für Messen und Ausstellungen sowohl im Inland als auch im Ausland. Und für mich war klar, wenn etwas nicht passt, lässt meine Großmutter erst locker, wenn es funktioniert, sie hat sich nicht klein reden lassen. Dennoch thematisiere ich ja meine Großmutter nicht per se in meiner Bachelorarbeit. Ich wollte eher das Leben in der DDR an sich reflektieren, denn der Blick auf die DDR ist ja sehr umstritten. Da sind Aspekte, die stark miteinander kollidieren. Da heißt es, der Osten ist wahnsinnig fortschrittlich. Alle haben gearbeitet, waren gleichberechtigt und alles war super. Gleichzeitig gibt es aber auch den anderen Blick, ah, die blöden Ossis, die haben einfach nur stupide weggearbeitet. Ich wollte für mich nochmal selbst mit einer kritischen Herangehensweise überprüfen, was da ist und war.
So oder so habe ich mit der Zeit einen kritischeren Blick auf die DDR bekommen.
Ich würde sagen, ich hatte vor allem durch meine Großmutter ein sehr schön gemaltes Bild von der DDR. Allerdings muss man da natürlich erwähnen, dass meine Großmutter für fast drei Jahre in Afrika gelebt hat. Mein Großvater war Chemigraf und hat in Guinea eine Druckerei aufgebaut und dort angeleitet, meine Großmutter war zu dem Zeitpunkt als Auslandsjournalistin tätig und hat kleine Filme gedreht und Berichte für den Fernsehfunk der DDR verfasst. Dadurch hat sie die Grenzen und das Reiseverbot gar nicht oder anders wahrgenommen als der Großteil der Bevölkerung. Zudem hat sie in der DDR gut funktioniert. Das System konnte sie gut unterstützen und sie konnte das System gut unterstützen oder vielleicht auch „gut spielen“. Insofern habe ich viele Jahre gar nicht verstanden, warum – abgesehen von dem Reiseverbot und natürlich auch der Stasi – viele Leute die DDR so schlimm fanden. Oder warum die DDR häufig so abwertend belächelt wird.
Aber nun hast du mit deiner Bachelorarbeit für dich etwas herausgefunden?
So oder so habe ich mit der Zeit einen kritischeren Blick auf die DDR bekommen. Konkreter in meiner Bachelorarbeit, habe ich unter anderem herausgearbeitet, dass sich in der DDR hauptsächlich der Geschlechtsrahmen der Frauen verändert hat, er wurde vielschichtiger und verlangte den Frauen mehr ab. Der Geschlechtsrahmen der Männer veränderte sich wiederum nur gering, was sich negativ auf die Gleichberechtigung ausgewirkt hat, da Männer nicht die Mehrfachbelastung der Frauen ausglichen. Was zu einer doppelten Vergesellschaftung der Frau geführt hat. Und dann waren auch Frauen in der DDR in Führungspositionen sehr wohl unterrepräsentiert, da sie eben nicht ausreichend politisch gefördert und nicht genug gesellschaftlich in solchen Positionen erwünscht waren. Die Leitbilder der SED, ihre vermeintlichen Ziele und das propagierte Frauenbild blieben lediglich Bilder in den Köpfen der Menschen, eingefasst in einem Rahmen, der vorgab aus Gold zu sein, doch bei genauerer Analyse nicht mehr war als glänzendes Blech.
Ist das nicht aber auch der Blick einer Generation, die heute ganz andere Vorstellungen von Gleichberechtigung und Feminismus hat?
Ich musste mich ja so ein bisschen ran tasten an das Thema. Also habe ich mich auch viel über Feminismus unterhalten. Es ging u. a. auch darum, wie selbstverständlich es früher war, Körperbehaarung zu haben. Dann kam der Wechsel zu der Forderung, Frauen müssen wahnsinnig glattrasiert sein. Und nun ist es ein Akt der Rebellion, wenn Frauen wieder ihre Körperbehaarung wachsen lassen. Das ist doch auch absurd, wie wahnsinnig krass das bewertet wird, sich das jetzt wieder zu trauen. Ich will sagen, es gab schon mal ein anderes Normal. Wir bewegen uns die ganze Zeit weg und wieder hin. Das ist komplex, das ist schön, aber auch schwierig.
Welches Fazit ziehst du, nachdem du dich so intensiv mit der Rolle der Frau in der DDR beschäftigt hast?
Losgelöst von der DDR, sondern ganz allgemein: Gleichberechtigung ist nicht, dass Frauen mehr ermöglicht wird, sondern, dass auch auf das Leben der Männer geschaut wird. Das denkt die Frage mit, wie Care-Arbeit fair aufgeteilt werden kann. Es können Dinge sehr gut sein, sehr schön sein und dennoch muss man sie kritisch sehen. Ich meine damit auch die Koexistenz von Emanzipation und Leid: So stark und so vorne und trotzdem hängt frau hinterher.
Was braucht deiner Meinung nach ein linker Feminismus und können wir dabei auf etwas zurückzugreifen, was es in der DDR schon mal gab?
Spannende Frage, aber eine konkrete Antwort habe ich da gar nicht. Vielleicht eher retrospektiv gesprochen: nicht aufhören kritisch zu denken, zu hinterfragen und nicht müde zu werden, für sich und andere einzustehen.


