Nachricht | Ukraine-Krieg «Die gelebten solidarischen Netzwerke haben uns immer die nötige Energie gegeben.»

Longo mai im Interview

Information

Der Hof Ulenkrug ist eine Kooperative von Longo mai und liegt zwischen Greifswald und Rostock, er wurde wenige Jahre nach dem Mauerfall gegründet. Dort leben 21 Erwachsene sowie acht Kinder und betreiben auf 50 Hektar Tierhaltung, Acker- und Gartenbau sowie Waldarbeit vorwiegend zur Selbstversorgung. Die Stromversorgung des Hofes erfolgt über Photovoltaik und Windkraft, die Warmwasserversorgung mit Hilfe von Solarpanels. Die Schwerpunkte der politischen Arbeit liegen in den Bereichen Migration, Antifaschismus und Saatguterhaltung. Das Interview führte Philipp Gliesche, Projektmanager Osteuropa, mit drei Bewohner*innen von Longo mai.

Inspiriert von Selbstverwaltung und Gemeinschaftseigentum sowie vor dem Hintergrund klimatischer Veränderungen und ökologischer Krisen zog eine Gruppe junger Menschen 1973 in die bereits damals von Abwanderung betroffenen Berggebiete Südfrankreichs. Wie verlief der Aufbau der ersten Kooperative von Longo mai vor bald fünfzig Jahren und konnten rückblickend betrachtet die Ideen und Ansprüche in die Tat umgesetzt werden?

Der Schritt aufs Land zu ziehen, um ein kollektives Leben auf der wirtschaftlichen Grundlage von Ackerbau, Viehzucht und Waldarbeit aufzubauen, entstand 1972 in einer autonomen Lehrlingsbewegung in der Schweiz und in Österreich (Hydra und Spartakus). Es war nicht unumstritten, von gewerkschaftlichen Aktionen für die Rechte von Jugendlichen in Betrieben, in Erziehungsheimen, in Jugendzentren und im Militär, in den Aufbau von Kollektiven auf dem Land zu wechseln. Anlass war die Jugendarbeitslosigkeit in der ersten Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg und die gleichzeitige Kriminalisierung der jugendlichen Protestbewegungen in Europa ab 1968. Es war also ein Art Rückzug. Damals waren viele Randgebiete stark entvölkert, weil sich die Landwirtschaft nicht mehr lohnte und die Verarbeitung landwirtschaftlicher Rohstoffe, wie Wolle und Leder, entweder ins Ausland oder in die Industriezentren Europas verlagert wurden. Es gab verlassenes Land und verfallene Wohnhäuser und damit die Grundlage für einen spannenden Neuanfang.

Für unsere erste Kooperative konnten wir einen verlassenen Hügel in der Provence erwerben. Als Namen übernahmen wir das alte provenzalische Grußwort Longo mai («Es möge lange dauern!»), das bis heute unser Name geblieben ist.

Ahnung von der Arbeit auf dem Land hatten wir als Städter keine, wir lernten von den Bauern der Region, von Fachleuten, die unser Projekt gut fanden und aus Fehlern. Hinzu kam, dass wir vom damaligen französischen Innenminister Marcelin als terroristische Gefahr betrachtet wurden und acht unserer Gründungsmitglieder aus Frankreich ausgewiesen wurden. Wir stießen noch jahrelang danach auf Skepsis in der lokalen Bevölkerung, die von politischen Kreisen gegen uns geschürt wurde. Die Ausweisungen hatten den positiven Effekt, dass hunderte französische Jugendliche aus Solidarität zu uns kamen. Eigentlich viel zu viele für einen ruhigen Aufbau wirtschaftlicher Basisstrukturen. Entsprechend chaotisch waren die ersten Jahre, die wir nur durchhielten, weil wir Freund*innen in der Schweiz fanden, die uns in der Zeit finanziell unterstützten. In der Folge zogen Gruppen wieder aus, um nach weiteren Möglichkeiten zu suchen, um günstig Land zu erwerben. So sind im Laufe der Jahre weitere Longo mai-Kollektive entstanden.

Nach dem Putsch in Chile im September 1973 gingen einige von uns zurück in die Schweiz und nach Österreich, um den Empfang von chilenischen Flüchtlingen zu ermöglichen. In der Schweiz entstand so die bekannt gewordene «Freiplatzaktion», die gegen den Willen der Regierung die Aufnahme von mindestens 2000 Chilen*innen durchsetzen konnte.

In der Provence wurden derweil Berechnungen angestellt, wie viele Kilo Getreide, Gemüse, Fleisch, Eier usw. pro Person produziert werden müssen. Weil ein Großteil des Hügels nur von Schafen genutzt werden konnte, mussten ebene Stücke Land gerodet und neu kultiviert werden.  Rückblickend nach 50 Jahren kann man sagen, dass Longo mai sich nie wirklich aus der Gesellschaft zurückgezogen hat, sondern immer sowohl die Solidarität mit gefährdeten Menschen als auch den Aufbau selbstverwalteter Lebensgrundlagen verfolgt hat. Trotzdem haben sich die Themen, die uns beschäftigen, in 50 Jahren stark verändert. Der Umgang miteinander, sowie die Themen Klimawandel und Gender haben mehr Gewicht bekommen, ebenso der Austausch mit befreundeten Projekten.

Inzwischen zählt Longo mai elf Kooperativen in sechs Ländern Europas, sowie zahlreiche befreundete Projekte auf der ganzen Welt. Ausgehend vom ersten Hof in Südfrankreich, wie verlief der Aufbau der weiteren Kooperativen und wie hängen diese heute miteinander zusammen, sowohl persönlich als auch im Hinblick auf landwirtschaftliche Erzeugnisse?

Jede der Longo mai-Kooperativen wirtschaftet selbständig, aber es gibt mehrere Strukturen in denen wir miteinander diskutieren und planen. Grundlage dafür ist, dass ein persönlicher Austausch zwischen den Projekten häufig stattfindet und jede*r zwischen den Kooperativen wechseln kann und einzelne Projekte von den Kooperativen gemeinsam realisiert werden. Interkooperative Treffen finden zweimal jährlich statt, auf denen praktische, wirtschaftliche und finanzielle Fragen diskutiert werden. Hinzu kommt ein Austausch über grundlegende Themen, wobei die Meinungen oft auseinandergehen. Bei Entscheidungen muss ein Konsens zwischen den Kooperativen bestehen, sonst werden sie verschoben. Seit mehreren Jahren stagniert die Anzahl der in Longo mai lebenden Menschen um 200. Darüber hinaus wäre der persönliche Austausch sehr viel schwieriger, während alle Projekte mehr oder weniger national durchmischt sind und in den letzten Jahren auch geflohene Menschen aus anderen Kontinenten in Longo mai leben.

Ein Austausch von Produkten findet hauptsächlich zwischen den Projekten statt, die nicht zu weit voneinander entfernt sind.

Seit fast dreißig Jahren und damit unmittelbar nach der Unabhängigkeit der Ukraine existiert eine Kooperative in der Westukraine. Wie kam die Gründung der Kooperative im Dorf Nischnje Selischtsche in Transkapatien zustande und was waren die ausschlaggebenden Gründe für diesen Ort?

Im Jahr 1990, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, Symbol für die jahrzehntelange Trennung zwischen Ost- und Westeuropa, rief Longo mai zur Gründung eines Europäischen Bürgerforums auf, um die Begegnung und den Austausch zwischen den Bürger*innenbewegungen in diesen beiden Teilen Europas zu suchen. Aus den zahlreichen Begegnungen entstanden im Laufe der Jahre konkrete Projekte in der ehemaligen DDR, in Jugoslawien während der Zeit der nationalistischen Aufspaltung, und auch in der Ukraine. Alle Projekte entstanden durch zufällige persönliche Begegnungen und waren nicht geplant. Die Kooperative in der Gemeinde Chust in Transkarpatien startete durch einen Besuch von Student*innen aus Uschgorod in der Longo mai-Kooperative in der Provence, um französisch zu lernen. Es kam zu einer mehrjährigen Zusammenarbeit zwischen Longo mai und der Universität in Uschgorod, wodurch jedes Jahr eine Gruppe von Studenten*innen aus der Ukraine nach Longo mai kamen. Der Versuch einiger Student*innen, ein gemeinsames Projekt im Sinne von Longo mai im Dorf Nischnje Selischtsche aufzubauen, wurde von den meisten Student*innen nach wenigen Jahren wieder aufgegeben. Zurück blieben zwei Ehepaare, die das Projekt abgewandelt weiterführten. Ihr Schwerpunkt war und ist die lokale Entwicklung. Es entstand eine Käserei für die Verarbeitung von Milch der lokalen Kleinbäuer*innen, zudem wurde eine Jugendherberge gebaut. Ziele sind der internationale Austausch, sanfter Tourismus und der Erhalt des örtlichen Kulturhauses.

Seit 2020 wird durch Longo mai und ukrainische Umweltgruppen ein breiter Widerstand gegen das Bauprojekt eines riesigen Skigebiets in dem bisher beinahe unberührten Waldmassiv Swydovets organisiert.

Wie haben sich sowohl die Aktivitäten von Longo mai in der Ukraine als auch die Situation im Dorf seit Ausbruch des Krieges im Donbas 2014 und mit der Invasion Russlands in die Ukraine Ende Februar 2022 verändert?

Die Annexion der Krim, die Kriegshandlungen im Donbass sowie die Reformen, die der Revolution der Würde folgten, brachten eine neue politische Dynamik in das Dorf. Die Menschen fühlten sich handlungsfähig. Sie entwickelten das Bedürfnis für die Ressourcen zu kämpfen, die ihnen gehören. So führten beispielsweise aktive Einwohner*innen von Nischnje Selischtsche mehrere Aktionen und Streiks durch, die sich an Gouverneur Moskal richteten, der die Dezentralisierungsreform im Bezirk Chust sabotierte.

Obwohl der Krieg im Donbass geografisch und geistig weit entfernt von Transkapatien war, hat sich eine Familie von Binnenvertriebenen aus Donezk gut in die Gemeinde integriert. Zudem hat der Krieg im Donbass seit 2014 zu Verschiebungen in der Arbeitsmigration geführt. Die Menschen arbeiten viel seltener in Russland um Geld zu verdienen, dafür öfter in EU-Ländern.

Longo mai war nie eine Organisation, die humanitäre Hilfe leistete. Daher haben wir uns nach der russischen Invasion im Jahr 2014 auf die politische Arbeit konzentriert. Im Jahr 2015 veranstalteten wir mit Journalist*innen und Medienschaffenden aus der Ukraine, Russland und dem ehemaligen Jugoslawien einen Runden Tisch. Das Treffen, das in Budapest stattfand, konzentrierte sich auf die Besonderheiten der Arbeit von Journalist*innen und die Notwendigkeit von Vernetzung in Kriegszeiten. Unser Freund Maxim Butkevich, der sich derzeit in russischer Kriegsgefangenschaft befindet, sprach über die Erfahrungen von «No borders.Ukraine». Des Weiteren über die juristische Verteidigung ukrainischer Aktivist*innen, die von der Krim nach Russland verschleppt wurden und wie wichtig die Begleitung solcher Gerichtsprozesse durch unabhängige Journalist*innen ist.

Seit 2019 veranstalten wir in Nischnje Selischtsche pädagogische und therapeutische Camps für Kinder aus dem Gebiet Luhansk. Dadurch haben wir eine starke persönliche Verbindung zu dieser Region entwickelt. Es waren dieselben Kinder, die uns Ende Februar 2022 aus den Luftschutzkellern im Gebiet Luhansk anriefen und anflehten, sie dort herauszuholen. Damit begann das Kapitel Evakuierung und humanitäre Hilfe.

Welche Rolle spielen die anderen Kooperativen bei der Unterstützung, insbesondere im Bereich der humanitären Hilfe?

Mit Beginn der russischen Invasion waren alle Kooperativen im engen Austausch mit den Menschen in Transkarpatien. Einige sind sofort nach Nischnje Selischtsche gefahren, andere begannen Hilfsgüter und Unterkünfte zu organisieren oder bei Evakuierungsfahrten. Am Anfang war überhaupt nicht klar, was wirklich gebraucht wurde. Es gab immer wieder Anfragen für Evakuierungsfahrzeuge, medizinisches Material, Matratzen und Generatoren. Auf allen Longo mai Höfen haben wir schnellstmöglich versucht diese Dinge zu besorgen. Insgesamt sind 15 Fahrzeuge aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz überführt worden, um Evakuierungsfahrten zu ermöglichen. Des Weiteren haben wir drei Sattelschlepper mit einigen Tonnen Mais und Kartoffeln sowie einige Kleinbusse mit humanitären Material in die Ukraine transportiert. Das alles war innerhalb weniger Tage und Wochen durch ein breites Netzwerk möglich. Unsere Longo mai-Struktur als auch ein breites Netzwerk rund um unsere Kooperativen hat uns dabei geholfen schneller als viele große Hilfsorganisationen direkt vor Ort Unterstützung zu leisten. Die Kommunikation verlief zu Beginn über tägliche Videokonferenzen, E-Mails und Telefonate. Damit war eine für uns ungewohnt hohe Spontanität und Reaktionsbereitschaft verbunden.

Vom 26. bis 28. August veranstaltete Longo mai, unter Beteiligung von Menschen aus der Ukraine und Russland, eine Konferenz in Greifswald. Die RLS unterstützte die Idee. Wie kam es dazu?

Als einige von uns aus der Ukraine zurück nach Mecklenburg kamen, teilten wir den Drang weiter machen zu wollen. Bei so viel miterlebten Leid und schweren, konfliktreichen Themen hat uns allen eines immer wieder die nötige Energie gegeben – die gelebten solidarischen Netzwerke. Diese wollten wir ausbauen und stärken. Unsere Erfahrungen haben uns gleichzeitig gelehrt, dass wir im Moment oft sehr weit weg davon sind, solidarisch miteinander zu sein und dafür ist ein zunehmendes Unverständnis auf allen Seiten verantwortlich. Uns scheint, dass viel theoretisiert und sich positioniert wird, aber wenig einander zugehört und verstanden wird. Wir wollten einen Raum schaffen, in dem das wieder möglich ist.

An drei Tagen gab es dann die Möglichkeit zum gegenseitigen Kennenlernen und Zuhören. Verschiedene Initiativen, Gruppen und engagierte Einzelpersonen aus der Ukraine, Russland, Deutschland und weiteren Ländern waren vor Ort, um unterschiedliche Situationen und Haltungen zu verstehen und zukünftig besser gemeinsam handeln zu können.

Das war eine sehr fruchtbare Begegnung. Abgerundet wurde die Konferenz mit einer Fotoausstellung und einem Konzert polyphonischer Sänger*innen, die mit ihrer Musik das vielfältige kulturelle Erbe verschiedener ukrainischer Regionen darstellten.