30. Evangelischer Kirchentag

Marx traf Jesus, Rosa Luxemburg traf Dietrich Bonhoeffer, Sahra Wagenknecht und Bodo Ramelow trafen Franz Hinkelammert in Diskussionen der Rosa-Luxemburg-Stiftung auf dem evangelischen Kirchentag.

Marx trifft Jesus

(Michael Brie)

Im Jahre 1989 erklärte der damalige Sozialminister der CDU, Norbert Blüm, Marx sei tot und Jesus lebe. Fünfzehn Jahre später ist Blüm gemeinsam mit Heiner Geißler, ehemaliger Generalsekretär der CDU, zu einem der heftigsten Kritiker eines entfesselten Kapitalismus geworden, und der jüdische Prophet, den die Jerusalemer Obrigkeit gemeinsam mit den römischen Kolonisatoren ans Kreuz nageln ließ, und der kommunistische Analytiker und Kritiker des Kapitalismus werden wieder gemeinsam ins Feld geführt, [»alle Verhältnisse umzuwerfen], in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Marx) und eine Politik durchzusetzen, die auch dem schwächsten und am meisten benachteiligten unter uns lebenden Menschen (Jesus) eine gleiche Chance für ein selbstbestimmtes Leben gibt.

Mit dieser Botschaft der Gemeinsamkeit von jüdisch-christlichen Befreiungsbewegungen und denen des Sozialismus und der Losung »Sozialismus oder Barbarei« hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung im Mai 2005 wieder am Kirchentag teilgenommen, nach Frankfurt am Main und Berlin nun in Hannover. Von Dietrich Bonhoeffers Bekennender Kirche gegen den deutschen Nationalsozialismus führte der Weg zum Prozess des Bekennens, den der Reformierte Weltbund auf seiner Tagung in Accra (Ghana) in den Ruinen einer ehemaligen Burg der Sklavenhändler verabschiedete, ein Bekenntnis, dass den Neoliberalismus als eine Herausforderung der Zerstörung und Vernichtung ansieht, vergleichbar der des Faschismus. Die RLS diskutierte dies mit Ulrich Duchrow, einem der wesentlichen Initiatoren dieses Bekenntnisses, und mit Franz Hinkelammert, einem der führenden Befreiungstheologen Lateinamerikas.

Auf einer Veranstaltung »Elemente totaler Herrschaft und Barbarei« am Rande des Kirchentags sprach Bodo Ramelow, Wahlkampfleiter der PDS, mit Franz Hinkelammert, der Europaabgeordneten der PDS Sahra Wagenknecht und dem Wissenschaftler Alex Demirovic. Bodo Ramelow machte deutlich, dass fünfzehn Jahre nach dem Fall der Mauer die Frage sozialistischer Alternativen wieder aufgeworfen werden müsse, und Franz Hinkelammert skizzierte die Prozesse der Entstehung eines Imperiums, dass sich im Namen der Verteidigung von Rechtsstaat und Frieden von den Menschenrechten verabschiedet. Sahra Wagenknecht beschrieb Prozesse der Rebarbarisierung der Gesellschaften des Nordens, die nach 1990 eingesetzt hätten, und Alex Demirovic zeigte auf, dass die Demokratie nicht von außerhalb, sondern aus sich selbst gefährdet ist: Krieg wird als Menschenrechtsaktion erklärt, herrschende Eliten setzen ihre Ziele durch gegen den erklärten Willen der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger, die neue Armut und Zwangsverpflichtung untergraben die Bedingungen demokratischen Engagements.

Marx traf Jesus, Rosa Luxemburg traf Dietrich Bonhoeffer, Sahra Wagenknecht und Bodo Ramelow trafen Franz Hinkelammert in Diskussionen der Rosa-Luxemburg-Stiftung auf dem Kirchentag. Gemeinsam war: Den Tendenzen hin zu neuer Barbarei, hin zu neuer Herrschaft und Kriegen, hin zum Abbau der zivilisatorischen Errungenschaften der Jahrzehnte nach 1945 gemeinsam zu begegnen – heute und hier, gemeinsam.

 

Die RLS auf dem Kirchentag 2005 in Hannover

(Ilsreget Fink, Cornelia Hildebrandt)

Drei große Fotos markierten den Stand der Rosa Luxemburg Stiftung auf dem 30. Evangelischen Kirchentag: rechts und links von Rosa Luxemburg Ernesto Caredenal, Nicaragua, und der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der noch im April 1945 als „Volksverräter“ ermordet worden war. Drei Marktta-ge lang fragten die Besucher, was Bonhoeffer und Rosa Luxemburg denn gemeinsam haben.

Ernsto Cardenal, der lateinamerikanische Priester, der seit Jahrzehnten kompromisslos „soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ächtung des Krieges“ als biblische Forderungen politisch einklagt, war den meisten bekannt.

Dass Bonhoeffer schon seit 1933 die Christen Europas zu kompromisslosem Rüstungsstopp und Wehrdienstverweigerung aufgefordert hatte, war den meisten Gästen an unserem Stand nicht geläufig. Die rls-Materialien wurden gerne mitgenommen, die Nachfragen um Rosa Luxemburg Plakate waren größer als unser Vorrat, der Gesprächsbedarf  war kaum zu bewältigen.  Zu den 100.000 Dauerteil-nehmern, davon 30.000 unter 30 Jahre,  4.500 jugendlichen ehrenamtlichen jugendlichen Helfern und 4.000 internationalen Gästen – kamen noch 100.000 Tagesgäste. Sie alle nutzten von das unwahr-scheinlich vielfältige Angebot von Themen, bei denen „Bedingungen für Frieden und Menschenwür-de, Gerechtigkeit und Umweltschutz“ nicht wie bei früheren Kirchentagen vom Programm her ins Zentrum gerückt war. Auch um die ehemals energische Forderung für das Jahr 2000 eine Entschul-dung der ärmsten Länder von den Regierungen zu fordern, war es diesmal still geworden. Dies hat die Rosa Luxemburg Stiftung als Herausforderung verstanden und mit aktiver Werbung für das Sozialfo-rum in Erfurt 2005 beantwortet. Den Wortlaut des Bekenntnisses der Tagung des Reformierten Weltbundes von Accra 2004 fand großes Interesse. 

Die Kirchentage waren der Ort, an dem erstmals in der Geschichte der christlichen Kirchen ein kontinuierlicher öffentlicher Dialog mit Juden stattfindet – ausdrücklich im Wissen, dass Antisemitis-mus in falscher Bibelauslegung wurzelt. In diesem Kontext wurde die Aktion Sühnezeichen gegrün-det. Die Rosa Luxemburg Stiftung hat sich mit Harri Grünberg bewusst in diese Diskussion einge-bracht mit seinem Beitrag: „Der unheilige Krieg im Heiligen Land“.

Die zuerst in Lateinamerika formulierte und praktizierte Theologie der Befreiung wurde durch die Kirchentage zur Inspiration eines weltweiten Engagements.  Als einen bekannten Vertreter dieser „neuen“ Theologie brachte die Rosa Luxemburg Stiftung Prof. Franz Hinkelammert, Costa Rica, in zwei Veranstaltungen ins Gespräch. Der Titel seines mit Ulrich Duchrow gemeinsam verfassten Buches: „Leben ist mehr als Kapital“ war Titelleiste des Standes der rls. Damit zeigten wir eine im Programm drastische Lücke des Kirchentages auf, die wir mit Hinkelammert’s Beiträgen benennen, aber keineswegs füllen konnten. Der Kirchentag hat nach dem Tod von Dorothee Sölle die dringliche Fragestellung der Theologie der Befreiung noch nicht wieder adäquat weitergeführt. 

 

Veranstaltung der RLS auf dem Kirchentag

 

Donnerstag, 26. Mai 2005, 19.00 Uhr

Elemente totaler Herrschaft und Barbarei – Gefahren für Demokratie und Menschenrechte.

Mit Franz Hinkelammert, Sahra Wagenknecht (MdEP) und Alex Demirovic.

Unicampus, Königsworther Platz 1,

30167 Hannover

 

 

 

Texte zum Kirchentag  Bodo Ramelow: Elemente totaler Herrschaft und Barbarei – Gefahren für Demokratie und Menschenrechte (Thesen für das Forum an der Universität Hannover am 26. Mai 2005)  Heinrich Fink: Im Namen Christi die Waffen aus der Hand. Von Buchenwald nach Flossenbürg – vor 60 Jahren wurde der Theologe Dietrich Bonhoeffer ermordet  Michael Brie: Auswege aus selbstverschuldeter Barbarei. Vortrag für den VI. Internationalen Kongress für Interkulturelle Philosophie „Dominanz der Kulturen und Interkulturalität“, Senftenberg, 24. Mai 2005  Franz Hinkelammert: Der Rechtsstaat ohne Menschenrechte und die Aushöhlung unserer Demokratie  Erhard Crome: Dass Gerechtigkeit sei  Alphabetisierung in Wirtschaftsfragen - Interview mit Ulrich  Duchrow  Alex Demirovic: ... ist das noch demokratisch?  John Holloway: Aufhören, den Kapitalismus zu machen  „Krieg muss der Ächtung durch die Kirchen verfallen“ - Vor 60 Jahren wurde der Theologe Dietrich Bonhoeffer ermordet  Christus bekennen in einer Welt der Gewalt. Erklärung amerikanischer Theologen zu Krieg und Frieden