Ausstellung: “Der Schoß ist fruchtbar noch...”

Die von der RLS geförderte Ausstellung wird vom 10. April bis 20. August im »Museum Seelower Höhen« und vom 28. August bis Jahresende im Brecht-Weigel-Haus in Buckow gezeigt.

Kriegsfibel von Bertolt Brecht – Erinnerung an ein Schicksal

   Bücher haben ihre Schicksale, habent sua fata libelli, wie im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung Herr Terentius Maurus meinte. Solange müssen wir aber nicht zurückgehen, fünfzig Jahre reichten dem Brecht-Weigel-Haus in Buckow schon. Die Ausstellung zur Geschichte der Kriegsfibel von Bertolt Brecht, mehrere Monate in der Gedenkstätte der Seelower Höhen gezeigt, hat seit Ende August ihren Platz im Brecht-Weigel-Haus im Buckow selbst. Zur Ausstellungseröffnung in Buckow am 28. August war auch ein Stück Kulturgeschichte  - eine Welturaufführung - zu erleben: die bereits existierenden Vertonungen der Vierzeiler Bertolts Brechts in der Kriegsfibel (unter anderem von Hanns Eisler) wurden ergänzt durch Kompositionen von Peter Gotthardt, unter anderem Schreiber der Filmmusik zum DEFA-Klassiker „Die Legende von Paul und Paula“, und Vertonungen der Schüler des Gymnasiums „Auf den Seelower Höhen“ Marcel Oestereich, Lydia Wurl, Elisabeth Schneider, Maren Thomisch, Eileen Hirsefeld, Claudius Dräger und Chris Busse. Die Gymnasiasten hatten ihre Kompositionen unter dem Eindruck der Kriegsfibel-Ausstellung in Seelow geschrieben. Vorgetragen wurden die Lieder von Grit Diaz de Arce, Musiklehrerin am Seelower Gymnasium, und Katrin Morche. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat die Ausstellung gefördert, sowohl am Ausstellungsort in Seelow als auch jetzt in Buckow. Gegenstand der Ausstellung ist das Schicksal der Kriegsfibel von Bertolt Brecht. Brecht hatte im Exil im zweiten Weltkrieg Zeitungsausschnitte gesammelt und mit Vierzeilern versehen. Im Oktober 1940 montierte er erstmals Fotos und Vierzeiler zu „Fotoepigrammen“ zusammen. Diese Arbeiten setzte er während des gesamten Krieges fort. 1949 sollte die Sammlung als „Kriegsfibel“ im Verlag Volk und Welt in Berlin erscheinen. Dem „Kulturellen Beirat für das Verlagswesen der DDR-Regierung, dem das Projekt vorgelegt werden musste, gefiel das Buch aber überhaupt nicht. „Das vorliegende Werk“ sei „in Bild und Text zu wenig profiliert“ und nehme „nur allgemein pazifistisch gegen den Krieg Stellung“.  Und an anderer Stelle heißt es zur Verhinderung des Buchprojektes: „Im Gedicht 20 heißt es zum Schluss, die Flieger gingen „Ins Nichts“. Stimmt das? Ich glaube, nein; sie sind entweder zu neuen Schandtaten ausgezogen, oder sie sie bereiteten sich, was der Verfasser ja am Schluss ausdrücklich betont, auf neue Schandtaten vor. Die Formulierung „Ins Nichts“ begatellisiert den Kampf.“ Brecht hatte oder wollte nicht mitbekommen, dass auch sein Buchprojekt im kalten Krieg angelangt war. 1954 ein neuer Anlauf: der Eulenspiegel Verlag nahm sich des Projektes an, dann konnte das Buch 1955 endlich erscheinen. Die Druckgenehmigung, so Brecht in seinem Brief vom 4. Januar 1955 an den Eulenspiegel Verlag, „habe ich mir allerdings selbst erteilt“. Er nahm dabei Bezug auf ein Privileg als Mitglied der Akademie der Künste, dessen Arbeit nicht der Kontrolle des „Amtes für Literatur“ unterstand. Nein, der Name des Amtes ist nicht von Kafka oder Orwell. Als das Buch dann sehr schleppend Absatz fand – von 10.000 gedruckten Exemplaren waren nach einem Dreivierteljahr lediglich 3.400 Exemplare abgesetzt worden, setzt sich Bertolt Brecht für die Werbung in Bibliotheken, Kulturhäusern und Schulen ein. Dafür wollte er sich auch selbst einsetzen, „denn diese tolle Verdrängung aller Fakten und Wertungen über die Hitlerzeit und den Krieg bei uns muss aufhören“.  Handelnde Personen in der Buch-Schicksals-Geschichte waren – wie in der Ausstellung dargestellt wird  - seinerzeit neben Bertolt Brecht Menschen wie Walter Janka, Walter Heynowski, Isot Kilian, Walter Felsenstein, Lion Feuchtwanger und andere. 1994 ist übrigens – auch im Eulenspiegel Verlag – eine neue, diesmal vollständige Ausgabe der „Kriegsfibel“ erschienen. Im Brecht-Weigel-Haus gibt es Exemplare davon käuflich zu erwerben. Wolfgang Bey Die erste Ausgabe der Kriegsfibel erschien 1955 im Eulenspiegel Verlag, herausgegeben von Ruth Berlau, gestaltet von Peter Palitzsch, in der Redaktion von Günter Kunert und Heinz Seydel. Am 23. Dezember 1954 hatte der Eulenspiegel Verlag Brecht mitgeteilt, dass die Hauptverwaltung für Literatur die Druckgenehmigung für die Kriegsfibel nach einigen Widerständen seitens der Kulturkommission der DDR endlich erteilt hat. Ruth Berlau schreibt im Umschlagtext: „Auf die dicken Eichenbalken seines Arbeitsraumes hatte er sich einen Spruch geklebt: DIE WAHRHEIT IST KONKRET Das, glaube ich, ist der Grund, warum er Bilder ausschnitt: ein Dokument kann man schwerer ableugnen.“… „Immer solidarisch mit seinem Volke – ‚unseren Söhnen’ – zeigt Brecht in diesem Journal eine merkwürdige und unheimliche Zeit. Ein großer deutscher Dichter wundert und schämt sich, dass sein Volk sich irreführen lässt, und bittet doch: ‚Wärmt sie, es ist ihnen kalt.’“ 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges will das Team des Brecht-Weigel-Hauses die von Brecht seit 1940 während seines Exils in den USA geschaffene Kriegsfibel in diesem Kontext auf Ausstellungstafeln zeigen. Die Ausstellung ist bis zum 14. Oktober 2005 zu sehen im Brecht-Weigel-Haus, Bertolt-Brecht-Str. 30, 15377 Buckow
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 13.00 bis 17.00 Uhr
Sonnabende, Sonntage, Feiertage 13.00 bis 18.00 Uhr
Telefon: 033433 467 Fax 033433 56215
e-mail: brecht-weigel-haus@kultur-in-mol.de
www.brechtweigelhaus.de