»Der Weg zum Sozialismus kann nicht gerade sein«

Konferenz über den Sozialismus im 21. Jahrhundert zu Ehren von Ernesto Kroch in Montevideo

Das Einladungsplakat für die internationale Konferenz „Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, die von der Casa Bertolt Brecht und der Rosa Luxemburg Stiftung (mit Unterstützung der Stadtverwaltung von Montevideo) am 12. und 13. April 2007 in der uruguayischen Hauptstadt durchgeführt wurde,   hatte Ernesto Kroch selbst entworfen. Es zeigt einen Weg, der zu einer Bergkette hinaufführt. Ernesto Kroch selbst war es dann auch, der in seiner ihm eigenen verschmitzten Art sein eigenes Plakat kritisierte. Der Weg, der mit der Frage „Wohin gehen wir?“ bezeichnet ist, kann nicht gerade sein, so sein Statement zur Eröffnung der Konferenz, zu der 15 ReferentInnen aus acht Ländern gekommen waren und die eine große Resonanz in der uruguayischen Öffentlichkeit fand.   Dass dieser Weg nicht gerade ist, man ihn aber aufrecht gehen kann, dafür steht der 90jährige uruguayische Deutsche Ernesto Kroch. Und die Würdigung dieses Lebens eines aufrechten Gangs war auch der Anlass der Veranstaltung, die mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft (cuidadania ilustre) durch Ricardo Ehrlich, den von der MPP (der Partei der Ex-Tupamaros in Uruguay), gestellten linken Oberbürgermeister von Montevideo an Ernesto Kroch ihren Abschluss fand. Diese Ehrung, die nur sehr selten verliehen wird (u.a. an den Schriftsteller Mario Benedetti) war der emotionale Höhepunkt der Tagung. Stehend applaudierten die ca. 250 TeilnehmerInnen dem Metallarbeiter, sozialen Aktivisten und Schriftsteller Ernesto Kroch.  Inhaltlich war während der Veranstaltung, die in die drei thematischen Blöcke Ökonomie und Politik, Gesellschaft und Kultur sowie Staat und Partizipation aufgeteilt war, immer auch das Leben und das Engagement von Ernesto Kroch präsent. So stellte Heber Raviolo vom Verlag Banda Oriental den Schriftsteller Kroch vor, Miguel Piperno und Ruben Prieto erzählten in einem Video-Gespräch von ihrer Zusammenarbeit mit Ernesto Kroch beim Kampf um den Erhalt günstigen Wohnraums in einem innerstädtischen Armenviertel von Montevideo in den 1950er Jahren und Ernestos Engagement in der und für die Casa Bertolt Brecht wurde mit einer Präsentation gewürdigt. So stand der Jubilar nicht im Mittelpunkt (wogegen er sich vehement gewehrt hatte), war aber dennoch immer präsent. Im Mittelpunkt der Debatten stand dagegen die Suche nach Antworten auf die Frage: Wie kann der Sozialismus des 21. Jahrhunderts aussehen? Und diese Frage wurde sehr kontrovers beantwortet bzw. diskutiert und wie immer im Jahre 2007 bei Diskussionen über den Sozialismus des oder im 21. Jahrhundert in Lateinamerika saß Hugo Chávez mit am Tisch. Die Politik des enezolanischen Staatschefs, der Regierung Lula in Brasilien und von Rafael Correa, dem Präsidenten seines eigenen Landes gegenüber den Indigenen Völkern griff dann auch Pablo Dávalos, Dozent für Ökonomie an der katholischen Universität von Ecuador stark an. „Für die Linken existieren die Indigenen Völker nicht, für sie sind sie Bauern. Auch die Linken verstehen das Land nur als wirtschaftliche Kategorie, es ist auch eine >heilige< Kategorie. Die Linken sind aber nicht dazu gemacht, das >Heilige< zu verstehen.“ Eine Fundamentalkritik, die Laura Tavares, Professorin für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Universität von Rio de Janeiro so nicht akzeptieren wollte. Sie verteidigte die Politik des brasilianischen Staatschefs und wies auf das für sie grundsätzliche Problem der Linken hin, dass „sie eine falsche Dichotomie zwischen Staat und Gesellschaft aufmachen“ und den Staat nicht als Teil der Gesellschaft betrachten. Eine Haltung, der sich auch Oscar Olivera, Metallarbeiter und Aktivist der Bewegungen gegen die Privatisierung des Wassers in Bolivien, anschließen konnte. „Es gibt eine Entprivatisierung von Politik: wir sprechen darüber, als würde das alles nichts mit uns zu tun haben“, so sein Fazit. Für Constanza Moreira, Politikprofessorin der staatlichen Universität von Uruguay, sind die wichtigsten Fragen in Bezug auf den Sozialismus des 21. Jahrhunderts: „Wie viel Staat brauchen wir? Wie viel Beteiligung? Wie viel Gleichheit können wir ertragen?“ Und sie wurde in ihrem Beitrag im Hinblick auf die aktuelle Entwicklung in ihrem eigenen Land konkret: „Eine ganz wichtige Frage ist, ob linke Regierungen wichtige Teile der Linken ausschließen oder die gesamt Linke repräsentieren wollen? Michael Brie, Leiter der Abteilung Politikanalyse bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin plädierte denn auch für eine „Revolutionäre Realpolitik“ im Sinne Rosa Luxemburgs. „Es ist nicht die Frage, unter welchen Bedingungen wir leben wollen, sondern wie wir unter den gegebenen Bedingungen leben wollen“, so sein Statement. „Wir sollten über den Kapitalismus, den wir in uns haben, sprechen“, forderte im Anschluss daran Isabel Rauber, Dozentin und Sozialaktivistin aus Buenos Aires. Dazu braucht es, wie sie es nannte, eine „Geduldige Ungeduld“. Dafür steht sicher auch Ernesto Kroch mit seinem Engagement. Das Schlusswort der Konferenz hatte dann auch der Geehrte und in seiner unnachahmlichen Art und in seinem, auf den Erfahrungen eines langen Lebens beruhenden Optimismus gab Ernesto Kroch den TeilnehmerInnen mit auf den Weg: „Ich denke, dass das Glas halb voll ist, weil ich weiß, dass das Glas vorher leer war“.  
Stefan Thimmel, Montevideo (Erscheint in ILA Mai 2007)