Die erschöpfte Theorie? Evolution und Kreationismus in Wissenschaften

Die Debatte um den Einfluss der kreationistischen Bewegung auf das Bildungssystem hat Deutschland erreicht. Der dreitägige Kongress an der Universität Trier reflektiert die gesellschaftlichen Folgen.

Einleitung

Der »Kreationismus« sorgt in Deutschland für Furore. Obwohl die Evolutionstheorie in der Fachdisziplin der Biologie nahezu unumstritten ist, wächst in der Bevölkerung die Akzeptanz für die Schöpfungstheorie. Mit ihren gegenaufklärerischen und in schlechtem Sinne antiwissenschaftlichen Kampfpositionen ist es der christlich-fundamentalistischen Bewegung gelungen, wichtige Felder im Bildungssystem der Bundesrepublik zu besetzen, vor allem in den Schulen. Zum einen versuchen die Anhänger kreationistischer Konzepte wie des Intelligent Design (ID) zu erreichen, dass ihre Vorstellungen in die Lehrpläne des öffentlichen Schulsystems aufgenommen werden, zum anderen kommt es immer häufiger zu Konflikten, weil fundamentalistisch-religiöse Eltern fordern, dass ihre Kinder im Unterricht nicht mit der Evolutionstheorie konfrontiert werden. Aber auch in der Lehrerschaft wächst die Ablehnung der Vorstellung, dass das Leben in einem Prozess der »Selbstorganisation« entstanden ist: Jeder achte Lehramtsstudierende der Universität Dortmund, so eine von Prof. Dittmar Graf unlängst durchgeführte Untersuchung, bezweifelt, dass eine Evolution der Arten stattgefunden hat und stimmt stattdessen der Aussage zu, dass »ein höheres Wesen [...] den Menschen im Wesentlichen in seinem jetzigen Aussehen geschaffen« habe. Vom 15. bis 17. Juni 2007 veranstalteten der Arbeitskreis Kritische Theorie[n] und die Professur für Ethnologie (Prof. Dr. Christoph Antweiler) den Kongress »Die erschöpfte Theorie? Evolution und Kreationismus in Wissenschaften« an der Universität Trier. Auf der Tagung soll untersucht werden, inwieweit die Evolutionstheorie-Gegner bereits Einfluss auf Schulbücher und Lehrpläne genommen haben und mit welchen Strategien sie ihre Ideologie verbreiten. In einem zweiten Schritt soll erörtert werden, inwiefern an die Evolutionstheorie anknüpfende Erklärungsmuster – als Modelle von Selbstorganisation und damit Baustein für ein materialistisches Weltbild – auch für gesellschaftliche Prozesse herangezogen werden können. Im Zentrum der auf eine Kontroverse hin angelegten Vorträge wird die Soziobiologie stehen. Nach oben

 

Programm

Begrüßung und Eröffnung
Kreationismus in Deutschland? Vom Streitfall Evolution und dem ‚Bildungsmarkt’
Referent: Christoph Lammers M.A.
15.06.2007, 18 Uhr, Universität Trier, Hörsaal 2

Abendvortrag
Die Verhaltensökologie der Religion: nützliche Illusionen in eineraufgeklärten Gesellschaft?
Dr. Jürgen Kunz (Kassel)
15.06.2007, 19:30 Uhr, Universität Trier, Hörsaal 2

Evolution versus Kreationismus. Ein Weltbild in der Schule
16.06.2007, 10 Uhr, Universität Trier, A 9/10
Moderation: Thomas Waschke (GWUP)
Lee Traynor MA (Hannover): Lebensweltliche Vorstellungen und Kreationismus
Prof. Dr. Dittmar Graf (Dortmund): Schöpfungsvorstellungen ante portas? Das Thema „Evolution“ im Biologieunterricht

Von der Schöpfung über die Evolution zum intelligenten Schöpfer?
16.06.2007, 13:30 Uhr, Universität Trier, A 9/10
Moderation: Dr. Michael Gudo (Morphisto)
Prof. Dr. Ulrich Kutschera (Kassel): Evolution der Evolutionstheorie. Von Darwin zum Intelligenten Design

Soziobiologie – Ansatz, Theorie, Methode
16.06.2007, 16 Uhr, Universität Trier, A 9/10
Moderation: Dr. Michael Schmidt-Salomon (gbs)
Prof. Dr. Franz M. Wuketits (Wien): Die unerschöpfliche Theorie oder was die Evolutionstheorie so alles erklärt. Zum Erklärungspotential der Evolutionstheorie
Dr. Utz Anhalt (Hannover): Darwin ist unschuldig – Warum der Rassismus in Deutschland
mit Darwins Lehre wenig zu tun hatte

Abendvortrag
Evolutionstheoreme in den Sozial- und Kulturwissenschaften. Zusammenhänge und Analogien
Prof. Dr. Christoph Antweiler (Trier)
16.06.2007, 19 Uhr, Universität Trier, Hörsaal 2

Soziobiologie – eine kritische Betrachtung
17.06.2007, 10 Uhr, Universität Trier, A 9/10
Moderation: Dr. Jobst Paul (DISS)
Dipl. psych. Vanessa Lux (Berlin): Biologismen in Soziobiologie und Evolutionärer
Psychologie. Eine Funktionskritik
Dr. Hans-Walter Leonhard (Erlangen): Recht und Grenzen evolutionsbiologischer
Betrachtungen im Bereich des Humanen

Podiumsdiskussion – Die erschöpfte Theorie?

17.06.2007, 12:30 Uhr, Universität Trier, A 9/10
Moderation: Prof. Dr. Christoph Antweiler (Trier)

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Berichte und Veröffentlichungen

Wir dokumentieren hier Texte, die sich mit der Tagung und ihrem Thema auseinandersetzen:

  
Forum Wissenschaft 2/2007, veröffentlicht auf dem Internetportal studis-online,
Artikel von Nicole Thies und Christoph Lammers

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Telepolis.de
Interview mit dem Politikwissenschaftler Christoph Lammers

externer Link in neuem Fenster folgt »Evolutionstheorie contra Schöpfungsmythos«
Kongressberichte des Humanistischen Pressedienstesexterner Link in neuem Fenster folgt »¡Die erschöpfte Theorie? (1)«
externer Link in neuem Fenster folgt »¡Die erschöpfte Theorie? (2)«

sueddeutsche.de vom 29.06.2007, Kultur

externer Link in neuem Fenster folgt »Streit um Evolution und Schöpfungslehre
Gott beweist: Darwin ist tot«

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Produktion: RLS Brandenburg (externer Link in neuem Fenster folgt www.bbg-rls.de)