Applaus für Scheidemann

Neues Deutschland, Feuilleton, Seite 20, 09.02.2009:

Die Erben von Friedrich Ebert und Rosa Luxemburg würdigten die Verfassung von 1919

Von Irmtraud Gutschke

Freitag, 10.15 Uhr, vor dem Deutschen Nationaltheater, ein älterer Mann spricht mich an: »Da ist die Polizei aufgefahren, weil 1919 die Weimarer Republik gegründet wurde.« »Ach, die vier Autos sind sicher wegen des Bundesaußenmisters da«, entgegne ich. »Der Steinmeier, ich dachte, der ist bei Obama Kaffeetrinken? Aber vielleicht kommt der Althaus ja auch noch?« Bezeichnend eigentlich, dass sich für diesen »Tag der Demokratie« nur SPD und LINKE interessierten, dass CDU, FDP und Grüne mit dem 6. Februar 1919, als sich in Weimar die Nationalversammlung konstituierte, so gar nichts anzufangen wussten. Indes, drei Veranstaltungen mehr hätte das Nationaltheater am Freitag auch nicht verkraftet. Und eine parteienübergreifende Würdigung durch Kultur- und Rechtsauschuss des Bundestages, wie von Dr. Luc Jochimsen angestrebt, ist nicht zustande gekommen. Weil der Vorschlag von einer Abgeordneten der Linkspartei kam? Was soll's, man hätte gemeinsam demokratische Gesinnung bekräftigen können, aber sonst wäre es bloß ein Vorgang mit viel Protokoll gewesen. Was die Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Unterstützung der LINKEN – großartig, berauschend – in Szene setzte, hätten wir nicht erlebt. Wer an der Regierung ist, hat eben doch eine andere Perspektive. Wird sich als politischer Macher präsentieren und gar nicht erst zur Sprache bringen, was er nicht leisten kann. So hat Frank-Walter Steinmeier in der Festveranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung am Vormittag die Betonung darauf gelegt, wie Demokraten in einer Krise damals Verantwortung übernommen haben. Es sei eine gewaltige Leistung der Handelnden um Friedrich Ebert gewesen, 1918/19 innerhalb weniger Monate freie Wahlen zu organisieren, um die erste deutsche Demokratie ins Leben zu rufen. Lange habe man in der BRD die Weimarer Republik vor allem von ihrem Scheitern her betrachtet, so Steinmeier. Die Leistung der Weimarer Nationalversammlung sei ungenügend gewürdigt worden: Eine parlamentarisch-demokratische Republik wurde gegründet. Erstmals haben Frauen das aktive und passive Wahlrecht erhalten. Festgeschrieben wurden Gleichheit aller Deutschen vor dem Gesetz, Abschaffung der Standesunterschiede, allgemeine Schulpflicht, Meinungs- und Glaubensfreiheit, nicht zuletzt auch Arbeiterrechte. »Für das Scheitern der Weimarer Republik gab es keine geschichtliche Notwendigkeit, aber es gab zu viele, die die Freiheit in der Demokratie gegen die Demokratie benutzten.« Feinde der Demokratie von rechts und links – dass die Formel zu kurz greift, verdeutlichte der Historiker Prof. Dr. Hans Mommsen (er hielt am Abend auch einen großen Vortrag im Nationaltheater) am späten Nachmittag im Weimarer Stadtmuseum bei der Eröffnung der Ausstellung »Weimar 1919 – Chancen einer Republik«. Nicht zuletzt habe die Ausschaltung der demokratischen Arbeiterbewegung aus der parlamentarischen Mitwirkung zum Zusammenbruch dieser Republik geführt. Bürgerliche Interessengruppen hätten die Stärkung der NSDAP zugelassen, weil sie einen Gewerkschaftsstaat fürchteten. Dass die sozialdemokratische Regierung in Berlin im Januar 1919 die Aufstände niederschlug, gemeinsam mit den Republikfeinden von rechts, gestand Frank-Walter Steinmeier zu und beklagte fast in gleichem Atemzug, dass Kommunisten nie Frieden mit der Weimarer Republik gemacht hätten, dass Sozialdemokraten für sie die Hauptfeinde gewesen seien. »Kommunisten standen für Demokratie nie belastbar zur Verfügung.« – Die Namen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg fielen in Steinmeiers Rede nicht. Mit diesen beiden klugen Führern an der Spitze wäre die KPD in den zwanziger Jahren eine andere gewesen. Doch wie lange hätten sie Moskauer Einschätzungen und Interessen widerstehen können? Russische Revolutionäre hatten ja gehofft, dass Deutschland ihrem Beispiel folgen würde. Als daraus nichts wurde, gerieten auch sie selbst immer stärker in Bedrängnis. Mit einem starken Bürgertum hatten sie keine Erfahrung. Sie gingen von verelendeten Massen aus und wussten die Möglichkeiten einer bürgerlichen Demokratie nicht zu schätzen. Was sich auf die deutschen Kommunisten – und teilweise die spätere DDR-Geschichtsschreibung – übertrug: Die erste deutsche Republik als Ausgangsbasis für den Kampf um mehr Demokratie zu verstehen, erfordert ein Umdenken auch in Kreisen der heutigen LINKEN. »Kultur neu denken« – unter dieses Motto hatte Luc Jochimsen im vergangenen Jahr in Erfurt bereits eine Konferenz gestellt, die sich mit dem Verhältnis der LINKEN zur Religion beschäftigte. Jetzt hat sie mit Franz Sodann das Textbuch für eine szenische Lesung erarbeitet, bei der rund dreißig Mitwirkende – Abgeordnete der LINKEN zumeist, aber auch der Partei mehr oder weniger fern stehende Personen – die aufgeladene Atmosphäre von 1919 erlebbar machten. Das war kein Festakt, das war ein Kunstereignis, das einem die Augen glänzen machte, so viel Geist, so viel Witz waren darin. Wer dermaßen souverän mit Geschichte umzugehen vermag, hat auch für die Gegenwart einen freien Kopf, der braucht sich nicht zu verschanzen, nichts abzuwehren, seine Kraft auf irgendwelche Demagogie zu verschwenden, der braucht einfach nur zu sagen, was er wirklich meint, und kann sich auf dieser Ebene mit anderen treffen. Auch am 6. Februar 1919 sind ja nicht schlechthin politische Kräfte, sondern Menschen zusammengekommen, die ihre politischen Einschätzungen, Hoffnungen und Befürchtungen in Worte fassten. Zunächst eine kurze Filmsequenz über den Wahltag in Berlin: Aus Lastwagen werden Flugblätter geworfen, Polizei riegelt die Straße ab. Als das Licht angeht, sieht man Uwe Steimle auf einer Art Thron sitzen. Der Stuhl stamme aus der Inszenierung des Drachen, erklärt er in schönstem Sächsisch, um kurz danach eine Rede von Friedrich Ebert anzukündigen. Gelächter und Applaus, als Gregor Gysi ans Rednerpult tritt ... Dass heutige Politiker denen von damals ihre Stimme leihen, schafft einen interessanten Verfremdungseffekt. Unwillkürlich denkt man mit, wie sie selber wohl zu dem Gesagten stehen. Manche müssen vortragen, was ihnen kaum ins Konzept passen dürfte. Die Aufführung ist nicht geprobt worden, für alle ist es spannend. In so viele lebendige Gesichter kann man schauen und wird immer wieder überrascht. Michel Friedman tritt auf, als einziger CDU-Mann an diesem Tag, und liest aus der Rede von Hugo Preuß von der DDP, der als Vater der Weimarer Verfassung gilt. Peter Sodann zitiert Volker Braun, Erich Mühsam, Johannes R. Becher. Matthias Biskupek gibt der Empörung von Hugo Haase, Abgeordneter der USPD, Stimme. Und die Erfurter Pröpstin Elfriede Begrich spricht Worte Rosa Luxemburgs, die alles Sonstige transzendieren. Immer wieder von Beifall unterbrochen wird Roland Claus, der als Philipp Scheidemann, Präsident des Reichsministeriums, auf der Bühne steht. Was dieser SPD-Mann damals als sein Programm vorstellte, können Linke heute getrost unterschreiben. Jedem Kind sei ohne Rücksicht auf Vermögensverhältnisse Zugang zu den höchsten Ausbildungsstätten zu ermöglichen. Wirtschaftszweige, die einen privatmonopolistischen Charakter angenommen haben, seien der öffentlichen Kontrolle zu unterstellen, insbesondere Bergwerke und Erzeugung von Energie ... Glaubte er, dass er es würde erfüllen können? Das Deutsche Nationaltheater wie die Frankfurter Paulskirche ein Ort deutscher Geschichte, deren Widersprüchlichkeit sich in Weimar zusammenballt. Das Jahr 1919 mit seinen Wirrungen und Verheißungen eine Markierung für die Spaltung der linken Bewegung in Deutschland, die sich mit der mehrheitlichen Befürwortung des Ersten Weltkrieges durch die SPD schon angekündigt hatte. Wunden wurden geschlagen, die bis heute nicht heilten. Die Namen Rosa Luxemburg und Friedrich Ebert stehen dafür. Von ihren Besuchern her – das Theater war bis auf den letzten Platz besetzt – mochten die Veranstaltungen der beiden Stiftungen parteienübergreifend gewesen sein. Man konnte beobachten, was der andere macht, und im eignen Kreis ein wenig lästern. (War doch fad, was die SPD geboten hat. Wird ja mal Zeit, dass die LINKEN die Weimarer Republik anerkennen.) Was ich mir für den 6. Februar 2019 in Weimar wünschen würde: Nicht so sehr eine gemeinsame Feier aller Fraktionen, sondern eine von der Friedrich-Ebert- und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gemeinsam initiierte Debatte, bei der es gar nicht mal besonders feierlich zugehen muss. Bis dahin seien der Ausstellung im Weimarer Stadtmuseum viele Besucher gewünscht. Möge man sie auch andernorts zu sehen bekommen. Ich habe gemerkt, wie viel ich über diese Zeit nicht wusste und was für ein Gewinn es ist, darüber nachzudenken.

Weimar 1919 – Chancen einer Republik. Stadtmuseum Weimar. Bis 4. Oktober. Di-So 10-17 Uhr.

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